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Monday, May 28, 2007

EXTREME KUNST IST OFT GENIAL, EXTREMES LEBEN BRUTAL - SHAKESPEARE, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA

Die machtgierige Macbeth-Gattin (Heike Kretschmer) manipuliert ihren Mann zum blutrünstigen Despoten (Foto: © Nathalie Bauer/Volkstheater)


SHAKESPEARE´S "ENTWEDER-LEBEN-ODER-TOD" IN DEN HISTORIENSTÜCKEN UND "DAS DAZWISCHEN" IN DEN KOMÖDIEN. - DIE KONTRASTE ZWISCHEN HOCH UND TIEF, OBERFLÄCHLICH UND INNIG SIND MOMENTAN AUFFÄLLIG OFT IN DER KUNST ANZUTREFFEN - WIE MARIE ZIMMERMANN, EVA DICHAND, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA, UND UNSER ALLER LEBENSZIEL DAVON ABZULEITEN SIND


Weinen oder Lachen,
Qualität oder Mittelmaß,
Intensität oder Oberfläche,
Nachdenken oder Tun,
Geist oder Körper,
Kunst oder Event,
Marie Zimmermann oder Eva Dichand,
Tod oder Leben,
Entweder - Oder.
Kontrast.
Leidenschaft.

Dieser Tage ist man versucht, über die Kontrastparameter und damit den Sinn der menschlichen Existenz nachzudenken. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Es nimmt seinen Anfang bei Shakespeare und endet in der Bildenden Kunst bei Chen Zhen und Alfredo Barsuglia. "Extrem" schreits von überall her.

EVA DICHAND UND HEUTE ALS SYNONYM FÜR ANSPRUCHSLOSE KOMÖDIEN

Auf dem Weg zur grundsätzlichen Frage also, "wie bringe ich mein Leben hinüber, sodass ich am Ende sagen kann, ich bin nicht oberflächlich gewesen, habe mit Qualität gelebt und bin trotzdem nicht übergeschnappt", kreuzt Krone-Schwiegertochter-Ehefrau und U-Bahnzeitung - Heute - Herausgeberin Eva Dichand im mitternächtlichen Fernsehen des Dösenden geistige Umnachtung. Sie sagt: "Irgendwann würde ich noch gern eine Qualitätszeitung machen, jetzt mache ich Geld".

Spräche diese menschliche Hülle mit dem doch so hoffnungsvollen Vornamen nichts, wollte das Auge des Halbschlafes dank der Anhäufung an optischer Überdurchschnittlichkeit eine musische Gestalt ausmachen. Es würde gerne ausblenden, dass sie die verbalen Ergüsse entstellen. Worte, die das leibhaftiggewordene Boulevard offenbaren. Ihr Sinn hat sich in Gebaren und Sein der Frau festgefressen. Die Idee vom Qualitätsblatt kann also nur eine Ausrede sein, um den Respekt vor der eigenen, eitelkeitsdurchtränkten Würde nicht zu verlieren; denn die Alltagspraxis hat diese Person schon längst eingeholt. Fehlgeleitet durch die Unsitte österreichischer Pressemacht, mit dem "Medienmanagerpreis" ausgezeichnet worden zu sein.

Eva Dichand ist ein Mensch, der nicht täglich ums Überleben kämpft. Und auf der anderen Seite tut sie es doch: Sie muss das Terrain, das sie geprägt hat, konsequent weiter prägen. Durch sichtlich gewohnte kleingeistige Debatten und entsprechende Entscheidungen ohne philosophische Tragweite. Hier zeigt sich der ganz gewöhnliche Alltagskampf um die Materie, der vom Wesen seiner Verteidiger Besitz nimmt. Äußerlich schick und gestylt, innerlich vortäuschend ganz normal "geblieben". Ebenso gewöhnlich kann man dem aber entgegen halten: Geld macht den Menschen noch lange nicht reich. Das Tauschmittel, das die größte Variable an Projektionspotential für Besitz darstellt. Es müßte daher wie ein Kunstwerk behandelt werden. Das Werk "Geldanhäufung" müßte sich hinsichtlich Ästhetik, Innenleben, Entstehungsverlauf und gesellschaftlicher Verantwortung rechtfertigen lassen. L´Argent pour l`Argent ist insofern genauso dekadent wie L´Art pour l´Art. Und um nichts weiteres handelt es sich, wenn Zeitungen gratis wie Anzeigenprospekte verteilt werden, was sie im Grunde nur sind. Sie häufen ausschließlich Geld in Warenab- und Medienumsatz an. Genauso gut könnte man den redaktionellen Weissraum nur mit Witzen, mit Bildern oder überhaupt mit Leere füllen. Das käme aber wahrscheinlich zu wahr, um für den Leser als Selbstinszenierung noch schön zu sein. Er tut lieber so, als würde er "Nachrichten =Inhalte" lesen (, die keine sind).

Summasummarum steht Eva Dichand mit ihrem Erscheinungsbild und Produkt für das untere Mittelmaß, die Oberfläche, das Event und somit für das Lachen über die traurig-absurden Schicksale anderer. Genauso wie die klassische "Komödie". Gelängen unsere "medialen Komödien" auf eine Ebene, wie sie Shakespeare in seinen volksnahen Komödien erreichte, hätten wir als Bürger des 21. Jahrhunderts immerhin das Niveau des gesellschaftlichen Mittelstandes des 16. Jahrhunderts erreicht. Dass Shakespeare dabei noch anspruchsvoller war, als wir ihn heute auf deutschsprachigen Bühnen kennen, wo die neuzeitlichen Übersetzungen seiner Stücke von der altenglischen Hochsprache und damit vom echten Shakespeare-Witz hinsichtlich Wortschatz und -erfindungsreichtum weit abrücken, sei großzügiger Weise einmal außer Acht gelassen.

VIEL LÄRM UM NICHTS
- SHAKESPEARES KOMÖDIEN ALS BOULEVARD - GRADMESSER


Die Burgtheater-Version Viel Lärm um Nichts unter der Regie von Jan Bosse mit den zynischen Wortgefechten zwischen dem anfangs liebesfernen Benedict (umwerfend: Joachim Meyerhoff) und der widerstrebenden, geistig hochstehenden Beatrice (umwerfend: Christiane von Poelnitz) ist als Neufassung auch so beste Unterhaltung. Es gibt nichts charmanteres als wenn der egozentrisch-arrogante "Meyerhoff" mit losen Zotteln vor dem menschlichen Drang der Vereinigung kapituliert und nach 180-Grad-Gesinnungswechsel, mit Dauerwelle aufgeputzt, konstatiert: "Sie wird mich lieben. Und ich werde sie meinerseits ganz fürchterlich zurück lieben." Das, nachdem er sie sich - des Stolzes beraubt und zur "Frau" zurchtgestutzt - gestehend vorstellt: "Ich will mit Dir in einem Haus leben und für dich kochen." Selbst Unter-der-Gürtellinie-Sager, die nicht von Shakespeare stammen können, wie "Auch in einer alten Hose kann man noch eine große Gurke finden" will man als Zuschauer mit heiterem Zeitkompromiß begegnen, denn überspitzte Weissagungen und Handlungsinterpretationen gleichen das wieder aus, wie: "Bist du traurig, heirate eine Frau, irgendeine." Und da man in unseren Breiten ja auch kein Adelsgeschlecht mehr hat, ist es auch schlüssig, dass die Verwechslungsszene statt des Maskenballs auf einem grotesken Woodoo-Tanz-Event stattfindet. - So wird das Stück alles in allem also zum perfekt zynischen Abbild unseres gesellschaftsästhetischen Durchschnittsniveaus von Heute (Heute), das wohl heißt: "Back to the roots, as where we are!"

Benedict (Joachim Meyerhoff) und Berenice (Christiane von Poelnitz) streiten in Shakespeares Viel Lärm um nichts hart auf hart: also mit sehr viel Erotik (Foto © Georg Soulek/Burgtheater)

MACBETH - SHAKESPEARES HISTORIENSTÜCKE ALS EXTREME DURCH GUT UND BÖSE

Shakespeare wäre zu den Spitzfindigkeiten in seinen niveauvollen Komödien wahrscheinlich aber nicht in der Lage gewesen, hätte er zwischendurch nicht auch ernste Historienstücke verfaßt, die bereits als überlieferte "Geschichts"dokumente vorhanden waren. Seine Leistung liegt darin, die psychologischen Charaktere in Monologen und Dialogen expressiv zum Leben erweckt und transparent gemacht zu haben. Kein anderer schälte "gut und böse" in extremerer Form heraus. - Und dennoch hob es sich insgesamt am Ende auf, indem sich die Hauptfigur meist im Laufe ihres Lebens durch die korrumpierende Macht wandelt. Wie hoch das sprachliche Niveau des Ur-Shakespeare außerdem war, lässt sich ausnahmsweise der textoriginalen Volkstheater-Inszenierung Macbeth von Nuran David Calis entnehmen, einem Regisseur, der das Zeug zum ganz großen internationalen Star hat. Denn er "erlebt" seine Regie, und das ohne Hemmungen, aber dennoch mit Stil.

Seine Umsetzung ist von einer Archaik und gleichzeitig von einer Heutigkeit, wie man sie in Wien nur sehr selten findet. Und doch gerät das Stück wegen seiner Länge von fast drei Stunden und ausgerechnet wegen der kunstvollen Sprache an die Grenzen des Rezeptionsvermögens des heutigen Publikums. Woran es sich im Verlauf aber bewußt orientieren kann, sind die expressiven Bilder, die Calis archetypisch symbolreich und abermals kontrastreich aufzuladen versteht.

Durch Farb-Metaphern, wenn etwa der König (heißungsvoll gespielt von Rainer Frieb) seinen weißbemalten umstürzlerischen Mörder Macbeth im Glauben an dessen "reine" Loyalität an sich drückt, sodass die weiße Farbe auf ihn abfärbt. Ebenso wird das weiße Kleid der anfangs noch liebenden Lady Macbeth rot. Blutrot wie es die Morde sind, zu denen sie ihren immer blutrünstiger werdenden Mann anstachelt. Mit dem Höhepunkt am Schluß, dass die mordbegleitete Machtgier auch ehemalige Kriegskameraden befällt. Die Spirale des Bösen nimmnt somit ihren Lauf, wenn der Keim des Systems einmal böse angefangen hat.

Für den König (Rainer Frieb) ist Macbeth (Till Firit) zuerst noch eine Vertrauensperson, doch seine reine, weiße Haut färbt ab, wenn er ihn berührt. Des Königs tölpelhafter, am Ende größenwahnsinniger Sohn (Peter Becker) ist eifersüchtig. (Fotos: © Nathalie Bauer /Volstheater)
Macbeth (Till Firit) mit seinen Kriegskameraden (Thomas Kamper, Thomas Bauer), die später ebenso von Mord und Machtgier erfaßt werden, wie er: Das Blut zeigts.
Lady Macbeths Kleid ist nach dem Mord am König so blutbespritzt wie Macbeths Hände.
DIE NICHT-EGOZENTRE LIEBE UND SENSIBLE WAHRNEHMUNG ALS ZIEL

Emotional noch stärker wirkt die Interpretation durch die Besetzung des Macbeth durch Till Firit mit einer an-sich fragilen Ausstrahlung. Dass er sich aus Liebe manipulieren läßt, wird umso ausdrücklicher, selbst wenn er für die Leidenschaftskämpfe mit seiner Frau mehr als nur Manns genug ist. Der Satz des Literaturtheoretikers Jan Philipp Reemtsma zu den Macbeths als "innigstem Paar" Shakespeares, "das zu einem öffentlichen Unglück wird, weil es dem privaten Unglück zu entkommen trachtet", trifft diese Darstellung also exakt. Macbeth Till Firit hat dennoch bis zu seinem Tod die Aura des Opfers, während Heike Kretschmer als seine Gattin konsequent machthungrig scheint, als würde sie sich permanent dazu ermahnen, die Harte in ihrer Beziehung spielen zu müssen. Und doch kommt da die Ahnung von einer Utopie von Macht auf, die nur solange reizvoll ist, solange man sie nicht bestiegen hat. - Die gewissenhaft befragenden Selbsterkennungs- und Vorwurfsszenen sind in diesem akustisch-mitreißenden Krimi-Science-Fiction-Theaterepos von einer grenzüberschreitenden und körperlichen Intensität, wie man sie sich von dem Stoff nur erhoffen kann. Sodass man sich am Ende sagt: doch lieber gut sein als schlecht, doch lieber weniger berechnend lieben, den Partner als ihn selbst zu schätzen versuchen, also kurz: die Liebe nicht aus persönlichem Minderwertigkeitskomplex zum gesellschaftlichen Aufstieg mißbrauchen! - Selbst wenn es ein Ziel der Partnerschaft sein wird, für die Nachkommen gemeinsam eine "gewisse Qualität" an Lebensbasis aufzubauen.

Die Liebe zwischen Lady (Heike Kretschmer) und Sir Macbeth (Till Firit) wird immer leidenschaftlicher und gewaltbereit "roter" - da sie einander nicht als Mensch, sondern aus Ehrgeiz sehen.
Macbeth kurz bevor er auf seinem glücklosen Thron stirbt, um den sich sogleich andere Mörder streiten.

WENN SENSIBLE WAHRNEHMUNG IM TOD ENDET: MARIE ZIMMERMANN

Diese Qualität sowie Akzeptanz und Erkennen des Partners als er selbst, lässt sich daran schulen, wie jemand die Dinge überhaupt wahrnimmt, inwieweit er dazu bereit ist, sich aktiv und ernsthaft auseinander zu setzen. Das betrifft den Künstler wie den Zuseher. Und doch scheinen gerade jene Schaffenden, die sich bis an die Grenzen der Universalität zu befassen und auszudrücken vermögen, am eigenen Anspruch zugrunde zu gehen. Das zeigt sich aktuell und krass am Beispiel der Schauspiel-Direktorin der Wiener Festwochen Marie Zimmermann, die sich das Leben nahm, kurz bevor die Wiener Festwochen 2007 starteten. Der Zeitpunkt war von ihr - ob nun bewußt inszenatorisch oder nicht - so "gut" gewählt, dass sich der Zuschauer automatisch in den von ihr programmierten Stücken zwischen Leben und Tod mit ihrer persönlichen "Antwort" darauf zu beschäftigen beginnt. Und wieder sind es die Shakespeare-Zugänge, die dazu am meisten reizen:

LEMI PONIFASIO´S "SHAKESPEARE" -TEMPEST - STURM

Der Neuseeländer Lemi Ponifasio versetzt Shakespeares Sturm in den Kampf ums Inselrecht der Maori. Hier tanzt man selbstbewußt in ritueller Sprache: mit Zunge und expressiven Gesten (samt Tätowierung). (Fotos: © Armin Bardel/ Wiener Festwochen)

Während nun in Lemi Ponifasios Tempest - Sturm aufmüpfige Maori-Ureinwohner in Neuseeland um ihre Grundrechte und Souveränität im eigenen Land gegen die Kolonialmacht sprechen, singen und tanzen, sodass von Shakespeare tatsächlich nur noch die menschliche "Expression" und das Symbol "Insel" bzw. "Kampf um die Macht darauf" übrig bleibt, fragt man sich notgedrungen, warum jemand, dem das Leben vergleichsweise wohlwollend und privilegiert begegnete - und er sich dessen auch bewußt sein mußte -, dieses Leben einfach wegzuwerfen wagt. Eigentlich hätte die Theaterfachfrau Zimmermann in diesem Angesicht in dankbarer Demut verharren und weiterleben müssen. Im Augenblick des Stillstands, der Zäsur, dem sturmreichen Anhalten der Zeit, klagt das beschriebene Schicksal des politischen algerischen Flüchtlings Ahmed Zaoui, der in Neuseeland ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert wurde, die prinzipiell willkürliche Vorgehensweise der Engländer auf ihrer Insel an. Darauf folgt der im ganzen Gesicht tätowierte, politisch Lautstärkste der Insel, Maori Tame Iti in drei Sprechgesängen vom Raub seiner Identität, da er schon als Kind zu einem fremden Bewußtsein gezwungen worden sei. Zuerst trägt er noch einen schwarzen, westlichen Anzug. Dass er barfuß ist, zeugt jedoch sofort für Protest und Rebellion. In Ponifasios typisch expressivem Spotlight im schwarzen Raum huschen immer wieder rituell-stilisierte Trippeltänzer umher. Die Aufführung ist letztlich mit Filmeinspielungen aus Neuseeland, die die Ureinwohner neben den bewachenden Kolonialherren zeigen, nicht nur inhaltlich eindrucksvoll und expressiv, sondern auch formal. Und gerade das zeigt, dass es im aktiven Leben wohl lebenserhaltend und qualitativ bereichernd ist, wenn man weiß, gegen wen und was genau man vorzugehen hat. Das gilt für das Kunstwerk wie für jedes kleine Menschenleben dieser Erde. Nur dann fühlt sich der Mensch nicht "unwichtig" - so wie sich Marie Zimmermann vor ihrem Entschluß gefühlt haben muss.

SONJA VUKICEVIC´S SHAKESPEARE-CIRCUS ISTORIJA

Die serbische Performance Circus Istorija - Zirkus der Geschichte von Sonja Vukicevic (Regie, Bühne und Kostüme) nach ausgewählten Texten von William Shakespeare und Jan Kott brachte schließlich das "Entweder-Oder", "Leben-oder-Tod-oder?" komprimiert auf den Punkt: Es gibt nur drei eindeutige Möglichkeiten. Zitat: "Ich sterbe, du lebst, der Rest ist Schweigen.", "Ich will sterben, schlafen, träumen...". Während Shakespeares Machthaber, Könige und Königssöhne (Macbeth, Hamlet, King Lear, Othello, Richard III, Titus Andronicus) zwischen Grössenwahn und Wahnsinn in schwarz-weißen Fratzen wütend, großmaulig und lebenspessimistisch ihre Reden schwingen ("Die Liebe nährt das Böse"), fahren sie in viel zu kleinen Kinderautos herein, schlagen sie Räder, laufen sie Rollschuh, baumeln sie an Seilen. - Ihre Aktionen karikieren neben einem Clown ihre Worte, kehren sie ins Lächerliche bzw. ins Gegenteil und demonstrieren gleichzeitig, auf welchem kurzlebigen, gefährlichen Hochseilakt sie sich in ihrem Streben befinden. Doch in diesem Zirkus der Geschichte der weltlichen Macht (bzw. des Kommunismus aus Sicht der Belgrader Company) siegt am Ende dennoch die Hoffnung: Gegossen werden als lebensbejahender Ausblick kleine grüne Bäumchen, gleich der Weisheit Antoine de Saint Exupéry´s "Kleinen Prinzen" mit der Liebe zu seiner Rose auf seinem kleinen Planeten oder Voltaires "Candide": "Il faut cultiver notre chardin." (Wir müssen unseren Garten bebauen.) Was also zählt, ist das mit bestem Gewissen und Liebe zu machen, woran man gerade arbeitet. Das Ensemble selbst hat es insbesondere mit den drei erstaunlichen, akrobatisch geschulten Ballerina-Mädchen Ana Stamenkovic, Marija Grbic und Tijana Krsmanovic geschafft. - Leider ließ sich Marie Zimmermann von diesem Plädoyer auf persönlichen Einsatz im "Kleinen" nicht motivieren. Sie hat den Tod gewählt.

Die Shakespeare-Machthaber werden in Sonja Vivevics Circus Istorija (Fotos: © Vukica Mikaća) während ihrer Machtreden im Agieren - von virtuosen Ballettmädchen - umgeben konterkariert ...

.. gleichzeitig zeigt es ihre Kurzlebigkeit in einem Terrain, das zu kompliziertes Balance-Vermögen erfordert: Am Ende zählt die Demut, sich an der Pflege kleiner Bäume zu bemühen. Und das mit Hingabe!

CHEN ZHEN´S UNSCHULDIG ERLITTENE SENSIBILITÄT IM KÖRPER ALS LANDSCHAFT

Die Hingabe, sich bis zur Selbstaufzehrung zu befassen, wie es Marie Zimmermann tat, findet man auch beim bildenden Künstler Chen Zhen (geb. 13.5.1955, gest. 2000), der gerade in der Kunsthalle Wien ausgestellt ist. Allerdings in einem formalästhetisch viel höheren Ausmaß. Ob sein Leukämie-Leiden, das ihn 20 Jahre begleitete, aus dieser intensiven Art der Weltwahrnehmung entstand, oder umgekehrt, ob das Leukämie-Leiden zu seiner sensiblen Wahrnehmung und damit Kunst führte, ist schwer zu sagen. Jedes seiner Werke ist von einer religiös welterklärenden, epochalen Universalität, von einer Ernsthaftigkeit gegenüber dem eigenen Schaffen, als wäre es sein Letztes. Zärtlichkeit und Liebe, vereint mit Grundsätzlichkeit sprechen aus diesen komplexen, auf einen Punkt gebrachten, philosophischen, poetisch-schönen Werken. Allein die Skizzen der Installationen können als abgeschlossene Arbeiten durchgehen. Das Bewußtsein für die eigene, körperliche Fragilität strahlt aus den, in aus Zellendenken entwickelten hybriden Gebilden. Die inneren Abläufe im Menschenkörper sind für Chen Zhen Abbilder für die globale Welt, für des Menschen Existenz. Abläufe, die er in sich spürte. Seine letzte Arbeit Crystal Landscape of Inner Body veranschaulicht auf makabre Weise, wie intensiv und dominant sie sich in ihm aufdrängten: Er barte Organe aus Kristall auf einem Eisen-Glas-Tisch wie kostbare Schmucksteine auf. Dass er selbst indessen eines nach dem anderen mit seinem schwindenden Immunsystem aufgeben mußte, macht das Ganze zum Rührakt. Sein Blick in den Tod ist auch Purification Room (2000) zu entnehmen, ein völlig mit Lehm bedeckter Wohnraum: "ein lebendiges Grab".

In jeder seiner Arbeiten steckt die ganze Welt. So ist auch sein Bewußtsein für die Materie, für die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft ausgeprägt, die er fantasievoll, doch konkret anwendet und anspricht. Als Emigrant tangierte ihn das Zusammenleben verschiedener Kulturen, das Leben unter kommunistischer Repression. Zu diesem Thema schuf er die anspruchsvollsten Werke.

Die herzzerreißendsten entstanden jedoch in seinem letzten Lebensjahr, seinem wohl härtesten Kampf: Zuversichtlich ist noch die Installation über die Leere beim Nichtstun, die im Gegenteil für ihn zum produktiven Geistesakt wird. Cocon du Vide steht als Schmetterlingspuppe aus buddhistischen Rosenkranzperlen für das mentale Energiefeld, das ruhig verharrend heran reift, um alsbald in leichter Weisheit und voller Pracht davon zu fliegen. Und Bathroom bereitet als Symbol der Waschung, als von innen leuchtender, geräuschreich brodelnder Metallkörper für das neue Leben vor: für Chen Zhens Leben im Jenseits, und des Menschen Leben im Leben.

Der in Frankreich lebende Chinese Chen Zhen spürte seinen leidenden Körper wie kein Zweiter: Jedes seiner Werke ist von einer Ernsthaftigkeit an Universalität und Formvollendetheit: Wie Bathroom (Fotos: Stephan Wyckoff © Kunsthalle Wien 2007 und VBK Wien 2007), das er zuerst perfekt skizzierte: Es steht für die Waschung für ein neues Leben. Im selben Jahr schuf er Purification Room (oben), eine "lebendig begrabene" Lehmwohnung, bevor Zhen nach 20 Jahren Leukämie mit 45 starb.





Chen Zhen´s, Crystal Landscape of Inner Body, (Detail), 2000, (crystal, iron, glass, cm 95x70x190, View: “Field of Synergy”, Galleria Continua, San Gimignano, 2000, © Ph. Attilio Maranzano, Courtesy Galleria Continua, San Gimignano – Beijing / VBK Wien, 2007) ist seine allerletzte Arbeit: Organe aus Glas.

DIE ANSPRUCHSVOLLE MÖGLICHKEIT DES (KUNST-)LEBENS OHNE DABEI DRAUF ZU GEHEN: ALFREDO BARSUGLIA

Ein fast ebenso großes Körperbewußtsein scheint der junge Grazer Maler, Video- und Installationskünstler Alfredo Barsuglia zu haben. Und er hat eine Lösung gefunden, wie sich Intesität leben läßt, ohne von ihr aufgefressen zu werden. Er lenkt Schmerzzerreißendes aus der Geschlechtsregion einfach in Richtung Mund. Und das ist nicht nur eine Ablenkung, sondern auch wahr: Wie jeder vom Besuch beim Zahnarzt weiss, gibt es kein stärkeres Pendant zum Geschlechtsverkehr als dieses völlige Ausgeliefert-sein des Patienten gegenüber dem bohrenden und reißenden Arzt. Hinzu kommt das Fetisch schöner Zähne im alltäglichen Pflegeritual. Ensprechend intensiv liest sich also der Pressetext des Wiener MAK anläßlich Barsuglias Lesung-Video-Performance Ende Juni 2007: "Open Mouth ist ein Pornobuch, das den Zusammenhang zwischen Oral-Hygiene und Oral-Sexualität - von Barsuglia "Oderflaismus" bezeichnet - subtil und vielschichtig beschreibt. Mit Zeichnungen von sexuell stimulierenden Hilfsmitteln illustriert er seine Erörterungen zum Oderflaismus." Dieser Künstler findet demnach zu einer inhaltlichen Ablenkung und daher erträglichen Beschäftigungsmöglichkeit von Intensität. Gleichzeitig ist seine konzeptuelle, zeichnerische Umsetzung technisch hervorragend, und noch einmal um eine Nuance distanzierender ausgeführt. Was dieses Werk also auszeichnet und letztlich auch den Künstler mental und körperlich rettet, ist die Distanz durch den Humor. Wahrscheinlich wird er sich innerhalb der Kunstgeschichte zwar nicht mit einem Chen Zhen messen können, aber: er wird auf alle Fälle (gesundheitsbezogen) länger leben.

Alfredo Barsuglia hat einen Weg gefunden, die Dinge nicht so direkt erfahrbar zu machen: er spricht anstatt über Porno von Zahnpflege - allerdings perfekt und mit Hingabe gezeichnet - Steckt dahinter prinzipielle Lebensweisheit?

Ziehen wir daraus also den Schluß für unser aller "normales" Durchschnittsdasein: das Ziel muss die gehobene Komödie sein, als täglicher Zugang zum und Standard des Lebens. Abgeleitet von der Kurzmetapher: Ein Mann begegnet in einer mittelalterlichen Stadt einem Steinmetz und fragt ihn, was er tue. „Steine behauen“, sagt dieser. Kurz darauf antwortet ein Zweiter auf diese Frage: „Meine Familie ernähren.“ Ein Dritter aber sagt darauf strahlenden Auges: „Ich baue an einer Kathedrale.“ - Werden sozusagen die Steine mit bestem Wissen und Gewissen behauen, kann man sich daran erfreuen. Zur Kathedrale kommts dann vielleicht wie von selbst, und die Familie wird nebenbei auch noch (durch Geldanhäufung) ernährt. Daran sollte sich auch eine Eva Dichand ein Beispiel nehmen!


THEATER Die Rosenkriege * Vier Historiendramen von William Shakespeare * Deutsch von Albert Ostermaier und Thomas Brasch * Regie: Stephan Kimmig * Musik: Philipp Haagen * Mit: Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Dietmar König, Michael König, Johann Adam Oest, Nicholas Ofczarek, Jörg Ratjen, Martin Schwab, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 14., 21., 27., 28.9.2008: 15h
- Die Rosenkriege, 1. Teil: Zeit: 15.9.2008: 18h30
THEATER Hamlet ³ * Von: William Shakespeare * Regie: Árpád Schilling * Musik: Jörg Gollasch * Mit: Martin Schwab, Markus Meyer, Tilo Werner * Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz * Zeit: 19., 20.9.2008: 20h
THEATER König Lear * Von: William Shakespeare * Regie: Luc Bondy * Mit: Gert Voss, Birgit Minichmayr, Martin Schwab, Andrea Clausen, u.a. * Ort: Burgtheater (Co-Prod. Wiener Festwochen) * Zeit: 4.9., 5.9., 25.9., 30.9.2008: 18h30 + 7.9.2008: 17h + 3.10.2008: 18h
THEATER Sturm * Von: William Shaekespeare * Regie: Barbara Frey * Mit: Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest, Maria Happel, u.a. * Ort: Akademietheater * Zeit: 4.10.2008: 20h THEATER Viel Lärm um nichts * Von: William Shakespeare * Regie: Jan Bosse * Mit: Joachim Meyerhoff, Christiane von Poelnitz, Nicholas Ofczarek, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 6., 17.9.2008: 20h THEATER Ein Sommernachtstraum * Von: William Shakespeare * Regie: Theu Boermans * Mit: Peter Simonischek, Bibiana Zeller, u.a. * Ort: Burgtheater *: Zeit: 10., 11., 22., 29.9.2008: 19h30 + 5.10.2008: 19hTHEATER Julius Cäsar * Von: William Shakespeare * Regie: Falk Richter * Mit: Peter Simonischek, Michael Maertens, Ignaz Kirchner, Moritz Vierboom, Roland Koch, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 3., 8.4.2008: 19h30
THEATER Romeo und Julia * Von: William Shakespeare * Regie: Sebastian Hartmann * Mit: Sven Dolinski, Julia Hartmann, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 25.5.2008: 18h

THEATER Romeinse tragedies - Römische Tragödien * Coriolanus, Julius Cäsar, Antonius und Cleopatra - Eine Schauspielinstallation mit Video und Musik Komposition (Eric Sleichim) * Nach: William Shakespeare * Regie: Ivo van Hove * Produktion: Toneelgroep Amsterdam (Gastspiel im Rahmen der Wiener Festwochen)* Mit: Barry Atsma, Chris Nietvelt, Karina Smulders, u.a. * Musiker: Bl!ndman - Ward Deketalaere, Yves Goemaere, u.a. * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 6.6.2008: 18h + 7., 8.6.2008: 16h * Dauer: 6 Stunden!
THEATER Die Lears * Nach: William Shakespeare * Regie: Barbara Weber * Mit: Rahel Hubacher, Yvon Jansen, Sebastian Rudolph, Anne Ratte-Polle * Live-Musik: Michael Haves * Produktion: Hebbel am Ufer, Berlin, Theater am Neumarkt, Zürich, Wiener Festwochen * Ort: brut im Künstlerhaus * Zeit: 13.-16.6.2008: 20h
THEATER Troilus und Cressida * Von: William Shakespeare * Regie: Luk Perceval * Mit: Oliver Mallison, Julia Jentsch, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen - Münchner Kammerspiele * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 12.-17.5.2008: 19h30


AUSSTELLUNG Chen Zhen - Der Körper als Landschaft * Kurator: Gerald Matt * Ort: Kunsthalle Wien, Halle 1 * Zeit: bis 2.9.2007
LESUNG/VIDEO Alfredo Barsuglia und Open Mouth * Ort: MAK-Vortragssaal Wien * Zeit: 26.6.2007: 20h30

Friday, May 04, 2007

DA EINEM DAS LACHEN IM TV GEFRIERT, AB INS THEATER: WIE AMÜSEMENT FUNKTIONIERT


Unschlagbar komisch und durchaus TV-tauglich: Peter Paul Skrepek in seiner One-And-Only-Rolle Dr. Helmut Zilk (hier mit Hubsi Kramar = Adolf Hitler im Gespräch)


ÖSTERREICHS FERNSEHEN KOPIERT DERZEIT
IN SACHEN HUMOR, WOVON ES GLAUBT, DAS SEI DER HUMOR DER JUGEND. DABEI HANDELT ES SICH ABER NUR UM AUFGESETZTE WERBEKAMPAGNEN-ATMOSPHÄRE. ECHTE ANLEIHEN GIBT ES IM THEATER, WO TATSÄCHLICH GELACHT WIRD: BEI BRITISCHEM UND JÜDISCHEM WITZ, KLASSIKER-PSYCHO-AMÜSEMENTS WIE SCHNITZLER; VIRTUOSEN VOLKSSCHAUSPIELERN WIE MICHAEL SCHOTTENBERG, SOWIE DADA-NEUHEITEN WIE VON DOSTAL UND FRECHEN POLIT- UND GESELLSCHAFTSSATIREN WIE VON MASCHEK UND ALLEN VORAN PETER PAUL SKREPEK


Dieser Tage wird im österreichischen Fernsehen unter "Boulevard" so viel Lustiges verstanden, wie eine zu lang getragene, synthetische Turnschuhsocke riecht. Irgendwie scheinen die Macher keine wirkliche Beziehung zu dem zu haben, was sie da ununterbrochen machen. Es ist etwas Abgestandenes, Fremd-kopiertes und Pseudo-Adaptiertes, das überhaupt nicht zum inneren Wohlbefinden beiträgt, und scheint aus einer einzigen Annahme gespeist zu sein: Dass das Schlechteste für die Österreicher gerade gut genug sei.
Da wird aber die Rechnung ohne den Gast gemacht: Der sogenannte "Erfolgsgarant", etwa einer österreichisch-wienerischen Daily Soap namens Mitten im Achten, wird eifrigst boykottiert. Und zwar nicht aus Ignoranz, sondern weil es nach vierminütiger, als grottenschlecht beurteilter Prüfung einfach abgeschaltet werden muss.

UNLUSTIGES WIE IM ORF FINDET SICH AUCH IM ÖSTERREICHISCHEN THEATER, WO ES ANDERERSEITS ABER AUCH GUTEN HUMOR GIBT

Dabei ist diese Form von "Nicht-Humor" nicht einmal ein Einzelfall, sondern kommt in den besten heimischen Theaterhäusern vor. Die andererseits aber auch gelungene Beispiele von echtem Witz und Lacher hüten, der sogar "neu" ist, selbst wenn auch jener aus langer literarischer Tradition schöpft, um überhaupt zum Witz zu gelangen. Doch die Tradition allein ist kein Garant, damit der Witz dann wirklich witzt. - Witze zu verwitzeln, witzst sich eben nicht von witzt. - Witz muß gespürt sein.

Widersinnig witzig bei alledem ist nun aber die Tatsache, dass trotz Generalintendanten- und Geschäftsführerwechsel diverser Medienanstalten seit zehn bis dreißig Jahren immer dieselben Leute - nur unter anderen Posten(-Vorzeichen) für das immer selbe Programm zuständig sind. Sie müssten also das Alter haben, um die Traditionen zu kennen, und kommen dennoch nicht auf die Idee, den "echten" Witz statt jenen unlustiger, neuer (quasi amerikanisch-deutscher) Sitcomleute (z.Bsp. Rudle mit Familienanhang) zu kopieren. Irgendetwas muss da also von Grundauf falsch laufen. Ob es wohl an der Tradition des Postenschacherns liegt?

TIPP 1: ANLEIHEN VOM BRIT-HUMOR Á LA HUGH GRANT UND ROWAN ATKINSON - DURCH BRIT-AUTOREN, DIE INS ÖSTERREICHISCHE ÜBERSETZT WERDEN





Die B
riten geben vor, wie Humor "überall" funktionieren kann: mit reduzierter, trockener, selbstironischer Distanz eines "Blödels" wie Rowan Atkinson oder "Snobs" wie Hugh Grant etwa


Nun, so geben Außenstehende den zuständigen "Machern" also den Tipp: Was derzeit österreichweit an Boulevard- und damit Volksbühnen greift, ist die Anleihe am britischen Humor: Rowan Atkinson und Hugh Grant ins Österreichische übersetzt sozusagen. Das von Stefan Vögel und seinem Volkstheater in Vorarlberger Mundart übersetzte schnell-böse Ein Traum von Hochzeit nach Autor Robin Hawdon lotst seit Monaten die an-sich theatermüden Vorarlberger vor ausverkaufte Bühnen, Anfang Mai wird Stephen Sinclairs Erfolgsstück Ladies Night nachgeschossen, worin die, lediglich von einem "vorarlberger Textilbetrieb, entlassenen fünf Mitarbeiter" als Chippendales - vorarlbergerisch sprechend - über die Runden kommen. Dasselbe Stück wird ab 21. Mai auch die Wiener Bevölkerung im Theater-Center-Forum begeistern, mit den Fünfen als junge, entnervte Stripper. Humor, Musik und getanzte Erotik sind die Komponenten dieser Verzweiflungssatire. - Die Frage ist nur, wie gut und lokalspezifisch sie inszeniert wird, damit sie nicht nur peinlich und frustriert-geile-Frauen-orientiert - wie es die echten Chippendales sind - rüberkommt.





Witzig-böse-situationskomische Brit-Au
toren wie Robin Hawdon sind zur Zeit in Stefan Vögels Volkstheater in Vorarlberg auf Mundart übersetzt der Renner: hier zwei Szenen aus Ein Traum von Hochzeit, mit u.a. Dagmar Rohm (rotes Kleid) und Schweizer Philippe Roussel, die nach turbulentem Hin und Her ein Paar werden. © Vovo





Vögels näch
ste Brit-Vorarlbergerisch-Übersetzung: Ladies Night nach Stephen Sinclair: die arbeitslosen Männer stammen jetzt nur aus einem vorarlberger Textilunternehmen, die dann notgedrungen strippen © Vovo









Sinclairs Ladies Night wird auch in
Wiens Bezirkstheater Theater-Center-Forum gespielt: als fünf "junge" Arbeitslose. © theater-center-forum







TIPP 2: NIVEAUVOLLE, WIEN-HISTORISCHE KLASSIKER WIE SCHNITZLER ERFREUEN BEZIRKS-WIENER WIE REST-ÖSTERREICHER


Dass in Wien generell ein feinsinniger Geist für echte Wiener Literatur herrscht, wird ansonsten oft vergessen. Das Theater-Center-Forum pflegt auch diese Schiene: Bis 12. Mai wird noch Erotische Miniaturen von Arthur Schnitzler gegeben, vier Kurzstücke um 1900, die aber leider nur zum Teil "historisch" inszeniert sind. Doch die Mann-Frau, Herrschafts-Dienerschaftsverhältnisse versteckter Amouren und echter Gefühle kommen in aller Klarheit heraus. Das ist Wiener Volkskultur in tiefgründiger und niveauvoller Manier, wie man sie sich sehr gerne auch im Fernsehen wünschen würde. Würde sie dann noch so gut gespielt wie von Stefan Moser in den typischen Schnitzler-Männerfiguren, käme der Kasten sicher wieder ins Laufen. Nur die Frauenrollen rutschen - vor allem durch Sabine Kranzelbinder - so wie im derzeitigen Fernsehen eher ins Kärntner Provinz- und Bauerntheater.







Stefan Moser (© Stefan Moser) ist nicht nur Sänger, sondern auch ein guter Schnitzler-Darsteller im Theater Center Forum - das ist tiefenspsychologische Wiener Volkskultur von jüdis
chem Intellekt, der sich auch im Humor so passend und niveauvoll macht!







Weiteres Hi
storienstück im Psycho-Umfeld: Psychiaterin Sabina Spielrein, gespielt von Graziella Rossi im Stadttheater Walfischgasse, die zuvor Patientin bei C.G. Jung und dessen Geliebte war. (© Johannes Dietschi)


TIPP 3: JÜDISCHER INTELLEKT MIT TIEFENPSYCHOLOGIE ALS ÖSTERREICHISCHER IDENTITÄTSWITZ - STICHWORT GERHARD BRONNER, C.G. JUNG


Wiener Literatur zeichnet sich aber nicht nur im ernsten, tiefenpsychologisch orientierten Bereich durch den Intellekt eines jüdischen Denkers aus, wie es Schnitzler einer war, sondern auch in der Komödie, sprich im "echten" Kabarett. Angefangen vom "Gschupften Ferdl" eines Gerhard Bronners, der mit dem Titel 1952 (trotz vergangenem Zweiten Weltkrieg) Massen begeisterte. Von Wien bis Vorarlberg wegen der Virtuosität innerhalb des Humors! Marianne Mendt gedachte ihm kürzlich auf jazzige Art im Wiener Stadttheater Walfischgasse, das andererseits ebenfalls das Psychobedürfnis abdeckt, wenn demnächst Graziella Rossi die Geschichte von Sabina Spielrein mimen wird, Patientin und Geliebte von Garl Gustav Jung und später selbst Psychiaterin. Und tiefsinnige, nur doppelbödiger entwickelte Dramolette über "Wiener Typen" zeigt Ende Mai auch das Theater-Center-Forum von Gemma Salem.
Gerhard Bronner hat mit seinem Gschupften Ferdl schon 1952 die Österreicher von Vorarlberg bis Wien begeistert: das ist Humor mit bissig-intellektuellem Niveau.

TIPP 4: VIRTUOSE VOLKSSCHAUSPIELER WIE MICHAEL SCHOTTENBERG


Zu welch großer Leistung ein echter Wiener Volksschauspieler in der Lage ist, beweist indessen am herausragendsten der wunderbare Michael Schottenberg in Patrick Süskinds Der Kontrabass. Wo da nun genau jüdischer Witz verborgen liegt, ist schwer zu sagen, eines ist aber sicher: er ist da. Er liegt in der Selbstironie, in der bitteren Übertreibung menschlicher Schwäche und eingebildeter Hilflosigkeit, in die sich ein hochintellektueller, sensibel-eigenbrötlerischer und doch egomanischer Musiker der Wiener Philharmoniker hinein steigert. Er liegt im ernsthaft verkörperten Spiel des Michael Schottenberg, der es schlicht intus hat, wie eine Bewegung und ein Wort komisch ankommt. - Eine der schönsten und lustigsten Darbietungen in Wiener Atmosphäre, die seit langem in Wien zu sehen waren. - So stilvoll gekonnt wird qualitativ hochstehende Literatur tatsächlich massentauglich! Nicht ohne Grund sind die Bezirksstücke des Volkstheaters seit Beginn Schottenbergs Theaterintendanz so gut wie immer ausverkauft - da sie theatrales Niveau unters gemeine Volk bringen, das jenes sehr dankbar versteht(!) und goutiert.
Michael Schottenberg ist das Paradebeispiel eines Volksschauspielers höchster Qualität: in Patrick Süskinds Der Kontrabaß ist er ein egomanischer, bedauerlicher Musikbesessener, der wegen seiner Instrumentliebe zu keiner Frau kommt - da hat er eben fiktionalen Sex mit dem Kontrabaß. - So gut wie immer ausverkauft in Wiens Bezirken. (© Lalo Jodlbauer)

TIPP 5: DADA - EINE GUTE QUELLE, WENN SIE RICHTIG GENUTZT WIRD


Künstlerisch anspruchsvollen Humor speziell unters junge Volk zu mischen, birgt auch der vielverprechende Titel Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg des Salzburgers Josef Maria Krasanovsky und seiner Compagnie Luna in sich: Der Titel bezieht sich auf die Kunstströmung der 1920-er Jahre, den Dadaismus, was für den heutigen, allseits kursierenden Schwach- bis Nicht-Humor ein guter Ausgangspunkt wäre, um sich durch die prinzipielle Verneinung von allem Vorhandenen zu reinigen und zu befreien. Was diese Produktion, die bis 3. Mai ´07 im Wiener WUK lief, allerdings lediglich übernahm, war die Dada-Technik, alle Darstellungsformen zu vermischen und innerhalb nummernhafter Passagen manchen "Laut-Dialog" dem Dada-Lautgedicht zu entlehnen. Nun lag die künstlerische Leistung guter Dada-Kunst in früheren Jahren in der Virtuosität der Arrangements einzelner Unsinn-Ingredienzen - obwohl sie dem "Zufallsprinzip" entlehnt schienen -, sodass sie einen ästhetisch schönen "Klangkörper" ergaben. Textlich betrachtet etwa so:

„Bevor Dada da war, war Dada da“ (Hans Arp - Gottesbezug oder Hinweis auf Christian Morgenstern?)

Geht eine Frau um die Ecke ist die Straßenbahn weg.
Kommt die Straßenbahn um die Ecke ist die Frau weg.
Kommen beide um die Ecke ist die Ecke weg.

Warum steht ein grüner Pilz im braunen Wald? Das ist einfach, sagt der Ohrwurm, nämlich weil die Tannen zapfen!

Am Morgen rollt ein Ball entspannt um die Ecke und fällt darauf um.

Das Problem des neuzeitlichen Gemisches Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg, stellt dagegen - trotz in sich geschlossener schöner Filmteile bei recht gut getanzten Passagen und gelungenen, ernsthaften Monologen des Schauspielers Wolfgang Oliver sowie einzig echtem Witz des Türken Ibrahim Öztoplu - das "Gesamtkunstwerk" dar, indem es nur eine bessere Form des Villacher Faschings wurde. Das Ziel des künstlerischen Unsinns wird also nicht erreicht: Außerdem kippt das Ganze letztendlich ins Provinztheater-Niveau, wegen der Nebendarsteller und unlustigen Zwerg-Nummern, wie man sie eben von Stegreifbühnen am Land kennt - so lustig, dass einem der Lacher im Hals stecken bleibt.


Der Dadaismus als Befreiung von schlechten Humorsitten der heutigen Tage: der echte Dada, der in der Schweiz 1920 seinen Ausgang hatte, fand in Berlin zu seiner weltweit extremsten Form: Helmut Herzfeld, der sich später John Heartfield nannte, machte dort Anti-Kriegs-Propaganda (siehe Foto).



Johannes Theodor Baargelds Dada-Bild Das menschliche Auge und ein Fisch, letzterer versteinert, unsinnig und doch ästhetisch brillant: Baargeld oder auch Zentrodada, bürgerlich Alfred Ferdinand Gruenwald, war neben Max Ernst der zweite Gründer der Kölner Dada-Gruppe.


Neuzeitlicher-Dada-Versuch: Obwohl mit zumindest zwei guten Darstellern Wolfgang Oliver und Türke Ibrahim Öztoplu wurde das Gesamtkunstwerk Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg von Autor/Regisseur Josef Maria Krasanovsky im Wiener WUK doch eher Villacher Fasching als ein Kunstwerk

TIPP 6: EIN STILMIXER, DER NEU WIRKLICH KOMISCH IST - CHRISTOPH DOSTAL


Neuzeitlich die verschiedenen Künste besser zu verbinden, vermag es da schon Alleinunterhalter Christoph Dostal in seiner Wolf-Haas-Adaption Wie die Tiere. Während er die Theaterbesucher als Vereinsmitglieder begrüßt und dadurch ins kleinbürgerliche Alltagsleben um Augarten, Flakturm und Kinderfreibad einführt, wo er als Detektiv Brenner einem Hundemörder nachspürt, der die Viecher wegen ihres Kots mit Stecknadeln in Hundekeksen umbringt, wechselt seine Darbietung permanent zwischen Filmszene, Bewegungstheater und Monolog. Doch am Ende kommt der James-Bond-Pierce-Brosnan-Dostal - selbstbekennend im Film - doch nicht gegen den echten Brenner an: seine "Geliebte" Conny küsst lieber den Filmdarsteller Josef Hader. - Bei so viel Selbstironie, die man bei einem solchen Schönling-Helden-Darsteller wie Dostal sonst kaum antrifft, gewinnt die Inszenierung enorm an Sympathie und Gefühl von Besonderheit. - Und außerdem denkt man sich noch: Dostal würde sich zum Fernseh-Moderator eignen, den er wahrscheinlich auch noch mit Witz anreichern könnte ...
Christoph Dostal schafft es schon eher, den Mix aus Tanz, Schauspiel und Film zu einem eigenständigen, durchgehend witzigen Werk zu machen: eine neue Form von Humor und mit viel Selbstironie.

Denn Dostal schaut doch eher aus wie ein James Bond (Pierce Brosnan) als ein Brenner (Josef Hader), die Figur, die er im Theaterkabarett Wie die Tiere umsetzt. © Ingo Folie

TIPP 7: DIE FINNEN HABEN DIE TRICKFILM-POLITSATIRE, DIE ÖSTERREICHER DIE MASCHEK-KASPERLN


Ein Knüller im heimischen Unterhaltungstheater ist aber zweifellos die freche, Alltagslügen zur Wahrheit umdeutende Imitiergruppe maschek. Ihr Figuren- und Kasperltheater Beim Gusenbauer - Willkommen in der Sandkistenrepublik ist phasenweise zum Abhauen: wenn etwa der ständig saufende Bürgermeister Häupl mit ÖVP-Möchtegern-Kanzler Wilhelm Molterer in Zukunftsvisionen schwelgt. Das lockt selbst echte Politiker in den Rabenhof, sodass dann plötzlich Ex-Justizminister Böhmdorfer oder Gesundheitsministerin Kdolsky neben einem sitzen - und herzhaft lachen. Selbst wenn sie es sich vereinzelt sogar noch schärfer wünschten! - Nur die Finnen haben eine noch bessere Art der Politsatire, die als Animationsfilm wöchentlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (siehe Laura Neuvonen auf intimacy-art.com / metanews / talents) unter dem Titel The Autocrats läuft, der Quotenhit des nordischen Fortschrittslandes. Und weiss man, was für großartige und witzige Filme einer der mascheks, der sehr musikalische Peter Hörmanseder (Buch und Molterer-Stimme), in seiner Studienzeit kreierte, würde man ihn gleich beauftragen, Ähnliches fürs Fernsehen zu produzieren ... Aber leider liegt das nicht in unserem Entscheidungsbereich.
maschek ist momentan wahrscheinlich der Lachknüller überhaupt: mit Österreichs Politikern als Kasperln - frech und ehrlich. - Das könnte man sich auch als Trickfilm vorstellen, wie es die Finnen seit langem haben! © Rita Newman, Puppen: Haderer/Heigl

TIPP 8: UNSCHLAGBAR ANARCHISCH UND AUTHENTISCH: PETER PAUL SKREPEK ALS WIENS ALTBÜRGERMEISTER HELMUT ZILK


Herausragend tiefgehend rührend komisch ist schließlich der Multitalent-Musiker Peter Paul Skrepek in seiner “One-And-Only-Rolle” als Altbürgermeister Dr. Helmut Zilk. Fast könnte man sagen, dass diese Figur so etwas wie sein Alter Ego ist, denn er macht aus dem 2008 verstorbenen Original seit zwanzig Jahren seine ganz persönliche, philosophische Interpretation, und ist ihm dabei dennoch zum Verwechseln ähnlich. Entsprechend sind die persiflierenden TV-Gesprächsprogramme, die er theatral meist mit dem in wechselnden Figuren auftretenden Co-Partner Hubsi Kramar (etwa als Adolf Hitler oder Jesus) bestreitet: das ist so schräg, und schlicht und ergreifend so geschmackvoll anarchisch, dass man einfach hingehen muss, wo immer auch der Mann auftritt. - Besser als die derzeit (Juni 2011) im Fernsehen einzig Lustigen Stermann und Grissemann, besser als Palfrader und Co. Ein absolut treffendes Zerrbild unserer politischen, gesellschaftlichen und kulturhistorischen Gegenwart, eine einscheidende Begegnung für die gesamte intimacy: art-Redaktion! Also: wann immer dieser Mann im Rabenhof, Kabarett Simpl, Anatomietheater, etc. auftritt: unbedingt hingehen!

GENERALTIPP: HUMOR BEDARF DER DISTANZ, DES INTELLEKTS und DER VIRTUOSITÄT


Das Geheimrezept für Humor darf also nicht sein, "think commercial-local, act local", sondern funktioniert nach dem Prinzip "think artistic-global, act local". Denn der Lokalbürger ist längst nicht so "doof", unpersönlich und geschmacklos wie viele "scheiternde Macher" glauben. Dabei muß mit Virtuosität und Stil ein Gedanke geformt werden, der die historische (Humor-)Dimension des (Kultur-)Landes berücksichtigt. Die Zauberworte heißen daher Distanz und Ironie und nicht "Annahme eines scheinbar Markenprodukt geprägten Werbespot-Jugendhumors, den die Macher gar nicht teilen" - das kann ja nur unglaubwürdig und konstruiert aufgesetzt rüberkommen.
Generell immer wieder Unterhaltungsstücke in Wien über www.volkstheater.at und in Salzburg über: www.argekultur.at

+ BESONDERS ZU EMPFEHLEN:
ZILK-HITLER-Aufführung (NDK-Vorläufer - Kritiken zu Peter Paul Skrepeks neu interpretiertes Ur-Stück Überlebenskünstler mit Hubsi Kramar über link und seinen Zilk-Parodien über den link und link):
KABARETT-SATIRE Überlebenskünstler * Von: Peter Paul Skrepek * Mit: Peter Paul Skrepek (Zilk), Hubsi Kramar (als Adolf Hitler) * Ort: Theater im Rabenhof * Zeit: 1., 5.10. + 2.11.2008: 20h, siehe www.rabenhof.at

THEATER MÄNNER FÜRS GROBE * Von und mit: Florian Scheuba und Robert Palfrader * Regie: Rupert Henning * Ort: Rabenhof * Zeit: 21., 22., 24., 28. - 30.10. + 6. - 9., 12. - 15., 23. - 25.11 + 5. - 7., 12. - 14.12.2008: 20h über: www.rabenhof.at
THEATER MASCHEK.REDET.DRÜBER * 10 Jahre maschek * Von und mit: maschek (Peter Hörmanseder, Ulrich Salamun, Robert Stachel) * Ort: Rabenhoftheater * Zeit: 28.- 30.9., 12.- 14.10., 3.- 5.11., 1.12.2008: 20h + mehr über www.rabenhof.at
Weitere Adressen (links bzw. Orte) mit Niveau oder Lachgarantie:
www.stadttheater.org +
Theater-Center-Forum, Wien + www.vovo.at + Vienna´s English Theatre, Josefgasse 12, 1080 Wien + Kabarett Niedermair (Wien)

Monday, February 19, 2007

INTELLEKTUELLENFIEBER - NEUE AUTOREN SUCHEN ECHTES, NÄHE, VERANTWORTUNG: MARTIN HECKMANNS BIS MICHAL WALCZAK


August (Stefano Bernardin) und Julie (Silvia Meisterle) sind in Igor Bauersimas norway.today zwei lebensmüde Jugendliche, die sich auf einem Berg das Leben nehmen wollen. Doch dann kommt es anders ... Foto: © Theater der Jugend

INTERESSANTE NEUE AUTOREN AUS ALLER WELT WERDEN IMMER HÄUFIGER ZU (SZENISCHEN) LESUNGEN GELADEN. UND DIE JUGEND INTERESSIERT SICH VERMEHRT FÜR LESUNGEN. DAHINTER VERBIRGT SICH EIN AUFRICHTIGER HUNGER NACH INTELLEKTUALITÄT, ECHTHEIT UND VERANTWORTUNG. DENN VON DER UNPERSÖNLICH-OBERFLÄCHLICHEN MASSENKULTUR HAT DIE JUGEND DIE NASE VOLL. DAS ZEIGT SICH AUCH IN DER MUSIK. - EINIGE DER ZULETZT BESTEN IDENTITÄTSSTIFTER

Wach und neugierig ist das Interesse an jungen Autoren. Auch in Wien. Die österreichischen Theater befriedigen das selten mit Aufführungen auf großen bzw. Hauptbühnen, immer öfter aber - wenigstens - mit Autorenlesungen. So kommt man nicht nur den Autorentexten, sondern auch der authentischen Stimmung, die hinter all dem Geschriebenen liegt, nahe. - Eine Erfahrung, die mit nichts Inszeniertem vergleichbar sein kann, das immer auch die Eigenschaft der "Unterhaltung" enthält. Ein Schreiber zielt mit seiner spitzen Wortwahl und seiner Persönlichkeit direkt in Herz und Hirn. Nämlich dann, wenn seine Lesung so wirkt, als würde man einen anregend nachdenklichen Menschen persönlich und ganz nah kennenlernen, den man eigentlich für diese Intensität seit Jahren kennen müßte.

Besonders spannend sind fremdländische "neue" Autoren, die in Österreich gespielt werden oder Station machen. Sie sind auch in Form von szenischen Lesungen interessant. Dabei fällt auf: Es gibt Themen und Stile, die global gelagert sind und die gesamte junge Gesellschaft betreffen, solche, die speziell durch ihr Lokalkolorit auffallen, und jene, die dichterisch-musikalische Qualitäten aufweisen - die anspruchvollste und anmutigste Art. Dass es so etwas überhaupt gibt, erstaunt im Segment "Jungautoren". Denn es möchten sich tatsächlich, trotz vorherrschender Banalität und Schablonenformate der Massenkultur, immer mehr jugendliche Intellektuelle ihre eigene Ästhetik entwickeln. - Das macht zuversichtlich für die kulturelle Zukunft und freut alle, die die Massenabspeisung via Fernsehen, Blockbuster-Kino und Events nicht mehr aushalten.

MARTIN HECKMANNS, WIGLAF DROSTE UND KATHRIN RÖGGLA AUS BERLIN

Es mag eine Berliner Mode sein, dass Autoren bei ihren Lesungen singen oder musizieren. Verglichen zu der Schreibe war das sowohl beim vielfach ausgezeichneten und derzeit überall gespielten Martin Heckmanns (35) im Burgtheater-Vestibül, als auch bei Wiglaf Droste (45) im Wiener Rabenhof eher "nur lieb" als eine künstlerische Sensationsdarbietung. Heckmanns singt gitarrespielend wohl besser als Droste, während Droste wieder der "bessere" (Selbst)darsteller ist. Bei beiden macht das überraschenderweise aber Sinn, denn es paßt atmosphärisch exakt zur jeweiligen Art des Dichtens. Zudem sind Heckmanns´ textlich beschriebene, unsichere Hauptfiguren keine "Selbstdarsteller", sondern fragile, das Leben intensiv wahrnehmende und hinterfragende Beobachter, die dadurch immer mehr an Stärke gewinnen: in schöner, reflexiver Sprache, die manchmal auch hart und zynisch werden kann. Der widersprüchliche Eindruck macht Worte und Mann (sprich Autor) am Ende sexy. Ernsthaft sexy, sodass der Zuschauer beidem vertrauen will: Ganz besonders, wenn Heckmanns (seine) Liebesgefühle beschreibt, wie im inneren Monolog Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren, während sich (s)ein schüchterner Jüngling überlegt, wie er sich einer selbstbewußten Frau annähern soll. Den Reim, "zwei Menschen bilden einen Kreis, von dem nur weiß, der darin kreist", singt er lediglich sich selbst vor, statt "ihr". Aber auch dem Zuschauer. Das bindet. Wenn Heckmanns über die Dimensionen des Hautkontakts philosophiert, der im Intimen so wichtig, beruflich so unangenehm ist... Im Monolog Das offene Fenster oder Von der Abwesenheit beschreibt der Autor den Verlust eines geliebten Menschen, der sich das Leben nahm. Die Intimität seiner ungewöhnlichen Bilder läßt den Zuhörer augenblicklich an seine eigenen, ähnlich gelagerten Erfahrungen von "Verlust" denken. Nämlich dann, wenn diese Trauer die Färbung einer poetischen Liebkosung annimmt: "Früher war dein Körper drahtig und fest, jetzt verschwimmst du." Oder trocken morbid: "Einen Toten zu kennen, bereichert mein Leben." Worum es bei alledem im Grunde immer geht, ist das wahrhafte Gefühl, das aus dem Subtext strahlt.
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Berliner Martin Heckmanns ist ein sensibel-intellektueller Dichter mit Hang zur Romantik: seine Wortwahl lebt von Poesie und Unkonventionaliät, sie ist eine Metasprache, deren emotionale Kraft die Aussage ist. Sehr eigenständig, sehr spannend. Foto: © Elfi Oberhuber

Droste hingegen ist ein Meister der sprachspielenden Pointen-Spicke. In Prosa. Er entspricht daher eher der äußeren, lauten, konventionellen Art von "männlichem Sexappeal". Nachdem er sich über mediale Erfolgsmenschen und ihre billigen Tricks, über Sitten des Kleinbürgertums und über Marketingstrategien lustig gemacht hat, schlägt er noch ein Rad, was seinen Spott darüber verdoppelt und ihn subtil auch auf das anwesende Publikum überträgt. Offensichtlich äugt er mißtrauisch darauf, als würde den allgemein Sensationslüsternen sein Text nicht genügen. Obwohl er es phasenweise tut: Wenn Droste etwa die sich von einem Dorffest auf dem Heimweg befindenden, "kotzenden Ex-DDR-ler" beschreibt, für die das Erbrechen ebenso zum alljährlichen Ritual gehört wie das Fest selbst. Das alles mit dem Existenzialismus eines Camus gleichgesetzt, bekommt die Note einer außenseiterischen Überheblichkeit, die aber so gewinnend ist, dass der Zuhörer all seine innewohnende Bösartigkeit filtert und sie als herzhaften Lacher ausspucken muß. Gleich einem Cartoonisten entwickelt Droste seine Bilder. So sehen etwa die in Mode gekommenen Biker (Radfahrer) im Partnerlook seiner Ansicht nach in ihren Stretchanzügen mit Helmen wie ein Paar Bockwürste aus. Wenn allerdings beispielsweise die Radler ein Radler trinken, begibt sich Droste in Gefahr, platt zu klingen. So platt, wie für manchen auch seine nachgesungenen Country- und Dean-Martin-Songs, seine geschlagenen Räder sein mögen, die in der Hitze seines offensichtlichen Geltungsbedürfnisses "noch dazu" gegeben werden müssen. Und das, wo er doch andauernd zu beweisen versucht, dass er der verdientere Star als die Langlebens-Selbstvermarkter Franz "Pflanz" Beckenbauer und Reinhold Messner sei. Zweiterem gibt er sogar noch folgenden Tipp, da er - wie in seinem Buch beschrieben - via Sandmarsch "der Leere des Nichts entfliehen" wolle: "Wozu in die Wüste Gobi schreiten, wenn das Doofe liegt so nah?" - Trotz dieses anspruchslosen Gags muß man es dem grotesk-schreibenden "Zirkusartisten" und "Sänger" Droste dann aber doch lassen: Er ist zumindest der verdientere "Künstler" als die Leute, über die er schreibt. Etwa, wenn er den Vatikan Flaschen drehen läßt, um den Papst zu wählen, wenn sein Bär-Terrorist Bruno nicht in die Talkshow gehen kann, um sein mediales Image wieder aufzubessern und seinen Abschuß zu verhindern, oder wenn die Menschen zu Weihnachten "ungefickt" mit dem Zug zu Muddi fahren. - Der Mann besitzt auf alle Fälle artikulativen Mumm.
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Berliner Wiglaf Droste liebt es zu provozieren. Seine Sprache lebt durch Pointen, Cartoon-hafte Beschreibungen und Bissigkeit. Ziemlich böse, manchmal auch platt. Foto: © Nikolaus Geyer



Enttäuschend war die Lesung Kathrin Rögglas (35) im Wiener Tanzquartier. Vor allem inhaltlich. Sie leitete im Essay Die Rückkehr der Körperfresser vom
heute langweilig und Schema-F abgespulten "Hollywood-Katastrophenfilm" sowie von der sensationslüsternen "TV-Katastrophen-Nachricht" auf die "viel spannendere Theaterwelt" über, wo derzeit das für sie begehrenswerte Gefühl der "Unheimlichkeit" besser getroffen würde. Während sie also wie eine brave Publizistik-Studentin Susan Sontag, Marshall McLuhan, Jean Baudrillard zitierte - deren bekannte Gedanken noch am spannendsten waren, indem sie von der Wirkung des Katastrophen-Spektakels auf den Rezipienten ausgingen -, meinte Röggla, dass der Katastrophenfilm enttäuschender Weise keinen Ort der Optionen mehr böte, nicht mehr auf untergründige Weise zu erstaunen vermöge, das Theater dank origineller Erzähl- und Umsetzungsformen aber schon. - Was sollte das aber dann sein, wovon sie da spricht? Ein Katastrophentheater? - Rögglas holpriger Rückschluß liegt nicht nur darin, dass sie von der Film-Rezipientensicht auf jene des Theatermachers springt, und das als ident hinstellt, sondern dass sie auch noch von einem Filmgenre auf das ganze Theater schließt. Abgesehen davon, dass eine Vielzahl der Hollywoodfilme als Stoff zuerst überhaupt im Theater entdeckt werden. Und dass neue Independent-Filme sehr wohl - da formal experimentierfreudig - das Zuschauergefühl der "Unheimlichkeit" wecken und damit eher mit dem experimentellen, neuen Theater zu vergleichen wären. Das war also ein oberflächlicher, unreflektierter Gedankengang. Oder schlicht ein Indiz dafür, dass da eine nicht mehr ganz junge Frau - die ja erst seit 2002 auch fürs Theater schreibt - endlich das Theater entdeckt hat, wozu sie (noch) andere animieren will.
Da die gebürtige Salzburgerin und seit 1992 in Berlin lebende Röggla aber schon so viele Preise gewonnen hat, wollten wir wissen, ob die für ihre "Sozialkritik", formale "Stadt- und Textarchitektur" sowie das "Insistieren auf eigene Ästhetik" bekannte Autorin in Prosa mehr zu bieten hätte: Sie hat. Etwa im Satz: "nicht aufhören, sich zu bewegen, sonst wird man beton. und so laufe ich und laufe und während ich laufe, fällt es mir endlich auf: ich laufe und laufe nicht rückwärts, doch fühlt es sich gerade so an." Auch wenn Röggla für manchen Geschmack selbst in diesem Genre zu viele Bilder assoziiert. Für ein derartiges Zitat ist uns der Platz hier aber zu schade.
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Die in Berlin lebende Salzburgerin, Kathrin Röggla, findet zu überraschenden Sätzen, assoziiert bei diesem Vorhaben manchmal aber auch zu viel, sodass ihr Gedanke dann oberflächlich wird. - Das Essay-Schreiben sollte sie gerade deshalb eher bleiben lassen. Foto: © N.N.




SZYMON WROBLEWSKI UND MICHAL WALCZAK AUS POLEN

Im polnischen Dramenschreiber Szymon Wroblewski (24) hat die EU offensichtlich Einzug gehalten. In seinem Stück Puzzle,das mit dem 1. Preis des wichtigsten polnischen Festivals für zeitgenössische Dramatik baz@art ausgezeichnet wurde, kämpft die Jugend mit dem Kontrast von Familientradition und globaler Beziehungsbrüchigkeit. Selbst die Ehe der "Alten" ist am Ende, indem der Ehemann mit der jungen Krystyna eine Affaire hat. Die Jungen treffen sich indessen bei regelmäßigen Technoparties, wo Krystyna zusätzlich mit ihrem jugendlichen Ex-Freund kokettiert, sowie auch mit einem Jungen, der möglicherweise ihr Parallelfreund ist oder werden könnte. Unter Drogenangebot und Handyabhängigkeit suchen sie den Halt, den sie im früheren Beziehungsernst pflegten, der aber nicht mehr "in" zu sein scheint. So stolpern sie unschuldig, aber unterschwellig bitter, verhaltensmäßig cool, und doch mit Mißtrauen durch fragwürdige Kurzaffairen, wobei anfangs und am Ende des Stücks die Hoffnung auf Kai und seine Stiefschwester aus dem Märchen Die Schneekönigin bleibt, worin die Liebenden "ewig" zusammen zu bleiben schwören. - Die Religiosität der Polen strahlt hier inhaltlich klar durch. Leider hat aber der dramatische Stil ansonsten sämtlichen polnischen Konnex verloren. Die an die Popkultur gebundene Erzählweise könnte von überhall her stammen, nur dass hier eine Jugend über ein Problem nachdenkt, das bei uns schon vor zwanzig Jahren diskutiert wurde.
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Szymon Wroblewski ist ein junger Pole, der bereits EU-konform sozialisiert ist. Und dennoch hat er Sehnsucht nach Halt und Beständigkeit: vor allem in der Beziehung.
Konventionell jugend-globale Sprache. Foto: © Polnisches Institut Wien


Stilistisch origineller ist da schon das mit dem Europäischen Autorenpreis 2006 ausgezeichnete Stück von Michal Walczak (27) Das erste Mal, das wie Puzzle im Volkstheater-Hundsturm als szenische Lesung mit Schauspielern aufgeführt wurde. Im Loop-Charakter wiederholt sich in leichter Abwandlung ständig dieselbe Szene, die aber nie zuende gespielt wird, wobei sich später heraus stellt, dass das zwischen dem darin vorkommenden Pärchen vorher so ausgemacht wurde. Die Wiederholungen sollen dazu dienen, die von ihrem Ex-Freund enttäuschte junge Frau sexuell wieder aufnahmefähig zu machen, bis ihr Vertrauen wieder aufgebaut ist und sie zum Sex bereit sein kann. Der Wiederholungsmechanismus spitzt sich so weit zu, dass sich der junge, behutsame Mann völlig zum Narren macht. Erst, als er wie ein Wilder über sie herfällt, kommt es zum besagten "Ersten Mal". Und von dieser Macho-Wildheit ist sie nun - tja, so widersprüchlich sind die Frauen - hellauf begeistert. Allerdings meint nur er, dass das ihr erstes Mal gewesen sei. Denn das dabei entstandene Kind, das er in einem Wahnsinnsanfall ermordet sieht, stammt nicht von ihm, sondern von seinem "Vorgänger", den das Mädchen tatsächlich immer nur liebte. - Ein skurriler Albtraum gleich einem frühen Roman-Polanski-Film, was wiederum auf die surreale Groteskentradition eines Witold Gombrowicz zurück zu führen ist. Ein ungemein unterhaltsames Stück, das mit dichterischem Eigenprofil eine künstlerisch hochwertige Bereicherung für die globale Theaterszene ist. Eigenartig ist nur, wie schon im vorher beschriebenen Stück: die alt-religiöse Wertverdrossenheit hinsichtlich des "ersten Mals", das bei den Polen anscheindend noch so einen "frauendiskriminierenden" Beigeschmack hat, wie in der österreichischen Gesellschaft in den 60er Jahren. Selbst unter der fortschrittlichen Jugend!
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Michal Walczak schöpft in seiner Schreibe aus der polnischen Tradition der surrealen Groteske und Ohnmachtskonstellation. - Extrem hochwertig, extrem lustig! Foto: © Polnisches Institut Wien


GILLES GRANOUILLET WURDE SEHR TREFFEND ALS FRANKREICH-REPRÄSENTANT AUSGEWÄHLT

Das im Rahmen des Übersetzungsprojekts Trames von der Comédie in Saint-Etienne und von Bettina Arlt übersetzte Stück Der Tag als Mama auf den Leuchtturm stieg / Ma mère qUi chantait sur un phare ist formal genreübergreifend und poetisch-psychologisch ein sehr anregendes Werk des Franzosen Gilles Granouillet (44). Er streift - wie ebenfalls in einer szenischen Lesung im Hundsturm zu sehen war - in erzählerischen Sprüngen parallel laufender Rückblenden und verschiedener Sichtweisen eines Geschehens den Film sowie die Monolog-Technik in der Literatur und verpackt das zu einer tiefgründig berührenden und reflexiven Theatererzählung über das Erwachsenwerden zweier Jungen geschiedener Eltern. Der typisch Ältere der Beiden, Marzeille, hat seinen Vater noch - ihn als Kind nachahmend - in Erinnerung, der tpyisch Kleinere, Perpignan, hat ihn nie kennengelernt, weshalb er ihn mit "Gott" verwechselt. Die Burschen rennen Frösche-quälend mit ein paar jungen Welpen im Sack und deren Hunde-Mutter durch die Gegend und erwischen die Frau eines Baggerfahrers beim Seitensprung - von der man so etwas nie glauben würde. Währenddessen sinniert der Baggerfahrer der sexy "Blondine" von damals nach, der alle nachrannten, Marzeilles und Perpignans Mutter, die - ebenso ungeahnt - von ihrem Mann verlassen wurde. Zitat: "Die Getäuschten werden scheu und zurückgezogen, die anderen sind immer fröhlich und offen." - Wie es dazu kam, erzählt später das Phantom des Vaters während einer symbolischen Bootsfahrt, wo er die Mutter ertrinken läßt. Am Ende bleibt den beiden Jungen als einzige Gallionsfigur in ihrem Leben die Mutter am Leuchtturm. - Also auch aus Frankreich kommt der traurige Hinweis auf die Kurzlebigkeit von Partnerschaften, wobei diese Schilderung eine sehr sensible, Charakterinnerlichkeiten treffende Note hat. Poetisch, sehr schön.









Franzose Gilles Granouillet erzählt aus mehreren Perspektiven und in filmischen Rückblenden vom Erwachsen-Werden in zerrüttetem Elternhaus. - Sehr sensibel, monologreich und deshalb psychologisch anregend Foto: © N.N.


AUS ITALIEN. ALBERTO BASSETTI BESTICHT GEGEN NEGRI, CERVO, FERRI


Italiens junges Drama kreist - wie beim italienischen Wochenende der Dramatik im Kasino am Schwarzenbergplatz / Burgtheater Anfang März auf einfachste Inszenierungsweise veranschaulicht - gemäß der alltäglichen Real-Regierungsdramatik auch im Theater hauptsächlich um Politik und Inhaltsdebatten. So hat etwa der 74-jährige Antonio Negri, der für radikale, aber lösungsorientierte, kommunistische, aber demokratische Globalisierungstheorien in Prosa (Empire, Multitude) bekannt ist, in seinem ersten Theaterstück L´uomo piegato einen "gebogenen Mann" entworfen, der sich angesichts des wiederaufkommenden Faschismus verbiegt, um nicht zu zerbrechen. Er setzt das mit der Natur gleich, den Bäumen im Sturm, die in fröhlichster Leidenschaft Widerstand leisten. - Eine poetische Note, auf der das ganze Stück aufgezogen werden könnte, um ästhetisch zu wirken.

- Obwohl dieses Land sonst für seine "musische Optik" so bekannt ist, sind die Stücke insgesamt weder formal, noch sprachlich aufregend. Gian Maria Cervo (36) versucht zwar, mit seinem vollgestopften Stück L´uomo più crudele / Der grausamste Mensch quer durch Literatur, Politik, Religion und Homosexualität so etwas wie formale Neuerung, doch wird es lediglich von Intellektualität (im Sinne von Wissen, das sich auf Wissen aufbaut) dominiert, die er ironischerweise loswerden will, wenn ein Vampir unter einem Türken in Transsilvanien und quer durch sämtliche Zeitreisen von Pfählereien spricht, um am Ende bei Virginia Woolf zu scherzen: "Wann werden wir endlich aufhören, die Vergangenheit zu erfinden, um die Gegenwart zu erklären?"

Linda Ferris´ (50) erster Theatertext La conversazione folgt dem sprichwörtlichen Thementrend, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der zu früh (mit 35) gestorben ist bzw. sich umgebracht hat. Darin sagt der tote Vater zu seiner Tochter, die erwägt, es ihm wie Ophelia gleich zu tun: "Du willst wie ich sein und Kind bleiben, indem du stirbst." - Dieses Stück der Verantwortungsverweigerung wäre "gelesen" wahrscheinlich interessanter als gespielt.

Mitreißend war nur Alberto Bassettis (51) neues Stück La gabbia / Der Käfig, da auch gut gespielt und inszeniert (der viel ausgezeichnete Bassetti hat auch diese Funktionen übernommen). Es beginnt wie eine Komödie, indem ein erfolgreicher Biografienschreiber (Bassetti) im Aufzug seines tollen Hauses steckenbleibt, weil der Strom ausfällt, während ein Einbrecher (sehr witzig: Gian Luigi Pizetti) mit Taschenlampe eingedrungen ist. Doch dann wird´s unheimlich, denn der Dieb klaut gar nichts, sondern schnüffelt nur in allen Sachen herum und betreibt mit dem unter Klaustrophobie leidenden Autor ein sado-masochistisches Gewissensverhör bezüglich seines Lebens, das aus schöner Ehefrau, reizvoller Geliebter und plakativem Erfolg besteht. Am Ende will der "Eingeschlossene" nur noch nackt, frei und Gedichte-Schreiber sein, was er denn auch ist, nachdem sich herausstellt, dass der Einbrecher nur eine Geburt seines verunsicherten Geistes gewesen ist. Sprünge zwischen real-gespielter Einbildung und fiktiv-gedachter Handlung machen das Stück auch szenisch, da formal ironisch, interessant.
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Italiener Alberto Bassetti gibt Jugend und Erwachsenen einen Ausblick darauf, worauf es im Leben ankommt: Nicht auf gesellschaftlichen Erfolg, sondern auf offene, innere Nacktheit und Kreativität. - Mit formaler Ironie lustig und inhaltlich existenzialistisch. Foto: © N.N.




ALLE SUCHEN "ECHTHEIT", AUCH DER IN DER SCHWEIZ AUFGEWACHSENE TSCHECHE IGOR BAUERSIMA, IRE ENDER WALSH UND ÖSTERREICHER KARL WOZEK


Was all diesen Autoren gemeinsam ist, ist die Suche nach "Echtheit" im Sinne von Gefühl für eigene Identität und Intimität entgegen der billigen "Fakes", die von den Massenmedien, Marketern, der Gruppendynamik und der Erfolgsgesellschaft eingetrichtert werden. - Diesen Trend gibt es übrigens auch in der Musikszene bei den Jungjazzern: im März "tagen" sie im Wiener WUK bei freiem Eintritt. Und auch in inszenierter und textgelernter Form:

Der mit vier Jahren von Prag in die Schweiz emigrierte Igor Bauersima (43) trifft mit seinem norway.today, das er mit 36 geschrieben hat und gerade im Theater der Jugend läuft, auch Verhalten, Gefühle und Sprache der Jugendlichen. Ebenso wie der irische Stückeschreiber Enda Walsh (40) im - für den neu geschaffenen österreichischen Dramapreis für junges Publikum, Stella 2007, nominierten - Chatroom, das im April im Dschungel Wien zu sehen ist. In beiden Stücken chatten die Jugendlichen den ganzen Tag lang, werden so zu Eigenbrötlern und kommen möglicherweise auf dumme Gedanken. Bei Walsh geraten sechs Jugendliche als Revolutionäre sozialromantischen Heldentums in ein verhängnisvolles Spiel. Bei Bauersima treffen sich Julie (Silvia Meisterle) und August (Stefano Bernardin) auf der Klippe eines norwegischen Fjords, um sich umzubringen, einfach, um mal zu sehen, wie das so ist. Sie sind beide generell lebensmüde. Julie ist außerdem von ihrem Ex enttäuscht. Bevor es so weit ist, basteln sie aber noch an einem Abschiedsfilm für ihre Familien. Und siehe da, je ehrgeiziger sie über sich berichten und dabei etwas zu schaffen versuchen, desto eher kommt ihre Lebenslust zurück. Im Angesicht von Sternen und Natur verlieben sie sich auch noch in einander - was nicht ohne Kampf abgeht. Diesen Bogen schaffen in der Realität allerdings nicht viele, deshalb widmet Regisseur Alexander Brill den "echten" jungen Selbstmördern einen Kranz.
- Wie trist das Leben auch Österreichs Stadtjugend sieht, wird in Mödlinger Karl Wozeks (45) Stück deutlich: in Amsterdam, ebenfalls für Stella 2007 nominiert, sind Heim und Schule nur Stress, die Zukunft heißt Arbeitslosigkeit, ist damit ein finsteres Loch, was man mit Alkohol, Drogen, Gewalt und Fadesse kompensiert. Bis man zur "genialen" Idee findet, abwechselnd Gott zu spielen, was unter absolutem Gehorsam von den anderen ausgefolgt werden muß; ein Machtrausch beginnt und endet im Mord. - Lord of the Flies läßt grüßen.





Tscheche-Schweizer Igor Bauersima trifft in seinen Theaterstücken die Lebenssituation und Pop-beeinflußte Sprache der globalen Jugend. - Ein Realitätsspiegler mit hoffnungsspendender Komponente. Foto: © N.N.




Ebenso wie Ire Enda Walsh: Mit prägnanter Sprache trifft er die Gefühlslage der typisch (global-)irischen Jungen, die sich mit Glücks- und Liebesverlangen gegen soziale Kälte und gesellschaftliche Vereinsamung behaupten. Foto: © N.N.



Enda Walshs Stück Disco Pigs (UA 1996) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt und auf 36 deutschen Theatern gespielt. Igor Bauersima hat es sogar auf die Hauptbühne des Burgtheaters geschafft - sein Stück Boulevard Sevastopol ist derzeit im Akademietheater zu sehen. Überhaupt ist er seit norway.today einer der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker. - Selbst wenn er sprachlich weit weniger zu bieten hat, als etwa ein Martin Heckmanns, und formal weit weniger als ein Michal Walczak. Was er der Jugend aber schenkt, ist ein exakter Spiegel ihrer selbst, und etwas Hoffnung. Im Theater der Jugend wird er von der Jugend auch gesehen. Die neueste Strömung der intellektuellen, sprachlich absolut musischen Jungautoren wird dagegen fast lieber von den reiferen Zuschauern und Theaterkennern angenommen, was wohl daran liegt, dass sie nur in Neben- und Probebühnen gespielt werden. Eigenartigerweise schafft es dagegen das Rabenhof-Theater, die Studentenschar hausfüllend zu Wiglaf Droste zu locken. - Dabei gäbe es doch, wie aufgezählt, noch passenderes und besseres, um sich gut zu entwickeln. - Aber darum müssen sich andere Leute kümmern: Kulturelle Werbeleute zum Beispiel.


Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / politics ist Autor MARTIN HECKMANNS im O-Ton zu hören und zu lesen!

Die Kritik von Martin Heckmanns aktuellem Stück Das wundervolle Zwischending im Burgtheater-Vestibül gibts in: in www.intimacy-art.com / aKtuell / CRITIC
THEATER Das wundervolle Zwischending * Von: Martin Heckmanns * Regie: Rudolf Frey * Mit: Stefanie Dvorak, Johannes Krisch, Roland Kenda * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 15.2.2008: 20h

IN BÄLDE ERSCHEINT auf intimacy-art.com eine Follow-Up-Story zum Neuen Autorentheater, ausgehend vom Resumée über die Werkstatttage im Burgtheater, sowie die startende Saison im Schauspielhaus unter Andreas Beck
Heiße Adressen für Lesungen und Autorenentdeckungen:
www.schauspielhaus.at, www.burgtheater.at, www.volkstheater.at, www.dschungelwien.at;

; www.rabenhof.at, Literatursalon-link: www.akkordeonfestival.at

Kommende Polen-Stücke:
Showcase Polen * Klavierrecital und szeneische Lesung mit Mateusz Kolakowski, Diskussion, Gastspiele des Szaniawski Theater in Wałbrzych/Waldenburg mit Michal Walczak-Stücken * Ort: Hundsturm/Volkstheater * 15., 16.2.2008: ab 18h30