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Thursday, August 09, 2007

AUSZEICHNUNGSFRAGEN: GIORGIO MADIA, CHRIS HARING, MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER & RAMIN GRAY

40. Preisträger des Volkstheater-Blicks (Karl-Skraup-Preis) auf sich selbst: Marcello de Nardo, Katharina Straßer und Ramin Gray. (Foto © Barbara Palffy)

PREISE SIND OFT POLITISCH UND TENDENZIÖS MOTIVIERT, WO JUROREN EIN VORBILD FÜR DIE ZUKUNFT ERZWINGEN WOLLEN, INDEM SIE NUR AUF FORMALE INNOVATION ACHTEN - NICHT IMMER VERSTEHEN AUSSENSTEHENDE, WO DIESE ZUKUNFT HINGEHEN SOLL. INS BEZIEHUNGSDESASTER IM FALLE VON CHRIS HARING ETWA. GIORGIO MADIA HAT DA SCHON OPTIMISTISCHERE IDEEN. UND IM VOLKSTHEATER GEHTS EHER PRAGMATISCH ZU.

KARL-SKRAUP-PREIS AN MARCELLO DE NARDO, KATHARINA STRASSER UND RAMIN GRAY

Mit den Preisvergaben ist es so eine Sache. - Wenn niemand genau genug herschaut, "machen wir eben auf uns selbst aufmerksam". - Deshalb gibt es etwa den Karl-Skraup-Preis, den die dem Volkstheater nahe Bank für Arbeit und Wirtschaft jährlich ausschließlich an Ensemblemitglieder des Volkstheaters vergibt. Immerhin darf eine Journalisten-Jury entscheiden, wer genau innerhalb des Hauses die Medaille bekommen soll. Meist sind das jene Leute, die ohnehin schon das ganze Jahre über (seit zwanzig Jahren) wegen der Auflagenstärke ihrer Medien das Theatergeschehen dirigieren: Zum 40. Mal verliehen, gingen die drei Preise heuer, ohne große Überraschung also, nach Gutdünken von Wolfgang Huber-Lang (APA), Wolfgang Kralicek (Falter), Norbert Mayer (Die Presse), Roland Pohl (Der Standard), Thomas Gabler (Krone), Reinhold Reiterer (Kleine Zeitung), Peter Jarolin (Kurier), Susanne Zobl (News), Hedwig Kainberger (Salzburger Nachrichten) sowie Dr. Renate Wagner-Wesemann und Dr. Eva-Maria Klinger: an Marcello de Nardo als bester Schauspieler (u.a. als Conférencier in Cabaret), an den Briten Ramin Gray für seine reduzierte Regie und Schauspielerführung in Am Strand der weiten Welt, sowie an Katharina Straßer als beste Nachwuchsdarstellerin.

- Gegen die Entscheidung läßt sich nichts sagen. Obwohl der ausgezeichnete Regisseur eigentlich nur erwähnenswert ist, weil er etwas ganz anderes als die anderen im Haus versuchte (andere Regie-Arbeiten wären somit objektiv gesehen besser gewesen) und es bestimmt noch weiteren (interessanteren) Nachwuchs als Katharina Straßer gegeben hätte, die lediglich in der Saison 06/07 sehr viel zu tun bekommen hat.

GOLDENER BIENNALE-LÖWE AN CHRIS HARING FÜR THE ART OF SEDUCTION

Die Tanzszene ist damit verglichen interessant, weil die Wege in Österreich (Wien) lebender jüngst ausgezeichneter Choreografen bis nach West- und Zentralost-Europa reichen (müssen), damit es zu einer Preisverleihung kommt. Der bei der Biennale 2007 in Venedig unter der künstlerischen Intendanz von Ismael Ivo (der auch im Leadingboard von Impulstanz Wien sitzt!) für Posing Project B - The Art of Seduction als beste Performance mit dem Goldenen Löwen prämierte Burgenländer Chris Haring mit Company Liquid Loft, sowie der Mailänder Ex-Volksopernballettdirektor Giorgio Madia, der in Folge nach seinem Dornröschen 2006, nun auch 2007 für Cinderella den polnischen Kritiker-Theaterpreis, die Goldene Maske (ZŁOTE MASKI 2006/2007) für die beste Choreografie des Jahres bekommen hat. Beide bekamen die Preise, wegen der "Innovation" innerhalb der Tanzrichtung. Und beide sind tatsächlich formal innovativ, nur gehen sie ästhetisch und politisch (im Sinne von sozialer Beziehungsvision) in völlig andere Richtungen.

ABERMALS POLNISCHE GOLDENE MASKE FÜR GIORGIO MADIA: FÜR CINDERELLA

Der Außenstehende fragt sich also, warum ihm Harings Arbeit formal einleuchtet, instinktiv aber überhaupt nicht gefällt, während ihm Madias Werk formal imponiert und auch emotional zusagt. (Zur genauen Cinderella-Kritik click: CRITIC) Und er ertappt sich bei der Vermutung, dass die einschlägig westlich aufgewachsenen, unbescheidenen, übersättigten Juroren in Venedig möglicherweise nur noch vom Innovationsgedanken getrieben sind und dabei ganz vergessen, was ein Kunstwerk sonst noch alles auszudrücken hat. Nämlich im Sinne von alternativer Lebenssinnstiftung gegenüber dem Publikum.

HARING VERNEINT ALLES, OHNE ALTERNATIVEN ANZUBIETEN

Nach der - von Betsy Gregory - Künstlerische Leiterin von Dance Umbrella London´s International Festival of Contemporary Dance; Jin Xing Künstlerische/r Leiter/in des Jin Xing Dance Theatre und Gründer/in von International Dance Festival of Shanghai; Francesca Pedroni - Tanzkritikerin von Il Manifesto und TVstation Classica; Pier Giacomo Cirella - stellvertretender Leiter von Arteven; sowie Andrée Valentin - Künstlerische Koordinatorin von ImPulsTanz Wien - ausgezeichneten und vorgeführten Haring-Tanz-Installation im Wiener Semper Depot, denkt man sich nur deprimiert: "Warum sprechen hier alle Darsteller von Einsamkeit, nachdem sie menschlich-mediale Verführungsposen verzerrend verarschen und sind dennoch - jeder für sich - als Person so uninteressant und nichtssagend, dass man keinem von ihnen näher kommen will?" Jeder entspricht in Ausstrahlung und Können genau dem unbekannten Menschen auf der Straße, der einem täglich begegnet. Als hätte er den Satz auf seiner Stirn picken: "Ich bin einer von tausend und will auch nichts anderes sein." - Was man im Alltag noch als Bescheidenheit aus Tugendhaftigkeit sehen kann, ist auf der Bühne allerdings gar nichts wert.

Die Installation Harings auf wechselnden Stationen innerhalb der Ausstellungshalle ist nur durch das Arrangement momentweise erstaunlich, wie durch die stimmlichen Musikverzerrungen und beim Schlußbild des Schatten-Gruppensex als optische Täuschung durch das Licht, wobei sich in Wahrheit niemand berührt. Insgesamt ist es aber eine unpersönliche und schlecht gelaunte Angelegenheit. Vieles wurde schon woanders gesehen - was wohl auch beabsichtigt ist, denn es geht ja um die Kommentierung "verführerischer Posen"; die Bestehenden dieser Welt, die als Tänzerpersönlichkeit zu beherrschen die eigentliche Leistung wäre. Die bekannten Posen werden durch Übertreibung und Verzerrung vernichtet und verneint; ohne aber etwas anderes als Alternative anzubieten. Und das ist der entscheidende Punkt. Unter einem Kunststoffpelz ahmen anfangs vier Leute in Missionarsstellung die Sexbewegung nach, worin alles Verlangen ja immer endet. Dann posiert ein nackter Mann wie ein wortloses Dummchen nur mit "oh, buh, bah", abgeleitet von 60-Jahre-Hollywood-Diven, was dann noch die Frauen - badend und oben ohne - intensivieren. Und das Spannende daran: die Girls können sich noch so sehr oben-ohne räkeln, sie werden einfach nicht sexy. Mag nun Haring dazu sagen, "es geht um das Verbergen, um erotisch zu sein", so sagen wir: "Ein guter Tänzer/Künstler hat auch noch etwas an, wenn er nackt ist..."

Chris Haring und Liquid-Loft-Team bei der Preisübergabe in Venedig: mit dem Goldenen Löwen ...

... für The Art of Seduction - die Verführung wurde dabei völlig vernichtet und nichts stattdessen geboten. Ist das zukunftsweisend? (Foto © Liquid Loft/impulstanz)


MADIA HAT BEIDES: EINE NEUE FORM UND EIN NEUES GEFÜHL

Dagegen horten die polnischen Kritiker-Juroren, Renata Sass (Express Ilustrowany), Michał Lenarciński, Dariusz Pawłowski (Dziennik Łódzki), Leszek Karczewski, Monika Wasilewska (Gazeta Wyborcza), Piotr Grobliński (portal www.reymont.pl) noch ein optimistisches Lebensgefühl. Sie halten ein für diese Tage couragiertes Plädoyer in Cinderella für die große, persönliche Liebe von zwei Menschen für anerkennungswürdig. - Das sieht man im Alltag nur noch selten, wo jeder von seinem Partner zu viel will und zu wenig gibt. Giorgio Madia arbeitet nicht nur die Liebe (im Sinne von echter Verführung), wie sie tatsächlich funktionieren könnte, als inniges Gefühlsgeheimnis detailliert heraus; er packt sie - gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Cordelia Matthes, die ebenfalls die Goldene Maske für das Beste Bühnenbild des Jahres erhalten hat - auch in eine überraschende, neuartige Form: sowohl optisch, in der Handlungsdynamik als auch bewegungstechnisch. - Leider gibt es so etwas in Wien so gut wie nie, vor allem wird so etwas hier nie erschaffen. Und von wegen "Nackte, die etwas anhaben". - Giorgio Madias Tänzer waren in Nudo zu seiner Volksopernzeit oben ohne so verführerisch schön, dass sie tatsächlich noch etwas "anhatten": sie trugen Kunst.

Giorgio Madia kann noch träumen: seine Cinderella ist formal erstaunlich und zum Lachen (Foto © Elfi Oberhuber) ...

... und obendrein gibt es darin noch zwei Menschen, die wissen, was Liebe (echte Verführung und Anziehung) ist. - Dafür erhielt Madia seine zweite Goldene Maske innerhalb von zwei Jahren (nach Dornröschen). (Foto © Ch. Zielinski)


Nächste Performance-Installation von Chris Haring & liquid loft (A) * PERFORMANCE Posing Project * Von: liquid loft / Chris Haring (AT) * Ort: MuseumsQuartier Halle E * Zeit: 10.8.2008: 19h

Nächste Giorgio-Madia-Aufführungen in der Saison 07/08:
In Berlin: ALICE´S WONDERLAND * Regie/Choreografie: Giorgio Madia * Bühne: Cordelia Matthes * Musik: Nino Rota * Mit: Staatsballett Berlin (Intendanz: Vladimir Malakhov) * Ort: Komische Oper Berlin * Zeit: ab 9.9.2007
In Lodz/Polen: Hoffmanns Erzählungen * Von: Jacques Offenbach * Regie: Giorgio Madia * Ausstattung: Bruno Schwengl * Ort: Grosses Theater Lodz * Zeit: Premiere 15.+16.12.2007
In Wien: La Guirlande / Zéphyre - Ballets en un acte von Jean-Philippe Rameau, Text von Jean-François Marmontel in französischer Sprache * Regie & Choreographie: Giorgio Madia * Musikalische Leitung: Bernhard Klebel * Ausstattung: Cordelia Matthes * Ort: Kammeroper Wien * Zeit: Do, 25. (Premiere), 27., 30.9 + 2., 4., 7., 9., 11., 14., 16., 18., 21., 23., 25.10.2008: 19h30
In Wien: Opernball - Balleinlage zum Thema Fußball * Ort: WIener Staatsoper bzw. im ORF-Fernsehprogramm * 31.1.2008
In Mörbisch/Burgenland: Im Weißen Rössl * Von: Ralph Benatzky * Choreografie: Giorgio Madia * Mit: Zabine Kapfinger und Reinhard Fendrich * Ort: Seebühne Mörbisch * Zeit: 10.7.-24.8.2008: 20h30


Videolink zu Giorgio Madias
Dornröschen in Lodz bzw. jetzt neu zu Nudo auf YouTube

Thursday, July 05, 2007

JÖRG KALT UND "HIAS" BRINGEN SICH UM, WÄHREND FRANCOIS OZON UND EMANUELE CRIALESE ZUR ROMANTIK FINDEN

Nicht-Selbstmordkandidat François Ozon ist, notwendigerweise für diese Zeit, ein hoffnungsvoller Romantiker: im Film Angel, der dennoch nicht seicht ist.


DREI STEINBOCK-GEBORENE UND EIN SKORPION-GEBORENER BEGINGEN SELBSTMORD. ALS INTUITIVE WESEN FÜHLEN DIE SKORPIONE DIE KRANKHEIT UNSERER ZEIT, ALS LOGISCHE REALISTEN GEBEN SICH DIE STEINBÖCKE IHR HIN, DOCH SIND SIE KÜNSTLERISCH UND PERSÖNLICH NICHTS ALS FOLGE DES MODISCHEN ZEITGEISTS. DABEI IST DIE DEPRESSION IN DER KUNST LÄNGST OUT. FRANKREICH, ITALIEN UND GROSSBRITANNIEN ZELEBRIEREN ROMANTIK, WIE IN DEN FILMEN GOLDEN DOOR UND ANGEL - IN WIEN HERRSCHT NOCH INZEST-DEPRESSION. LEIDER.

Das ist nicht die Zeit des Steinbocks. Oder: Es ist die Zeit des Todestriebes im theater- und filmschaffenden Steinbock. Nach Marie Zimmermann und Georg Staudacher, ist mit Jörg Kalt (11.1.1967- 1.7.2007) binnen kürzester Zeit der dritte Steinbock frühzeitig und trotz Daueraufträge (Kalt arbeitete gerade an den zwei Projekten: Tiere, Zum Essen) aus dem Leben gegangen. Nun ist die ganze Kunstgeschichte voller Selbstmorde, und zwar nicht nur thematisch innerhalb der Kunst, sondern auch biografisch seitens Künstler.

Als Kunstthema macht es Sinn, da es die ausweichlose Konsequenz eines falschen, aufgezwungenen Systems aufzeigt, das der Betrachter in seinem echten Leben bereinigen soll, damit dieser Tod "eben nicht" sein muss. Und blickt man auf Künstlerbiografien von Selbstmördern, ist deren Tod ebenfalls meist Antwort auf das System, in dem sie sich bewegen: auf das des Kriegs oder soziale bzw. künstlerische Ablehnung seitens Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist auch der hoch musikalische Akkordeonvirtuose Matthias Mayer, bekannt als "Hias" zu sehen (3.11.1950-7.7.2007 = Skorpion), der sich in seiner steirischen Wohnung vor einem Hias-Nostalgie-Auftritt auf einer Landbühne umbrachte. Nach über zehn Jahren als Komiker-Star des Musikantenstadl tingelte er die letzten Jahre nur mehr selten und wenig beachtet umher, wobei er eigentlich der klassischen Volksmusik zugeneigt war, dafür aber keine Auftritt-Gelegenheit fand. - Zudem hatte ihn 2005 privat seine Frau (sie haben vier erwachsene Töchter) nach 27 Jahren wegen eines anderen Mannes verlassen.

Generell stellt sich jedoch die Frage, ob unser System tatsächlich so krank ist, dass sich die Steinböcke, die äußerlich meist unauffällig auftreten, das Leben nehmen mußten?

DER SKORPION SPIELT MIT DEM TODESGEDANKEN, DER STEINBOCK LEBT IHN

Der Skorpion ist an-sich das "Todeszeichen", da er im Todesmonat November geboren ist, wo die Natur stirbt, aber schon Knospen für neues Werden bereit stellt. Der Steinbock im Dezember/Jänner hat die längsten Nächte des Jahres zu überstehen und kämpft in der winterlichen Finsternis um Licht, während in der Natur bei klirrender Kälte völlige Lebensstarre herrscht. Beide Wesen zeichnen sich daher durch extreme Beharrlichkeit aus, was sich auch gegenüber Werten und als Treue bemerkbar macht (in der Liebe zum Beispiel, wenn sie sich einmal für einen Partner entschieden haben).

Auch hoher Anspruch und Tiefgründigkeit sind Eigenschaften, die sie teilen, wobei der Skorpion sich stundenlang detektivisch mit Hintergründen zu beschäftigen liebt, um die gefundene Wahrheit dann heraus zu posaunen, egal ob sie von außen goutiert wird, der Steinbock dagegen gerne tiefgründig diskutiert, dabei zunächst aber eher den Widerpart bestätigt und seine echte Meinung erst kundtut, wenn er sich sicher fühlt. Denn der Skorpion ist prinzipiell selbstsicher, der Steinbock unsicher.

Der Skorpion ist gegenüber "nur" äußeren Strömungen nicht so anfällig, da er sich hauptsächlich innerlich und im Kopf auf Vergehen und Werden einstellt, indem er sich reflektierend immer wieder wandelt. Der Steínbock folgt als realistisches Zeichen, das geachtet und geliebt werden möchte, den Moden und Stimmungen, befindet sie als echt, gepaart mit hochmütiger Teilnahmslosigkeit, wohinter sich romantische Sehnsucht verbirgt. Ist beim gefühlvollen und nachdenklichen Wasserzeichen Skorpion der Tod (wie auch die Sexualität) also so lange ein mit Leidenschaft gepflegtes Spiel der Fantasie (als Kunst), solange er nicht tatsächlich in seinen Werten zutiefst enttäuscht wird, so gibt sich das materielle Erdzeichen Steinbock der scheinbar nackten Wahrheit starrköpfig - oder positiv formuliert - mit Leib und Seele völlig hin. - In Künstlern wie dem Steinbock-geborenen Tänzer Ismael Ivo, setzt diese Fähigkeit eine entsprechend kreative Kraft frei. Wahrscheinlich auch, weil er sie von kultureller Herkunft her, besser zu platzieren weiss.

Er ist ein Maler (Ire Michael Fassbender), der für seine Zeit zu düster malt, sie eine Schriftstellerin (Britin Romola Garai), die für prompten Erfolg kitschig-moralisch schreibt.

DER TOD LAUERT AUCH IN DER GESELLSCHAFT

Dabei lassen sich die Todesströmungen in der Gesellschaft derzeit kaum als sinnvoll erklären: jetzt, da sich Menschen (Ärzte im alltäglichen Umgang mit dem Tod) als Terroristen Allah opfern - sie opfern sich ohne greifbaren Grund. Und sich in Österreich (Europa) Künstler ohne echte Existenzgefährdung umbringen. Beinahe ist es ein Hohn gegenüber der vielen (KZ-)Opfer, die in Kriegszeiten umkamen, um die wir heute trauern. Heute wird Leben einfach weggeworfen, das für jene damals doch so wertvoll war. - Wie krank ist diese Gesellschaft also? Wieso handelt die junge Literatur als Seelenabbild der Jugend andauernd vom Freitod?

Warum wird auf den Kunstschulen zur "Spitze von Kunst" Lebenspessimismus erkoren und als Ideal vermittelt, sodass er dann zum Inhalt der jungen Kunstschaffenden wird? Doch nicht weil er aus ihrer innersten Sehnsucht heraus entsteht, sondern weil er zum Prinzip guter Kunst erklärt wird, was sich dann gezwungenermaßen auch auf das Lebensgefühl des Schaffenden auswirkt (dem es eigentlich ja gut geht). - Angeblich soll Jörg Kalt der dritte Wiener Filmakademiker in den letzten vier Jahren sein, der sich das Leben genommen hat.

Psychologisch läßt sich das nur dadurch erklären, dass ein "existenzielles Werk aus Prinzip" nicht mehr das persönliche Befreiungsgefühl nach der Schaffung zur Folge hat, sondern jenes des Pessimismus als unverrückbaren Ist-Zustand. Pessimismus aus Selbstzweck - wobei Jörg Kalts Filme (Richtung Zukunft durch die Nacht, Crash Test Dummies) aber noch humorvoller und raffinierter als viele andere waren, die von Wiener Filmemachern in Umlauf sind. Sodass sich die Bemerkung nicht verkneifen lässt: Bei einem Michael Haneke wirken diese Endzeitstimmungen echt und authentisch, während sie bei den Schülern als übernommene "Mode" im Zeitgefühl einer "In-zest-Community" daher kommen.

Die durch Kitsch erfolgreiche Künstlerin möchte den Kitsch auch im Leben leben - bis zu einem gewissen Grad schafft sie das..., solange ihr Mann mitspielt.

JÖRG KALT IST EINER DER SELBSTMÖRDER DER FILMAKADEMIE

Hinzu kommt die an-sich allseits gelebte Desillusion in Partnerschaften. Ausgerechnet Filmmacherin Barbara Albert, die mit Jörg Kalt vor längerer Zeit liiert war, meinte in einem Interview vor ihrem prämierten (!) Film Böse Zellen, der das Gefühl beängstigend-emotionaler Kälte verströmt: "Wir leben in einer Zeit, wo man versucht, "alles" im Wunschpartner zu finden. Ich selbst bin aber ziemlich realistisch und glaube nicht an die eine, große, romantische Liebe. Weil ich nicht mit dem Glauben daran aufgewachsen bin, meine Eltern das nicht lebten. So werden unterschiedliche Beziehungsformen als normal und auch gut so empfunden. Ich liebe viele oder keinen Menschen. Die Sexualität ist in Böse Zellen nur ein Ventil für einen Druck, der in dir ist, ein Versuch, sich an etwas zu klammern..."

Erschreckend ist bei solch herz- und glamourlosen Filmen, dass sie - selbst wenn sie die angebliche Realität beschreiben - genau diese Realität weiter bewerben, nicht etwa verneinen. Denn es scheint, als hätten die Zuschauer verlernt, sich eine gegenteilige Alternative ausdenken zu können. Sie können sich gar nicht mehr daran erinnern, was den Wert eines Lebens, einer Liebe ausmacht, wie dieser zu bewerkstelligen ist. - Es wäre somit an der Zeit, dass Künstler Werke als Vorschläge entwerfen, die keinen "realistischen Spiegel" darstellen, sondern Utopien der Hoffnung.

Der u.a. bei Paris geborene, in München und Zürich aufgewachsene, "heimatlose" Jörg Kalt, begklagte in seinen Filmen jedoch - trotz technisch-analytischem Zauber - nur den Stillstand der Wiener, der umso deutlicher durch enttäuschte Zuwanderer wird, sowie die Beziehungsunfähigkeit eines Pärchens, obwohl es eine zweite Liebeschance bekommt.

Ein Film über die Träume vom besseren Leben, wo es Riesengemüse gibt: in Amerika, die Golden Door des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese.

FRANCOIS OZON ERWECKT IN ANGEL SCARLETT O´HARA

Junge, internationale Filmemacher denken schon um. Zwei Regisseure bringen demnächst atmosphärisch viel Poesie und damit Hoffnung, Schönheit und erkennbare Romantik nach Wien, wobei sie dennoch zeitgenössisch-relevant sind: Der 40-jährige François Ozon (ein Skorpion), der - im Stil zwischen Fassbinder und Almodovar - immer schon spielerisch-witzig und gefühlvoll von Tod, Sex und Frauen erzählt, wobei er Klischees der Homosexualität durch den Cacao ziehend zu verblüffend weisen Aussagen führt, oder die Homosexualität für ungewöhnliche, narrative Wendungen nutzt - hat mit Angel erstmals eine klassisch-heterosexuelle Liebesgeschichte zwischen einer Schriftstellerin - inspiriert von der historischen Marie Corelli - und einem Maler entworfen, obwohl nicht ganz klar ist, ob der für seine Zeit zu düstere und erfolglose Maler das - dank realitätsleugnendem Kitsch erfolgreiche - Mädchen nicht aus Geldgründen heiratet.

Dieser Maler begeht im Film ebenfalls irgendwann Selbstmord, und sie stirbt aus Enttäuschung. Das Thema der Vereinbarkeit und Anziehung zweier Künstler bei gegensätzlicher Ausübungsmotivation (Kommerzkunst versus authentisch gefühlte Protestkunst) bleibt so als relevante Frage übrig. Und das Gefühl, dass die Liebe dieser beiden Menschen zumindest phasenweise gewollt und erfüllt ist. Positiv ist darüber hinaus die britisch-französische Machart des Films, wozu die beiden glaubwürdig spielenden Schauspieler, Britin Romola Garai und Ire Michael Fassbender, beitragen. Der Film ist schlichtweg ein Plädoyer für das zu schaffende Glück, wobei genau gezeigt wird, wo die Probleme der Beziehung liegen, sodass sie der Zuseher für sich umgehen kann.

Der ungebildete, aber naiv schlaue Bauer und Familenvater aus dem armen Sizilien (Vincenzo Amato) bekommt obendrein noch ...

DIE ROMANTIK ALS NOTWENDIGE UTOPIE - JETZT - IN EMANUELE CRIALESES GOLDEN DOOR

Der 1965 in Sizilien geborene und in Rom aufgewachsene Italiener Emanuele Crialese, der in New York an der Tisch School of Arts studierte, hat indessen mit Golden Door einen archaisch-fabulösen Traum geschaffen, der mit surrealen Einschüben - wie Riesengemüse als Gedankenfantasie einer sizilianischen Familie, die nach Amerika auswandert - gleichzeitig die Atmosphäre eines einnehmenden Historienfilms ausstrahlt. Auf dem überführenden Schiff befindet sich eine geheimnisvolle, englische Lady (Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg: Charlotte Gainsbourg), die sich trotz ihrer hohen Bildung für den ungebildeten italienischen Familienvater und Bauer entscheidet. Im Land der tausend Möglichkeiten ist auch das möglich, selbst wenn vieles nicht möglich ist. - Was wieder die kritische Note ausmacht und den Film vor dem Kitsch rettet. Auf jeden Fall ist er prinzipiell zuversichtlich, was sich wohl auch positiv auf das echte Lebensgefühl des Regisseurs auswirken wird.

... die geheimnisvolle Engländerin (Charlotte Gainsbourg) zur Frau, um die sich die feinen Herren an Board reißen: Träume werden also tatsächlich wahr, wenn man sie nur will!


Film: Golden Door * Regie: Emanuele Crialese * Mit: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Isabella Ragonese, Vincent Schiavelli, u.a. * Italien/Frankreich 2006 * 118 Min * Kinostart: 13.7.2007

Film: Angel * Regie: Francois Ozon * Mit: Romola Garai, Charlotte Rampling, Lucy Russel, Michael Fassbender, Sam Neill, u.a. * UK/Belgien/Frankreich 2007 * 134 Min * Kinostart: 10. August 07

Monday, May 28, 2007

EXTREME KUNST IST OFT GENIAL, EXTREMES LEBEN BRUTAL - SHAKESPEARE, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA

Die machtgierige Macbeth-Gattin (Heike Kretschmer) manipuliert ihren Mann zum blutrünstigen Despoten (Foto: © Nathalie Bauer/Volkstheater)


SHAKESPEARE´S "ENTWEDER-LEBEN-ODER-TOD" IN DEN HISTORIENSTÜCKEN UND "DAS DAZWISCHEN" IN DEN KOMÖDIEN. - DIE KONTRASTE ZWISCHEN HOCH UND TIEF, OBERFLÄCHLICH UND INNIG SIND MOMENTAN AUFFÄLLIG OFT IN DER KUNST ANZUTREFFEN - WIE MARIE ZIMMERMANN, EVA DICHAND, CHEN ZHEN, ALFREDO BARSUGLIA, UND UNSER ALLER LEBENSZIEL DAVON ABZULEITEN SIND


Weinen oder Lachen,
Qualität oder Mittelmaß,
Intensität oder Oberfläche,
Nachdenken oder Tun,
Geist oder Körper,
Kunst oder Event,
Marie Zimmermann oder Eva Dichand,
Tod oder Leben,
Entweder - Oder.
Kontrast.
Leidenschaft.

Dieser Tage ist man versucht, über die Kontrastparameter und damit den Sinn der menschlichen Existenz nachzudenken. Ein Dazwischen scheint es nicht zu geben. Es nimmt seinen Anfang bei Shakespeare und endet in der Bildenden Kunst bei Chen Zhen und Alfredo Barsuglia. "Extrem" schreits von überall her.

EVA DICHAND UND HEUTE ALS SYNONYM FÜR ANSPRUCHSLOSE KOMÖDIEN

Auf dem Weg zur grundsätzlichen Frage also, "wie bringe ich mein Leben hinüber, sodass ich am Ende sagen kann, ich bin nicht oberflächlich gewesen, habe mit Qualität gelebt und bin trotzdem nicht übergeschnappt", kreuzt Krone-Schwiegertochter-Ehefrau und U-Bahnzeitung - Heute - Herausgeberin Eva Dichand im mitternächtlichen Fernsehen des Dösenden geistige Umnachtung. Sie sagt: "Irgendwann würde ich noch gern eine Qualitätszeitung machen, jetzt mache ich Geld".

Spräche diese menschliche Hülle mit dem doch so hoffnungsvollen Vornamen nichts, wollte das Auge des Halbschlafes dank der Anhäufung an optischer Überdurchschnittlichkeit eine musische Gestalt ausmachen. Es würde gerne ausblenden, dass sie die verbalen Ergüsse entstellen. Worte, die das leibhaftiggewordene Boulevard offenbaren. Ihr Sinn hat sich in Gebaren und Sein der Frau festgefressen. Die Idee vom Qualitätsblatt kann also nur eine Ausrede sein, um den Respekt vor der eigenen, eitelkeitsdurchtränkten Würde nicht zu verlieren; denn die Alltagspraxis hat diese Person schon längst eingeholt. Fehlgeleitet durch die Unsitte österreichischer Pressemacht, mit dem "Medienmanagerpreis" ausgezeichnet worden zu sein.

Eva Dichand ist ein Mensch, der nicht täglich ums Überleben kämpft. Und auf der anderen Seite tut sie es doch: Sie muss das Terrain, das sie geprägt hat, konsequent weiter prägen. Durch sichtlich gewohnte kleingeistige Debatten und entsprechende Entscheidungen ohne philosophische Tragweite. Hier zeigt sich der ganz gewöhnliche Alltagskampf um die Materie, der vom Wesen seiner Verteidiger Besitz nimmt. Äußerlich schick und gestylt, innerlich vortäuschend ganz normal "geblieben". Ebenso gewöhnlich kann man dem aber entgegen halten: Geld macht den Menschen noch lange nicht reich. Das Tauschmittel, das die größte Variable an Projektionspotential für Besitz darstellt. Es müßte daher wie ein Kunstwerk behandelt werden. Das Werk "Geldanhäufung" müßte sich hinsichtlich Ästhetik, Innenleben, Entstehungsverlauf und gesellschaftlicher Verantwortung rechtfertigen lassen. L´Argent pour l`Argent ist insofern genauso dekadent wie L´Art pour l´Art. Und um nichts weiteres handelt es sich, wenn Zeitungen gratis wie Anzeigenprospekte verteilt werden, was sie im Grunde nur sind. Sie häufen ausschließlich Geld in Warenab- und Medienumsatz an. Genauso gut könnte man den redaktionellen Weissraum nur mit Witzen, mit Bildern oder überhaupt mit Leere füllen. Das käme aber wahrscheinlich zu wahr, um für den Leser als Selbstinszenierung noch schön zu sein. Er tut lieber so, als würde er "Nachrichten =Inhalte" lesen (, die keine sind).

Summasummarum steht Eva Dichand mit ihrem Erscheinungsbild und Produkt für das untere Mittelmaß, die Oberfläche, das Event und somit für das Lachen über die traurig-absurden Schicksale anderer. Genauso wie die klassische "Komödie". Gelängen unsere "medialen Komödien" auf eine Ebene, wie sie Shakespeare in seinen volksnahen Komödien erreichte, hätten wir als Bürger des 21. Jahrhunderts immerhin das Niveau des gesellschaftlichen Mittelstandes des 16. Jahrhunderts erreicht. Dass Shakespeare dabei noch anspruchsvoller war, als wir ihn heute auf deutschsprachigen Bühnen kennen, wo die neuzeitlichen Übersetzungen seiner Stücke von der altenglischen Hochsprache und damit vom echten Shakespeare-Witz hinsichtlich Wortschatz und -erfindungsreichtum weit abrücken, sei großzügiger Weise einmal außer Acht gelassen.

VIEL LÄRM UM NICHTS
- SHAKESPEARES KOMÖDIEN ALS BOULEVARD - GRADMESSER


Die Burgtheater-Version Viel Lärm um Nichts unter der Regie von Jan Bosse mit den zynischen Wortgefechten zwischen dem anfangs liebesfernen Benedict (umwerfend: Joachim Meyerhoff) und der widerstrebenden, geistig hochstehenden Beatrice (umwerfend: Christiane von Poelnitz) ist als Neufassung auch so beste Unterhaltung. Es gibt nichts charmanteres als wenn der egozentrisch-arrogante "Meyerhoff" mit losen Zotteln vor dem menschlichen Drang der Vereinigung kapituliert und nach 180-Grad-Gesinnungswechsel, mit Dauerwelle aufgeputzt, konstatiert: "Sie wird mich lieben. Und ich werde sie meinerseits ganz fürchterlich zurück lieben." Das, nachdem er sie sich - des Stolzes beraubt und zur "Frau" zurchtgestutzt - gestehend vorstellt: "Ich will mit Dir in einem Haus leben und für dich kochen." Selbst Unter-der-Gürtellinie-Sager, die nicht von Shakespeare stammen können, wie "Auch in einer alten Hose kann man noch eine große Gurke finden" will man als Zuschauer mit heiterem Zeitkompromiß begegnen, denn überspitzte Weissagungen und Handlungsinterpretationen gleichen das wieder aus, wie: "Bist du traurig, heirate eine Frau, irgendeine." Und da man in unseren Breiten ja auch kein Adelsgeschlecht mehr hat, ist es auch schlüssig, dass die Verwechslungsszene statt des Maskenballs auf einem grotesken Woodoo-Tanz-Event stattfindet. - So wird das Stück alles in allem also zum perfekt zynischen Abbild unseres gesellschaftsästhetischen Durchschnittsniveaus von Heute (Heute), das wohl heißt: "Back to the roots, as where we are!"

Benedict (Joachim Meyerhoff) und Berenice (Christiane von Poelnitz) streiten in Shakespeares Viel Lärm um nichts hart auf hart: also mit sehr viel Erotik (Foto © Georg Soulek/Burgtheater)

MACBETH - SHAKESPEARES HISTORIENSTÜCKE ALS EXTREME DURCH GUT UND BÖSE

Shakespeare wäre zu den Spitzfindigkeiten in seinen niveauvollen Komödien wahrscheinlich aber nicht in der Lage gewesen, hätte er zwischendurch nicht auch ernste Historienstücke verfaßt, die bereits als überlieferte "Geschichts"dokumente vorhanden waren. Seine Leistung liegt darin, die psychologischen Charaktere in Monologen und Dialogen expressiv zum Leben erweckt und transparent gemacht zu haben. Kein anderer schälte "gut und böse" in extremerer Form heraus. - Und dennoch hob es sich insgesamt am Ende auf, indem sich die Hauptfigur meist im Laufe ihres Lebens durch die korrumpierende Macht wandelt. Wie hoch das sprachliche Niveau des Ur-Shakespeare außerdem war, lässt sich ausnahmsweise der textoriginalen Volkstheater-Inszenierung Macbeth von Nuran David Calis entnehmen, einem Regisseur, der das Zeug zum ganz großen internationalen Star hat. Denn er "erlebt" seine Regie, und das ohne Hemmungen, aber dennoch mit Stil.

Seine Umsetzung ist von einer Archaik und gleichzeitig von einer Heutigkeit, wie man sie in Wien nur sehr selten findet. Und doch gerät das Stück wegen seiner Länge von fast drei Stunden und ausgerechnet wegen der kunstvollen Sprache an die Grenzen des Rezeptionsvermögens des heutigen Publikums. Woran es sich im Verlauf aber bewußt orientieren kann, sind die expressiven Bilder, die Calis archetypisch symbolreich und abermals kontrastreich aufzuladen versteht.

Durch Farb-Metaphern, wenn etwa der König (heißungsvoll gespielt von Rainer Frieb) seinen weißbemalten umstürzlerischen Mörder Macbeth im Glauben an dessen "reine" Loyalität an sich drückt, sodass die weiße Farbe auf ihn abfärbt. Ebenso wird das weiße Kleid der anfangs noch liebenden Lady Macbeth rot. Blutrot wie es die Morde sind, zu denen sie ihren immer blutrünstiger werdenden Mann anstachelt. Mit dem Höhepunkt am Schluß, dass die mordbegleitete Machtgier auch ehemalige Kriegskameraden befällt. Die Spirale des Bösen nimmnt somit ihren Lauf, wenn der Keim des Systems einmal böse angefangen hat.

Für den König (Rainer Frieb) ist Macbeth (Till Firit) zuerst noch eine Vertrauensperson, doch seine reine, weiße Haut färbt ab, wenn er ihn berührt. Des Königs tölpelhafter, am Ende größenwahnsinniger Sohn (Peter Becker) ist eifersüchtig. (Fotos: © Nathalie Bauer /Volstheater)
Macbeth (Till Firit) mit seinen Kriegskameraden (Thomas Kamper, Thomas Bauer), die später ebenso von Mord und Machtgier erfaßt werden, wie er: Das Blut zeigts.
Lady Macbeths Kleid ist nach dem Mord am König so blutbespritzt wie Macbeths Hände.
DIE NICHT-EGOZENTRE LIEBE UND SENSIBLE WAHRNEHMUNG ALS ZIEL

Emotional noch stärker wirkt die Interpretation durch die Besetzung des Macbeth durch Till Firit mit einer an-sich fragilen Ausstrahlung. Dass er sich aus Liebe manipulieren läßt, wird umso ausdrücklicher, selbst wenn er für die Leidenschaftskämpfe mit seiner Frau mehr als nur Manns genug ist. Der Satz des Literaturtheoretikers Jan Philipp Reemtsma zu den Macbeths als "innigstem Paar" Shakespeares, "das zu einem öffentlichen Unglück wird, weil es dem privaten Unglück zu entkommen trachtet", trifft diese Darstellung also exakt. Macbeth Till Firit hat dennoch bis zu seinem Tod die Aura des Opfers, während Heike Kretschmer als seine Gattin konsequent machthungrig scheint, als würde sie sich permanent dazu ermahnen, die Harte in ihrer Beziehung spielen zu müssen. Und doch kommt da die Ahnung von einer Utopie von Macht auf, die nur solange reizvoll ist, solange man sie nicht bestiegen hat. - Die gewissenhaft befragenden Selbsterkennungs- und Vorwurfsszenen sind in diesem akustisch-mitreißenden Krimi-Science-Fiction-Theaterepos von einer grenzüberschreitenden und körperlichen Intensität, wie man sie sich von dem Stoff nur erhoffen kann. Sodass man sich am Ende sagt: doch lieber gut sein als schlecht, doch lieber weniger berechnend lieben, den Partner als ihn selbst zu schätzen versuchen, also kurz: die Liebe nicht aus persönlichem Minderwertigkeitskomplex zum gesellschaftlichen Aufstieg mißbrauchen! - Selbst wenn es ein Ziel der Partnerschaft sein wird, für die Nachkommen gemeinsam eine "gewisse Qualität" an Lebensbasis aufzubauen.

Die Liebe zwischen Lady (Heike Kretschmer) und Sir Macbeth (Till Firit) wird immer leidenschaftlicher und gewaltbereit "roter" - da sie einander nicht als Mensch, sondern aus Ehrgeiz sehen.
Macbeth kurz bevor er auf seinem glücklosen Thron stirbt, um den sich sogleich andere Mörder streiten.

WENN SENSIBLE WAHRNEHMUNG IM TOD ENDET: MARIE ZIMMERMANN

Diese Qualität sowie Akzeptanz und Erkennen des Partners als er selbst, lässt sich daran schulen, wie jemand die Dinge überhaupt wahrnimmt, inwieweit er dazu bereit ist, sich aktiv und ernsthaft auseinander zu setzen. Das betrifft den Künstler wie den Zuseher. Und doch scheinen gerade jene Schaffenden, die sich bis an die Grenzen der Universalität zu befassen und auszudrücken vermögen, am eigenen Anspruch zugrunde zu gehen. Das zeigt sich aktuell und krass am Beispiel der Schauspiel-Direktorin der Wiener Festwochen Marie Zimmermann, die sich das Leben nahm, kurz bevor die Wiener Festwochen 2007 starteten. Der Zeitpunkt war von ihr - ob nun bewußt inszenatorisch oder nicht - so "gut" gewählt, dass sich der Zuschauer automatisch in den von ihr programmierten Stücken zwischen Leben und Tod mit ihrer persönlichen "Antwort" darauf zu beschäftigen beginnt. Und wieder sind es die Shakespeare-Zugänge, die dazu am meisten reizen:

LEMI PONIFASIO´S "SHAKESPEARE" -TEMPEST - STURM

Der Neuseeländer Lemi Ponifasio versetzt Shakespeares Sturm in den Kampf ums Inselrecht der Maori. Hier tanzt man selbstbewußt in ritueller Sprache: mit Zunge und expressiven Gesten (samt Tätowierung). (Fotos: © Armin Bardel/ Wiener Festwochen)

Während nun in Lemi Ponifasios Tempest - Sturm aufmüpfige Maori-Ureinwohner in Neuseeland um ihre Grundrechte und Souveränität im eigenen Land gegen die Kolonialmacht sprechen, singen und tanzen, sodass von Shakespeare tatsächlich nur noch die menschliche "Expression" und das Symbol "Insel" bzw. "Kampf um die Macht darauf" übrig bleibt, fragt man sich notgedrungen, warum jemand, dem das Leben vergleichsweise wohlwollend und privilegiert begegnete - und er sich dessen auch bewußt sein mußte -, dieses Leben einfach wegzuwerfen wagt. Eigentlich hätte die Theaterfachfrau Zimmermann in diesem Angesicht in dankbarer Demut verharren und weiterleben müssen. Im Augenblick des Stillstands, der Zäsur, dem sturmreichen Anhalten der Zeit, klagt das beschriebene Schicksal des politischen algerischen Flüchtlings Ahmed Zaoui, der in Neuseeland ohne Gerichtsverhandlung inhaftiert wurde, die prinzipiell willkürliche Vorgehensweise der Engländer auf ihrer Insel an. Darauf folgt der im ganzen Gesicht tätowierte, politisch Lautstärkste der Insel, Maori Tame Iti in drei Sprechgesängen vom Raub seiner Identität, da er schon als Kind zu einem fremden Bewußtsein gezwungen worden sei. Zuerst trägt er noch einen schwarzen, westlichen Anzug. Dass er barfuß ist, zeugt jedoch sofort für Protest und Rebellion. In Ponifasios typisch expressivem Spotlight im schwarzen Raum huschen immer wieder rituell-stilisierte Trippeltänzer umher. Die Aufführung ist letztlich mit Filmeinspielungen aus Neuseeland, die die Ureinwohner neben den bewachenden Kolonialherren zeigen, nicht nur inhaltlich eindrucksvoll und expressiv, sondern auch formal. Und gerade das zeigt, dass es im aktiven Leben wohl lebenserhaltend und qualitativ bereichernd ist, wenn man weiß, gegen wen und was genau man vorzugehen hat. Das gilt für das Kunstwerk wie für jedes kleine Menschenleben dieser Erde. Nur dann fühlt sich der Mensch nicht "unwichtig" - so wie sich Marie Zimmermann vor ihrem Entschluß gefühlt haben muss.

SONJA VUKICEVIC´S SHAKESPEARE-CIRCUS ISTORIJA

Die serbische Performance Circus Istorija - Zirkus der Geschichte von Sonja Vukicevic (Regie, Bühne und Kostüme) nach ausgewählten Texten von William Shakespeare und Jan Kott brachte schließlich das "Entweder-Oder", "Leben-oder-Tod-oder?" komprimiert auf den Punkt: Es gibt nur drei eindeutige Möglichkeiten. Zitat: "Ich sterbe, du lebst, der Rest ist Schweigen.", "Ich will sterben, schlafen, träumen...". Während Shakespeares Machthaber, Könige und Königssöhne (Macbeth, Hamlet, King Lear, Othello, Richard III, Titus Andronicus) zwischen Grössenwahn und Wahnsinn in schwarz-weißen Fratzen wütend, großmaulig und lebenspessimistisch ihre Reden schwingen ("Die Liebe nährt das Böse"), fahren sie in viel zu kleinen Kinderautos herein, schlagen sie Räder, laufen sie Rollschuh, baumeln sie an Seilen. - Ihre Aktionen karikieren neben einem Clown ihre Worte, kehren sie ins Lächerliche bzw. ins Gegenteil und demonstrieren gleichzeitig, auf welchem kurzlebigen, gefährlichen Hochseilakt sie sich in ihrem Streben befinden. Doch in diesem Zirkus der Geschichte der weltlichen Macht (bzw. des Kommunismus aus Sicht der Belgrader Company) siegt am Ende dennoch die Hoffnung: Gegossen werden als lebensbejahender Ausblick kleine grüne Bäumchen, gleich der Weisheit Antoine de Saint Exupéry´s "Kleinen Prinzen" mit der Liebe zu seiner Rose auf seinem kleinen Planeten oder Voltaires "Candide": "Il faut cultiver notre chardin." (Wir müssen unseren Garten bebauen.) Was also zählt, ist das mit bestem Gewissen und Liebe zu machen, woran man gerade arbeitet. Das Ensemble selbst hat es insbesondere mit den drei erstaunlichen, akrobatisch geschulten Ballerina-Mädchen Ana Stamenkovic, Marija Grbic und Tijana Krsmanovic geschafft. - Leider ließ sich Marie Zimmermann von diesem Plädoyer auf persönlichen Einsatz im "Kleinen" nicht motivieren. Sie hat den Tod gewählt.

Die Shakespeare-Machthaber werden in Sonja Vivevics Circus Istorija (Fotos: © Vukica Mikaća) während ihrer Machtreden im Agieren - von virtuosen Ballettmädchen - umgeben konterkariert ...

.. gleichzeitig zeigt es ihre Kurzlebigkeit in einem Terrain, das zu kompliziertes Balance-Vermögen erfordert: Am Ende zählt die Demut, sich an der Pflege kleiner Bäume zu bemühen. Und das mit Hingabe!

CHEN ZHEN´S UNSCHULDIG ERLITTENE SENSIBILITÄT IM KÖRPER ALS LANDSCHAFT

Die Hingabe, sich bis zur Selbstaufzehrung zu befassen, wie es Marie Zimmermann tat, findet man auch beim bildenden Künstler Chen Zhen (geb. 13.5.1955, gest. 2000), der gerade in der Kunsthalle Wien ausgestellt ist. Allerdings in einem formalästhetisch viel höheren Ausmaß. Ob sein Leukämie-Leiden, das ihn 20 Jahre begleitete, aus dieser intensiven Art der Weltwahrnehmung entstand, oder umgekehrt, ob das Leukämie-Leiden zu seiner sensiblen Wahrnehmung und damit Kunst führte, ist schwer zu sagen. Jedes seiner Werke ist von einer religiös welterklärenden, epochalen Universalität, von einer Ernsthaftigkeit gegenüber dem eigenen Schaffen, als wäre es sein Letztes. Zärtlichkeit und Liebe, vereint mit Grundsätzlichkeit sprechen aus diesen komplexen, auf einen Punkt gebrachten, philosophischen, poetisch-schönen Werken. Allein die Skizzen der Installationen können als abgeschlossene Arbeiten durchgehen. Das Bewußtsein für die eigene, körperliche Fragilität strahlt aus den, in aus Zellendenken entwickelten hybriden Gebilden. Die inneren Abläufe im Menschenkörper sind für Chen Zhen Abbilder für die globale Welt, für des Menschen Existenz. Abläufe, die er in sich spürte. Seine letzte Arbeit Crystal Landscape of Inner Body veranschaulicht auf makabre Weise, wie intensiv und dominant sie sich in ihm aufdrängten: Er barte Organe aus Kristall auf einem Eisen-Glas-Tisch wie kostbare Schmucksteine auf. Dass er selbst indessen eines nach dem anderen mit seinem schwindenden Immunsystem aufgeben mußte, macht das Ganze zum Rührakt. Sein Blick in den Tod ist auch Purification Room (2000) zu entnehmen, ein völlig mit Lehm bedeckter Wohnraum: "ein lebendiges Grab".

In jeder seiner Arbeiten steckt die ganze Welt. So ist auch sein Bewußtsein für die Materie, für die Elemente Wasser, Erde, Feuer, Luft ausgeprägt, die er fantasievoll, doch konkret anwendet und anspricht. Als Emigrant tangierte ihn das Zusammenleben verschiedener Kulturen, das Leben unter kommunistischer Repression. Zu diesem Thema schuf er die anspruchsvollsten Werke.

Die herzzerreißendsten entstanden jedoch in seinem letzten Lebensjahr, seinem wohl härtesten Kampf: Zuversichtlich ist noch die Installation über die Leere beim Nichtstun, die im Gegenteil für ihn zum produktiven Geistesakt wird. Cocon du Vide steht als Schmetterlingspuppe aus buddhistischen Rosenkranzperlen für das mentale Energiefeld, das ruhig verharrend heran reift, um alsbald in leichter Weisheit und voller Pracht davon zu fliegen. Und Bathroom bereitet als Symbol der Waschung, als von innen leuchtender, geräuschreich brodelnder Metallkörper für das neue Leben vor: für Chen Zhens Leben im Jenseits, und des Menschen Leben im Leben.

Der in Frankreich lebende Chinese Chen Zhen spürte seinen leidenden Körper wie kein Zweiter: Jedes seiner Werke ist von einer Ernsthaftigkeit an Universalität und Formvollendetheit: Wie Bathroom (Fotos: Stephan Wyckoff © Kunsthalle Wien 2007 und VBK Wien 2007), das er zuerst perfekt skizzierte: Es steht für die Waschung für ein neues Leben. Im selben Jahr schuf er Purification Room (oben), eine "lebendig begrabene" Lehmwohnung, bevor Zhen nach 20 Jahren Leukämie mit 45 starb.





Chen Zhen´s, Crystal Landscape of Inner Body, (Detail), 2000, (crystal, iron, glass, cm 95x70x190, View: “Field of Synergy”, Galleria Continua, San Gimignano, 2000, © Ph. Attilio Maranzano, Courtesy Galleria Continua, San Gimignano – Beijing / VBK Wien, 2007) ist seine allerletzte Arbeit: Organe aus Glas.

DIE ANSPRUCHSVOLLE MÖGLICHKEIT DES (KUNST-)LEBENS OHNE DABEI DRAUF ZU GEHEN: ALFREDO BARSUGLIA

Ein fast ebenso großes Körperbewußtsein scheint der junge Grazer Maler, Video- und Installationskünstler Alfredo Barsuglia zu haben. Und er hat eine Lösung gefunden, wie sich Intesität leben läßt, ohne von ihr aufgefressen zu werden. Er lenkt Schmerzzerreißendes aus der Geschlechtsregion einfach in Richtung Mund. Und das ist nicht nur eine Ablenkung, sondern auch wahr: Wie jeder vom Besuch beim Zahnarzt weiss, gibt es kein stärkeres Pendant zum Geschlechtsverkehr als dieses völlige Ausgeliefert-sein des Patienten gegenüber dem bohrenden und reißenden Arzt. Hinzu kommt das Fetisch schöner Zähne im alltäglichen Pflegeritual. Ensprechend intensiv liest sich also der Pressetext des Wiener MAK anläßlich Barsuglias Lesung-Video-Performance Ende Juni 2007: "Open Mouth ist ein Pornobuch, das den Zusammenhang zwischen Oral-Hygiene und Oral-Sexualität - von Barsuglia "Oderflaismus" bezeichnet - subtil und vielschichtig beschreibt. Mit Zeichnungen von sexuell stimulierenden Hilfsmitteln illustriert er seine Erörterungen zum Oderflaismus." Dieser Künstler findet demnach zu einer inhaltlichen Ablenkung und daher erträglichen Beschäftigungsmöglichkeit von Intensität. Gleichzeitig ist seine konzeptuelle, zeichnerische Umsetzung technisch hervorragend, und noch einmal um eine Nuance distanzierender ausgeführt. Was dieses Werk also auszeichnet und letztlich auch den Künstler mental und körperlich rettet, ist die Distanz durch den Humor. Wahrscheinlich wird er sich innerhalb der Kunstgeschichte zwar nicht mit einem Chen Zhen messen können, aber: er wird auf alle Fälle (gesundheitsbezogen) länger leben.

Alfredo Barsuglia hat einen Weg gefunden, die Dinge nicht so direkt erfahrbar zu machen: er spricht anstatt über Porno von Zahnpflege - allerdings perfekt und mit Hingabe gezeichnet - Steckt dahinter prinzipielle Lebensweisheit?

Ziehen wir daraus also den Schluß für unser aller "normales" Durchschnittsdasein: das Ziel muss die gehobene Komödie sein, als täglicher Zugang zum und Standard des Lebens. Abgeleitet von der Kurzmetapher: Ein Mann begegnet in einer mittelalterlichen Stadt einem Steinmetz und fragt ihn, was er tue. „Steine behauen“, sagt dieser. Kurz darauf antwortet ein Zweiter auf diese Frage: „Meine Familie ernähren.“ Ein Dritter aber sagt darauf strahlenden Auges: „Ich baue an einer Kathedrale.“ - Werden sozusagen die Steine mit bestem Wissen und Gewissen behauen, kann man sich daran erfreuen. Zur Kathedrale kommts dann vielleicht wie von selbst, und die Familie wird nebenbei auch noch (durch Geldanhäufung) ernährt. Daran sollte sich auch eine Eva Dichand ein Beispiel nehmen!


THEATER Die Rosenkriege * Vier Historiendramen von William Shakespeare * Deutsch von Albert Ostermaier und Thomas Brasch * Regie: Stephan Kimmig * Musik: Philipp Haagen * Mit: Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Dietmar König, Michael König, Johann Adam Oest, Nicholas Ofczarek, Jörg Ratjen, Martin Schwab, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 14., 21., 27., 28.9.2008: 15h
- Die Rosenkriege, 1. Teil: Zeit: 15.9.2008: 18h30
THEATER Hamlet ³ * Von: William Shakespeare * Regie: Árpád Schilling * Musik: Jörg Gollasch * Mit: Martin Schwab, Markus Meyer, Tilo Werner * Ort: Kasino am Schwarzenbergplatz * Zeit: 19., 20.9.2008: 20h
THEATER König Lear * Von: William Shakespeare * Regie: Luc Bondy * Mit: Gert Voss, Birgit Minichmayr, Martin Schwab, Andrea Clausen, u.a. * Ort: Burgtheater (Co-Prod. Wiener Festwochen) * Zeit: 4.9., 5.9., 25.9., 30.9.2008: 18h30 + 7.9.2008: 17h + 3.10.2008: 18h
THEATER Sturm * Von: William Shaekespeare * Regie: Barbara Frey * Mit: Joachim Meyerhoff, Johann Adam Oest, Maria Happel, u.a. * Ort: Akademietheater * Zeit: 4.10.2008: 20h THEATER Viel Lärm um nichts * Von: William Shakespeare * Regie: Jan Bosse * Mit: Joachim Meyerhoff, Christiane von Poelnitz, Nicholas Ofczarek, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 6., 17.9.2008: 20h THEATER Ein Sommernachtstraum * Von: William Shakespeare * Regie: Theu Boermans * Mit: Peter Simonischek, Bibiana Zeller, u.a. * Ort: Burgtheater *: Zeit: 10., 11., 22., 29.9.2008: 19h30 + 5.10.2008: 19hTHEATER Julius Cäsar * Von: William Shakespeare * Regie: Falk Richter * Mit: Peter Simonischek, Michael Maertens, Ignaz Kirchner, Moritz Vierboom, Roland Koch, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 3., 8.4.2008: 19h30
THEATER Romeo und Julia * Von: William Shakespeare * Regie: Sebastian Hartmann * Mit: Sven Dolinski, Julia Hartmann, u.a. * Ort: Burgtheater * Zeit: 25.5.2008: 18h

THEATER Romeinse tragedies - Römische Tragödien * Coriolanus, Julius Cäsar, Antonius und Cleopatra - Eine Schauspielinstallation mit Video und Musik Komposition (Eric Sleichim) * Nach: William Shakespeare * Regie: Ivo van Hove * Produktion: Toneelgroep Amsterdam (Gastspiel im Rahmen der Wiener Festwochen)* Mit: Barry Atsma, Chris Nietvelt, Karina Smulders, u.a. * Musiker: Bl!ndman - Ward Deketalaere, Yves Goemaere, u.a. * Ort: Halle E/MQ * Zeit: 6.6.2008: 18h + 7., 8.6.2008: 16h * Dauer: 6 Stunden!
THEATER Die Lears * Nach: William Shakespeare * Regie: Barbara Weber * Mit: Rahel Hubacher, Yvon Jansen, Sebastian Rudolph, Anne Ratte-Polle * Live-Musik: Michael Haves * Produktion: Hebbel am Ufer, Berlin, Theater am Neumarkt, Zürich, Wiener Festwochen * Ort: brut im Künstlerhaus * Zeit: 13.-16.6.2008: 20h
THEATER Troilus und Cressida * Von: William Shakespeare * Regie: Luk Perceval * Mit: Oliver Mallison, Julia Jentsch, u.a. * Produktion: Wiener Festwochen - Münchner Kammerspiele * Ort: Theater an der Wien * Zeit: 12.-17.5.2008: 19h30


AUSSTELLUNG Chen Zhen - Der Körper als Landschaft * Kurator: Gerald Matt * Ort: Kunsthalle Wien, Halle 1 * Zeit: bis 2.9.2007
LESUNG/VIDEO Alfredo Barsuglia und Open Mouth * Ort: MAK-Vortragssaal Wien * Zeit: 26.6.2007: 20h30

Sunday, April 22, 2007

DAVID LYNCH UND ERNA ÓMARSDÓTTIR - FILM GEGEN TANZ

Erotik und Verführung - hier zwischen Nikki Grace (Laura Dern) und Devon Berk (Justin Theroux) - schweben permanent über David Lynchs Inland Empire. - Doch das steht für etwas Universelles...


WAS FÜR EINE VERBINDUNG BESTEHT ZWISCHEN DAVID LYNCH UND DEM ZEITGENÖSSISCHEN TANZ? - VIELLEICHT INSPIRIERT DER FILMEMACHER ZU UNGEWÖHNLICHEN KÖRPERBILDERN, EINES IST ABER SICHER: INTENSIV ZU BEWEGEN VERMAG EIN LYNCH DEN ZUSCHAUER NUR ALS FILM. SEIN NEUES MEISTERWERK INLAND EMPIRE UND PERFORMANCE- KÜNSTLERIN ERNA ÓMARSDÓTTIR IM VERGLEICH


Der zeitgenössische Tanz und David Lynch. Entweder es ist eine Modewelle, oder es besteht tatsächlich ein Zusammenhang:

Dass es unter Tanzleuten relativ schnell zu Moden kommt, liegt daran, dass kaum in einem Kunstgenre unter Künstlern - herzlich verbunden - mehr gesprochen und fachgesimpelt wird als im (zeitgenössischen) Tanz. - Das ist besonders auffällig, da im Kunstprodukt selbst letztendlich nicht gesprochen wird.

Der "Zusammenhang" liegt indessen darin, dass Lynch-Filme psychische Abgründe und Traumata ausdrücken. Nonverbales im Menscheninneren, das Tänzer über ihren Körper transportieren. Solche Seelentrips bedingen umso abstraktere Körperformationen. Also eine Herausforderung, die neue ästhetische Dimensionen bewirkt. So kommt es, dass Kompagnien wie die italienisch-niederländische Emio Greco / PC - heuer wieder beim ImPulsTanz-Festival zu sehen - indirekt aus Lynch-Filmen schöpfen, und Performancekünstlerinnen wie Isländerin Erna Ómarsdóttir direkt aus Lynchs Film Blue Velvet - eben im Tanzquartier zu sehen und im Sommer ebenfalls als Lehrende bei ImPulsTanz.

NEUES LYNCH-MEISTERWERK: INLAND EMPIRE

Wie es der Zufall nun will, läuft Anfang Juni ´07 in Österreichs Kinos David Lynchs jüngstes Meisterwerk Inland Empire an, das er 2006 fertig gestellt hat. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein Zusammenschnitt von Experimentalfilmen, einerseits mit Lynchs "Spielzeugkamera", einem tragbaren Sony PD 150 Digital Videorekorder, mit reflexartigen Aufnahmen nach Lynchs spontanen, schrägen Ideen. So entstand eine surreale Sitcom über eine Familie aus Menschenkörpern mit Kaninchenköpfen. Andererseits drehte Lynch vor etwa drei Jahren, inspiriert von einer Reise zum Filmfestival in Lodz (Polen), vorort einen Film mit heimischen Darstellern in den alten Fabriksgebäuden. In Inland Empire werden nun Szenen daraus neben ausgebauten Monologen der Schauspielerin Laura Dern zusammen geschnitten, wobei all das durch die eigentliche Rahmenhandlung eine gänzlich neue Bedeutung bekommt und nicht mehr für sich selbst steht. Dieser Prozeß sei einer der Kreativsten seiner Karriere, sagt Lynch: "Ich kam von der Malerei. Da gibt es nur dich und die Leinwand. Digitales Arbeiten ist eine ähnliche Erfahrung, man kann tiefer eindringen." Ohne festes Drehbuch, d.h. Lynch schrieb jede Szene unmittelbar, bevor er sie drehte, wurden roter Faden und Grundthema lediglich "Angst".

... die Erbsünde, sprich Angst für die erfüllte Lust, die mit Betrug, Eifersucht und Mord einher geht, ist das eigentliche Thema in Lynchs Inland Empire. Selbst wer ständig reflektiert wie Nikki Grace (Laura Dern) und sich in der Unheimlichkeit verwirrt (hinter)fragt, kommt ihr nicht aus.

EIN RAUSCH DURCH ZEIT, ORT UND HANDLUNG

Die Sicht auf den Entstehungsprozeß reduziert den Film allerdings sehr. Tatsächlich zerschlägt dieser Film mehr als jeder andere das griechische Gesetz des Dramas von der einzuhaltenden "Einheit von Ort, Zeit und Handlung". In solchem Ausmaß hat das wahrscheinlich noch niemand gewagt. Das Bedeutende daran ist aber, dass alles als tiefere und bewußte Bedeutung wahrgenommen wird, selbst wenn sich Lynch dessen gar nicht bewußt war. Die Story, in der eine Schauspielerin (Laura Dern) nach langer Zeit wieder zu einer Hauptrolle in einem Film kommt, ist die Ausgangsbasis für die Form, die der eigentliche Inhalt ist: der Film im Film, das Springen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Sichtweisen, wobei sich sämtliche Inhalte verdoppeln und andauernd erweitert und umgedeutet werden. Im Film geht es etwa um eine verbotene Liebe, die sich als Verführung auf den verheirateten Schauspieler (Justin Theroux) und die verheiratete Schauspielerin überträgt. Und das eröffnet wiederum zum Kernthema der "Erbsünde". Begleitet von unheimlichen Weissagungen und Märchenmythen, worin es um das Versetzen in andere Szenerien, Orte und Lebensbeziehungen geht, lauert die Unheimlichkeit über den Darstellern, die sie gleichzeitig zur Versuchung animiert und in Sex, Betrug und Mord mündet.

ANGST ODER DIE LUST DER ERBSÜNDE

Angst und Erbsünde kommen in jedem Haushalt vor: bei Schloßbesitzern und Hasenhaushalten, die Lynch zwischenschneidet.

Die unerklärten Wohnortssprünge zwischen Schloßszenerie und kleinbürgerlichem Ambiente des Dern-Ehepaars, von Hollywood zu Polen, unterstrichen vom Hasen-Wohnzimmer verleihen dem Grundthema Angst, konkreter der Erbsünde, den Anspruch von Universalität. Denn die Frauen und Männer betrügen und belügen ihre Partner, obwohl/gerade weil sie es nicht sollten, weshalb es zur tödlichen Eifersucht kommt. Darüber schwebt die Faszination am Sex, der in enger Verbindung zum wechselnden Zeitgefühl zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zum Rausch auswächst. Interessant dabei der Sager der Schauspielerin Dern, der deutsch komplett falsch untertitelt wurde: "Ich hab das Zeitgefühl verloren, als würde mich ein Mann durchficken." Das ständig gebrauchte Wort "fuck" bekommt von Lynch gleich dem Sex allgemeine Bedeutung zwischen Lust, Versuchung und Angst. Die Perspektivenwechsel stehen für Reflexion und damit für die moralische Selbstjustiz des Menschen, wobei aber kein Urteil, keine Lösung angeboten wird: Ersticht sich die fiktionale Film-Frau, umgibt sich die reale Schauspielerin mit tanzenden polnischen Huren, begleitet von Nina Simones "Sinnerman" im Abspann - was anhand der Bildsprache wiederum ein versöhnendes, nonverbales "Ja" zur Lust bedeutet.

Eine große Rolle spielt in dem Film außerdem - wie so oft bei Lynch - das Ohnmachtsgefühl nach einem Schock: sei es das unerwartete betrogen und belogen werden vom geliebten Partner oder der Verlust eines Kindes. Der Schock wirft die Menschen auf die schwindelerregende Bahn, wo sie das Gefühl für Zeit, Ort und Tun verlieren. Die Dinge geraten in ihren Köpfen außer Kontrolle. Die absolute Erfüllung des Films wäre es aber nun, wenn der Zuschauer tatsächlich diese Kontrolle verlieren würde: und da muß man sagen, so spannend der Film ist, das Zeitgefühl verliert man dennoch nicht. Bei beinahe drei Stunden wird der Film bewußt als zu lang wahrgenommen.

ERNA ÓMARSDÓTTIRS LYNCH-NACHWEHE

Tanz-Performance The Mysteries of Love, inspiriert von Lynchs Durchbruch Blue Velvet: Darin geht es um die Verletzung pubertierender Mädchen, die im einen Moment blond (Margret Sara Gudjónsdóttir) und naiv (singend) sind, im anderen schwarzhaarig (Erna Omarsdottir) aggressiv kämpfend und tierisch kreischend.

Kommt man nun direkt nach Lynchs Film zum Genuß, Erna Ómarsdóttirs und Musiker Johann Johannssons Tanz-Performance The Mysteries of Love anzusehen, muß man sagen, dass diese Ausdrucksform in der Intensität für den Betrachter niemals an einen Lynch-Film heran kommen kann. Der Songtitel zu dessen Kultfilm Blue Velvet sollte zu ihrer musikalischen und getanzten Liebes-Hass-Orgie führen, wo außerdem Teenage-Horror-Movies als Inspiration heran gezogen wurden. Gehen sollte es um den widersprüchlichen Eindruck von unschuldigen Teenage-Mädchen, wobei das babyhaft singende Blondchen im rosa Kleid zum schwarzhaarigen Vamp im roten Kleid wechselt und umgekehrt, als dunkler Abgrund der pubertierenden Jugendzeit: vom leichherzigen Flirt zum Horrorszenario aus Verführung, Ekstase und Zerstörung. Die Stimm- und Kreischaktionen, körperlichen Tanzbilder und parallelen Paarläufe zwischen Ómarsdóttir und Margret Sara Gudjónsdóttir mögen momentweise recht spannungsgeladen sein, gegen einen Lynch-Film bleibt es aber etwas äußerlich Erzähltes. - Selbst wenn die Darsteller wahrscheinlich für sich selbst gewisse Grenzen durchlaufen haben mögen.


Mehr zu LYNCH und sein Verhältnis zu Polens Filmstadt Lodz gibt es auf intimacy: art, click: metanews / gossip

ACHTUNG DAVID LYNCH BESUCHT WIEN:
MATINEE Vorstellung der von Folksänger Donovan initiierten und Lynch unterstützten privaten Friedensuniversität "Invicible University" * Zusammenarbeit zwischen VIENNALE und GARTENBAUKINO * Ort: GARTENBAUKINO * Zeit: 11.11.2007: 12h - Filmvorführung: Mulholland Drive - F/USA 2001 145 min, OmU; 15h - Publikumsgespräch bei freiem Eintritt mit David Lynch und Dr. Bevan Morris, dem Präsidenten der Maharishi University of Management in den USA zum Thema „Film, Kreativität und Meditation“

FILM Inland Empire * Von: David Lynch * Verleih: www.filmladen.at * Ort: Österreichs Kinos * Zeit: ab Anfang Juni 2007
* Ort: Gatenbau-Kino Wien * Zeit: 1.-21.6.: 17h30, 20h30

TANZ Emio Greco / PC mit Programm * Erna Omarsdottir mit Damien Jalet im Workshop von 6.-10.8.2007 bei www.impulstanz.com