Thursday, August 09, 2007

AUSZEICHNUNGSFRAGEN: GIORGIO MADIA, CHRIS HARING, MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER & RAMIN GRAY

40. Preisträger des Volkstheater-Blicks (Karl-Skraup-Preis) auf sich selbst: Marcello de Nardo, Katharina Straßer und Ramin Gray. (Foto © Barbara Palffy)

PREISE SIND OFT POLITISCH UND TENDENZIÖS MOTIVIERT, WO JUROREN EIN VORBILD FÜR DIE ZUKUNFT ERZWINGEN WOLLEN, INDEM SIE NUR AUF FORMALE INNOVATION ACHTEN - NICHT IMMER VERSTEHEN AUSSENSTEHENDE, WO DIESE ZUKUNFT HINGEHEN SOLL. INS BEZIEHUNGSDESASTER IM FALLE VON CHRIS HARING ETWA. GIORGIO MADIA HAT DA SCHON OPTIMISTISCHERE IDEEN. UND IM VOLKSTHEATER GEHTS EHER PRAGMATISCH ZU.

KARL-SKRAUP-PREIS AN MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER UND RAMIN GRAY

Mit den Preisvergaben ist es so eine Sache. - Wenn niemand genau genug herschaut, "machen wir eben auf uns selbst aufmerksam". - Deshalb gibt es etwa den Karl-Skraup-Preis, den die dem Volkstheater nahe Bank für Arbeit und Wirtschaft jährlich ausschließlich an Ensemblemitglieder des Volkstheaters vergibt. Immerhin darf eine Journalisten-Jury entscheiden, wer genau innerhalb des Hauses die Medaille bekommen soll. Meist sind das jene Leute, die ohnehin schon das ganze Jahre über (seit zwanzig Jahren) wegen der Auflagenstärke ihrer Medien das Theatergeschehen dirigieren: Zum 40. Mal verliehen, gingen die drei Preise heuer, ohne große Überraschung also, nach Gutdünken von Wolfgang Huber-Lang (APA), Wolfgang Kralicek (Falter), Norbert Mayer (Die Presse), Roland Pohl (Der Standard), Thomas Gabler (Krone), Reinhold Reiterer (Kleine Zeitung), Peter Jarolin (Kurier), Susanne Zobl (News), Hedwig Kainberger (Salzburger Nachrichten) sowie Dr. Renate Wagner-Wesemann und Dr. Eva-Maria Klinger: an Marcello de Nardo als bester Schauspieler (u.a. als Conférencier in Cabaret), an den Briten Ramin Gray für seine reduzierte Regie und Schauspielerführung in Am Strand der weiten Welt, sowie an Katharina Straßer als beste Nachwuchsdarstellerin.

- Gegen die Entscheidung läßt sich nichts sagen. Obwohl der ausgezeichnete Regisseur eigentlich nur erwähnenswert ist, weil er etwas ganz anderes als die anderen im Haus versuchte (andere Regie-Arbeiten wären somit objektiv gesehen besser gewesen) und es bestimmt noch weiteren (interessanteren) Nachwuchs als Katharina Straßer gegeben hätte, die lediglich in der Saison 06/07 sehr viel zu tun bekommen hat.

GOLDENER BIENNALE-LÖWE AN CHRIS HARING FÜR THE ART OF SEDUCTION

Die Tanzszene ist damit verglichen interessant, weil die Wege in Österreich (Wien) lebender jüngst ausgezeichneter Choreografen bis nach West- und Zentralost-Europa reichen (müssen), damit es zu einer Preisverleihung kommt. Der bei der Biennale 2007 in Venedig unter der künstlerischen Intendanz von Ismael Ivo (der auch im Leadingboard von Impulstanz Wien sitzt!) für Posing Project B - The Art of Seduction als beste Performance mit dem Goldenen Löwen prämierte Burgenländer Chris Haring mit Company Liquid Loft, sowie der Mailänder Ex-Volksopernballettdirektor Giorgio Madia, der in Folge nach seinem Dornröschen 2006, nun auch 2007 für Cinderella den polnischen Kritiker-Theaterpreis, die Goldene Maske (ZŁOTE MASKI 2006/2007) für die beste Choreografie des Jahres bekommen hat. Beide bekamen die Preise, wegen der "Innovation" innerhalb der Tanzrichtung. Und beide sind tatsächlich formal innovativ, nur gehen sie ästhetisch und politisch (im Sinne von sozialer Beziehungsvision) in völlig andere Richtungen.

ABERMALS POLNISCHE GOLDENE MASKE FÜR GIORGIO MADIA: FÜR CINDERELLA

Der Außenstehende fragt sich also, warum ihm Harings Arbeit formal einleuchtet, instinktiv aber überhaupt nicht gefällt, während ihm Madias Werk formal imponiert und auch emotional zusagt. (Zur genauen Cinderella-Kritik click: CRITIC) Und er ertappt sich bei der Vermutung, dass die einschlägig westlich aufgewachsenen, unbescheidenen, übersättigten Juroren in Venedig möglicherweise nur noch vom Innovationsgedanken getrieben sind und dabei ganz vergessen, was ein Kunstwerk sonst noch alles auszudrücken hat. Nämlich im Sinne von alternativer Lebenssinnstiftung gegenüber dem Publikum.

HARING VERNEINT ALLES, OHNE ALTERNATIVEN ANZUBIETEN

Nach der - von Betsy Gregory - Künstlerische Leiterin von Dance Umbrella London´s International Festival of Contemporary Dance; Jin Xing Künstlerische/r Leiter/in des Jin Xing Dance Theatre und Gründer/in von International Dance Festival of Shanghai; Francesca Pedroni - Tanzkritikerin von Il Manifesto und TVstation Classica; Pier Giacomo Cirella - stellvertretender Leiter von Arteven; sowie Andrée Valentin - Künstlerische Koordinatorin von ImPulsTanz Wien - ausgezeichneten und vorgeführten Haring-Tanz-Installation im Wiener Semper Depot, denkt man sich nur deprimiert: "Warum sprechen hier alle Darsteller von Einsamkeit, nachdem sie menschlich-mediale Verführungsposen verzerrend verarschen und sind dennoch - jeder für sich - als Person so uninteressant und nichtssagend, dass man keinem von ihnen näher kommen will?" Jeder entspricht in Ausstrahlung und Können genau dem unbekannten Menschen auf der Straße, der einem täglich begegnet. Als hätte er den Satz auf seiner Stirn picken: "Ich bin einer von tausend und will auch nichts anderes sein." - Was man im Alltag noch als Bescheidenheit aus Tugendhaftigkeit sehen kann, ist auf der Bühne allerdings gar nichts wert.

Die Installation Harings auf wechselnden Stationen innerhalb der Ausstellungshalle ist nur durch das Arrangement momentweise erstaunlich, wie durch die stimmlichen Musikverzerrungen und beim Schlußbild des Schatten-Gruppensex als optische Täuschung durch das Licht, wobei sich in Wahrheit niemand berührt. Insgesamt ist es aber eine unpersönliche und schlecht gelaunte Angelegenheit. Vieles wurde schon woanders gesehen - was wohl auch beabsichtigt ist, denn es geht ja um die Kommentierung "verführerischer Posen"; die Bestehenden dieser Welt, die als Tänzerpersönlichkeit zu beherrschen die eigentliche Leistung wäre. Die bekannten Posen werden durch Übertreibung und Verzerrung vernichtet und verneint; ohne aber etwas anderes als Alternative anzubieten. Und das ist der entscheidende Punkt. Unter einem Kunststoffpelz ahmen anfangs vier Leute in Missionarsstellung die Sexbewegung nach, worin alles Verlangen ja immer endet. Dann posiert ein nackter Mann wie ein wortloses Dummchen nur mit "oh, buh, bah", abgeleitet von 60-Jahre-Hollywood-Diven, was dann noch die Frauen - badend und oben ohne - intensivieren. Und das Spannende daran: die Girls können sich noch so sehr oben-ohne räkeln, sie werden einfach nicht sexy. Mag nun Haring dazu sagen, "es geht um das Verbergen, um erotisch zu sein", so sagen wir: "Ein guter Tänzer/Künstler hat auch noch etwas an, wenn er nackt ist..."

Chris Haring und Liquid-Loft-Team bei der Preisübergabe in Venedig: mit dem Goldenen Löwen ...

... für The Art of Seduction - die Verführung wurde dabei völlig vernichtet und nichts stattdessen geboten. Ist das zukunftsweisend? (Foto © Liquid Loft/impulstanz)


MADIA HAT BEIDES: EINE NEUE FORM UND EIN NEUES GEFÜHL

Dagegen horten die polnischen Kritiker-Juroren, Renata Sass (Express Ilustrowany), Michał Lenarciński, Dariusz Pawłowski (Dziennik Łódzki), Leszek Karczewski, Monika Wasilewska (Gazeta Wyborcza), Piotr Grobliński (portal www.reymont.pl) noch ein optimistisches Lebensgefühl. Sie halten ein für diese Tage couragiertes Plädoyer in Cinderella für die große, persönliche Liebe von zwei Menschen für anerkennungswürdig. - Das sieht man im Alltag nur noch selten, wo jeder von seinem Partner zu viel will und zu wenig gibt. Giorgio Madia arbeitet nicht nur die Liebe (im Sinne von echter Verführung), wie sie tatsächlich funktionieren könnte, als inniges Gefühlsgeheimnis detailliert heraus; er packt sie - gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Cordelia Matthes, die ebenfalls die Goldene Maske für das Beste Bühnenbild des Jahres erhalten hat - auch in eine überraschende, neuartige Form: sowohl optisch, in der Handlungsdynamik als auch bewegungstechnisch. - Leider gibt es so etwas in Wien so gut wie nie, vor allem wird so etwas hier nie erschaffen. Und von wegen "Nackte, die etwas anhaben". - Giorgio Madias Tänzer waren in Nudo zu seiner Volksopernzeit oben ohne so verführerisch schön, dass sie tatsächlich noch etwas "anhatten": sie trugen Kunst.

Giorgio Madia kann noch träumen: seine Cinderella ist formal erstaunlich und zum Lachen (Foto © Elfi Oberhuber) ...

... und obendrein gibt es darin noch zwei Menschen, die wissen, was Liebe (echte Verführung und Anziehung) ist. - Dafür erhielt Madia seine zweite Goldene Maske innerhalb von zwei Jahren (nach Dornröschen). (Foto © Ch. Zielinski)


Nächste Performance-Installation von Chris Haring & liquid loft (A) * PERFORMANCE Posing Project * Von: liquid loft / Chris Haring (AT) * Ort: MuseumsQuartier Halle E * Zeit: 10.8.2008: 19h

Nächste Giorgio-Madia-Aufführungen in der Saison 07/08:
In Berlin: ALICE´S WONDERLAND * Regie/Choreografie: Giorgio Madia * Bühne: Cordelia Matthes * Musik: Nino Rota * Mit: Staatsballett Berlin (Intendanz: Vladimir Malakhov) * Ort: Komische Oper Berlin * Zeit: ab 9.9.2007
In Lodz/Polen: Hoffmanns Erzählungen * Von: Jacques Offenbach * Regie: Giorgio Madia * Ausstattung: Bruno Schwengl * Ort: Grosses Theater Lodz * Zeit: Premiere 15.+16.12.2007
In Wien: La Guirlande / Zéphyre - Ballets en un acte von Jean-Philippe Rameau, Text von Jean-François Marmontel in französischer Sprache * Regie & Choreographie: Giorgio Madia * Musikalische Leitung: Bernhard Klebel * Ausstattung: Cordelia Matthes * Ort: Kammeroper Wien * Zeit: Do, 25. (Premiere), 27., 30.9 + 2., 4., 7., 9., 11., 14., 16., 18., 21., 23., 25.10.2008: 19h30
In Wien: Opernball - Balleinlage zum Thema Fußball * Ort: WIener Staatsoper bzw. im ORF-Fernsehprogramm * 31.1.2008
In Mörbisch/Burgenland: Im Weißen Rössl * Von: Ralph Benatzky * Choreografie: Giorgio Madia * Mit: Zabine Kapfinger und Reinhard Fendrich * Ort: Seebühne Mörbisch * Zeit: 10.7.-24.8.2008: 20h30


Videolink zu Giorgio Madias
Dornröschen in Lodz bzw. jetzt neu zu Nudo auf YouTube

Wednesday, July 11, 2007

AUFFÄLLIGE TRENDS NACH BALKAN-, POLEN- & KLEZMER-FESTIVAL: ROCK & EGO-STIL

Polens Contemporary Noise Quintet in Wien: es steht für die vielen Jungen, die vom Rock in den Jazz dringen und ihn auffrischen. Bandleader Kuba Kapsa (3.v.li.) macht den Stil obendrein eigen. (Foto © Elfi Oberhuber)


WAS HABEN DANIEL KAHN UND BILLY COBHAM GEMEINSAM? - DIE EINZIGARTIGKEIT.
WAS TEILEN DIE 17 HIPPIES und PINK FREUD? - DIE ROCK-VERBINDUNG ZUR JUGENDUNTERHALTUNG: TECHNO & POP.
WAS IST DAS ABSOLUT NEUE IM JAZZ, EGAL OB KLEZMER, POLNISCH ODER BALKAN? - DER ROCK: DENN IMMER MEHR EHEMALIGE JUNGE ROCKER FINDEN ZUM JAZZ!


Nach den in Wien durchlaufenen Festivals der Balkanmusik Balkanfever von 20.4.-12.5., der polnischen Kunst und Kultur umpolen von 19.4.-28.5., sowie der Klezmermusik 4th KlezMore vom 25.6.-8.7.2007, will der eifrige Besucher und Worldmusik-Fan für die nächste Weile eigentlich nichts mehr von diesen Musikrichtungen wissen, da er schlichtweg übersättigt ist. Der Grund: die Einschlägigkeit der Stilrichtung sowie das massive akustische Überfluten binnen kurzer Zeit stumpft ab, selbst wenn die Programme und meisten Musiker innerhalb ihrer Richtung genreübergreifend extrem vielfältig sind, diese absoluten Spitzenmusiker mitunter bis zu sechs Instrumente spielen. Mehr kann ein Musiker nicht leisten.

Die Lust nach dieser Musik kommt aber ganz schnell zurück, hört man die Gruppen einzeln quer durch alle drei Festivals und Genres hindurch. (Wie Sie das können, erfahren Sie unter diesem Bericht.) Und verblüffender Weise kommt man dabei wieder auf einen gemeinsamen Nenner, der für einen starken Eindruck verantwortlich ist: den neuerdings massiv eingesetzten Rock - der sowohl im Klezmer-, Balkan- als auch Polenjazz in Abgrenzung zu Pop und Elektronik etwas eigenständig Pures ergibt. Selbst wenn jene Musiker und Gruppen, die sich fern ab von alledem ihren einzigartigen Stil erarbeitet haben, insgesamt noch einmal die größeren Virtuosen sind. Doch weder Eigenständigkeit, noch Rock müssen zwangsläufig größte Könnerschaft bedingen - auch wenn sie es oft tun.

DIE (PIANISTEN-)KÖNNER MIT EIGENEM BALKAN-KLANG

Mit ihrer Eigenheit für ganz "bestimmte Stimmungen" gut, sind im Bereich Balkanmusik: der klassisch-internationale Jazzer aus Bulgarien Milcho Leviev - er kann es mit den West-Jazzern Don Ellis, Billy Cobham, Manhattan Transfer und Al Jarreau aufnehmen, bei denen er Piano spielte und komponierte, wobei er auch "gepflegten Bulgarien-Jazz" im akademischen Repertoire hält. Er ist somit, wie alle heurigen Balkanmusiker mit eigenem Klang, tatsächlich auch ein technischer "Könner".
Genau wie Sängerin Maja Osojnik, die mit unglaublich vielen Farben und Stilen das kulturelle Mischmasch Sloweniens repräsentiert und dabei noch französischen Chanson und Volkslieder einflechtet. Stets weiss sie mit einem Song eine Geschichte zu erzählen, wie etwa, dass der "Tod krumme Wimpern" habe, um den die Erben schleichen, "doch wenn die Güter erst mal verbraucht sind, kommt vielleicht doch die Erinnerung an den Toten zurück". Osojnik ist im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar spannend, wobei der außergewöhnlich gute Klavierspieler Philipp Jagschitz ihre Band noch einmal aufwertet.
Den dritten atemberaubenden Balkan-Pianisten bzw. Keyboard-Spieler stellt der noch nicht einmal zwanzig-jährige Roma aus Wien, Adrian Gaspar, dar. Er ist Leader der im Klang türkisch gefärbten Truppe Laco Tayfa Connection Vienna und beherrscht von echter Klassik, Jazz bis Oriental jede Stilrichtung perfekt.

19 Jahre und spielt Piano wie ein Genie und mit viel eigenem Profil: Der Wiener Roma Adrian Gaspar

DIE THEATRAL-SCHMERZLICHEN KLEZMER-KÖNNER

Von sehr schönem, wehmütig-schmerzlichem Klang an Streichern und Zupfern einer Fünf-Frauen-Band aus Tsimbl (jüdisches Hackbrett), zwei Violinen, Cello und Kontrabaß ist die niederländische Gruppe Di Fidl-Kapelye. Sie deckt nicht das beschwingte, glückliche Lebensgefühl jiddischer Fidel-Musik ab, sondern die betont melancholische Seite authentisch-osteuropäisch-jüdischer Musik. Im heurigen Klezmerfestival ragt sie mit diesem bis zur Kammermusik starken Klang sehr eigenständig hervor, selbst wenn er archetypisch bekannt ist.
Zum Verfremdungsklezmer in musikalischem Sinne erster Güte neigt dagegen das argentinische Lerner Y Moguilevsky Duo, bei dem der Klezmer nur noch als Hauch vorkommt, in einer Musik, die eher der zeitgenössischen Klassik zuzuordnen ist.
Und den Verfremdungsklezmer in Brechtschem Schauspiel-Sinne liefert Daniel Kahn mit seiner US-Berliner-Band The Painted Bird, worin er Kurt-Weill-Lieder neu interpretiert und jiddisch intensiviert. - Mehr über diese absolut besten zwei Konzerte steht in intimacy: art / CRITIC ...

Ein unverwechselbarer, theatraler Klezmer-Musiker und -Schauspieler: Detroiter Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird. (Foto © Pierre Kamin)

VOM ETHNOPOP-UND-ELEKTRONIK-JAZZ ZUM ROCK-UND-PUNK-JAZZ

Geht man davon aus, dass Techno für die Jugend seit den 90-ern in Sachen Freizeit und Unterhaltung darstellt, was R´n´B und Pop in den 80-ern waren, dann sind dem als Balkan-gefärbtes Techno das rumänische Shukar Collective zuzuordnen - Urban Gypsy heißt nicht nur seine CD, sondern ist auch sein Roma-Breakbeat-Sample-Drum-&-Base-Sound -, und als Balkan-gefärbten Pop: Star Goran Bregovic & His Wedding And Funeral Orchestra. Diese Unterhaltungsbands haben nur kurzfristig ihren Reiz, die Neugierde an ihrer doch recht einfachen Mainstream-Musik ist trotz unverkennbarem Profil nach drei-viermaligem Anhören gestillt.

Pop-Star Balkans: Goran Bregovic - dreimal gehört, lässt er kaum mehr Platz für Neugierde

17 HIPPIES AUS DEUTSCHLAND - ALS ÜBERGANG VOM POP(-KLEZMER) ZUM ROCK-JAZZ
Außergewöhnlicher und vielfältiger ist da schon der Ethno-Pop mit französischem Chanson, britischem Schlager und Berliner Schnorre der deutschen 17 Hippies, deren Rhythmik neben Klezmer auch mal Cha-Cha-Cha beinhalten kann, und die mit 13 Musikern schon ein kleines Pop-Orchester ergeben. Mit Berlin-typisch anarchischem Flair, das sich aus dem unbefangenen Gebrauch mit osteuropäischer, amerikanischer und französischer Traditionsmusik ergibt, fangen sie die unbeschwerte Stimmung der Jugend ein, die frei, neugierig und offen für alles ist. Und das, obwohl es die Band schon 12 Jahre gibt. Fünf Sänger/innen, die alle mehrere Instrumente spielen, wechseln sich im Lead-Gesang ab, was zusätzliche Abwechslung bringt. (Ausführliche Kritik auf: intimacy: art/CRITIC)

Pop-Rock-Klezmer aus Berlin: Die 17 Hippies mit Bandleader Christopher Blenkinsop und Lüül im rockigen Barden-Battle

PINK FREUD AUS POLEN - ALS ÜBERGANG VOM TECHNO ZUM ROCK-JAZZ
Die seit 1998 existierende, polnische Gruppe Pink Freud aus Danzig delektiert sich weniger an Pop als an Elektromusik in Drum&Bass und Jungle, mit starkem Punk-Charakter, und sie findet auch rockend zum Jazz - speziell mittels Vibraphone, Trompete, Schlagzeug und Bassgitarre. Auffällig für die junge Jazz-Generation, die von Rock und Techno kommt, ist der "Kollaps" in den einzelnen Nummern, der geplante Zusammenbruch der Musik. Pink Freud pflegt das atmosphärisch zwischen Samples und Loop durchgehend, als permanente Mystik, die über dem Sound liegt. Innerhalb dessen gibt es ins Ganze verpackte, theatral-lyrische Passagen, wo die einzelnen Musiker zeigen, was in ihrem Innersten steckt. Eine Art "Trance-Jazz-Dance". - Außergewöhnlich sind die obligatorischen Konzert-Soli eines jeden Musikers, die nicht wie sonst als mühsame Endlosexperimente irgendwie eingeschoben werden, sondern organisch in die Lied-Nummern eingebettet sind. Denn die einzelnen, sich von einander sehr unterscheidenden Nummern erzählen Geschichten aus Tönen, die zu multidimensionalen Klanglandschaften von Reaggea bis Rock mit Echo auswachsen. Man könnte auch Alternative-Elektrojazz dazu sagen, der sich manchmal nach "Albtraum" anhört. Eine ziemlich psychodelische Jugendphantasie also, aber mit Stil.

Elektro-Rock-Jazz aus Polen: Pink Freud ist eine der expermentierfreudigen Jungen und im Vergleich am ausgereiftesten

POLEN-JAZZ-ROCKER CONTEMPORARY NOISE QUINTET

Techno ist im Polen-Jazz in der Musikerjugend generell weit verbreitet, und Pink Freud ist darin die interessanteste und ausgereifteste Band. Die eigenständigste, mit tatsächlich individuellem Klang ist allerdings Contemporary Noise Quintet. Auch wenn die Kompositionen mit epochalen Harmonien, Wiederholungen, rhythmischem Groove eigentlich ganz einfach sind, vielleicht sogar technisch schwächer als Pink Freud. Dennoch, es ist außergewöhnlich, wie diese Musik einfährt. Dass der energetische Klang eigentlich vom Klavier kommt, das hier ausnahmsweise meistens wie Rock - als rhythmischer Tonangeber - gespielt wird, ist die kleine Sensation dabei. Das kommt daher, weil Co-Gründer (neben Bruder und Schlagzeuger Bartek Kapsa), Bandleader und Piano- bzw. Melodica-Spieler Kuba Kapsa, der außerdem Komponist der Songs ist, ursprünglich Bass-Gitarrist und Sänger der Heavy-Metal-Rockgruppe Something Like Elvis war.

Die Band Contemporary Noise Quintet klassifiziert sich selbst zwischen Jazz, Thrash und Punk, nennt seine Einflüsse aber Steve Reich, Ennio Morricone, Polnischen Jazz, Ingmar Bergman sowie Frank Zappa - was diese Musik viel besser charakterisiert. Einerseits spielt sich mit jedem umgemein spannenden und schönen Anfang eines jeden Liedes eine archetypisch-generationenübergreifende, epochale Atmosphäre eines Mafiafilmes ab, was sich dann aber hinsichtlich "komischem" Titel (Goodbye Monster, Army of the Sun, Even Cats Dream About Flying) in weitere geistige Filmszenen zwischen Science Fiction, Liebes- und Psychodrama verläuft. Meist sorgt das Klavier für den ersten Eindruck, die Bläser (Trompete, Posaune, Saxophon, neben dem Double-Bassisten von Musikern gespielt, die sonst eher klassischen Jazz spielen) für die elegische Archaik - indem sie langgezogene Töne über Tonleitern hinweg geradezu durch den Rhythmus "plärren". "Eleganz mit Punk-Energie" beschreibt den Sound sehr treffend, wobei jede Nummer erstklassig produziert und gemischt ist. - Weshalb das Debutalbum 2006 Pig Inside The Gentleman auch zur meistgespelten Nummer 1 im polnischen Jazz-Radio wurde. Dazwischen erstaunen, eingebaute Klavier-, Bass- und Elektrogitarren-Solos (hervorragend: Kamil Pater!) ob ihrer ungemeinen Rock-Klasse oder jazzig-vituosen Erzählkraft, wo es dann schon auch mal "schwieriger" werden kann. Ein wenig infantil wirkt nur der Kollaps, den diese Gruppe nun wirklich als Höhepunkt beinahe in jedem Titel auslebt, und wo nach völligem Stillstand die Melodie gereinigt wieder einsetzt. - Dennoch eine spannende Neuheit mit großem Zukunftspotential!

Rock-Jazz mit einem archaisch-epochalen Filmklang, den man noch nirgends gehört hat: Contempory Noise Quintet aus Polen

BALKAN-JAZZ-ROCKER BACE QUARTET & ARABEL KARAJAN & RAMBO AMADEUS

Der Rocker des Balkans in Reinkultur stellt der Belgrader Rambo Amadeus dar: mit seiner Elektrogitarre verarscht er zwischen Rock, Punk, Funk, Elektronik, Rap und Ethno weniger die Musik - denn die beherrscht er meisterhaft -, als die Gesellschaft. Zwischen Mother-Fucker und Polemiker gegen Primitivlinge und Balkanmachos, die er zugleich verkörpert und ironisiert, ist er der geborene Showman der Anarchie. Sein Sprechgesang bei verzerrten Samples ist ein Statement. Er frotzelt das Publikum, indem er Nummern anspielt und plötzlich damit aufhört. Der Mann ist absolut nicht gesellschaftsfähig und deshalb "in".

Die meisten Balkan-Jazz-Rock-Musiker sind ansonsten wegen ihrer Spielweise rockig. Auffallend ist, dass sie meist aus Bulgarien kommen oder in (mehreren) bulgarischen Bands spielen: Da wäre zunächst (Elektro)gitarrist Ateshkhan Yusseinov, der sensationell schnell und doch mit tiefer Seele rockt. Er bepfefferte heuer Ivo Papasov & Zig Zag Trio, sowie Atesh Khan Tayfa & Darinka Tsekova.
Dann ist da der bulgarische Elektro-Bassist Vesselin Vesselinov Eko, der Milcho Leviev begleitete, der an sich festes Mitglied von Arabel Karajans The Please Shut Up Band ist - wobei die percussionierende und singende Tochter des weltberühmten Herbert von Karajan nun auch mit ihrer Jazzband absolut dem Rock zuzuordnen ist, und zwar als profilstarke, ungezogen-unberechenbare Sache für sich. Die Bandleaderin pendelt zwischen Nina Hagen, Prince, Hubert von Goisern und Ozzy Osbourne - letzteren beiden widmet sie im Konzert Tributes. Sie singt flüsternd-funky von Wiener Würschterln (mit Jodler) im Dialekt, dem obligatorischen "Mother-Fucker-Witch" und davon, dass Rock´n´Roll eben nicht - wie allseits behauptet - out sei. Und wenn sie etwas von ihrem Vater als Orchesterdirigent übernommen hat, dann ist das der Luxus, für wenig und nur subtil vorkommende Geräusch- und Sounddetails Bandmitglieder zu engagieren. Das ergibt einerseits das Salz in der Suppe, andererseits den Luxus in der Verpackung. - Wesentlich sind die expressiven, ebenso rockigen Bandmitglieder: Bassist Georges Donchev und Trompeter Rosen Zachariev. Und eben Vesselinov-Eko, der der Karajan mit seinem sprechenden Körper beinahe die Show stiehlt - abgesehen davon, dass er gut spielt. Der Sound ist insgesamt durch viel Syntheziser aufgemotzt, und das aber keinesfalls "billig".

E-Bassist Vesselin Vesselinov-Eko ist der Prototyp eines Rockgitarristen: Beim Ethno-Rock-Jazz von Arabel Karajan ...

... heizen sie sich gegenseitig an: etwas zwischen Nina Hagen, Hubert von Goisern und Bulgarien-Rock-Jazz.

Die anspruchsvoll-geschmackvollste und ausgewogenste Band in Sachen Balkan-Rock-Jazz war heuer jedoch sicher Bace Quartet, dessen Bandmitglieder aus Mazedonien, Libanon, Serbien und Bulgarien den gepflegten Stil aus Paris - wo die beiden Percussionisten Aleksandar Petrov und Bachar Khalife leben - eingeflochten haben. Die Percussion erstreckt sich über balkanische Trommeln wie Tappan, Vibraphon, Darbuka, Req und Cajon. Die eigentlichen Rocker der Band sind "Hirtenflötist" Theodosii Spassov mit seiner Kaval, sowie Vasil Hadzimanov an Klavier und Keyboards, womit er unter anderem Gitarrensound simuliert. Hier pflegt man das Anschwellen und Schneller-Werden der Rhythmen, sodass es zu einer psychodelischen Science-Fiction-Erzählung ausufern kann. Einschübe folkloristischer Lieder lockern den Durchlauf zwischendurch auf. Highlight des Konzerts (bzw. der starken CD) ist die Nummer Guerre propre, worin die Flöte eine Psychoreise durchmacht, um im Punk-Jazz und Zusammenbruch seinen Exzess zu erleben und sich im Refrain erleichternd wieder zu erholen. - Absolut feinster Ost-West-Jazz-Rock!

Das Bace Quartet macht feinsten West-Ost-Rock-Jazz, mit erkennbarer Paris-Note: dank der Köpfe der Band: die Percussionisten Aleksandar Petrov und Bachar Khalife ...

... und Kaval-Spieler Theodosii Spassov und am Keyboard: Vasil Hadzimanov.

KLEZMER-JAZZ-ROCKER ALEX KONTOROVICH

Es wäre ein Wunder (oder auch ein Jammer), würden die Klezmer-Musiker, den Rock nicht immer hinter die Folklore stellen. So verleiht bei den Bands Nayekhovichi aus Rußland und Nifty´s aus Österreich die Elektrogitarre - ob verfremdet oder verstärkt - der Musik nur punktuelle Noten auf lyrische, erzählerische oder hard-rockige Weise. Mit einer extrem spannenden Ausnahme:
Der in Russland geborene in New York lebende Klarinettist und Saxophonist Alex Kontorovich pflegt in seinem Quartett Deep Minor viele Genre und Farben (insbesondere durch das wandelbare E-Gitarren-Banjo-Balaleika-Mandolinen-Spiel von Brandon Seabrock) in Form von Überschneidungen zwischen Folkore, Jazz und Klezmer. Doch rockt er erst mal, dann ordentlich: ob Kontorovich selbst - bei typisch teppichhaften Jazz-Drums - harte, zügellose Einsätze schmeißt, oder ob die besagte E-Gitarre das Geschehen antreibt. Wenn das Jiddische denn verrockt ist, dann elektrisiert das wie schärfster Hard-Rock. - Dauerzusammenbruch vielleicht, auf jeden Fall aber: spannend.














Saxophonist Alex Kontorovich war der absolut stärkste Rock-Klezmer-Musiker des heurigen Klezmore-Festivals.



Zum Nachhören des Klezmer-Festivals click: http://emap.fm/klezmore.html

Zum Nachhören des Balkan-Festivals click: http://emap.fm/balkanfever.html

KUBA KAPSA von der polnischen Jazz-Rock-Gruppe Contemporary Noise Quintet im Gespräch mit ELFI OBERHUBER: auf intimacy: art / talks /politics


KONZERT Daniel Kahn & The Painted Bird * Special Guest: Geoff Berner / Emigrantski Raggamuffin Kollektiv: Rotfront / DJ Yuriy Gurzhy * Im Rahmen des Akkordeonfestivals * Ort: WUK Saal * Zeit: 1.3.2008: 20h (Einlaß 19h)
KONZERT LERNER Y MOGUILEVSKY DUO * Im Rahmen des Akkordeonfestivals * Ort: Szene Wien * Zeit: 4.3.2008: 20h

MUSIK Orfeo di Bregovic * Goran Bregovic und seine Wedding And Funeral Band * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 25.1.2008: 19h30
MUSIK Ljubinka Jokic & Yok! - Die Jugo-Soul Stimme Vom Gaußplatz * Roma-Chansons und E-Gitarre, Geige, Programmieren und Rockstimme * Ort: Sargfabrik * Zeit: 31.1.2008: 20h

Thursday, July 05, 2007

JÖRG KALT UND "HIAS" BRINGEN SICH UM, WÄHREND FRANCOIS OZON UND EMANUELE CRIALESE ZUR ROMANTIK FINDEN

Nicht-Selbstmordkandidat François Ozon ist, notwendigerweise für diese Zeit, ein hoffnungsvoller Romantiker: im Film Angel, der dennoch nicht seicht ist.


DREI STEINBOCK-GEBORENE UND EIN SKORPION-GEBORENER BEGINGEN SELBSTMORD. ALS INTUITIVE WESEN FÜHLEN DIE SKORPIONE DIE KRANKHEIT UNSERER ZEIT, ALS LOGISCHE REALISTEN GEBEN SICH DIE STEINBÖCKE IHR HIN, DOCH SIND SIE KÜNSTLERISCH UND PERSÖNLICH NICHTS ALS FOLGE DES MODISCHEN ZEITGEISTS. DABEI IST DIE DEPRESSION IN DER KUNST LÄNGST OUT. FRANKREICH, ITALIEN UND GROSSBRITANNIEN ZELEBRIEREN ROMANTIK, WIE IN DEN FILMEN GOLDEN DOOR UND ANGEL - IN WIEN HERRSCHT NOCH INZEST-DEPRESSION. LEIDER.

Das ist nicht die Zeit des Steinbocks. Oder: Es ist die Zeit des Todestriebes im theater- und filmschaffenden Steinbock. Nach Marie Zimmermann und Georg Staudacher, ist mit Jörg Kalt (11.1.1967- 1.7.2007) binnen kürzester Zeit der dritte Steinbock frühzeitig und trotz Daueraufträge (Kalt arbeitete gerade an den zwei Projekten: Tiere, Zum Essen) aus dem Leben gegangen. Nun ist die ganze Kunstgeschichte voller Selbstmorde, und zwar nicht nur thematisch innerhalb der Kunst, sondern auch biografisch seitens Künstler.

Als Kunstthema macht es Sinn, da es die ausweichlose Konsequenz eines falschen, aufgezwungenen Systems aufzeigt, das der Betrachter in seinem echten Leben bereinigen soll, damit dieser Tod "eben nicht" sein muss. Und blickt man auf Künstlerbiografien von Selbstmördern, ist deren Tod ebenfalls meist Antwort auf das System, in dem sie sich bewegen: auf das des Kriegs oder soziale bzw. künstlerische Ablehnung seitens Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist auch der hoch musikalische Akkordeonvirtuose Matthias Mayer, bekannt als "Hias" zu sehen (3.11.1950-7.7.2007 = Skorpion), der sich in seiner steirischen Wohnung vor einem Hias-Nostalgie-Auftritt auf einer Landbühne umbrachte. Nach über zehn Jahren als Komiker-Star des Musikantenstadl tingelte er die letzten Jahre nur mehr selten und wenig beachtet umher, wobei er eigentlich der klassischen Volksmusik zugeneigt war, dafür aber keine Auftritt-Gelegenheit fand. - Zudem hatte ihn 2005 privat seine Frau (sie haben vier erwachsene Töchter) nach 27 Jahren wegen eines anderen Mannes verlassen.

Generell stellt sich jedoch die Frage, ob unser System tatsächlich so krank ist, dass sich die Steinböcke, die äußerlich meist unauffällig auftreten, das Leben nehmen mußten?

DER SKORPION SPIELT MIT DEM TODESGEDANKEN, DER STEINBOCK LEBT IHN

Der Skorpion ist an-sich das "Todeszeichen", da er im Todesmonat November geboren ist, wo die Natur stirbt, aber schon Knospen für neues Werden bereit stellt. Der Steinbock im Dezember/Jänner hat die längsten Nächte des Jahres zu überstehen und kämpft in der winterlichen Finsternis um Licht, während in der Natur bei klirrender Kälte völlige Lebensstarre herrscht. Beide Wesen zeichnen sich daher durch extreme Beharrlichkeit aus, was sich auch gegenüber Werten und als Treue bemerkbar macht (in der Liebe zum Beispiel, wenn sie sich einmal für einen Partner entschieden haben).

Auch hoher Anspruch und Tiefgründigkeit sind Eigenschaften, die sie teilen, wobei der Skorpion sich stundenlang detektivisch mit Hintergründen zu beschäftigen liebt, um die gefundene Wahrheit dann heraus zu posaunen, egal ob sie von außen goutiert wird, der Steinbock dagegen gerne tiefgründig diskutiert, dabei zunächst aber eher den Widerpart bestätigt und seine echte Meinung erst kundtut, wenn er sich sicher fühlt. Denn der Skorpion ist prinzipiell selbstsicher, der Steinbock unsicher.

Der Skorpion ist gegenüber "nur" äußeren Strömungen nicht so anfällig, da er sich hauptsächlich innerlich und im Kopf auf Vergehen und Werden einstellt, indem er sich reflektierend immer wieder wandelt. Der Steínbock folgt als realistisches Zeichen, das geachtet und geliebt werden möchte, den Moden und Stimmungen, befindet sie als echt, gepaart mit hochmütiger Teilnahmslosigkeit, wohinter sich romantische Sehnsucht verbirgt. Ist beim gefühlvollen und nachdenklichen Wasserzeichen Skorpion der Tod (wie auch die Sexualität) also so lange ein mit Leidenschaft gepflegtes Spiel der Fantasie (als Kunst), solange er nicht tatsächlich in seinen Werten zutiefst enttäuscht wird, so gibt sich das materielle Erdzeichen Steinbock der scheinbar nackten Wahrheit starrköpfig - oder positiv formuliert - mit Leib und Seele völlig hin. - In Künstlern wie dem Steinbock-geborenen Tänzer Ismael Ivo, setzt diese Fähigkeit eine entsprechend kreative Kraft frei. Wahrscheinlich auch, weil er sie von kultureller Herkunft her, besser zu platzieren weiss.

Er ist ein Maler (Ire Michael Fassbender), der für seine Zeit zu düster malt, sie eine Schriftstellerin (Britin Romola Garai), die für prompten Erfolg kitschig-moralisch schreibt.

DER TOD LAUERT AUCH IN DER GESELLSCHAFT

Dabei lassen sich die Todesströmungen in der Gesellschaft derzeit kaum als sinnvoll erklären: jetzt, da sich Menschen (Ärzte im alltäglichen Umgang mit dem Tod) als Terroristen Allah opfern - sie opfern sich ohne greifbaren Grund. Und sich in Österreich (Europa) Künstler ohne echte Existenzgefährdung umbringen. Beinahe ist es ein Hohn gegenüber der vielen (KZ-)Opfer, die in Kriegszeiten umkamen, um die wir heute trauern. Heute wird Leben einfach weggeworfen, das für jene damals doch so wertvoll war. - Wie krank ist diese Gesellschaft also? Wieso handelt die junge Literatur als Seelenabbild der Jugend andauernd vom Freitod?

Warum wird auf den Kunstschulen zur "Spitze von Kunst" Lebenspessimismus erkoren und als Ideal vermittelt, sodass er dann zum Inhalt der jungen Kunstschaffenden wird? Doch nicht weil er aus ihrer innersten Sehnsucht heraus entsteht, sondern weil er zum Prinzip guter Kunst erklärt wird, was sich dann gezwungenermaßen auch auf das Lebensgefühl des Schaffenden auswirkt (dem es eigentlich ja gut geht). - Angeblich soll Jörg Kalt der dritte Wiener Filmakademiker in den letzten vier Jahren sein, der sich das Leben genommen hat.

Psychologisch läßt sich das nur dadurch erklären, dass ein "existenzielles Werk aus Prinzip" nicht mehr das persönliche Befreiungsgefühl nach der Schaffung zur Folge hat, sondern jenes des Pessimismus als unverrückbaren Ist-Zustand. Pessimismus aus Selbstzweck - wobei Jörg Kalts Filme (Richtung Zukunft durch die Nacht, Crash Test Dummies) aber noch humorvoller und raffinierter als viele andere waren, die von Wiener Filmemachern in Umlauf sind. Sodass sich die Bemerkung nicht verkneifen lässt: Bei einem Michael Haneke wirken diese Endzeitstimmungen echt und authentisch, während sie bei den Schülern als übernommene "Mode" im Zeitgefühl einer "In-zest-Community" daher kommen.

Die durch Kitsch erfolgreiche Künstlerin möchte den Kitsch auch im Leben leben - bis zu einem gewissen Grad schafft sie das..., solange ihr Mann mitspielt.

JÖRG KALT IST EINER DER SELBSTMÖRDER DER FILMAKADEMIE

Hinzu kommt die an-sich allseits gelebte Desillusion in Partnerschaften. Ausgerechnet Filmmacherin Barbara Albert, die mit Jörg Kalt vor längerer Zeit liiert war, meinte in einem Interview vor ihrem prämierten (!) Film Böse Zellen, der das Gefühl beängstigend-emotionaler Kälte verströmt: "Wir leben in einer Zeit, wo man versucht, "alles" im Wunschpartner zu finden. Ich selbst bin aber ziemlich realistisch und glaube nicht an die eine, große, romantische Liebe. Weil ich nicht mit dem Glauben daran aufgewachsen bin, meine Eltern das nicht lebten. So werden unterschiedliche Beziehungsformen als normal und auch gut so empfunden. Ich liebe viele oder keinen Menschen. Die Sexualität ist in Böse Zellen nur ein Ventil für einen Druck, der in dir ist, ein Versuch, sich an etwas zu klammern..."

Erschreckend ist bei solch herz- und glamourlosen Filmen, dass sie - selbst wenn sie die angebliche Realität beschreiben - genau diese Realität weiter bewerben, nicht etwa verneinen. Denn es scheint, als hätten die Zuschauer verlernt, sich eine gegenteilige Alternative ausdenken zu können. Sie können sich gar nicht mehr daran erinnern, was den Wert eines Lebens, einer Liebe ausmacht, wie dieser zu bewerkstelligen ist. - Es wäre somit an der Zeit, dass Künstler Werke als Vorschläge entwerfen, die keinen "realistischen Spiegel" darstellen, sondern Utopien der Hoffnung.

Der u.a. bei Paris geborene, in München und Zürich aufgewachsene, "heimatlose" Jörg Kalt, begklagte in seinen Filmen jedoch - trotz technisch-analytischem Zauber - nur den Stillstand der Wiener, der umso deutlicher durch enttäuschte Zuwanderer wird, sowie die Beziehungsunfähigkeit eines Pärchens, obwohl es eine zweite Liebeschance bekommt.

Ein Film über die Träume vom besseren Leben, wo es Riesengemüse gibt: in Amerika, die Golden Door des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese.

FRANCOIS OZON ERWECKT IN ANGEL SCARLETT O´HARA

Junge, internationale Filmemacher denken schon um. Zwei Regisseure bringen demnächst atmosphärisch viel Poesie und damit Hoffnung, Schönheit und erkennbare Romantik nach Wien, wobei sie dennoch zeitgenössisch-relevant sind: Der 40-jährige François Ozon (ein Skorpion), der - im Stil zwischen Fassbinder und Almodovar - immer schon spielerisch-witzig und gefühlvoll von Tod, Sex und Frauen erzählt, wobei er Klischees der Homosexualität durch den Cacao ziehend zu verblüffend weisen Aussagen führt, oder die Homosexualität für ungewöhnliche, narrative Wendungen nutzt - hat mit Angel erstmals eine klassisch-heterosexuelle Liebesgeschichte zwischen einer Schriftstellerin - inspiriert von der historischen Marie Corelli - und einem Maler entworfen, obwohl nicht ganz klar ist, ob der für seine Zeit zu düstere und erfolglose Maler das - dank realitätsleugnendem Kitsch erfolgreiche - Mädchen nicht aus Geldgründen heiratet.

Dieser Maler begeht im Film ebenfalls irgendwann Selbstmord, und sie stirbt aus Enttäuschung. Das Thema der Vereinbarkeit und Anziehung zweier Künstler bei gegensätzlicher Ausübungsmotivation (Kommerzkunst versus authentisch gefühlte Protestkunst) bleibt so als relevante Frage übrig. Und das Gefühl, dass die Liebe dieser beiden Menschen zumindest phasenweise gewollt und erfüllt ist. Positiv ist darüber hinaus die britisch-französische Machart des Films, wozu die beiden glaubwürdig spielenden Schauspieler, Britin Romola Garai und Ire Michael Fassbender, beitragen. Der Film ist schlichtweg ein Plädoyer für das zu schaffende Glück, wobei genau gezeigt wird, wo die Probleme der Beziehung liegen, sodass sie der Zuseher für sich umgehen kann.

Der ungebildete, aber naiv schlaue Bauer und Familenvater aus dem armen Sizilien (Vincenzo Amato) bekommt obendrein noch ...

DIE ROMANTIK ALS NOTWENDIGE UTOPIE - JETZT - IN EMANUELE CRIALESES GOLDEN DOOR

Der 1965 in Sizilien geborene und in Rom aufgewachsene Italiener Emanuele Crialese, der in New York an der Tisch School of Arts studierte, hat indessen mit Golden Door einen archaisch-fabulösen Traum geschaffen, der mit surrealen Einschüben - wie Riesengemüse als Gedankenfantasie einer sizilianischen Familie, die nach Amerika auswandert - gleichzeitig die Atmosphäre eines einnehmenden Historienfilms ausstrahlt. Auf dem überführenden Schiff befindet sich eine geheimnisvolle, englische Lady (Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg: Charlotte Gainsbourg), die sich trotz ihrer hohen Bildung für den ungebildeten italienischen Familienvater und Bauer entscheidet. Im Land der tausend Möglichkeiten ist auch das möglich, selbst wenn vieles nicht möglich ist. - Was wieder die kritische Note ausmacht und den Film vor dem Kitsch rettet. Auf jeden Fall ist er prinzipiell zuversichtlich, was sich wohl auch positiv auf das echte Lebensgefühl des Regisseurs auswirken wird.

... die geheimnisvolle Engländerin (Charlotte Gainsbourg) zur Frau, um die sich die feinen Herren an Board reißen: Träume werden also tatsächlich wahr, wenn man sie nur will!


Film: Golden Door * Regie: Emanuele Crialese * Mit: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Isabella Ragonese, Vincent Schiavelli, u.a. * Italien/Frankreich 2006 * 118 Min * Kinostart: 13.7.2007

Film: Angel * Regie: Francois Ozon * Mit: Romola Garai, Charlotte Rampling, Lucy Russel, Michael Fassbender, Sam Neill, u.a. * UK/Belgien/Frankreich 2007 * 134 Min * Kinostart: 10. August 07

Monday, July 02, 2007

IN MEMORIAM GEORG STAUDACHER (20.1.1965 - 30.6.2007) ...

Aus Das Offene Fenster oder Von der Abwesenheit von Martin Heckmanns.


... DEN IMMER JUNGEN MANN,


DEN SPORTLER UND ZWEIFLER,
DEN MICHEL-HOUELLEBECQ-VEREHRER,
DEN KÄMPFER GEGEN "RIESEN UND GEGEN SICH SELBST" (Ch. Friedl),
DEN NESTROY-PREISTRÄGER (Cafe Tamagotchi 2001),
DEN REGISSEUR (Franzobels Die Nase),
DEN SCHAUSPIELER,

DER "VERUNGLÜCKT" IST (APA, Rabenhof Theater),
DER "AUS DEM FENSTER GEFALLEN" IST (OÖN)

DEN LETZTEN "AUS-DEM-FENSTER-FALLER",
DER AUF intimacy: art ERWÄHNUNG FINDET,

DA WIR NACH DEM LEBEN GIEREN,
DA WIR DEN TOD,
UNS SELBST RESPEKTIEREN,


WIDER MODEN UND ZEITGEIST
ES ROMANTISCH,
ORIGINELL FINDEN

ZU LEBEN,

DIE SONNE ZU SPÜREN,
UNSEREN BEITRAG ZU LEISTEN
AN DIESEM LEBEN

DAS TATSÄCHLICH
ERSTRAHLT

DURCH UNSER ZUTUN
ERSTRAHLT.
e.o.




In diesem Sinne folgende Zitate aus
Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren
von Martin Heckmanns:






Monday, May 28, 2007

EXTREME KUNST IST OFT GENIAL, EXTREMES LEBEN BRUTAL - SHAKESPEARE, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA

Die machtgierige Macbeth-Gattin (Heike Kretschmer) manipuliert ihren Mann zum blutrünstigen Despoten (Foto: © Nathalie Bauer/Volkstheater)


SHAKESPEARE´S "ENTWEDER-LEBEN-ODER-TOD" IN DEN HISTORIENSTÜCKEN UND "DAS DAZWISCHEN" IN DEN KOMÖDIEN. - DIE KONTRASTE ZWISCHEN HOCH UND TIEF, OBERFLÄCHLICH UND INNIG SIND MOMENTAN AUFFÄLLIG OFT IN DER KUNST ANZUTREFFEN - WIE MARIE ZIMMERMANN, EVA DICHAND, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA, UND UNSER ALLER LEBENSZIEL DAVON ABZULEITEN SIND


Weinen oder Lachen,
Qualität oder Mittelmaß,
Intensität oder Oberfläche,
Nachdenken oder Tun,
Geist oder Körper,
Kunst oder Event,
Marie Zimmermann oder Eva Dichand,
Tod oder Leben,
Entweder - Oder.
Kontrast.
Leidenschaft.

Dieser Tage ist man versucht, über die Kontrastparameter und damit den Sinn der menschlichen Existenz nachzudenken. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Es nimmt seinen Anfang bei Shakespeare und endet in der Bildenden Kunst bei Chen Zhen und Alfredo Barsuglia. "Extrem" schreits von überall her.

EVA DICHAND UND HEUTE ALS SYNONYM FÜR ANSPRUCHSLOSE KOMÖDIEN

Auf dem Weg zur grundsätzlichen Frage also, "wie bringe ich mein Leben hinüber, sodass ich am Ende sagen kann, ich bin nicht oberflächlich gewesen, habe mit Qualität gelebt und bin trotzdem nicht übergeschnappt", kreuzt Krone-Schwiegertochter-Ehefrau und U-Bahnzeitung - Heute - Herausgeberin Eva Dichand im mitternächtlichen Fernsehen des Dösenden geistige Umnachtung. Sie sagt: "Irgendwann würde ich noch gern eine Qualitätszeitung machen, jetzt mache ich Geld".

Spräche diese menschliche Hülle mit dem doch so hoffnungsvollen Vornamen nichts, wollte das Auge des Halbschlafes dank der Anhäufung an optischer Überdurchschnittlichkeit eine musische Gestalt ausmachen. Es würde gerne ausblenden, dass sie die verbalen Ergüsse entstellen. Worte, die das leibhaftiggewordene Boulevard offenbaren. Ihr Sinn hat sich in Gebaren und Sein der Frau festgefressen. Die Idee vom Qualitätsblatt kann also nur eine Ausrede sein, um den Respekt vor der eigenen, eitelkeitsdurchtränkten Würde nicht zu verlieren; denn die Alltagspraxis hat diese Person schon längst eingeholt. Fehlgeleitet durch die Unsitte österreichischer Pressemacht, mit dem "Medienmanagerpreis" ausgezeichnet worden zu sein.

Eva Dichand ist ein Mensch, der nicht täglich ums Überleben kämpft. Und auf der anderen Seite tut sie es doch: Sie muss das Terrain, das sie geprägt hat, konsequent weiter prägen. Durch sichtlich gewohnte kleingeistige Debatten und entsprechende Entscheidungen ohne philosophische Tragweite. Hier zeigt sich der ganz gewöhnliche Alltagskampf um die Materie, der vom Wesen seiner Verteidiger Besitz nimmt. Äußerlich schick und gestylt, innerlich vortäuschend ganz normal "geblieben". Ebenso gewöhnlich kann man dem aber entgegen halten: Geld macht den Menschen noch lange nicht reich. Das Tauschmittel, das die größte Variable an Projektionspotential für Besitz darstellt. Es müßte daher wie ein Kunstwerk behandelt werden. Das Werk "Geldanhäufung" müßte sich hinsichtlich Ästhetik, Innenleben, Entstehungsverlauf und gesellschaftlicher Verantwortung rechtfertigen lassen. L´Argent pour l`Argent ist insofern genauso dekadent wie L´Art pour l´Art. Und um nichts weiteres handelt es sich, wenn Zeitungen gratis wie Anzeigenprospekte verteilt werden, was sie im Grunde nur sind. Sie häufen ausschließlich Geld in Warenab- und Medienumsatz an. Genauso gut könnte man den redaktionellen Weissraum nur mit Witzen, mit Bildern oder überhaupt mit Leere füllen. Das käme aber wahrscheinlich zu wahr, um für den Leser als Selbstinszenierung noch schön zu sein. Er tut lieber so, als würde er "Nachrichten =Inhalte" lesen (, die keine sind).

Summasummarum steht Eva Dichand mit ihrem Erscheinungsbild und Produkt für das untere Mittelmaß, die Oberfläche, das Event und somit für das Lachen über die traurig-absurden Schicksale anderer. Genauso wie die klassische "Komödie". Gelängen unsere "medialen Komödien" auf eine Ebene, wie sie Shakespeare in seinen volksnahen Komödien erreichte, hätten wir als Bürger des 21. Jahrhunderts immerhin das Niveau des gesellschaftlichen Mittelstandes des 16. Jahrhunderts erreicht. Dass Shakespeare dabei noch anspruchsvoller war, als wir ihn heute auf deutschsprachigen Bühnen kennen, wo die neuzeitlichen Übersetzungen seiner Stücke von der altenglischen Hochsprache und damit vom echten Shakespeare-Witz hinsichtlich Wortschatz und -erfindungsreichtum weit abrücken, sei großzügiger Weise einmal außer Acht gelassen.

VIEL LÄRM UM NICHTS
- SHAKESPEARES KOMÖDIEN ALS BOULEVARD - GRADMESSER


Die Burgtheater-Version Viel Lärm um Nichts unter der Regie von Jan Bosse mit den zynischen Wortgefechten zwischen dem anfangs liebesfernen Benedict (umwerfend: Joachim Meyerhoff) und der widerstrebenden, geistig hochstehenden Beatrice (umwerfend: Christiane von Poelnitz) ist als Neufassung auch so beste Unterhaltung. Es gibt nichts charmanteres als wenn der egozentrisch-arrogante "Meyerhoff" mit losen Zotteln vor dem menschlichen Drang der Vereinigung kapituliert und nach 180-Grad-Gesinnungswechsel, mit Dauerwelle aufgeputzt, konstatiert: "Sie wird mich lieben. Und ich werde sie meinerseits ganz fürchterlich zurück lieben." Das, nachdem er sie sich - des Stolzes beraubt und zur "Frau" zurchtgestutzt - gestehend vorstellt: "Ich will mit Dir in einem Haus leben und für dich kochen." Selbst Unter-der-Gürtellinie-Sager, die nicht von Shakespeare stammen können, wie "Auch in einer alten Hose kann man noch eine große Gurke finden" will man als Zuschauer mit heiterem Zeitkompromiß begegnen, denn überspitzte Weissagungen und Handlungsinterpretationen gleichen das wieder aus, wie: "Bist du traurig, heirate eine Frau, irgendeine." Und da man in unseren Breiten ja auch kein Adelsgeschlecht mehr hat, ist es auch schlüssig, dass die Verwechslungsszene statt des Maskenballs auf einem grotesken Woodoo-Tanz-Event stattfindet. - So wird das Stück alles in allem also zum perfekt zynischen Abbild unseres gesellschaftsästhetischen Durchschnittsniveaus von Heute (Heute), das wohl heißt: "Back to the roots, as where we are!"

Benedict (Joachim Meyerhoff) und Berenice (Christiane von Poelnitz) streiten in Shakespeares Viel Lärm um nichts hart auf hart: also mit sehr viel Erotik (Foto © Georg Soulek/Burgtheater)

MACBETH - SHAKESPEARES HISTORIENSTÜCKE ALS EXTREME DURCH GUT UND BÖSE

Shakespeare wäre zu den Spitzfindigkeiten in seinen niveauvollen Komödien wahrscheinlich aber nicht in der Lage gewesen, hätte er zwischendurch nicht auch ernste Historienstücke verfaßt, die bereits als überlieferte "Geschichts"dokumente vorhanden waren. Seine Leistung liegt darin, die psychologischen Charaktere in Monologen und Dialogen expressiv zum Leben erweckt und transparent gemacht zu haben. Kein anderer schälte "gut und böse" in extremerer Form heraus. - Und dennoch hob es sich insgesamt am Ende auf, indem sich die Hauptfigur meist im Laufe ihres Lebens durch die korrumpierende Macht wandelt. Wie hoch das sprachliche Niveau des Ur-Shakespeare außerdem war, lässt sich ausnahmsweise der textoriginalen Volkstheater-Inszenierung Macbeth von Nuran David Calis entnehmen, einem Regisseur, der das Zeug zum ganz großen internationalen Star hat. Denn er "erlebt" seine Regie, und das ohne Hemmungen, aber dennoch mit Stil.

Seine Umsetzung ist von einer Archaik und gleichzeitig von einer Heutigkeit, wie man sie in Wien nur sehr selten findet. Und doch gerät das Stück wegen seiner Länge von fast drei Stunden und ausgerechnet wegen der kunstvollen Sprache an die Grenzen des Rezeptionsvermögens des heutigen Publikums. Woran es sich im Verlauf aber bewußt orientieren kann, sind die expressiven Bilder, die Calis archetypisch symbolreich und abermals kontrastreich aufzuladen versteht.

Durch Farb-Metaphern, wenn etwa der König (heißungsvoll gespielt von Rainer Frieb) seinen weißbemalten umstürzlerischen Mörder Macbeth im Glauben an dessen "reine" Loyalität an sich drückt, sodass die weiße Farbe auf ihn abfärbt. Ebenso wird das weiße Kleid der anfangs noch liebenden Lady Macbeth rot. Blutrot wie es die Morde sind, zu denen sie ihren immer blutrünstiger werdenden Mann anstachelt. Mit dem Höhepunkt am Schluß, dass die mordbegleitete Machtgier auch ehemalige Kriegskameraden befällt. Die Spirale des Bösen nimmnt somit ihren Lauf, wenn der Keim des Systems einmal böse angefangen hat.

Für den König (Rainer Frieb) ist Macbeth (Till Firit) zuerst noch eine Vertrauensperson, doch seine reine, weiße Haut färbt ab, wenn er ihn berührt. Des Königs tölpelhafter, am Ende größenwahnsinniger Sohn (Peter Becker) ist eifersüchtig. (Fotos: © Nathalie Bauer /Volstheater)
Macbeth (Till Firit) mit seinen Kriegskameraden (Thomas Kamper, Thomas Bauer), die später ebenso von Mord und Machtgier erfaßt werden, wie er: Das Blut zeigts.
Lady Macbeths Kleid ist nach dem Mord am König so blutbespritzt wie Macbeths Hände.
DIE NICHT-EGOZENTRE LIEBE UND SENSIBLE WAHRNEHMUNG ALS ZIEL

Emotional noch stärker wirkt die Interpretation durch die Besetzung des Macbeth durch Till Firit mit einer an-sich fragilen Ausstrahlung. Dass er sich aus Liebe manipulieren läßt, wird umso ausdrücklicher, selbst wenn er für die Leidenschaftskämpfe mit seiner Frau mehr als nur Manns genug ist. Der Satz des Literaturtheoretikers Jan Philipp Reemtsma zu den Macbeths als "innigstem Paar" Shakespeares, "das zu einem öffentlichen Unglück wird, weil es dem privaten Unglück zu entkommen trachtet", trifft diese Darstellung also exakt. Macbeth Till Firit hat dennoch bis zu seinem Tod die Aura des Opfers, während Heike Kretschmer als seine Gattin konsequent machthungrig scheint, als würde sie sich permanent dazu ermahnen, die Harte in ihrer Beziehung spielen zu müssen. Und doch kommt da die Ahnung von einer Utopie von Macht auf, die nur solange reizvoll ist, solange man sie nicht bestiegen hat. - Die gewissenhaft befragenden Selbsterkennungs- und Vorwurfsszenen sind in diesem akustisch-mitreißenden Krimi-Science-Fiction-Theaterepos von einer grenzüberschreitenden und körperlichen Intensität, wie man sie sich von dem Stoff nur erhoffen kann. Sodass man sich am Ende sagt: doch lieber gut sein als schlecht, doch lieber weniger berechnend lieben, den Partner als ihn selbst zu schätzen versuchen, also kurz: die Liebe nicht aus persönlichem Minderwertigkeitskomplex zum gesellschaftlichen Aufstieg mißbrauchen! - Selbst wenn es ein Ziel der Partnerschaft sein wird, für die Nachkommen gemeinsam eine "gewisse Qualität" an Lebensbasis aufzubauen.

Die Liebe zwischen Lady (Heike Kretschmer) und Sir Macbeth (Till Firit) wird immer leidenschaftlicher und gewaltbereit "roter" - da sie einander nicht als Mensch, sondern aus Ehrgeiz sehen.
Macbeth kurz bevor er auf seinem glücklosen Thron stirbt, um den sich sogleich andere Mörder streiten.

WENN SENSIBLE WAHRNEHMUNG IM TOD ENDET: MARIE ZIMMERMANN

Diese Qualität sowie Akzeptanz und Erkennen des Partners als er selbst, lässt sich daran schulen, wie jemand die Dinge überhaupt wahrnimmt, inwieweit er dazu bereit ist, sich aktiv und ernsthaft auseinander zu setzen. Das betrifft den Künstler wie den Zuseher. Und doch scheinen gerade jene Schaffenden, die sich bis an die Grenzen der Universalität zu befassen und auszudrücken vermögen, am eigenen Anspruch zugrunde zu gehen. Das zeigt sich aktuell und krass am Beispiel der Schauspiel-Direktorin der Wiener Festwochen Marie Zimmermann, die sich das Leben nahm, kurz bevor die Wiener Festwochen 2007 starteten. Der Zeitpunkt war von ihr - ob nun bewußt inszenatorisch oder nicht - so "gut" gewählt, dass sich der Zuschauer automatisch in den von ihr programmierten Stücken zwischen Leben und Tod mit ihrer persönlichen "Antwort" darauf zu beschäftigen beginnt. Und wieder sind es die Shakespeare-Zugänge, die dazu am meisten reizen:

LEMI PONIFASIO´S "SHAKESPEARE" -TEMPEST - STURM

Der Neuseeländer Lemi Ponifasio versetzt Shakespeares Sturm in den Kampf ums Inselrecht der Maori. Hier tanzt man selbstbewußt in ritueller Sprache: mit Zunge und expressiven Gesten (samt Tätowierung). (Fotos: © Armin Bardel/ Wiener Festwochen)

Während nun in Lemi Ponifasios Tempest - Sturm aufmüpfige Maori-Ureinwohner in Neuseeland um ihre Grundrechte und Souveränität im eigenen Land gegen die Kolonialmacht sprechen, singen und tanzen, sodass von Shakespeare tatsächlich nur noch die menschliche "Expression" und das Symbol "Insel" bzw. "Kampf um die Macht darauf" übrig bleibt, fragt man sich notgedrungen, warum jemand, dem das Leben vergleichsweise wohlwollend und privilegiert begegnete - und er sich dessen auch bewußt sein mußte -, dieses Leben einfach wegzuwerfen wagt. Eigentlich hätte die Theaterfachfrau Zimmermann in diesem Angesicht in dankbarer Demut verharren und weiterleben müssen. Im Augenblick des Stillstands, der Zäsur, dem sturmreichen Anhalten der Zeit, klagt das beschriebene Schicksal des politischen algerischen Flüchtlings Ahmed Zaoui, der in Neuseeland ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert wurde, die prinzipiell willkürliche Vorgehensweise der Engländer auf ihrer Insel an. Darauf folgt der im ganzen Gesicht tätowierte, politisch Lautstärkste der Insel, Maori Tame Iti in drei Sprechgesängen vom Raub seiner Identität, da er schon als Kind zu einem fremden Bewußtsein gezwungen worden sei. Zuerst trägt er noch einen schwarzen, westlichen Anzug. Dass er barfuß ist, zeugt jedoch sofort für Protest und Rebellion. In Ponifasios typisch expressivem Spotlight im schwarzen Raum huschen immer wieder rituell-stilisierte Trippeltänzer umher. Die Aufführung ist letztlich mit Filmeinspielungen aus Neuseeland, die die Ureinwohner neben den bewachenden Kolonialherren zeigen, nicht nur inhaltlich eindrucksvoll und expressiv, sondern auch formal. Und gerade das zeigt, dass es im aktiven Leben wohl lebenserhaltend und qualitativ bereichernd ist, wenn man weiß, gegen wen und was genau man vorzugehen hat. Das gilt für das Kunstwerk wie für jedes kleine Menschenleben dieser Erde. Nur dann fühlt sich der Mensch nicht "unwichtig" - so wie sich Marie Zimmermann vor ihrem Entschluß gefühlt haben muss.

SONJA VUKICEVIC´S SHAKESPEARE-CIRCUS ISTORIJA

Die serbische Performance Circus Istorija - Zirkus der Geschichte von Sonja Vukicevic (Regie, Bühne und Kostüme) nach ausgewählten Texten von William Shakespeare und Jan Kott brachte schließlich das "Entweder-Oder", "Leben-oder-Tod-oder?" komprimiert auf den Punkt: Es gibt nur drei eindeutige Möglichkeiten. Zitat: "Ich sterbe, du lebst, der Rest ist Schweigen.", "Ich will sterben, schlafen, träumen...". Während Shakespeares Machthaber, Könige und Königssöhne (Macbeth, Hamlet, King Lear, Othello, Richard III, Titus Andronicus) zwischen Grössenwahn und Wahnsinn in schwarz-weißen Fratzen wütend, großmaulig und lebenspessimistisch ihre Reden schwingen ("Die Liebe nährt das Böse"), fahren sie in viel zu kleinen Kinderautos herein, schlagen sie Räder, laufen sie Rollschuh, baumeln sie an Seilen. - Ihre Aktionen karikieren neben einem Clown ihre Worte, kehren sie ins Lächerliche bzw. ins Gegenteil und demonstrieren gleichzeitig, auf welchem kurzlebigen, gefährlichen Hochseilakt sie sich in ihrem Streben befinden. Doch in diesem Zirkus der Geschichte der weltlichen Macht (bzw. des Kommunismus aus Sicht der Belgrader Company) siegt am Ende dennoch die Hoffnung: Gegossen werden als lebensbejahender Ausblick kleine grüne Bäumchen, gleich der Weisheit Antoine de Saint Exupéry´s "Kleinen Prinzen" mit der Liebe zu seiner Rose auf seinem kleinen Planeten oder Voltaires "Candide": "Il faut cultiver notre chardin." (Wir müssen unseren Garten bebauen.) Was also zählt, ist das mit bestem Gewissen und Liebe zu machen, woran man gerade arbeitet. Das Ensemble selbst hat es insbesondere mit den drei erstaunlichen, akrobatisch geschulten Ballerina-Mädchen Ana Stamenkovic, Marija Grbic und Tijana Krsmanovic geschafft. - Leider ließ sich Marie Zimmermann von diesem Plädoyer auf persönlichen Einsatz im "Kleinen" nicht motivieren. Sie hat den Tod gewählt.

Die Shakespeare-Machthaber werden in Sonja Vivevics Circus Istorija (Fotos: © Vukica Mikaća) während ihrer Machtreden im Agieren - von virtuosen Ballettmädchen - umgeben konterkariert ...

.. gleichzeitig zeigt es ihre Kurzlebigkeit in einem Terrain, das zu kompliziertes Balance-Vermögen erfordert: Am Ende zählt die Demut, sich an der Pflege kleiner Bäume zu bemühen. Und das mit Hingabe!

CHEN ZHEN´S UNSCHULDIG ERLITTENE SENSIBILITÄT IM KÖRPER ALS LANDSCHAFT

Die Hingabe, sich bis zur Selbstaufzehrung zu befassen, wie es Marie Zimmermann tat, findet man auch beim bildenden Künstler Chen Zhen (geb. 13.5.1955, gest. 2000), der gerade in der Kunsthalle Wien ausgestellt ist. Allerdings in einem formalästhetisch viel höheren Ausmaß. Ob sein Leukämie-Leiden, das ihn 20 Jahre begleitete, aus dieser intensiven Art der Weltwahrnehmung entstand, oder umgekehrt, ob das Leukämie-Leiden zu seiner sensiblen Wahrnehmung und damit Kunst führte, ist schwer zu sagen. Jedes seiner Werke ist von einer religiös welterklärenden, epochalen Universalität, von einer Ernsthaftigkeit gegenüber dem eigenen Schaffen, als wäre es sein Letztes. Zärtlichkeit und Liebe, vereint mit Grundsätzlichkeit sprechen aus diesen komplexen, auf einen Punkt gebrachten, philosophischen, poetisch-schönen Werken. Allein die Skizzen der Installationen können als abgeschlossene Arbeiten durchgehen. Das Bewußtsein für die eigene, körperliche Fragilität strahlt aus den, in aus Zellendenken entwickelten hybriden Gebilden. Die inneren Abläufe im Menschenkörper sind für Chen Zhen Abbilder für die globale Welt, für des Menschen Existenz. Abläufe, die er in sich spürte. Seine letzte Arbeit Crystal Landscape of Inner Body veranschaulicht auf makabre Weise, wie intensiv und dominant sie sich in ihm aufdrängten: Er barte Organe aus Kristall auf einem Eisen-Glas-Tisch wie kostbare Schmucksteine auf. Dass er selbst indessen eines nach dem anderen mit seinem schwindenden Immunsystem aufgeben mußte, macht das Ganze zum Rührakt. Sein Blick in den Tod ist auch Purification Room (2000) zu entnehmen, ein völlig mit Lehm bedeckter Wohnraum: "ein lebendiges Grab".

In jeder seiner Arbeiten steckt die ganze Welt. So ist auch sein Bewußtsein für die Materie, für die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft ausgeprägt, die er fantasievoll, doch konkret anwendet und anspricht. Als Emigrant tangierte ihn das Zusammenleben verschiedener Kulturen, das Leben unter kommunistischer Repression. Zu diesem Thema schuf er die anspruchsvollsten Werke.

Die herzzerreißendsten entstanden jedoch in seinem letzten Lebensjahr, seinem wohl härtesten Kampf: Zuversichtlich ist noch die Installation über die Leere beim Nichtstun, die im Gegenteil für ihn zum produktiven Geistesakt wird. Cocon du Vide steht als Schmetterlingspuppe aus buddhistischen Rosenkranzperlen für das mentale Energiefeld, das ruhig verharrend heran reift, um alsbald in leichter Weisheit und voller Pracht davon zu fliegen. Und Bathroom bereitet als Symbol der Waschung, als von innen leuchtender, geräuschreich brodelnder Metallkörper für das neue Leben vor: für Chen Zhens Leben im Jenseits, und des Menschen Leben im Leben.

Der in Frankreich lebende Chinese Chen Zhen spürte seinen leidenden Körper wie kein Zweiter: Jedes seiner Werke ist von einer Ernsthaftigkeit an Universalität und Formvollendetheit: Wie Bathroom (Fotos: Stephan Wyckoff © Kunsthalle Wien 2007 und VBK Wien 2007), das er zuerst perfekt skizzierte: Es steht für die Waschung für ein neues Leben. Im selben Jahr schuf er Purification Room (oben), eine "lebendig begrabene" Lehmwohnung, bevor Zhen nach 20 Jahren Leukämie mit 45 starb.





Chen Zhen´s, Crystal Landscape of Inner Body, (Detail), 2000, (crystal, iron, glass, cm 95x70x190, View: “Field of Synergy”, Galleria Continua, San Gimignano, 2000, © Ph. Attilio Maranzano, Courtesy Galleria Continua, San Gimignano – Beijing / VBK Wien, 2007) ist seine allerletzte Arbeit: Organe aus Glas.

DIE ANSPRUCHSVOLLE MÖGLICHKEIT DES (KUNST-)LEBENS OHNE DABEI DRAUF ZU GEHEN: ALFREDO BARSUGLIA

Ein fast ebenso großes Körperbewußtsein scheint der junge Grazer Maler, Video- und Installationskünstler Alfredo Barsuglia zu haben. Und er hat eine Lösung gefunden, wie sich Intesität leben läßt, ohne von ihr aufgefressen zu werden. Er lenkt Schmerzzerreißendes aus der Geschlechtsregion einfach in Richtung Mund. Und das ist nicht nur eine Ablenkung, sondern auch wahr: Wie jeder vom Besuch beim Zahnarzt weiss, gibt es kein stärkeres Pendant zum Geschlechtsverkehr als dieses völlige Ausgeliefert-sein des Patienten gegenüber dem bohrenden und reißenden Arzt. Hinzu kommt das Fetisch schöner Zähne im alltäglichen Pflegeritual. Ensprechend intensiv liest sich also der Pressetext des Wiener MAK anläßlich Barsuglias Lesung-Video-Performance Ende Juni 2007: "Open Mouth ist ein Pornobuch, das den Zusammenhang zwischen Oral-Hygiene und Oral-Sexualität - von Barsuglia "Oderflaismus" bezeichnet - subtil und vielschichtig beschreibt. Mit Zeichnungen von sexuell stimulierenden Hilfsmitteln illustriert er seine Erörterungen zum Oderflaismus." Dieser Künstler findet demnach zu einer inhaltlichen Ablenkung und daher erträglichen Beschäftigungsmöglichkeit von Intensität. Gleichzeitig ist seine konzeptuelle, zeichnerische Umsetzung technisch hervorragend, und noch einmal um eine Nuance distanzierender ausgeführt. Was dieses Werk also auszeichnet und letztlich auch den Künstler mental und körperlich rettet, ist die Distanz durch den Humor. Wahrscheinlich wird er sich innerhalb der Kunstgeschichte zwar nicht mit einem Chen Zhen messen können, aber: er wird auf alle Fälle (gesundheitsbezogen) länger leben.

Alfredo Barsuglia hat einen Weg gefunden, die Dinge nicht so direkt erfahrbar zu machen: er spricht anstatt über Porno von Zahnpflege - allerdings perfekt und mit Hingabe gezeichnet - Steckt dahinter prinzipielle Lebensweisheit?

Ziehen wir daraus also den Schluß für unser aller "normales" Durchschnittsdasein: das Ziel muss die gehobene Komödie sein, als täglicher Zugang zum und Standard des Lebens. Abgeleitet von der Kurzmetapher: Ein Mann begegnet in einer mittelalterlichen Stadt einem Steinmetz und fragt ihn, was er tue. „Steine behauen“, sagt dieser. Kurz darauf antwortet ein Zweiter auf diese Frage: „Meine Familie ernähren.“ Ein Dritter aber sagt darauf strahlenden Auges: „Ich baue an einer Kathedrale.“ - Werden sozusagen die Steine mit bestem Wissen und Gewissen behauen, kann man sich daran erfreuen. Zur Kathedrale kommts dann vielleicht wie von selbst, und die Familie wird nebenbei auch noch (durch Geldanhäufung) ernährt. Daran sollte sich auch eine Eva Dichand ein Beispiel nehmen!


THEATER Die Rosenkriege * Vier Historiendramen von William Shakespeare * Deutsch von Albert Ostermaier und Thomas Brasch * Regie: Stephan Kimmig * Musik: Philipp Haagen * Mit: Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Dietmar König, Michael König, Johann Adam Oest, Nicholas Ofczarek, Jörg Ratjen, Martin Schwab, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 14., 21., 27., 28.9.2008: 15h
- Die Rosenkriege, 1. Teil: Zeit: 15.9.2008: 18h30
THEATER Hamlet ³ * Von: William Shakespeare * Regie: Árpád Schilling * Musik: Jörg Gollasch * Mit: Martin Schwab, Markus Meyer, Tilo Werner * Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz * Zeit: 19., 20.9.2008: 20h
THEATER König Lear * Von: William Shakespeare * Regie: Luc Bondy * Mit: Gert Voss, Birgit Minichmayr, Martin Schwab, Andrea Clausen, u.a. * Ort: Burgtheater (Co-Prod. Wiener Festwochen) * Zeit: 4.9., 5.9., 25.9., 30.9.2008: 18h30 + 7.9.2008: 17h + 3.10.2008: 18h
THEATER Sturm * Von: William Shaekespeare * Regie: Barbara Frey * Mit: Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest, Maria Happel, u.a. * Ort: Akademietheater * Zeit: 4.10.2008: 20h THEATER Viel Lärm um nichts * Von: William Shakespeare * Regie: Jan Bosse * Mit: Joachim Meyerhoff, Christiane von Poelnitz, Nicholas Ofczarek, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 6., 17.9.2008: 20h THEATER Ein Sommernachtstraum * Von: William Shakespeare * Regie: Theu Boermans * Mit: Peter Simonischek, Bibiana Zeller, u.a. * Ort: Burgtheater *: Zeit: 10., 11., 22., 29.9.2008: 19h30 + 5.10.2008: 19hTHEATER Julius Cäsar * Von: William Shakespeare * Regie: Falk Richter * Mit: Peter Simonischek, Michael Maertens, Ignaz Kirchner, Moritz Vierboom, Roland Koch, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 3., 8.4.2008: 19h30
THEATER Romeo und Julia * Von: William Shakespeare * Regie: Sebastian Hartmann * Mit: Sven Dolinski, Julia Hartmann, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 25.5.2008: 18h

THEATER Romeinse tragedies - Römische Tragödien * Coriolanus, Julius Cäsar, Antonius und Cleopatra - Eine Schauspielinstallation mit Video und Musik Komposition (Eric Sleichim) * Nach: William Shakespeare * Regie: Ivo van Hove * Produktion: Toneelgroep Amsterdam (Gastspiel im Rahmen der Wiener Festwochen)* Mit: Barry Atsma, Chris Nietvelt, Karina Smulders, u.a. * Musiker: Bl!ndman - Ward Deketalaere, Yves Goemaere, u.a. * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 6.6.2008: 18h + 7., 8.6.2008: 16h * Dauer: 6 Stunden!
THEATER Die Lears * Nach: William Shakespeare * Regie: Barbara Weber * Mit: Rahel Hubacher, Yvon Jansen, Sebastian Rudolph, Anne Ratte-Polle * Live-Musik: Michael Haves * Produktion: Hebbel am Ufer, Berlin, Theater am Neumarkt, Zürich, Wiener Festwochen * Ort: brut im Künstlerhaus * Zeit: 13.-16.6.2008: 20h
THEATER Troilus und Cressida * Von: William Shakespeare * Regie: Luk Perceval * Mit: Oliver Mallison, Julia Jentsch, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen - Münchner Kammerspiele * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 12.-17.5.2008: 19h30


AUSSTELLUNG Chen Zhen - Der Körper als Landschaft * Kurator: Gerald Matt * Ort: Kunsthalle Wien, Halle 1 * Zeit: bis 2.9.2007
LESUNG/VIDEO Alfredo Barsuglia und Open Mouth * Ort: MAK-Vortragssaal Wien * Zeit: 26.6.2007: 20h30