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Thursday, August 09, 2007

AUSZEICHNUNGSFRAGEN: GIORGIO MADIA, CHRIS HARING, MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER & RAMIN GRAY

40. Preisträger des Volkstheater-Blicks (Karl-Skraup-Preis) auf sich selbst: Marcello de Nardo, Katharina Straßer und Ramin Gray. (Foto © Barbara Palffy)

PREISE SIND OFT POLITISCH UND TENDENZIÖS MOTIVIERT, WO JUROREN EIN VORBILD FÜR DIE ZUKUNFT ERZWINGEN WOLLEN, INDEM SIE NUR AUF FORMALE INNOVATION ACHTEN - NICHT IMMER VERSTEHEN AUSSENSTEHENDE, WO DIESE ZUKUNFT HINGEHEN SOLL. INS BEZIEHUNGSDESASTER IM FALLE VON CHRIS HARING ETWA. GIORGIO MADIA HAT DA SCHON OPTIMISTISCHERE IDEEN. UND IM VOLKSTHEATER GEHTS EHER PRAGMATISCH ZU.

KARL-SKRAUP-PREIS AN MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER UND RAMIN GRAY

Mit den Preisvergaben ist es so eine Sache. - Wenn niemand genau genug herschaut, "machen wir eben auf uns selbst aufmerksam". - Deshalb gibt es etwa den Karl-Skraup-Preis, den die dem Volkstheater nahe Bank für Arbeit und Wirtschaft jährlich ausschließlich an Ensemblemitglieder des Volkstheaters vergibt. Immerhin darf eine Journalisten-Jury entscheiden, wer genau innerhalb des Hauses die Medaille bekommen soll. Meist sind das jene Leute, die ohnehin schon das ganze Jahre über (seit zwanzig Jahren) wegen der Auflagenstärke ihrer Medien das Theatergeschehen dirigieren: Zum 40. Mal verliehen, gingen die drei Preise heuer, ohne große Überraschung also, nach Gutdünken von Wolfgang Huber-Lang (APA), Wolfgang Kralicek (Falter), Norbert Mayer (Die Presse), Roland Pohl (Der Standard), Thomas Gabler (Krone), Reinhold Reiterer (Kleine Zeitung), Peter Jarolin (Kurier), Susanne Zobl (News), Hedwig Kainberger (Salzburger Nachrichten) sowie Dr. Renate Wagner-Wesemann und Dr. Eva-Maria Klinger: an Marcello de Nardo als bester Schauspieler (u.a. als Conférencier in Cabaret), an den Briten Ramin Gray für seine reduzierte Regie und Schauspielerführung in Am Strand der weiten Welt, sowie an Katharina Straßer als beste Nachwuchsdarstellerin.

- Gegen die Entscheidung läßt sich nichts sagen. Obwohl der ausgezeichnete Regisseur eigentlich nur erwähnenswert ist, weil er etwas ganz anderes als die anderen im Haus versuchte (andere Regie-Arbeiten wären somit objektiv gesehen besser gewesen) und es bestimmt noch weiteren (interessanteren) Nachwuchs als Katharina Straßer gegeben hätte, die lediglich in der Saison 06/07 sehr viel zu tun bekommen hat.

GOLDENER BIENNALE-LÖWE AN CHRIS HARING FÜR THE ART OF SEDUCTION

Die Tanzszene ist damit verglichen interessant, weil die Wege in Österreich (Wien) lebender jüngst ausgezeichneter Choreografen bis nach West- und Zentralost-Europa reichen (müssen), damit es zu einer Preisverleihung kommt. Der bei der Biennale 2007 in Venedig unter der künstlerischen Intendanz von Ismael Ivo (der auch im Leadingboard von Impulstanz Wien sitzt!) für Posing Project B - The Art of Seduction als beste Performance mit dem Goldenen Löwen prämierte Burgenländer Chris Haring mit Company Liquid Loft, sowie der Mailänder Ex-Volksopernballettdirektor Giorgio Madia, der in Folge nach seinem Dornröschen 2006, nun auch 2007 für Cinderella den polnischen Kritiker-Theaterpreis, die Goldene Maske (ZŁOTE MASKI 2006/2007) für die beste Choreografie des Jahres bekommen hat. Beide bekamen die Preise, wegen der "Innovation" innerhalb der Tanzrichtung. Und beide sind tatsächlich formal innovativ, nur gehen sie ästhetisch und politisch (im Sinne von sozialer Beziehungsvision) in völlig andere Richtungen.

ABERMALS POLNISCHE GOLDENE MASKE FÜR GIORGIO MADIA: FÜR CINDERELLA

Der Außenstehende fragt sich also, warum ihm Harings Arbeit formal einleuchtet, instinktiv aber überhaupt nicht gefällt, während ihm Madias Werk formal imponiert und auch emotional zusagt. (Zur genauen Cinderella-Kritik click: CRITIC) Und er ertappt sich bei der Vermutung, dass die einschlägig westlich aufgewachsenen, unbescheidenen, übersättigten Juroren in Venedig möglicherweise nur noch vom Innovationsgedanken getrieben sind und dabei ganz vergessen, was ein Kunstwerk sonst noch alles auszudrücken hat. Nämlich im Sinne von alternativer Lebenssinnstiftung gegenüber dem Publikum.

HARING VERNEINT ALLES, OHNE ALTERNATIVEN ANZUBIETEN

Nach der - von Betsy Gregory - Künstlerische Leiterin von Dance Umbrella London´s International Festival of Contemporary Dance; Jin Xing Künstlerische/r Leiter/in des Jin Xing Dance Theatre und Gründer/in von International Dance Festival of Shanghai; Francesca Pedroni - Tanzkritikerin von Il Manifesto und TVstation Classica; Pier Giacomo Cirella - stellvertretender Leiter von Arteven; sowie Andrée Valentin - Künstlerische Koordinatorin von ImPulsTanz Wien - ausgezeichneten und vorgeführten Haring-Tanz-Installation im Wiener Semper Depot, denkt man sich nur deprimiert: "Warum sprechen hier alle Darsteller von Einsamkeit, nachdem sie menschlich-mediale Verführungsposen verzerrend verarschen und sind dennoch - jeder für sich - als Person so uninteressant und nichtssagend, dass man keinem von ihnen näher kommen will?" Jeder entspricht in Ausstrahlung und Können genau dem unbekannten Menschen auf der Straße, der einem täglich begegnet. Als hätte er den Satz auf seiner Stirn picken: "Ich bin einer von tausend und will auch nichts anderes sein." - Was man im Alltag noch als Bescheidenheit aus Tugendhaftigkeit sehen kann, ist auf der Bühne allerdings gar nichts wert.

Die Installation Harings auf wechselnden Stationen innerhalb der Ausstellungshalle ist nur durch das Arrangement momentweise erstaunlich, wie durch die stimmlichen Musikverzerrungen und beim Schlußbild des Schatten-Gruppensex als optische Täuschung durch das Licht, wobei sich in Wahrheit niemand berührt. Insgesamt ist es aber eine unpersönliche und schlecht gelaunte Angelegenheit. Vieles wurde schon woanders gesehen - was wohl auch beabsichtigt ist, denn es geht ja um die Kommentierung "verführerischer Posen"; die Bestehenden dieser Welt, die als Tänzerpersönlichkeit zu beherrschen die eigentliche Leistung wäre. Die bekannten Posen werden durch Übertreibung und Verzerrung vernichtet und verneint; ohne aber etwas anderes als Alternative anzubieten. Und das ist der entscheidende Punkt. Unter einem Kunststoffpelz ahmen anfangs vier Leute in Missionarsstellung die Sexbewegung nach, worin alles Verlangen ja immer endet. Dann posiert ein nackter Mann wie ein wortloses Dummchen nur mit "oh, buh, bah", abgeleitet von 60-Jahre-Hollywood-Diven, was dann noch die Frauen - badend und oben ohne - intensivieren. Und das Spannende daran: die Girls können sich noch so sehr oben-ohne räkeln, sie werden einfach nicht sexy. Mag nun Haring dazu sagen, "es geht um das Verbergen, um erotisch zu sein", so sagen wir: "Ein guter Tänzer/Künstler hat auch noch etwas an, wenn er nackt ist..."

Chris Haring und Liquid-Loft-Team bei der Preisübergabe in Venedig: mit dem Goldenen Löwen ...

... für The Art of Seduction - die Verführung wurde dabei völlig vernichtet und nichts stattdessen geboten. Ist das zukunftsweisend? (Foto © Liquid Loft/impulstanz)


MADIA HAT BEIDES: EINE NEUE FORM UND EIN NEUES GEFÜHL

Dagegen horten die polnischen Kritiker-Juroren, Renata Sass (Express Ilustrowany), Michał Lenarciński, Dariusz Pawłowski (Dziennik Łódzki), Leszek Karczewski, Monika Wasilewska (Gazeta Wyborcza), Piotr Grobliński (portal www.reymont.pl) noch ein optimistisches Lebensgefühl. Sie halten ein für diese Tage couragiertes Plädoyer in Cinderella für die große, persönliche Liebe von zwei Menschen für anerkennungswürdig. - Das sieht man im Alltag nur noch selten, wo jeder von seinem Partner zu viel will und zu wenig gibt. Giorgio Madia arbeitet nicht nur die Liebe (im Sinne von echter Verführung), wie sie tatsächlich funktionieren könnte, als inniges Gefühlsgeheimnis detailliert heraus; er packt sie - gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Cordelia Matthes, die ebenfalls die Goldene Maske für das Beste Bühnenbild des Jahres erhalten hat - auch in eine überraschende, neuartige Form: sowohl optisch, in der Handlungsdynamik als auch bewegungstechnisch. - Leider gibt es so etwas in Wien so gut wie nie, vor allem wird so etwas hier nie erschaffen. Und von wegen "Nackte, die etwas anhaben". - Giorgio Madias Tänzer waren in Nudo zu seiner Volksopernzeit oben ohne so verführerisch schön, dass sie tatsächlich noch etwas "anhatten": sie trugen Kunst.

Giorgio Madia kann noch träumen: seine Cinderella ist formal erstaunlich und zum Lachen (Foto © Elfi Oberhuber) ...

... und obendrein gibt es darin noch zwei Menschen, die wissen, was Liebe (echte Verführung und Anziehung) ist. - Dafür erhielt Madia seine zweite Goldene Maske innerhalb von zwei Jahren (nach Dornröschen). (Foto © Ch. Zielinski)


Nächste Performance-Installation von Chris Haring & liquid loft (A) * PERFORMANCE Posing Project * Von: liquid loft / Chris Haring (AT) * Ort: MuseumsQuartier Halle E * Zeit: 10.8.2008: 19h

Nächste Giorgio-Madia-Aufführungen in der Saison 07/08:
In Berlin: ALICE´S WONDERLAND * Regie/Choreografie: Giorgio Madia * Bühne: Cordelia Matthes * Musik: Nino Rota * Mit: Staatsballett Berlin (Intendanz: Vladimir Malakhov) * Ort: Komische Oper Berlin * Zeit: ab 9.9.2007
In Lodz/Polen: Hoffmanns Erzählungen * Von: Jacques Offenbach * Regie: Giorgio Madia * Ausstattung: Bruno Schwengl * Ort: Grosses Theater Lodz * Zeit: Premiere 15.+16.12.2007
In Wien: La Guirlande / Zéphyre - Ballets en un acte von Jean-Philippe Rameau, Text von Jean-François Marmontel in französischer Sprache * Regie & Choreographie: Giorgio Madia * Musikalische Leitung: Bernhard Klebel * Ausstattung: Cordelia Matthes * Ort: Kammeroper Wien * Zeit: Do, 25. (Premiere), 27., 30.9 + 2., 4., 7., 9., 11., 14., 16., 18., 21., 23., 25.10.2008: 19h30
In Wien: Opernball - Balleinlage zum Thema Fußball * Ort: WIener Staatsoper bzw. im ORF-Fernsehprogramm * 31.1.2008
In Mörbisch/Burgenland: Im Weißen Rössl * Von: Ralph Benatzky * Choreografie: Giorgio Madia * Mit: Zabine Kapfinger und Reinhard Fendrich * Ort: Seebühne Mörbisch * Zeit: 10.7.-24.8.2008: 20h30


Videolink zu Giorgio Madias
Dornröschen in Lodz bzw. jetzt neu zu Nudo auf YouTube

Wednesday, July 11, 2007

AUFFÄLLIGE TRENDS NACH BALKAN-, POLEN- & KLEZMER-FESTIVAL: ROCK & EGO-STIL

Polens Contemporary Noise Quintet in Wien: es steht für die vielen Jungen, die vom Rock in den Jazz dringen und ihn auffrischen. Bandleader Kuba Kapsa (3.v.li.) macht den Stil obendrein eigen. (Foto © Elfi Oberhuber)


WAS HABEN DANIEL KAHN UND BILLY COBHAM GEMEINSAM? - DIE EINZIGARTIGKEIT.
WAS TEILEN DIE 17 HIPPIES und PINK FREUD? - DIE ROCK-VERBINDUNG ZUR JUGENDUNTERHALTUNG: TECHNO & POP.
WAS IST DAS ABSOLUT NEUE IM JAZZ, EGAL OB KLEZMER, POLNISCH ODER BALKAN? - DER ROCK: DENN IMMER MEHR EHEMALIGE JUNGE ROCKER FINDEN ZUM JAZZ!


Nach den in Wien durchlaufenen Festivals der Balkanmusik Balkanfever von 20.4.-12.5., der polnischen Kunst und Kultur umpolen von 19.4.-28.5., sowie der Klezmermusik 4th KlezMore vom 25.6.-8.7.2007, will der eifrige Besucher und Worldmusik-Fan für die nächste Weile eigentlich nichts mehr von diesen Musikrichtungen wissen, da er schlichtweg übersättigt ist. Der Grund: die Einschlägigkeit der Stilrichtung sowie das massive akustische Überfluten binnen kurzer Zeit stumpft ab, selbst wenn die Programme und meisten Musiker innerhalb ihrer Richtung genreübergreifend extrem vielfältig sind, diese absoluten Spitzenmusiker mitunter bis zu sechs Instrumente spielen. Mehr kann ein Musiker nicht leisten.

Die Lust nach dieser Musik kommt aber ganz schnell zurück, hört man die Gruppen einzeln quer durch alle drei Festivals und Genres hindurch. (Wie Sie das können, erfahren Sie unter diesem Bericht.) Und verblüffender Weise kommt man dabei wieder auf einen gemeinsamen Nenner, der für einen starken Eindruck verantwortlich ist: den neuerdings massiv eingesetzten Rock - der sowohl im Klezmer-, Balkan- als auch Polenjazz in Abgrenzung zu Pop und Elektronik etwas eigenständig Pures ergibt. Selbst wenn jene Musiker und Gruppen, die sich fern ab von alledem ihren einzigartigen Stil erarbeitet haben, insgesamt noch einmal die größeren Virtuosen sind. Doch weder Eigenständigkeit, noch Rock müssen zwangsläufig größte Könnerschaft bedingen - auch wenn sie es oft tun.

DIE (PIANISTEN-)KÖNNER MIT EIGENEM BALKAN-KLANG

Mit ihrer Eigenheit für ganz "bestimmte Stimmungen" gut, sind im Bereich Balkanmusik: der klassisch-internationale Jazzer aus Bulgarien Milcho Leviev - er kann es mit den West-Jazzern Don Ellis, Billy Cobham, Manhattan Transfer und Al Jarreau aufnehmen, bei denen er Piano spielte und komponierte, wobei er auch "gepflegten Bulgarien-Jazz" im akademischen Repertoire hält. Er ist somit, wie alle heurigen Balkanmusiker mit eigenem Klang, tatsächlich auch ein technischer "Könner".
Genau wie Sängerin Maja Osojnik, die mit unglaublich vielen Farben und Stilen das kulturelle Mischmasch Sloweniens repräsentiert und dabei noch französischen Chanson und Volkslieder einflechtet. Stets weiss sie mit einem Song eine Geschichte zu erzählen, wie etwa, dass der "Tod krumme Wimpern" habe, um den die Erben schleichen, "doch wenn die Güter erst mal verbraucht sind, kommt vielleicht doch die Erinnerung an den Toten zurück". Osojnik ist im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar spannend, wobei der außergewöhnlich gute Klavierspieler Philipp Jagschitz ihre Band noch einmal aufwertet.
Den dritten atemberaubenden Balkan-Pianisten bzw. Keyboard-Spieler stellt der noch nicht einmal zwanzig-jährige Roma aus Wien, Adrian Gaspar, dar. Er ist Leader der im Klang türkisch gefärbten Truppe Laco Tayfa Connection Vienna und beherrscht von echter Klassik, Jazz bis Oriental jede Stilrichtung perfekt.

19 Jahre und spielt Piano wie ein Genie und mit viel eigenem Profil: Der Wiener Roma Adrian Gaspar

DIE THEATRAL-SCHMERZLICHEN KLEZMER-KÖNNER

Von sehr schönem, wehmütig-schmerzlichem Klang an Streichern und Zupfern einer Fünf-Frauen-Band aus Tsimbl (jüdisches Hackbrett), zwei Violinen, Cello und Kontrabaß ist die niederländische Gruppe Di Fidl-Kapelye. Sie deckt nicht das beschwingte, glückliche Lebensgefühl jiddischer Fidel-Musik ab, sondern die betont melancholische Seite authentisch-osteuropäisch-jüdischer Musik. Im heurigen Klezmerfestival ragt sie mit diesem bis zur Kammermusik starken Klang sehr eigenständig hervor, selbst wenn er archetypisch bekannt ist.
Zum Verfremdungsklezmer in musikalischem Sinne erster Güte neigt dagegen das argentinische Lerner Y Moguilevsky Duo, bei dem der Klezmer nur noch als Hauch vorkommt, in einer Musik, die eher der zeitgenössischen Klassik zuzuordnen ist.
Und den Verfremdungsklezmer in Brechtschem Schauspiel-Sinne liefert Daniel Kahn mit seiner US-Berliner-Band The Painted Bird, worin er Kurt-Weill-Lieder neu interpretiert und jiddisch intensiviert. - Mehr über diese absolut besten zwei Konzerte steht in intimacy: art / CRITIC ...

Ein unverwechselbarer, theatraler Klezmer-Musiker und -Schauspieler: Detroiter Daniel Kahn und seine Band The Painted Bird. (Foto © Pierre Kamin)

VOM ETHNOPOP-UND-ELEKTRONIK-JAZZ ZUM ROCK-UND-PUNK-JAZZ

Geht man davon aus, dass Techno für die Jugend seit den 90-ern in Sachen Freizeit und Unterhaltung darstellt, was R´n´B und Pop in den 80-ern waren, dann sind dem als Balkan-gefärbtes Techno das rumänische Shukar Collective zuzuordnen - Urban Gypsy heißt nicht nur seine CD, sondern ist auch sein Roma-Breakbeat-Sample-Drum-&-Base-Sound -, und als Balkan-gefärbten Pop: Star Goran Bregovic & His Wedding And Funeral Orchestra. Diese Unterhaltungsbands haben nur kurzfristig ihren Reiz, die Neugierde an ihrer doch recht einfachen Mainstream-Musik ist trotz unverkennbarem Profil nach drei-viermaligem Anhören gestillt.

Pop-Star Balkans: Goran Bregovic - dreimal gehört, lässt er kaum mehr Platz für Neugierde

17 HIPPIES AUS DEUTSCHLAND - ALS ÜBERGANG VOM POP(-KLEZMER) ZUM ROCK-JAZZ
Außergewöhnlicher und vielfältiger ist da schon der Ethno-Pop mit französischem Chanson, britischem Schlager und Berliner Schnorre der deutschen 17 Hippies, deren Rhythmik neben Klezmer auch mal Cha-Cha-Cha beinhalten kann, und die mit 13 Musikern schon ein kleines Pop-Orchester ergeben. Mit Berlin-typisch anarchischem Flair, das sich aus dem unbefangenen Gebrauch mit osteuropäischer, amerikanischer und französischer Traditionsmusik ergibt, fangen sie die unbeschwerte Stimmung der Jugend ein, die frei, neugierig und offen für alles ist. Und das, obwohl es die Band schon 12 Jahre gibt. Fünf Sänger/innen, die alle mehrere Instrumente spielen, wechseln sich im Lead-Gesang ab, was zusätzliche Abwechslung bringt. (Ausführliche Kritik auf: intimacy: art/CRITIC)

Pop-Rock-Klezmer aus Berlin: Die 17 Hippies mit Bandleader Christopher Blenkinsop und Lüül im rockigen Barden-Battle

PINK FREUD AUS POLEN - ALS ÜBERGANG VOM TECHNO ZUM ROCK-JAZZ
Die seit 1998 existierende, polnische Gruppe Pink Freud aus Danzig delektiert sich weniger an Pop als an Elektromusik in Drum&Bass und Jungle, mit starkem Punk-Charakter, und sie findet auch rockend zum Jazz - speziell mittels Vibraphone, Trompete, Schlagzeug und Bassgitarre. Auffällig für die junge Jazz-Generation, die von Rock und Techno kommt, ist der "Kollaps" in den einzelnen Nummern, der geplante Zusammenbruch der Musik. Pink Freud pflegt das atmosphärisch zwischen Samples und Loop durchgehend, als permanente Mystik, die über dem Sound liegt. Innerhalb dessen gibt es ins Ganze verpackte, theatral-lyrische Passagen, wo die einzelnen Musiker zeigen, was in ihrem Innersten steckt. Eine Art "Trance-Jazz-Dance". - Außergewöhnlich sind die obligatorischen Konzert-Soli eines jeden Musikers, die nicht wie sonst als mühsame Endlosexperimente irgendwie eingeschoben werden, sondern organisch in die Lied-Nummern eingebettet sind. Denn die einzelnen, sich von einander sehr unterscheidenden Nummern erzählen Geschichten aus Tönen, die zu multidimensionalen Klanglandschaften von Reaggea bis Rock mit Echo auswachsen. Man könnte auch Alternative-Elektrojazz dazu sagen, der sich manchmal nach "Albtraum" anhört. Eine ziemlich psychodelische Jugendphantasie also, aber mit Stil.

Elektro-Rock-Jazz aus Polen: Pink Freud ist eine der expermentierfreudigen Jungen und im Vergleich am ausgereiftesten

POLEN-JAZZ-ROCKER CONTEMPORARY NOISE QUINTET

Techno ist im Polen-Jazz in der Musikerjugend generell weit verbreitet, und Pink Freud ist darin die interessanteste und ausgereifteste Band. Die eigenständigste, mit tatsächlich individuellem Klang ist allerdings Contemporary Noise Quintet. Auch wenn die Kompositionen mit epochalen Harmonien, Wiederholungen, rhythmischem Groove eigentlich ganz einfach sind, vielleicht sogar technisch schwächer als Pink Freud. Dennoch, es ist außergewöhnlich, wie diese Musik einfährt. Dass der energetische Klang eigentlich vom Klavier kommt, das hier ausnahmsweise meistens wie Rock - als rhythmischer Tonangeber - gespielt wird, ist die kleine Sensation dabei. Das kommt daher, weil Co-Gründer (neben Bruder und Schlagzeuger Bartek Kapsa), Bandleader und Piano- bzw. Melodica-Spieler Kuba Kapsa, der außerdem Komponist der Songs ist, ursprünglich Bass-Gitarrist und Sänger der Heavy-Metal-Rockgruppe Something Like Elvis war.

Die Band Contemporary Noise Quintet klassifiziert sich selbst zwischen Jazz, Thrash und Punk, nennt seine Einflüsse aber Steve Reich, Ennio Morricone, Polnischen Jazz, Ingmar Bergman sowie Frank Zappa - was diese Musik viel besser charakterisiert. Einerseits spielt sich mit jedem umgemein spannenden und schönen Anfang eines jeden Liedes eine archetypisch-generationenübergreifende, epochale Atmosphäre eines Mafiafilmes ab, was sich dann aber hinsichtlich "komischem" Titel (Goodbye Monster, Army of the Sun, Even Cats Dream About Flying) in weitere geistige Filmszenen zwischen Science Fiction, Liebes- und Psychodrama verläuft. Meist sorgt das Klavier für den ersten Eindruck, die Bläser (Trompete, Posaune, Saxophon, neben dem Double-Bassisten von Musikern gespielt, die sonst eher klassischen Jazz spielen) für die elegische Archaik - indem sie langgezogene Töne über Tonleitern hinweg geradezu durch den Rhythmus "plärren". "Eleganz mit Punk-Energie" beschreibt den Sound sehr treffend, wobei jede Nummer erstklassig produziert und gemischt ist. - Weshalb das Debutalbum 2006 Pig Inside The Gentleman auch zur meistgespelten Nummer 1 im polnischen Jazz-Radio wurde. Dazwischen erstaunen, eingebaute Klavier-, Bass- und Elektrogitarren-Solos (hervorragend: Kamil Pater!) ob ihrer ungemeinen Rock-Klasse oder jazzig-vituosen Erzählkraft, wo es dann schon auch mal "schwieriger" werden kann. Ein wenig infantil wirkt nur der Kollaps, den diese Gruppe nun wirklich als Höhepunkt beinahe in jedem Titel auslebt, und wo nach völligem Stillstand die Melodie gereinigt wieder einsetzt. - Dennoch eine spannende Neuheit mit großem Zukunftspotential!

Rock-Jazz mit einem archaisch-epochalen Filmklang, den man noch nirgends gehört hat: Contempory Noise Quintet aus Polen

BALKAN-JAZZ-ROCKER BACE QUARTET & ARABEL KARAJAN & RAMBO AMADEUS

Der Rocker des Balkans in Reinkultur stellt der Belgrader Rambo Amadeus dar: mit seiner Elektrogitarre verarscht er zwischen Rock, Punk, Funk, Elektronik, Rap und Ethno weniger die Musik - denn die beherrscht er meisterhaft -, als die Gesellschaft. Zwischen Mother-Fucker und Polemiker gegen Primitivlinge und Balkanmachos, die er zugleich verkörpert und ironisiert, ist er der geborene Showman der Anarchie. Sein Sprechgesang bei verzerrten Samples ist ein Statement. Er frotzelt das Publikum, indem er Nummern anspielt und plötzlich damit aufhört. Der Mann ist absolut nicht gesellschaftsfähig und deshalb "in".

Die meisten Balkan-Jazz-Rock-Musiker sind ansonsten wegen ihrer Spielweise rockig. Auffallend ist, dass sie meist aus Bulgarien kommen oder in (mehreren) bulgarischen Bands spielen: Da wäre zunächst (Elektro)gitarrist Ateshkhan Yusseinov, der sensationell schnell und doch mit tiefer Seele rockt. Er bepfefferte heuer Ivo Papasov & Zig Zag Trio, sowie Atesh Khan Tayfa & Darinka Tsekova.
Dann ist da der bulgarische Elektro-Bassist Vesselin Vesselinov Eko, der Milcho Leviev begleitete, der an sich festes Mitglied von Arabel Karajans The Please Shut Up Band ist - wobei die percussionierende und singende Tochter des weltberühmten Herbert von Karajan nun auch mit ihrer Jazzband absolut dem Rock zuzuordnen ist, und zwar als profilstarke, ungezogen-unberechenbare Sache für sich. Die Bandleaderin pendelt zwischen Nina Hagen, Prince, Hubert von Goisern und Ozzy Osbourne - letzteren beiden widmet sie im Konzert Tributes. Sie singt flüsternd-funky von Wiener Würschterln (mit Jodler) im Dialekt, dem obligatorischen "Mother-Fucker-Witch" und davon, dass Rock´n´Roll eben nicht - wie allseits behauptet - out sei. Und wenn sie etwas von ihrem Vater als Orchesterdirigent übernommen hat, dann ist das der Luxus, für wenig und nur subtil vorkommende Geräusch- und Sounddetails Bandmitglieder zu engagieren. Das ergibt einerseits das Salz in der Suppe, andererseits den Luxus in der Verpackung. - Wesentlich sind die expressiven, ebenso rockigen Bandmitglieder: Bassist Georges Donchev und Trompeter Rosen Zachariev. Und eben Vesselinov-Eko, der der Karajan mit seinem sprechenden Körper beinahe die Show stiehlt - abgesehen davon, dass er gut spielt. Der Sound ist insgesamt durch viel Syntheziser aufgemotzt, und das aber keinesfalls "billig".

E-Bassist Vesselin Vesselinov-Eko ist der Prototyp eines Rockgitarristen: Beim Ethno-Rock-Jazz von Arabel Karajan ...

... heizen sie sich gegenseitig an: etwas zwischen Nina Hagen, Hubert von Goisern und Bulgarien-Rock-Jazz.

Die anspruchsvoll-geschmackvollste und ausgewogenste Band in Sachen Balkan-Rock-Jazz war heuer jedoch sicher Bace Quartet, dessen Bandmitglieder aus Mazedonien, Libanon, Serbien und Bulgarien den gepflegten Stil aus Paris - wo die beiden Percussionisten Aleksandar Petrov und Bachar Khalife leben - eingeflochten haben. Die Percussion erstreckt sich über balkanische Trommeln wie Tappan, Vibraphon, Darbuka, Req und Cajon. Die eigentlichen Rocker der Band sind "Hirtenflötist" Theodosii Spassov mit seiner Kaval, sowie Vasil Hadzimanov an Klavier und Keyboards, womit er unter anderem Gitarrensound simuliert. Hier pflegt man das Anschwellen und Schneller-Werden der Rhythmen, sodass es zu einer psychodelischen Science-Fiction-Erzählung ausufern kann. Einschübe folkloristischer Lieder lockern den Durchlauf zwischendurch auf. Highlight des Konzerts (bzw. der starken CD) ist die Nummer Guerre propre, worin die Flöte eine Psychoreise durchmacht, um im Punk-Jazz und Zusammenbruch seinen Exzess zu erleben und sich im Refrain erleichternd wieder zu erholen. - Absolut feinster Ost-West-Jazz-Rock!

Das Bace Quartet macht feinsten West-Ost-Rock-Jazz, mit erkennbarer Paris-Note: dank der Köpfe der Band: die Percussionisten Aleksandar Petrov und Bachar Khalife ...

... und Kaval-Spieler Theodosii Spassov und am Keyboard: Vasil Hadzimanov.

KLEZMER-JAZZ-ROCKER ALEX KONTOROVICH

Es wäre ein Wunder (oder auch ein Jammer), würden die Klezmer-Musiker, den Rock nicht immer hinter die Folklore stellen. So verleiht bei den Bands Nayekhovichi aus Rußland und Nifty´s aus Österreich die Elektrogitarre - ob verfremdet oder verstärkt - der Musik nur punktuelle Noten auf lyrische, erzählerische oder hard-rockige Weise. Mit einer extrem spannenden Ausnahme:
Der in Russland geborene in New York lebende Klarinettist und Saxophonist Alex Kontorovich pflegt in seinem Quartett Deep Minor viele Genre und Farben (insbesondere durch das wandelbare E-Gitarren-Banjo-Balaleika-Mandolinen-Spiel von Brandon Seabrock) in Form von Überschneidungen zwischen Folkore, Jazz und Klezmer. Doch rockt er erst mal, dann ordentlich: ob Kontorovich selbst - bei typisch teppichhaften Jazz-Drums - harte, zügellose Einsätze schmeißt, oder ob die besagte E-Gitarre das Geschehen antreibt. Wenn das Jiddische denn verrockt ist, dann elektrisiert das wie schärfster Hard-Rock. - Dauerzusammenbruch vielleicht, auf jeden Fall aber: spannend.














Saxophonist Alex Kontorovich war der absolut stärkste Rock-Klezmer-Musiker des heurigen Klezmore-Festivals.



Zum Nachhören des Klezmer-Festivals click: http://emap.fm/klezmore.html

Zum Nachhören des Balkan-Festivals click: http://emap.fm/balkanfever.html

KUBA KAPSA von der polnischen Jazz-Rock-Gruppe Contemporary Noise Quintet im Gespräch mit ELFI OBERHUBER: auf intimacy: art / talks /politics


KONZERT Daniel Kahn & The Painted Bird * Special Guest: Geoff Berner / Emigrantski Raggamuffin Kollektiv: Rotfront / DJ Yuriy Gurzhy * Im Rahmen des Akkordeonfestivals * Ort: WUK Saal * Zeit: 1.3.2008: 20h (Einlaß 19h)
KONZERT LERNER Y MOGUILEVSKY DUO * Im Rahmen des Akkordeonfestivals * Ort: Szene Wien * Zeit: 4.3.2008: 20h

MUSIK Orfeo di Bregovic * Goran Bregovic und seine Wedding And Funeral Band * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 25.1.2008: 19h30
MUSIK Ljubinka Jokic & Yok! - Die Jugo-Soul Stimme Vom Gaußplatz * Roma-Chansons und E-Gitarre, Geige, Programmieren und Rockstimme * Ort: Sargfabrik * Zeit: 31.1.2008: 20h

Sunday, April 22, 2007

DAVID LYNCH UND ERNA ÓMARSDÓTTIR - FILM GEGEN TANZ

Erotik und Verführung - hier zwischen Nikki Grace (Laura Dern) und Devon Berk (Justin Theroux) - schweben permanent über David Lynchs Inland Empire. - Doch das steht für etwas Universelles...


WAS FÜR EINE VERBINDUNG BESTEHT ZWISCHEN DAVID LYNCH UND DEM ZEITGENÖSSISCHEN TANZ? - VIELLEICHT INSPIRIERT DER FILMEMACHER ZU UNGEWÖHNLICHEN KÖRPERBILDERN, EINES IST ABER SICHER: INTENSIV ZU BEWEGEN VERMAG EIN LYNCH DEN ZUSCHAUER NUR ALS FILM. SEIN NEUES MEISTERWERK INLAND EMPIRE UND PERFORMANCE- KÜNSTLERIN ERNA ÓMARSDÓTTIR IM VERGLEICH


Der zeitgenössische Tanz und David Lynch. Entweder es ist eine Modewelle, oder es besteht tatsächlich ein Zusammenhang:

Dass es unter Tanzleuten relativ schnell zu Moden kommt, liegt daran, dass kaum in einem Kunstgenre unter Künstlern - herzlich verbunden - mehr gesprochen und fachgesimpelt wird als im (zeitgenössischen) Tanz. - Das ist besonders auffällig, da im Kunstprodukt selbst letztendlich nicht gesprochen wird.

Der "Zusammenhang" liegt indessen darin, dass Lynch-Filme psychische Abgründe und Traumata ausdrücken. Nonverbales im Menscheninneren, das Tänzer über ihren Körper transportieren. Solche Seelentrips bedingen umso abstraktere Körperformationen. Also eine Herausforderung, die neue ästhetische Dimensionen bewirkt. So kommt es, dass Kompagnien wie die italienisch-niederländische Emio Greco / PC - heuer wieder beim ImPulsTanz-Festival zu sehen - indirekt aus Lynch-Filmen schöpfen, und Performancekünstlerinnen wie Isländerin Erna Ómarsdóttir direkt aus Lynchs Film Blue Velvet - eben im Tanzquartier zu sehen und im Sommer ebenfalls als Lehrende bei ImPulsTanz.

NEUES LYNCH-MEISTERWERK: INLAND EMPIRE

Wie es der Zufall nun will, läuft Anfang Juni ´07 in Österreichs Kinos David Lynchs jüngstes Meisterwerk Inland Empire an, das er 2006 fertig gestellt hat. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein Zusammenschnitt von Experimentalfilmen, einerseits mit Lynchs "Spielzeugkamera", einem tragbaren Sony PD 150 Digital Videorekorder, mit reflexartigen Aufnahmen nach Lynchs spontanen, schrägen Ideen. So entstand eine surreale Sitcom über eine Familie aus Menschenkörpern mit Kaninchenköpfen. Andererseits drehte Lynch vor etwa drei Jahren, inspiriert von einer Reise zum Filmfestival in Lodz (Polen), vorort einen Film mit heimischen Darstellern in den alten Fabriksgebäuden. In Inland Empire werden nun Szenen daraus neben ausgebauten Monologen der Schauspielerin Laura Dern zusammen geschnitten, wobei all das durch die eigentliche Rahmenhandlung eine gänzlich neue Bedeutung bekommt und nicht mehr für sich selbst steht. Dieser Prozeß sei einer der Kreativsten seiner Karriere, sagt Lynch: "Ich kam von der Malerei. Da gibt es nur dich und die Leinwand. Digitales Arbeiten ist eine ähnliche Erfahrung, man kann tiefer eindringen." Ohne festes Drehbuch, d.h. Lynch schrieb jede Szene unmittelbar, bevor er sie drehte, wurden roter Faden und Grundthema lediglich "Angst".

... die Erbsünde, sprich Angst für die erfüllte Lust, die mit Betrug, Eifersucht und Mord einher geht, ist das eigentliche Thema in Lynchs Inland Empire. Selbst wer ständig reflektiert wie Nikki Grace (Laura Dern) und sich in der Unheimlichkeit verwirrt (hinter)fragt, kommt ihr nicht aus.

EIN RAUSCH DURCH ZEIT, ORT UND HANDLUNG

Die Sicht auf den Entstehungsprozeß reduziert den Film allerdings sehr. Tatsächlich zerschlägt dieser Film mehr als jeder andere das griechische Gesetz des Dramas von der einzuhaltenden "Einheit von Ort, Zeit und Handlung". In solchem Ausmaß hat das wahrscheinlich noch niemand gewagt. Das Bedeutende daran ist aber, dass alles als tiefere und bewußte Bedeutung wahrgenommen wird, selbst wenn sich Lynch dessen gar nicht bewußt war. Die Story, in der eine Schauspielerin (Laura Dern) nach langer Zeit wieder zu einer Hauptrolle in einem Film kommt, ist die Ausgangsbasis für die Form, die der eigentliche Inhalt ist: der Film im Film, das Springen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Sichtweisen, wobei sich sämtliche Inhalte verdoppeln und andauernd erweitert und umgedeutet werden. Im Film geht es etwa um eine verbotene Liebe, die sich als Verführung auf den verheirateten Schauspieler (Justin Theroux) und die verheiratete Schauspielerin überträgt. Und das eröffnet wiederum zum Kernthema der "Erbsünde". Begleitet von unheimlichen Weissagungen und Märchenmythen, worin es um das Versetzen in andere Szenerien, Orte und Lebensbeziehungen geht, lauert die Unheimlichkeit über den Darstellern, die sie gleichzeitig zur Versuchung animiert und in Sex, Betrug und Mord mündet.

ANGST ODER DIE LUST DER ERBSÜNDE

Angst und Erbsünde kommen in jedem Haushalt vor: bei Schloßbesitzern und Hasenhaushalten, die Lynch zwischenschneidet.

Die unerklärten Wohnortssprünge zwischen Schloßszenerie und kleinbürgerlichem Ambiente des Dern-Ehepaars, von Hollywood zu Polen, unterstrichen vom Hasen-Wohnzimmer verleihen dem Grundthema Angst, konkreter der Erbsünde, den Anspruch von Universalität. Denn die Frauen und Männer betrügen und belügen ihre Partner, obwohl/gerade weil sie es nicht sollten, weshalb es zur tödlichen Eifersucht kommt. Darüber schwebt die Faszination am Sex, der in enger Verbindung zum wechselnden Zeitgefühl zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zum Rausch auswächst. Interessant dabei der Sager der Schauspielerin Dern, der deutsch komplett falsch untertitelt wurde: "Ich hab das Zeitgefühl verloren, als würde mich ein Mann durchficken." Das ständig gebrauchte Wort "fuck" bekommt von Lynch gleich dem Sex allgemeine Bedeutung zwischen Lust, Versuchung und Angst. Die Perspektivenwechsel stehen für Reflexion und damit für die moralische Selbstjustiz des Menschen, wobei aber kein Urteil, keine Lösung angeboten wird: Ersticht sich die fiktionale Film-Frau, umgibt sich die reale Schauspielerin mit tanzenden polnischen Huren, begleitet von Nina Simones "Sinnerman" im Abspann - was anhand der Bildsprache wiederum ein versöhnendes, nonverbales "Ja" zur Lust bedeutet.

Eine große Rolle spielt in dem Film außerdem - wie so oft bei Lynch - das Ohnmachtsgefühl nach einem Schock: sei es das unerwartete betrogen und belogen werden vom geliebten Partner oder der Verlust eines Kindes. Der Schock wirft die Menschen auf die schwindelerregende Bahn, wo sie das Gefühl für Zeit, Ort und Tun verlieren. Die Dinge geraten in ihren Köpfen außer Kontrolle. Die absolute Erfüllung des Films wäre es aber nun, wenn der Zuschauer tatsächlich diese Kontrolle verlieren würde: und da muß man sagen, so spannend der Film ist, das Zeitgefühl verliert man dennoch nicht. Bei beinahe drei Stunden wird der Film bewußt als zu lang wahrgenommen.

ERNA ÓMARSDÓTTIRS LYNCH-NACHWEHE

Tanz-Performance The Mysteries of Love, inspiriert von Lynchs Durchbruch Blue Velvet: Darin geht es um die Verletzung pubertierender Mädchen, die im einen Moment blond (Margret Sara Gudjónsdóttir) und naiv (singend) sind, im anderen schwarzhaarig (Erna Omarsdottir) aggressiv kämpfend und tierisch kreischend.

Kommt man nun direkt nach Lynchs Film zum Genuß, Erna Ómarsdóttirs und Musiker Johann Johannssons Tanz-Performance The Mysteries of Love anzusehen, muß man sagen, dass diese Ausdrucksform in der Intensität für den Betrachter niemals an einen Lynch-Film heran kommen kann. Der Songtitel zu dessen Kultfilm Blue Velvet sollte zu ihrer musikalischen und getanzten Liebes-Hass-Orgie führen, wo außerdem Teenage-Horror-Movies als Inspiration heran gezogen wurden. Gehen sollte es um den widersprüchlichen Eindruck von unschuldigen Teenage-Mädchen, wobei das babyhaft singende Blondchen im rosa Kleid zum schwarzhaarigen Vamp im roten Kleid wechselt und umgekehrt, als dunkler Abgrund der pubertierenden Jugendzeit: vom leichherzigen Flirt zum Horrorszenario aus Verführung, Ekstase und Zerstörung. Die Stimm- und Kreischaktionen, körperlichen Tanzbilder und parallelen Paarläufe zwischen Ómarsdóttir und Margret Sara Gudjónsdóttir mögen momentweise recht spannungsgeladen sein, gegen einen Lynch-Film bleibt es aber etwas äußerlich Erzähltes. - Selbst wenn die Darsteller wahrscheinlich für sich selbst gewisse Grenzen durchlaufen haben mögen.


Mehr zu LYNCH und sein Verhältnis zu Polens Filmstadt Lodz gibt es auf intimacy: art, click: metanews / gossip

ACHTUNG DAVID LYNCH BESUCHT WIEN:
MATINEE Vorstellung der von Folksänger Donovan initiierten und Lynch unterstützten privaten Friedensuniversität "Invicible University" * Zusammenarbeit zwischen VIENNALE und GARTENBAUKINO * Ort: GARTENBAUKINO * Zeit: 11.11.2007: 12h - Filmvorführung: Mulholland Drive - F/USA 2001 145 min, OmU; 15h - Publikumsgespräch bei freiem Eintritt mit David Lynch und Dr. Bevan Morris, dem Präsidenten der Maharishi University of Management in den USA zum Thema „Film, Kreativität und Meditation“

FILM Inland Empire * Von: David Lynch * Verleih: www.filmladen.at * Ort: Österreichs Kinos * Zeit: ab Anfang Juni 2007
* Ort: Gatenbau-Kino Wien * Zeit: 1.-21.6.: 17h30, 20h30

TANZ Emio Greco / PC mit Programm * Erna Omarsdottir mit Damien Jalet im Workshop von 6.-10.8.2007 bei www.impulstanz.com

Monday, February 19, 2007

INTELLEKTUELLENFIEBER - NEUE AUTOREN SUCHEN ECHTES, NÄHE, VERANTWORTUNG: MARTIN HECKMANNS BIS MICHAL WALCZAK


August (Stefano Bernardin) und Julie (Silvia Meisterle) sind in Igor Bauersimas norway.today zwei lebensmüde Jugendliche, die sich auf einem Berg das Leben nehmen wollen. Doch dann kommt es anders ... Foto: © Theater der Jugend

INTERESSANTE NEUE AUTOREN AUS ALLER WELT WERDEN IMMER HÄUFIGER ZU (SZENISCHEN) LESUNGEN GELADEN. UND DIE JUGEND INTERESSIERT SICH VERMEHRT FÜR LESUNGEN. DAHINTER VERBIRGT SICH EIN AUFRICHTIGER HUNGER NACH INTELLEKTUALITÄT, ECHTHEIT UND VERANTWORTUNG. DENN VON DER UNPERSÖNLICH-OBERFLÄCHLICHEN MASSENKULTUR HAT DIE JUGEND DIE NASE VOLL. DAS ZEIGT SICH AUCH IN DER MUSIK. - EINIGE DER ZULETZT BESTEN IDENTITÄTSSTIFTER

Wach und neugierig ist das Interesse an jungen Autoren. Auch in Wien. Die österreichischen Theater befriedigen das selten mit Aufführungen auf großen bzw. Hauptbühnen, immer öfter aber - wenigstens - mit Autorenlesungen. So kommt man nicht nur den Autorentexten, sondern auch der authentischen Stimmung, die hinter all dem Geschriebenen liegt, nahe. - Eine Erfahrung, die mit nichts Inszeniertem vergleichbar sein kann, das immer auch die Eigenschaft der "Unterhaltung" enthält. Ein Schreiber zielt mit seiner spitzen Wortwahl und seiner Persönlichkeit direkt in Herz und Hirn. Nämlich dann, wenn seine Lesung so wirkt, als würde man einen anregend nachdenklichen Menschen persönlich und ganz nah kennenlernen, den man eigentlich für diese Intensität seit Jahren kennen müßte.

Besonders spannend sind fremdländische "neue" Autoren, die in Österreich gespielt werden oder Station machen. Sie sind auch in Form von szenischen Lesungen interessant. Dabei fällt auf: Es gibt Themen und Stile, die global gelagert sind und die gesamte junge Gesellschaft betreffen, solche, die speziell durch ihr Lokalkolorit auffallen, und jene, die dichterisch-musikalische Qualitäten aufweisen - die anspruchvollste und anmutigste Art. Dass es so etwas überhaupt gibt, erstaunt im Segment "Jungautoren". Denn es möchten sich tatsächlich, trotz vorherrschender Banalität und Schablonenformate der Massenkultur, immer mehr jugendliche Intellektuelle ihre eigene Ästhetik entwickeln. - Das macht zuversichtlich für die kulturelle Zukunft und freut alle, die die Massenabspeisung via Fernsehen, Blockbuster-Kino und Events nicht mehr aushalten.

MARTIN HECKMANNS, WIGLAF DROSTE UND KATHRIN RÖGGLA AUS BERLIN

Es mag eine Berliner Mode sein, dass Autoren bei ihren Lesungen singen oder musizieren. Verglichen zu der Schreibe war das sowohl beim vielfach ausgezeichneten und derzeit überall gespielten Martin Heckmanns (35) im Burgtheater-Vestibül, als auch bei Wiglaf Droste (45) im Wiener Rabenhof eher "nur lieb" als eine künstlerische Sensationsdarbietung. Heckmanns singt gitarrespielend wohl besser als Droste, während Droste wieder der "bessere" (Selbst)darsteller ist. Bei beiden macht das überraschenderweise aber Sinn, denn es paßt atmosphärisch exakt zur jeweiligen Art des Dichtens. Zudem sind Heckmanns´ textlich beschriebene, unsichere Hauptfiguren keine "Selbstdarsteller", sondern fragile, das Leben intensiv wahrnehmende und hinterfragende Beobachter, die dadurch immer mehr an Stärke gewinnen: in schöner, reflexiver Sprache, die manchmal auch hart und zynisch werden kann. Der widersprüchliche Eindruck macht Worte und Mann (sprich Autor) am Ende sexy. Ernsthaft sexy, sodass der Zuschauer beidem vertrauen will: Ganz besonders, wenn Heckmanns (seine) Liebesgefühle beschreibt, wie im inneren Monolog Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren, während sich (s)ein schüchterner Jüngling überlegt, wie er sich einer selbstbewußten Frau annähern soll. Den Reim, "zwei Menschen bilden einen Kreis, von dem nur weiß, der darin kreist", singt er lediglich sich selbst vor, statt "ihr". Aber auch dem Zuschauer. Das bindet. Wenn Heckmanns über die Dimensionen des Hautkontakts philosophiert, der im Intimen so wichtig, beruflich so unangenehm ist... Im Monolog Das offene Fenster oder Von der Abwesenheit beschreibt der Autor den Verlust eines geliebten Menschen, der sich das Leben nahm. Die Intimität seiner ungewöhnlichen Bilder läßt den Zuhörer augenblicklich an seine eigenen, ähnlich gelagerten Erfahrungen von "Verlust" denken. Nämlich dann, wenn diese Trauer die Färbung einer poetischen Liebkosung annimmt: "Früher war dein Körper drahtig und fest, jetzt verschwimmst du." Oder trocken morbid: "Einen Toten zu kennen, bereichert mein Leben." Worum es bei alledem im Grunde immer geht, ist das wahrhafte Gefühl, das aus dem Subtext strahlt.
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Berliner Martin Heckmanns ist ein sensibel-intellektueller Dichter mit Hang zur Romantik: seine Wortwahl lebt von Poesie und Unkonventionaliät, sie ist eine Metasprache, deren emotionale Kraft die Aussage ist. Sehr eigenständig, sehr spannend. Foto: © Elfi Oberhuber

Droste hingegen ist ein Meister der sprachspielenden Pointen-Spicke. In Prosa. Er entspricht daher eher der äußeren, lauten, konventionellen Art von "männlichem Sexappeal". Nachdem er sich über mediale Erfolgsmenschen und ihre billigen Tricks, über Sitten des Kleinbürgertums und über Marketingstrategien lustig gemacht hat, schlägt er noch ein Rad, was seinen Spott darüber verdoppelt und ihn subtil auch auf das anwesende Publikum überträgt. Offensichtlich äugt er mißtrauisch darauf, als würde den allgemein Sensationslüsternen sein Text nicht genügen. Obwohl er es phasenweise tut: Wenn Droste etwa die sich von einem Dorffest auf dem Heimweg befindenden, "kotzenden Ex-DDR-ler" beschreibt, für die das Erbrechen ebenso zum alljährlichen Ritual gehört wie das Fest selbst. Das alles mit dem Existenzialismus eines Camus gleichgesetzt, bekommt die Note einer außenseiterischen Überheblichkeit, die aber so gewinnend ist, dass der Zuhörer all seine innewohnende Bösartigkeit filtert und sie als herzhaften Lacher ausspucken muß. Gleich einem Cartoonisten entwickelt Droste seine Bilder. So sehen etwa die in Mode gekommenen Biker (Radfahrer) im Partnerlook seiner Ansicht nach in ihren Stretchanzügen mit Helmen wie ein Paar Bockwürste aus. Wenn allerdings beispielsweise die Radler ein Radler trinken, begibt sich Droste in Gefahr, platt zu klingen. So platt, wie für manchen auch seine nachgesungenen Country- und Dean-Martin-Songs, seine geschlagenen Räder sein mögen, die in der Hitze seines offensichtlichen Geltungsbedürfnisses "noch dazu" gegeben werden müssen. Und das, wo er doch andauernd zu beweisen versucht, dass er der verdientere Star als die Langlebens-Selbstvermarkter Franz "Pflanz" Beckenbauer und Reinhold Messner sei. Zweiterem gibt er sogar noch folgenden Tipp, da er - wie in seinem Buch beschrieben - via Sandmarsch "der Leere des Nichts entfliehen" wolle: "Wozu in die Wüste Gobi schreiten, wenn das Doofe liegt so nah?" - Trotz dieses anspruchslosen Gags muß man es dem grotesk-schreibenden "Zirkusartisten" und "Sänger" Droste dann aber doch lassen: Er ist zumindest der verdientere "Künstler" als die Leute, über die er schreibt. Etwa, wenn er den Vatikan Flaschen drehen läßt, um den Papst zu wählen, wenn sein Bär-Terrorist Bruno nicht in die Talkshow gehen kann, um sein mediales Image wieder aufzubessern und seinen Abschuß zu verhindern, oder wenn die Menschen zu Weihnachten "ungefickt" mit dem Zug zu Muddi fahren. - Der Mann besitzt auf alle Fälle artikulativen Mumm.
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Berliner Wiglaf Droste liebt es zu provozieren. Seine Sprache lebt durch Pointen, Cartoon-hafte Beschreibungen und Bissigkeit. Ziemlich böse, manchmal auch platt. Foto: © Nikolaus Geyer



Enttäuschend war die Lesung Kathrin Rögglas (35) im Wiener Tanzquartier. Vor allem inhaltlich. Sie leitete im Essay Die Rückkehr der Körperfresser vom
heute langweilig und Schema-F abgespulten "Hollywood-Katastrophenfilm" sowie von der sensationslüsternen "TV-Katastrophen-Nachricht" auf die "viel spannendere Theaterwelt" über, wo derzeit das für sie begehrenswerte Gefühl der "Unheimlichkeit" besser getroffen würde. Während sie also wie eine brave Publizistik-Studentin Susan Sontag, Marshall McLuhan, Jean Baudrillard zitierte - deren bekannte Gedanken noch am spannendsten waren, indem sie von der Wirkung des Katastrophen-Spektakels auf den Rezipienten ausgingen -, meinte Röggla, dass der Katastrophenfilm enttäuschender Weise keinen Ort der Optionen mehr böte, nicht mehr auf untergründige Weise zu erstaunen vermöge, das Theater dank origineller Erzähl- und Umsetzungsformen aber schon. - Was sollte das aber dann sein, wovon sie da spricht? Ein Katastrophentheater? - Rögglas holpriger Rückschluß liegt nicht nur darin, dass sie von der Film-Rezipientensicht auf jene des Theatermachers springt, und das als ident hinstellt, sondern dass sie auch noch von einem Filmgenre auf das ganze Theater schließt. Abgesehen davon, dass eine Vielzahl der Hollywoodfilme als Stoff zuerst überhaupt im Theater entdeckt werden. Und dass neue Independent-Filme sehr wohl - da formal experimentierfreudig - das Zuschauergefühl der "Unheimlichkeit" wecken und damit eher mit dem experimentellen, neuen Theater zu vergleichen wären. Das war also ein oberflächlicher, unreflektierter Gedankengang. Oder schlicht ein Indiz dafür, dass da eine nicht mehr ganz junge Frau - die ja erst seit 2002 auch fürs Theater schreibt - endlich das Theater entdeckt hat, wozu sie (noch) andere animieren will.
Da die gebürtige Salzburgerin und seit 1992 in Berlin lebende Röggla aber schon so viele Preise gewonnen hat, wollten wir wissen, ob die für ihre "Sozialkritik", formale "Stadt- und Textarchitektur" sowie das "Insistieren auf eigene Ästhetik" bekannte Autorin in Prosa mehr zu bieten hätte: Sie hat. Etwa im Satz: "nicht aufhören, sich zu bewegen, sonst wird man beton. und so laufe ich und laufe und während ich laufe, fällt es mir endlich auf: ich laufe und laufe nicht rückwärts, doch fühlt es sich gerade so an." Auch wenn Röggla für manchen Geschmack selbst in diesem Genre zu viele Bilder assoziiert. Für ein derartiges Zitat ist uns der Platz hier aber zu schade.
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Die in Berlin lebende Salzburgerin, Kathrin Röggla, findet zu überraschenden Sätzen, assoziiert bei diesem Vorhaben manchmal aber auch zu viel, sodass ihr Gedanke dann oberflächlich wird. - Das Essay-Schreiben sollte sie gerade deshalb eher bleiben lassen. Foto: © N.N.




SZYMON WROBLEWSKI UND MICHAL WALCZAK AUS POLEN

Im polnischen Dramenschreiber Szymon Wroblewski (24) hat die EU offensichtlich Einzug gehalten. In seinem Stück Puzzle,das mit dem 1. Preis des wichtigsten polnischen Festivals für zeitgenössische Dramatik baz@art ausgezeichnet wurde, kämpft die Jugend mit dem Kontrast von Familientradition und globaler Beziehungsbrüchigkeit. Selbst die Ehe der "Alten" ist am Ende, indem der Ehemann mit der jungen Krystyna eine Affaire hat. Die Jungen treffen sich indessen bei regelmäßigen Technoparties, wo Krystyna zusätzlich mit ihrem jugendlichen Ex-Freund kokettiert, sowie auch mit einem Jungen, der möglicherweise ihr Parallelfreund ist oder werden könnte. Unter Drogenangebot und Handyabhängigkeit suchen sie den Halt, den sie im früheren Beziehungsernst pflegten, der aber nicht mehr "in" zu sein scheint. So stolpern sie unschuldig, aber unterschwellig bitter, verhaltensmäßig cool, und doch mit Mißtrauen durch fragwürdige Kurzaffairen, wobei anfangs und am Ende des Stücks die Hoffnung auf Kai und seine Stiefschwester aus dem Märchen Die Schneekönigin bleibt, worin die Liebenden "ewig" zusammen zu bleiben schwören. - Die Religiosität der Polen strahlt hier inhaltlich klar durch. Leider hat aber der dramatische Stil ansonsten sämtlichen polnischen Konnex verloren. Die an die Popkultur gebundene Erzählweise könnte von überhall her stammen, nur dass hier eine Jugend über ein Problem nachdenkt, das bei uns schon vor zwanzig Jahren diskutiert wurde.
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Szymon Wroblewski ist ein junger Pole, der bereits EU-konform sozialisiert ist. Und dennoch hat er Sehnsucht nach Halt und Beständigkeit: vor allem in der Beziehung.
Konventionell jugend-globale Sprache. Foto: © Polnisches Institut Wien


Stilistisch origineller ist da schon das mit dem Europäischen Autorenpreis 2006 ausgezeichnete Stück von Michal Walczak (27) Das erste Mal, das wie Puzzle im Volkstheater-Hundsturm als szenische Lesung mit Schauspielern aufgeführt wurde. Im Loop-Charakter wiederholt sich in leichter Abwandlung ständig dieselbe Szene, die aber nie zuende gespielt wird, wobei sich später heraus stellt, dass das zwischen dem darin vorkommenden Pärchen vorher so ausgemacht wurde. Die Wiederholungen sollen dazu dienen, die von ihrem Ex-Freund enttäuschte junge Frau sexuell wieder aufnahmefähig zu machen, bis ihr Vertrauen wieder aufgebaut ist und sie zum Sex bereit sein kann. Der Wiederholungsmechanismus spitzt sich so weit zu, dass sich der junge, behutsame Mann völlig zum Narren macht. Erst, als er wie ein Wilder über sie herfällt, kommt es zum besagten "Ersten Mal". Und von dieser Macho-Wildheit ist sie nun - tja, so widersprüchlich sind die Frauen - hellauf begeistert. Allerdings meint nur er, dass das ihr erstes Mal gewesen sei. Denn das dabei entstandene Kind, das er in einem Wahnsinnsanfall ermordet sieht, stammt nicht von ihm, sondern von seinem "Vorgänger", den das Mädchen tatsächlich immer nur liebte. - Ein skurriler Albtraum gleich einem frühen Roman-Polanski-Film, was wiederum auf die surreale Groteskentradition eines Witold Gombrowicz zurück zu führen ist. Ein ungemein unterhaltsames Stück, das mit dichterischem Eigenprofil eine künstlerisch hochwertige Bereicherung für die globale Theaterszene ist. Eigenartig ist nur, wie schon im vorher beschriebenen Stück: die alt-religiöse Wertverdrossenheit hinsichtlich des "ersten Mals", das bei den Polen anscheindend noch so einen "frauendiskriminierenden" Beigeschmack hat, wie in der österreichischen Gesellschaft in den 60er Jahren. Selbst unter der fortschrittlichen Jugend!
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Michal Walczak schöpft in seiner Schreibe aus der polnischen Tradition der surrealen Groteske und Ohnmachtskonstellation. - Extrem hochwertig, extrem lustig! Foto: © Polnisches Institut Wien


GILLES GRANOUILLET WURDE SEHR TREFFEND ALS FRANKREICH-REPRÄSENTANT AUSGEWÄHLT

Das im Rahmen des Übersetzungsprojekts Trames von der Comédie in Saint-Etienne und von Bettina Arlt übersetzte Stück Der Tag als Mama auf den Leuchtturm stieg / Ma mère qUi chantait sur un phare ist formal genreübergreifend und poetisch-psychologisch ein sehr anregendes Werk des Franzosen Gilles Granouillet (44). Er streift - wie ebenfalls in einer szenischen Lesung im Hundsturm zu sehen war - in erzählerischen Sprüngen parallel laufender Rückblenden und verschiedener Sichtweisen eines Geschehens den Film sowie die Monolog-Technik in der Literatur und verpackt das zu einer tiefgründig berührenden und reflexiven Theatererzählung über das Erwachsenwerden zweier Jungen geschiedener Eltern. Der typisch Ältere der Beiden, Marzeille, hat seinen Vater noch - ihn als Kind nachahmend - in Erinnerung, der tpyisch Kleinere, Perpignan, hat ihn nie kennengelernt, weshalb er ihn mit "Gott" verwechselt. Die Burschen rennen Frösche-quälend mit ein paar jungen Welpen im Sack und deren Hunde-Mutter durch die Gegend und erwischen die Frau eines Baggerfahrers beim Seitensprung - von der man so etwas nie glauben würde. Währenddessen sinniert der Baggerfahrer der sexy "Blondine" von damals nach, der alle nachrannten, Marzeilles und Perpignans Mutter, die - ebenso ungeahnt - von ihrem Mann verlassen wurde. Zitat: "Die Getäuschten werden scheu und zurückgezogen, die anderen sind immer fröhlich und offen." - Wie es dazu kam, erzählt später das Phantom des Vaters während einer symbolischen Bootsfahrt, wo er die Mutter ertrinken läßt. Am Ende bleibt den beiden Jungen als einzige Gallionsfigur in ihrem Leben die Mutter am Leuchtturm. - Also auch aus Frankreich kommt der traurige Hinweis auf die Kurzlebigkeit von Partnerschaften, wobei diese Schilderung eine sehr sensible, Charakterinnerlichkeiten treffende Note hat. Poetisch, sehr schön.









Franzose Gilles Granouillet erzählt aus mehreren Perspektiven und in filmischen Rückblenden vom Erwachsen-Werden in zerrüttetem Elternhaus. - Sehr sensibel, monologreich und deshalb psychologisch anregend Foto: © N.N.


AUS ITALIEN. ALBERTO BASSETTI BESTICHT GEGEN NEGRI, CERVO, FERRI


Italiens junges Drama kreist - wie beim italienischen Wochenende der Dramatik im Kasino am Schwarzenbergplatz / Burgtheater Anfang März auf einfachste Inszenierungsweise veranschaulicht - gemäß der alltäglichen Real-Regierungsdramatik auch im Theater hauptsächlich um Politik und Inhaltsdebatten. So hat etwa der 74-jährige Antonio Negri, der für radikale, aber lösungsorientierte, kommunistische, aber demokratische Globalisierungstheorien in Prosa (Empire, Multitude) bekannt ist, in seinem ersten Theaterstück L´uomo piegato einen "gebogenen Mann" entworfen, der sich angesichts des wiederaufkommenden Faschismus verbiegt, um nicht zu zerbrechen. Er setzt das mit der Natur gleich, den Bäumen im Sturm, die in fröhlichster Leidenschaft Widerstand leisten. - Eine poetische Note, auf der das ganze Stück aufgezogen werden könnte, um ästhetisch zu wirken.

- Obwohl dieses Land sonst für seine "musische Optik" so bekannt ist, sind die Stücke insgesamt weder formal, noch sprachlich aufregend. Gian Maria Cervo (36) versucht zwar, mit seinem vollgestopften Stück L´uomo più crudele / Der grausamste Mensch quer durch Literatur, Politik, Religion und Homosexualität so etwas wie formale Neuerung, doch wird es lediglich von Intellektualität (im Sinne von Wissen, das sich auf Wissen aufbaut) dominiert, die er ironischerweise loswerden will, wenn ein Vampir unter einem Türken in Transsilvanien und quer durch sämtliche Zeitreisen von Pfählereien spricht, um am Ende bei Virginia Woolf zu scherzen: "Wann werden wir endlich aufhören, die Vergangenheit zu erfinden, um die Gegenwart zu erklären?"

Linda Ferris´ (50) erster Theatertext La conversazione folgt dem sprichwörtlichen Thementrend, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der zu früh (mit 35) gestorben ist bzw. sich umgebracht hat. Darin sagt der tote Vater zu seiner Tochter, die erwägt, es ihm wie Ophelia gleich zu tun: "Du willst wie ich sein und Kind bleiben, indem du stirbst." - Dieses Stück der Verantwortungsverweigerung wäre "gelesen" wahrscheinlich interessanter als gespielt.

Mitreißend war nur Alberto Bassettis (51) neues Stück La gabbia / Der Käfig, da auch gut gespielt und inszeniert (der viel ausgezeichnete Bassetti hat auch diese Funktionen übernommen). Es beginnt wie eine Komödie, indem ein erfolgreicher Biografienschreiber (Bassetti) im Aufzug seines tollen Hauses steckenbleibt, weil der Strom ausfällt, während ein Einbrecher (sehr witzig: Gian Luigi Pizetti) mit Taschenlampe eingedrungen ist. Doch dann wird´s unheimlich, denn der Dieb klaut gar nichts, sondern schnüffelt nur in allen Sachen herum und betreibt mit dem unter Klaustrophobie leidenden Autor ein sado-masochistisches Gewissensverhör bezüglich seines Lebens, das aus schöner Ehefrau, reizvoller Geliebter und plakativem Erfolg besteht. Am Ende will der "Eingeschlossene" nur noch nackt, frei und Gedichte-Schreiber sein, was er denn auch ist, nachdem sich herausstellt, dass der Einbrecher nur eine Geburt seines verunsicherten Geistes gewesen ist. Sprünge zwischen real-gespielter Einbildung und fiktiv-gedachter Handlung machen das Stück auch szenisch, da formal ironisch, interessant.
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Italiener Alberto Bassetti gibt Jugend und Erwachsenen einen Ausblick darauf, worauf es im Leben ankommt: Nicht auf gesellschaftlichen Erfolg, sondern auf offene, innere Nacktheit und Kreativität. - Mit formaler Ironie lustig und inhaltlich existenzialistisch. Foto: © N.N.




ALLE SUCHEN "ECHTHEIT", AUCH DER IN DER SCHWEIZ AUFGEWACHSENE TSCHECHE IGOR BAUERSIMA, IRE ENDER WALSH UND ÖSTERREICHER KARL WOZEK


Was all diesen Autoren gemeinsam ist, ist die Suche nach "Echtheit" im Sinne von Gefühl für eigene Identität und Intimität entgegen der billigen "Fakes", die von den Massenmedien, Marketern, der Gruppendynamik und der Erfolgsgesellschaft eingetrichtert werden. - Diesen Trend gibt es übrigens auch in der Musikszene bei den Jungjazzern: im März "tagen" sie im Wiener WUK bei freiem Eintritt. Und auch in inszenierter und textgelernter Form:

Der mit vier Jahren von Prag in die Schweiz emigrierte Igor Bauersima (43) trifft mit seinem norway.today, das er mit 36 geschrieben hat und gerade im Theater der Jugend läuft, auch Verhalten, Gefühle und Sprache der Jugendlichen. Ebenso wie der irische Stückeschreiber Enda Walsh (40) im - für den neu geschaffenen österreichischen Dramapreis für junges Publikum, Stella 2007, nominierten - Chatroom, das im April im Dschungel Wien zu sehen ist. In beiden Stücken chatten die Jugendlichen den ganzen Tag lang, werden so zu Eigenbrötlern und kommen möglicherweise auf dumme Gedanken. Bei Walsh geraten sechs Jugendliche als Revolutionäre sozialromantischen Heldentums in ein verhängnisvolles Spiel. Bei Bauersima treffen sich Julie (Silvia Meisterle) und August (Stefano Bernardin) auf der Klippe eines norwegischen Fjords, um sich umzubringen, einfach, um mal zu sehen, wie das so ist. Sie sind beide generell lebensmüde. Julie ist außerdem von ihrem Ex enttäuscht. Bevor es so weit ist, basteln sie aber noch an einem Abschiedsfilm für ihre Familien. Und siehe da, je ehrgeiziger sie über sich berichten und dabei etwas zu schaffen versuchen, desto eher kommt ihre Lebenslust zurück. Im Angesicht von Sternen und Natur verlieben sie sich auch noch in einander - was nicht ohne Kampf abgeht. Diesen Bogen schaffen in der Realität allerdings nicht viele, deshalb widmet Regisseur Alexander Brill den "echten" jungen Selbstmördern einen Kranz.
- Wie trist das Leben auch Österreichs Stadtjugend sieht, wird in Mödlinger Karl Wozeks (45) Stück deutlich: in Amsterdam, ebenfalls für Stella 2007 nominiert, sind Heim und Schule nur Stress, die Zukunft heißt Arbeitslosigkeit, ist damit ein finsteres Loch, was man mit Alkohol, Drogen, Gewalt und Fadesse kompensiert. Bis man zur "genialen" Idee findet, abwechselnd Gott zu spielen, was unter absolutem Gehorsam von den anderen ausgefolgt werden muß; ein Machtrausch beginnt und endet im Mord. - Lord of the Flies läßt grüßen.





Tscheche-Schweizer Igor Bauersima trifft in seinen Theaterstücken die Lebenssituation und Pop-beeinflußte Sprache der globalen Jugend. - Ein Realitätsspiegler mit hoffnungsspendender Komponente. Foto: © N.N.




Ebenso wie Ire Enda Walsh: Mit prägnanter Sprache trifft er die Gefühlslage der typisch (global-)irischen Jungen, die sich mit Glücks- und Liebesverlangen gegen soziale Kälte und gesellschaftliche Vereinsamung behaupten. Foto: © N.N.



Enda Walshs Stück Disco Pigs (UA 1996) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt und auf 36 deutschen Theatern gespielt. Igor Bauersima hat es sogar auf die Hauptbühne des Burgtheaters geschafft - sein Stück Boulevard Sevastopol ist derzeit im Akademietheater zu sehen. Überhaupt ist er seit norway.today einer der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker. - Selbst wenn er sprachlich weit weniger zu bieten hat, als etwa ein Martin Heckmanns, und formal weit weniger als ein Michal Walczak. Was er der Jugend aber schenkt, ist ein exakter Spiegel ihrer selbst, und etwas Hoffnung. Im Theater der Jugend wird er von der Jugend auch gesehen. Die neueste Strömung der intellektuellen, sprachlich absolut musischen Jungautoren wird dagegen fast lieber von den reiferen Zuschauern und Theaterkennern angenommen, was wohl daran liegt, dass sie nur in Neben- und Probebühnen gespielt werden. Eigenartigerweise schafft es dagegen das Rabenhof-Theater, die Studentenschar hausfüllend zu Wiglaf Droste zu locken. - Dabei gäbe es doch, wie aufgezählt, noch passenderes und besseres, um sich gut zu entwickeln. - Aber darum müssen sich andere Leute kümmern: Kulturelle Werbeleute zum Beispiel.


Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / politics ist Autor MARTIN HECKMANNS im O-Ton zu hören und zu lesen!

Die Kritik von Martin Heckmanns aktuellem Stück Das wundervolle Zwischending im Burgtheater-Vestibül gibts in: in www.intimacy-art.com / aKtuell / CRITIC
THEATER Das wundervolle Zwischending * Von: Martin Heckmanns * Regie: Rudolf Frey * Mit: Stefanie Dvorak, Johannes Krisch, Roland Kenda * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 15.2.2008: 20h

IN BÄLDE ERSCHEINT auf intimacy-art.com eine Follow-Up-Story zum Neuen Autorentheater, ausgehend vom Resumée über die Werkstatttage im Burgtheater, sowie die startende Saison im Schauspielhaus unter Andreas Beck
Heiße Adressen für Lesungen und Autorenentdeckungen:
www.schauspielhaus.at, www.burgtheater.at, www.volkstheater.at, www.dschungelwien.at;

; www.rabenhof.at, Literatursalon-link: www.akkordeonfestival.at

Kommende Polen-Stücke:
Showcase Polen * Klavierrecital und szeneische Lesung mit Mateusz Kolakowski, Diskussion, Gastspiele des Szaniawski Theater in Wałbrzych/Waldenburg mit Michal Walczak-Stücken * Ort: Hundsturm/Volkstheater * 15., 16.2.2008: ab 18h30