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Thursday, February 21, 2008

KUNST ODER KOMMERZ II,a: "FALCO SYMPHONIC" - THOMAS RABITSCH & PETER PAUL SKREPEK ARRANGIEREN (SICH / NICHT)

Österreich-Anreger: Falcos einziger Live-Auftritt mit Orchester in Wiener Neustadt 1994 wurde 2008 aus semiprofessionellem Material zur Top-DVD und -CD restauriert und dann morbid beworben ... (Falco Symphonic -Fotos © Curt Themessel)


DER TUMULT UM DIE SYMPHONISCHE FALCO-LIVE-KONZERT-RESTAURIERUNG ALS DVD UND CD FALCO SYMPHONIC IST - mit Doppelplatin im Juni 2008 bei wochenlanger Chartsanführung für über 20.000 verkaufte DVDs und über 20.000 CDs - VERBLÜFFEND:
1. WEIL ES SICH BEI DER DVD TATSÄCHLICH UM EIN INSGESAMT GUT ARRANGIERTES GLANZSTÜCK VON LIEBHABERWERT HANDELT;
2. WEIL DIESES LIEBHABER-WERK ÜBER EIN SENSATIONELLES MARKETING ZUM KASSENSCHLAGER GE-HYPE-T WIRD;
3. WEIL BEIDES EIN ABBILD UNSERER KOMMERZIELLEN KUNST- UND MEDIENZEIT IST: ZWISCHEN GEFÄLLIGKEIT, NETWORKING-ZWANG, MOBBING UND AUSGRENZUNG ECHTER KÜNSTLER - WAS HÄTTE FALCO DAZU GESAGT?


Am 19.2.2008 wäre Falco (Hansi Hölzel) 51 Jahre alt geworden. Doch nicht zu seinem Geburtstag, sondern anläßlich seines zehnten Todestags ("Unfall" am 6.2.1998) sprengte eine Reihe an Künstlern mit der DVD Falco Symphonic samt CD den Markt. Sogar nach seinem Ableben verfolgt den einzigen Popstar Österreichs, was er zu Lebzeiten in all seinen selbstgefertigten Texten durchblicken ließ. Das gesellschaftskritische Mißtrauen des selbstherrlichen Falken schleicht sich als ausgleichende Gerechtigkeit in das Umsetzungmotiv seiner einstigen Mitstreiter. - Angefangen von Bandleader und -Produzent Thomas Rabitsch, der heute allen (nicht nur) Bandmitgliedern hauptsächlich zur Mitwirkung bei (künstlerisch unbefriedigenden) ORF-Casting-, Dancingshow-Begleitungen, -Arrangements und Fernseh-Jingles verhilft. - "Besser das, als gar nichts", werden sie sich sagen. Falco hätte das wahrscheinlich nicht gesagt. - Deshalb mußte dieses Projekt jetzt sein: Falco Symphonic kommt genauso dekadent daher, wie es die überhebliche, und doch eigentümliche Aura, Größe und Eleganz des stolzen Falken war. Laut ist das Marketing vom bis auf Falcos Stimme neu und diffizil aufgenommenen Livekonzert am Wiener Neustädter Dom mit 10.000 begeisterten Fans und mit Band vor mächtigem Orchester.

Während des anspruchsvollen Unterfangens einer symphonischen Falco-Hits-Orchestrierung - was einem Frank Zappa etwa trotz Lebenswunsch nie vergönnt war - ruft ein voll motivierter und damit präsenter Falco in die Menge: "Das ist ein neues Rockerlebnis!"" Einmal zeigt er sich mit ironischer Theatralität und teuflisch-schriller Stimme, sein R rollt durch Jeanny und Dance Mephisto. Doch huschen momentweise Züge der Rührung über sein Gesicht. - Er ist von echten Glücksgefühlen getragen, sagen sie. Das rührt den verwirrten Betrachter, wissend: Hier fand etwas Besonderes statt. Diese Empfindung wird durch manch feines Arrangement bei melodisch verbesserter, narrativer Orchestrierung noch erhöht, mit neu aufgenommener, virtuoser Band-Solopassage - die gedämpft-lyrische Elektrogitarre von Peter Paul Skrepek läßt einen glatt wundern, warum dieses Instrument in der Klassik nicht öfter Verwendung findet. Aber auch die raren Jazzansätze der Rabitsch-Brüder suggerieren, was eigentlich in diesen Musikern stecken könnte. Und wenn Dirigent Raoul Herget im Hintergrund Einzelinstrumentengruppen wie die Violinen in rhythmische Spannung drängt, kann der Zuschauer nur noch "staunen".

Falcos Rock-Band züchtig mit Klassikinstrumenten - die Anzüge blieben, die Instrumente nicht: denn die Band rockte live zum klassischen Hauer-Orchester, wenn auch lyrisch wie Elektrogitarrist Peter Paul Skrepek (rechts), und unter Revoluzzer-Blick von Band-Kapitän Thomas Rabitsch (ganz links)

FALCO - ALS KOMMERZREPRÄSENTANT UND KOMMERZANKLÄGER OPFER SEINER EIGENEN KUNSTFIGUR

Noch spannender zu spüren ist jedoch dieses unterschwellige Gefühl: Jene Eitelkeit des verletzlichen Stolzes, wie sie Falco erhobenen Hauptes in sich trug, während er im Gegenteil den eitlen Stolz der unsensiblen, oberflächlichen Kommerz-Neureichen verfluchte und aus sich heraus rappte. Die modesüchtigen Kaufmenschen lebten das, was er (für sich) nur spielte. Sie leben es noch. Heute leben es noch häufiger die Musiker als "wir Menschen = mit modischem Weltbild", wir, "Helden von heut´" (Falco-Textzitat). Sogar solche Musiker, die Falco angeblich verehren und nachahmen, müssen es leben, weil sie nur auf diese Weise am musikalischen Gesellschafts- und folglich an einem eigenen, materiell gesicherten Familienleben teilnehmen können.

Falcos ehemalige Bandmitglieder veranschaulichen mit ihren Biografien allzu gut, wie Querdenker in der österreichischen Szene "nur" überleben lernen. Den künstlerischen Gewissenskampf zu gewinnen, ist dagegen nachvollziehbar schwer. Falco lebte vor, wie sich bescheidene Gefühlsreinheit und hoher Sinn für Ästhetik in äußerem Glanz verpuppen, wie sich Vertrauensseligkeit in Argwohn äußert. Und er überlebte damit nicht. Denn seine doch so präsente Naivität, seine sensibel durchscheinende Sehnsucht nach Urvertrauen, Hingabe und Verantwortungsbewußtsein als Mann, wovon er in den verschlüsselten, aber innigen Liebesliedern Jeanny und Nachtflug singt, wurden ausgerechnet von jener Menschheit (v)erkannt, die er am nächsten an sich heran ließ.

- Und selbst da, in seiner Privatsphäre, läuft das ironische Kontrastspiel von Verletzung und Kommerzialität fortan immer weiter. Indem etwa seine jahrelang untergejubelte, geliebte, als nicht-von-ihm-gezeugt-bewiesene "Tochter" von ihm als "Vater" medial profitiert, sei es über Buch-Veröffentlichung, Kaffeehaus-Gründungsklatsch oder Erbschaftsgerüchte; während sich wiederum Falcos geliebte, echte Verwandtschaft (Mutter) aus jeder Tonträger-(Neu)auflage Geldanteile erbittet, wofür selbsternannte Journalistenanwälte kämpfen (die sich unter vorgehaltener Hand ebenfalls finanziell etwas ausrechnen.) - Alles geahnt, alles verflucht, und erahnt tritt das Verfluchte ein. Falco wußte das, und schoß deshalb wahrscheinlich (lieber) ein: in höchster Dekadenz, zur Feier seiner ausklingenden, ästhetisch runden Lebensmitte.

Revolution und Kritizismus gingen von Falco aus, von seiner Persönlichkeit und von seiner künstlerischen Expressivität ...


MORBIDER ANLASS FÜR EINEN MORBIDEN KÜNSTLER, UND MORBID GEHEN ÖSTERREICHS MUSIKKÜNSTLER ZUGRUND´

Der Falke hat sich großspurig, frech, mit rundem Vierziger verabschiedet, auf Ohnmachtsflug in sein automobiles Cockpit begeben, als weltabtriftender "Kapitän" der Fantasie, wovon er in mehreren Abwandlungen sang. Überließ er sich im erotischen Nachtflug hoffnungsfroh der Führung seiner "Frau Kapitän", so urteilte er über die Menschen auf der todgeweihten Titanic: "Die Titanic sinkt in Panik ganz allanig - aber fesch; mit all den Millionen Cash und all der teuren Wäsch´; Die Titanic sinkt in Panik ganz allanig - aber gut, denn wer sich retten tut, der hat zum Untergang kan Mut; Decadence for you and me, decadence." Vielleicht zog Falco es vor, (lieber) dekadent zu sterben, als sich dekadent verkaufen zu müssen.

Mit den krummen Nebenerscheinungen nach dem 40-er können sich offensichtlich nur jene arrangieren, die den Argwohn nicht als nach außen deklarierte Identität ausgesprochen haben, selbst wenn sie ihn in ihrem Inneren hegen. - Thomas Rabitschs früheres Äußeres von einem androgyn-hinterfragenden Jungrevoluzzer zeigte noch sehr viel von jenem widerständerischen Sturm-und-Dränger. Heute wirkt er indessen eher - ein Schicksal, das bekanntlich auch Goethe teilte - wie der im Musikgeschäft zufrieden Eingebettete, der sich mit den Umständen mit und wegen gut situierter Familie abgefunden hat. Ab und zu, wie bei diesem besonderen Vorhaben einer Konzert-Restaurierung oder auch bei seiner - wenn auch auf so sehr auf kommerziellen Erfolg wie im Jazz nur möglich getrimmten - Band mit Hansi Lang und Wolfgang Schlögl The Slow Club, scheint in ihm jedoch noch der Künstler-Sturkopf durch zu brechen.

Nur Falcos Bandgitarrist Peter Paul Skrepek wurde - vor und nach Falco - durch und durch zum langjährigen, aktiven Kämpfer und Verfechter für das Recht einschlägig-authentischer Musik-Künstler in Österreich. Er begegnete dabei Kollegen, die ihn stützten, anderen, die ihn stürzten. Zuletzt in der AKM, mit dem fadenscheinigen Argument, mehr Gewerkschafter und kein Komponist zu sein, obwohl er allein in Falco Symphonic neben der Hälfte aller Nummern-Arrangements für das Orchester eine Ouvertüre komponierte.
- Und Skrepeks Einzug der Helden aus dem Jahr 1994 kann sich im zeitgenössischen Kollaps-Ende der Querflöte sehen lassen, womit er nach einem tradtionell-filmmusikalischen, Streicher- und Bläser-betonten Soloklarinetten-Spannungsaufbau niveauvoll und neugierde-anheizend Robert Pongers David-Bowie-Falco-Adaption Helden von Heute mit Gitarrensolo im selbstorchestrierten Teppich einleitet, als wären die Musiker aus einem Rausch erwacht, während die musikalische Ernsthaftigkeit des Songs gerade extra als komplette Ironie den fatalen Rausch der gesellschaftlichen "Helden von heute" bloßstellt. -
Für den jahrelangen Kampf - bzw. zur Abschreckung und Einschüchterung, sich nicht wieder im Widerstand zu betätigen, denn nur mit Mundtoten läßt sich die Tendenz von heimischem Musikanteil im ORF von 27% im Jahre 1990 zu derzeitigen 4% weiter mindernd verstärken! - belohnte man den keineswegs Großverdiener Skrepek nun gerichtlich gestützt mit einer horrenden Geldstrafe, sodass man sich fragen muss, wovon die Rechtsprechung wohl ihre "objektive Meinung" ableitet?! ... So eng ist also in der Musik österreichischen Staats das Verhältnis von Selbst- und Mord.

Deshalb paßt der morbide Anlaß, den Produzent Thomas Rabitsch für die Veröffentlichung wählte, doch allerbestens. Schon weil er selbst während der Falco-Live-Konzerte so gerne die dekadente Kapitänsjacke trug. Zur Feier des mordsmäßigen Selbst im zweifachen Jahr-Zehner, 40 Falco-Jahre plus 10 Todesjahre, programmierte er den Countdown von Falcos Nachtflug in den Tod. Mit dem Begleiteffekt, dass das Fragil-Dunkle dieses himmlischen Produkt-Duos betont wird, das ansonsten verborgen bliebe, weil es auf erstes Gehör sichtlich mehr um den energetischen Sound als um den bitterkritischen (auf DVD sogar zum Teil unverständlichen) Text geht. - Selbst wenn Falco auf DVD zusätzlich live Dada-, erotische und Liebestexte liest, worin abermals Falcos verletzlich-denkende Seite zum Vorschein kommt. Dann, wenn er während der Schlußpointe in Letzte Lockerung auf die Behauptung, es schlafe sich eben doch nicht besser mit einem Denkerich, sagt: "Na, i waß neet!"...

- Das anlaßbezogene "Todesschwarz" verfärbt nun den einen oder anderen kommerziellen Effekt noch einmal ins Künstlerische. Aber die Marketingmaschinerie rundum Falco Symphonic surrt so, als befinde man sich dennoch auf dem Tagflug zur Wiedergeburt: und mit der aufwändigen, ohne digitale Errungenschaften bisher unmöglich geglaubten Restaurierung 2007, ist Falcos einziges, orchestrales Konzert 1994 tatsächlich: eine neue Geburt.

... wo auch ein teuflischer Schalk durchbrechen konnte: etwa im doppeldeutigen Jeanny oder im eindeutigeren Dance Mephisto (Foto © Rainer Hosch).


VOM FALCO-KONTRAST ZUR TV-(WERBE)ZEITENVERMARKTUNG - NICHT-KONFORME WERDEN GESTÜRZT

Die Fülle an Falco-Kontrasten pauscht von Neuem das rauschhafte Klatschwesen an: aus der Not allgemein vorherrschender Verdienstunmöglichkeit in der Musikszene, kulminieren Neidgefühle voller Spekulationen, "Ahnungen" von einem Riesengeschäft, das einige wenige nun wohl machen, sodass neue Tandiemenstreitereien um Verlags- und Verwandtschafts-Rechte losbrechen; da beschimpft ein "echer Wegbegleiter" (Manager-Selbstbezeichnung: Horst Bork) einen "unechten" (sinngemäße Bork-Bezeichnung: Hans Mahr), weil jener (Mahr) "nur kurz" Falcos Produzent gewesen sei - eine Meldung, die von Mahr selbst kommen muss, wie es von tv-media abzuleiten ist. Und da schleudert eine Dolezal-Rossacher-Formation im Schlepptau mit einer vom Falco-Marketing anscheinend ignorierten Fellner-Tageszeitung Österreich ein DORO-Falco-Konkurrenz-Video mit live-on stage-Zusammenschnitten ins Verkaufsrennen, gekrönt von einem schlechten Skandalfilmchen titels Falco - verdammt, wir leben noch, das Falco als Drogenabhängigen preist, und in keinster Weise als vielseitigen Künstler. Und schließlich macht sich die Werbeszene den Hype für reine Werbzwecke zunutze, indem sie mit "Falco" nicht einmal mehr ein Falco-Produkt bewirbt, sondern allein das Unternehmen "Mediamarkt". - Die Falco-Manie wird so lange genährt, bis jeder Fußgänger Falcos über sein wird. Und das passiert binnen schnellster Kürze.

Doch das wird die Werbe- und Medienindustrie noch lange Zeit ignorieren, so wie sie auch Starmania und Dancingstars weiter spielt, obwohl beides eigentlich schon nach der ersten Staffel zum Gähnen ist. Weil aber erst mit der Wiederholung der Werbeeffekt eintritt, sodass ein Thema so tut, als handle es sich um etwas grundsätzlich Lebensnotwendiges, wird das Ganze bis zur völligen Ausreizung in der Schleife getrommelt, um am Ende den Wert des Themas (Falco) endgültig inflationiert und damit entwertet zu haben. Falco wird verkommen wie ein Heuschreck an der Börse. - So läuft das, seit in Österreich nur noch kaufmännische Direktoren und Werbezeitenverkäufer TV-Geschäftsführer bzw. -Intendanten werden; doch selbst eine - je nach angesagtem Wind - tendenziös drehende Nachrichtenzeitschrift Profil bedient sich dieses Musters. Herausgeber Dr. Christian Rainer meinte bezüglich des letzten journalistischen TV-Geschäftsführers in Österreich, Tillmann Fuchs (vor ATV Ex-Stellvertreter von Hans Mahr in der RTL-Informationsredaktion), nachdem sein Blatt mit einem fragwürdigen Artikel zu mobben begonnen und damit maßgeblich zu dessen Letting-Falling-Down beigetragen hatte: "Als Geschäftsführer ist Fuchs vor allem oberster Werbezeitenvermarkter. Selbst bei Minireichweiten sollte bei richtiger Vernetzung in Österreich etwas möglich sein. ... Ich persönlich mag Tillmann Fuchs gerne. Nicht nur, weil ich finde, dass ein gewisses Maß an Eitelkeit notwendig ist, um so ein Projekt voranzutreiben. Siehe Profil.")! - So viel zum Geheimnis, wie sich Leute selbst (dis)qualifizieren, oder wie ein Mord gesellschaftsfähig wird, oder, wie man jemanden "mag" und ihn gleichzeitig umbringt. - Doch auf wundersame Weise kommen sich über jene allseits goutierten Sitten Medien- und Musikpraxis in Österreich immer näher - ach, wie romantisch!


Wo gibt´s den narrativen Kritizismus noch? - In den Arrangements des früher androgynen Hinterfragers Thomas Rabitsch (Foto © privat) dominiert rhythmisches Formatdenken, Peter Paul Skrepeks (Foto © Elfi Oberhuber) leben innerhalb sich selbst. - Färbt Lebensführung auf den Kompositionsstil ab?

VOM WERBE- ZUM MEDIEN- ZUM MUSIKNETZ - WER DRINNEN IST, HAT´S GUT

Mit dem gefallenen Wort "Netz" gelangen wir allerdings jetzt zur länderspezifischen "Schweigespirale", die bestimmt, was und wer aufgefangen bzw. abgeschmettert wird. Und beim internationalen Netzwerk Sony BMG, das die Vermarktung von Falco Symphonic betreibt, wird man zugeben müssen: Wenn Falco Symphonic als echtes Kunststück bezeichnet werden kann, so ist es das Marketing schon lange. Unheimlicherweise schwirrt dabei - in diversen Zeitungen und auf Falco-Events - ein Mann umher, dessen Name bereits gefallen ist: Nanu, da ist er schon wieder? - Der "unechte Wegbegleiter", Hans Mahr.
- Kein Medium, in dem Falco nicht vertreten ist, und zwar nicht nur in einer Nummer, sondern über mehrere Nummern hinweg. Manches Medium scheint sogar extra zum Falco-Anlaß gegründet, vielleicht handelt es sich dabei auch nur um eine Einzelnummer eines Anzeigenkeilers, der damit das Minus seines Kontos ausgleichen will ...- Ansonsten: Coverstories in sämtlichen News-Verlag-Medien, Coverstories in sämtlichen Styria-Magazinen, Coverstories in Dichands Kronenzeitung, ein aufwändiges Hintergrundporträt in der deutschen Welt am Sonntag, wo zufällig ein Journalist auf Markus Spiegel, zwei Friseure mit Falco-Konnex und - ja, wen haben wir denn da? - auf Hans Mahr trifft (der den Journalisten höchst wahrscheinlich auch eingeladen hat!). - Selbstverständlich folgt nach der Story dann in der nächsten Ausgabe meist eine entsprechende Anzeige... d.h., der Vermarkter läßt sich die Vermarktung auch etwas kosten. Falco Symphonic auf DVD oder CD, jeweils um geschenkte 9,99 € bei Saturn, (bei Libro kostet es 14 €), wobei der Elektronikkonzern auch noch eine Eigenwerbung mit einem animierten Falco auftrumpft...

Dieses funktionierende, dicht ausgebreitete Werbenetz kann wahrscheinlich nur jemand wie Mahr geknüpft haben, weil kaum ein anderer zu so vielen Konkurrenzmedien und -firmen einen "guten Kontakt" hegt: Schließlich war der mediale Tausendsassa nicht nur einmal Falco-, sondern er ist heute (wieder) selbständiger Bertelsmann-Vorstandsmitglied-Gerhard-Zeiler-Berater. Und als Ex-Journalist und -Manager spannt er bis heute Beziehungen zur Dichand-Familie, zur RTL-Gruppe, zu weiteren österreichischen TV-Managern, und über Gerhard Zeiler und RTL, sprich Bertelsmann, eben auch zu bzw. "für" Sony BMG, das zu 50% Bertelsmann gehört. Damit löst sich das Rätsel um die Person Mahr, und das harmoniert wiederum in Promotionhinsicht dekadent und rund bestens mit Falcos Zehnern: alles potenziert sich zur Werbe-Runde.















... Denn Peter Paul Skrepek (Foto © Elfi Oberhuber) ist auch als Elektrogitarrist ein sehr individueller Denker und Erzähler: er spielt Rock verhalten und zärtlich, sodass etwa aus Nachflug oder Junge Römer tatsächlich erotische Liebesgeschichten werden ...


RAUSVERKAUF VON SCHROTT ODER GROSSER KUNST - ALLES DASSELBE?

Der Irrwitz ist leider nur, dass alles zu stark Vermarktete sogleich der muffige Dunstkreis von Billigkommerz umgibt; selbst wenn das nur eine Empfindung ist, genährt durch die Konsumentenerfahrung, nur "Schrott" müsse mit dem letzten Läuten rausverkauft werden. Hinzu kommt, dass an Wert der Besonderheit verliert, was jeder günstig erstehen kann. Da mag der Reflektierer aufgrund der Umstände noch so zugestehen, dass nur diese Art von Verkauf in Ansätzen hereinbringt, was der immense Aufwand zur Realisierung des Werkdoubles "DVD und CD" verschlungen hat; Das Auswägen zwischen kommerzieller Anbiederung und authentischer Exklusivität hört bei dieser Produktion einfach nie auf. Aber auch das resultiert im Paradoxon, das als Spagat wiederum die Kunstfigur Falco ausmacht. Zu hören ist das in den späteren Nummern, die nicht mehr Falco allein bzw. er zusammen mit österreichischen Komponisten schrieb, sondern musikkompositorisch die niederländischen Gebrüder Bolland dominieren.

Dass nun Thomas Rabitsch ausgerechnet jene Bolland-Nummern arrangierte, sprich The Sound Of Musik, Les Nouveaux Riches, Jeanny, Coming Home, Titanic (Text von Falco allein), Vienna Calling sowie Rock Me Amadeus (zusammen mit Peter Paul Skrepek sehr gelungen), mag ein Indiz für sein tiefstes Bekenntnis zur lautstarken und klaren Eindimensionalität, sprich, zum prinzipiellen Musikformat sein, das er als effizienter Arrangeur mit abwechselnd wiederholenden Passagen durchzieht. - Thomas Rabitsch verkörpert die unterhaltende Dynamik dieser Songs, die die typische, körperlich-getriebene Disco-Generation der 80-er repräsentiert, wie kein anderer der mitwirkenden Musiker. Das fällt in der CD umso stärker auf, wenn das Bild vom Ton nicht ablenkt. Die Abfolge des immer gleich lauten Tonpegels wird in der sechsten Nummer sogar als unangenehm empfunden, obwohl das Lied Les Nouveaux Riches an sich eine vielseitige Komposition mit inhaltlicher Anspielung auf Strawinskys Geschichte vom Soldaten (der Neureichen) ist, wo der Kriegsheimkehrer seine Seele an den Teufel (an die Mode, ans Geld) verkauft. - Dieser "Discolärm" wird heute insbesondere von der Jugend abgelehnt, die wieder die Singer-Songwriter-Mentalität bevorzugt.


... während es der körperliche Thomas Rabitsch gerne lautstark mag. - Der typische Stil der 80-er Disco-Generation. (Fotos © privat, www.conny.at) Heute harmoniert das immerhin noch mit den tonangebenden, werbeorientierten Medien. Ein finanzielles Glück für Thomas Rabitsch!

VON DER RETTUNG DER RABITSCH-RHYTHMIK DURCH ELOQUENTE SKREPEK-ARRANGEMENTS

Glücklicherweise treffen den Singer-Songwriter-Stil aber die vom inhaltlichen Text heraus erarbeitenden eloquenten, laut-leise, lyrisch-symphonisch atmenden Musik-Arrangements von Peter Paul Skrepek, der auch - wie erwähnt - als Solo-Gitarrist "elektronisch" außergewöhnlich fein-romantisch, und selten leidenschaftlich-hardrockig auftritt. - Seine Art, Dance Mephisto (Music: Bolland), Junge Römer und Helden Von Heute (Musik: Robert Ponger), Nachtflug (Musik: Harald Kloser) bzw. Ganz Wien (Text & Musik: Falco) zu arrangieren, mag auch an den an-sich weit textbetonteren Kompositionen liegen. Doch ebenso seine Gitarrensoli retten DVD und CD vor dem ausschließlichen Lärmbrei, der nur auf Rhythmus basiert. Das ist eine wahre Erleichterung innerhalb der Liedfolge. (- Wobei Thomas Rabitsch mit seinem DVD-Fantasyfilm angehauchten Intro mit Flöten, Bläsern, Geigen und Chorgesang aber beweist, dass er prinzipiell "aufbauende - und Ent-Spannung" erzeugen kann). Da schon Falco, selbst bei den Tanznummern, stets Geschichten erzählte, wird erst diese musikalische Erzählweise seiner Künstlerpersönlichkeit gerecht. Gleichzeitig wertet es DVD und CD als künstlerisch ernst zu nehmend auf.

Das muss besonders auf der CD sein, um den Hammer einer ziemlich geschmacklosen Disco-Interpretation (allerdings dafür für Gymnastik sehr gut geeignet!!!) von Der Kommissar (an sich großartige Komposition von Robert Ponger) im Boney-M-Gehüpfe-Bontempi-Orgel-Takt wieder gut zu machen (mitverbrochen von Co-Produzent David Bronner; eine echte Schande, denn dieser intellektuelle Rap von einer Kriminellenanekdote erinnert im Stil doch sehr an Der G´schupfte Ferdl von Vater Gerhard Bronner). Hingegen mit abwechslungsreichem Klang sehr gelungen ist Die Königin von Eschnapur dank origineller, orientalischer Sitar-Gitarre (gespielt von Skrepek) und feiner Keyboard-Details (Thomas Rabitsch), sowie einigermaßen gut das ruhigere und damit narrative Europa (beides Musik: Falco, Arrangements Rabitsch). - Diese drei Nummern gibt es nur auf der CD.

Was würde Falco (hier mit P.P. Skrepek und Bernhard Rabitsch, Foto © Thomas Laab) zur heutigen Musikwirtschaft sagen? Zu den "Neureichen" in Medien und Verlagen, die sich gegenseitig zu- und verschanzen? Zur Musikqualität, die in Castingshows heran gezüchtet wird?

DAS BESONDERE VON DVD UND CD UND VON FALCO SELBST

Das Außergewöhnliche an DVD und CD, das als Kunstereignis über jede arrangierende Herangehensweise hinaus wächst, ist aber natürlich die Restaurierung durch Neuaufnahme der Original-Band Falcos (von dem als "besten Schlagzeuger der Welt" bezeichneten Thomas Lang, Bertl Pistracher am Bass, Peter Paul Skrepek an der Gitarre, Thomas Rabitsch am Keyboard und Bernhard Rabitsch an Percussion und Trompete - mit einem tollen, wenn auch kurzen Solo in Vienna Calling!) sowie des 78-köpfigen, wiener-neustädtischen J.M. Hauer Konservatoriums unter Dirigat von Raoul Herget, das nach der Sezierung von Falcos Live-Stimme am Domplatz 1994, einschließlich wichtigem Falco-Fanclub-Gesang live-charakterlich neu aufgenommen und akustisch-und-spielend-verbessert in 5.1-Surround Kino-Qualität von Tontechnikkünstler Dietz Tinhof hinzugemischt wurde.
- Der, insbesondere in den Highlights Helden Von Heute, Nachtflug und Ganz Wien auf DVD und CD tatsächlich im Duo mit Falco oder solo gedämpft-lyrisch-hordrockig "wie ein Gott spielende" Skrepek, kokettiert im Rekonstruktions-Abspann der DVD zum Beispiel über seinen Part während des Konzerts: "Ich hab gespielt wie ein Gott beim Konzert. - Das war natürlich nicht so." Daran frech angehängt wurde aus anderem Zusammenhang: "Sogar dem Herrn Hölzel ist das Lachen gefroren." - Nun, das wurde auf jeden Fall nun ausgemerzt.
Damit die Ausbesserungen auch mit dem Bild harmonieren, drehte das Filmteam um Tom Hosa Close-Ups der Band-Solisten Skrepek und Rabitsch sowie der Violinen-Instrumentengruppen, die es dann mit den Originalaufnahmen überblendete. Den Stil des Konzertfilms macht am Ende eine videoclipartige Splitscreen-Aufteilung mit drei besseren und fünf amateurhaften Kameraperspektiven aus, die die unterschiedliche Bildqualität kaschiert. - Mit Erfolg, denn das optische Resultat erstrahlt modern und zeitgemäß auf insgesamt gutem Bildniveau.

"Ich glaube, es ist gut gelungen. Und meine Musikgeschichten eignen sich gut, um E und U zu verbinden, denn es sind viele klassische Zitate drinnen", sagt Falco im Nachspann. Um damit aber nicht nur Spekulierer und Nachahmer auf die E-U-Mixwelle zu hieven, sei beigefügt: Über alledem braucht es in erster Linie eine echte, charismatische und theatral-eigentümliche Persönlichkeit, die eine Musik transportieren kann. Dass das nicht so leicht ist, weil unsere Gesellschaft solche Persönlichkeiten offensichtlich verhindert, wenn nicht boykottiert, decken wir in der nachfolgenden Story über die Falco-Nacht im U4 mit österreichischen Newcomer-Sängern auf, die Falco-Hits interpretierten. Egal, ob sie damit nun für sich selbst werben wollten, oder auch für Falco, es scheint doch, als seien sie in erster Linie Mittel zur Aufrechterhaltung des Werbe-Hypes gewesen ...

Zur Nachfolgekritik über Falcos Originalband und ihr Konzert im U4 auf www.intimacy-art.com / CRITIC, click auf: Story: KUNST ODER KOMMERZ II,b: FALCOS "NACHFAHREN" IM U4 ZU DESSEN TODESTAG

Außerdem gibt es ein exklusives Gespräch über ihren Zugang zur Musik zwischen Gitarrist Peter Paul Skrepek und Schlagzeuger Thomas Lang auf www.intimacy-art.com / artists / talks / politics, click auf: Gespräch:
Thomas Lang zu Peter Paul Skrepek 1: „In England und den USA sind die Leute offener für fortschrittliche Musik“


DVD: Falco Symphonic * Falco und Orchester live in Wiener Neustadt 1994 * Von: Thomas Rabitsch (Produzent, Co-Arrangeur), Peter Paul Skrepek (Arrangeur) * Mit: Falco, Thomas Rabitsch, Peter Paul Skrepek, Bernhard Rabitsch, Bertl Pistracher, Thomas Lang * Mit: J.M. Hauer Conservatory Orchester * Dirigent: Raoul Herget * Video-Regie: Tom Hosa * Audio-Produktion: Dietz Tinhof und Dorothee Badent für TR Music : Production * + Falco liest Beat und Anderes * + Making Of der Rekonstruktion mit Inerviews * Rechte, Marketing und Vertrieb: Sony BMG Music Entertainment (Austria) GmbH

Für Teaser-Videolink click auf Youtube

CD: Falco Symphonic * Falco und Orchester live in Wiener Neustadt 1994 * Von: Thomas Rabitsch (Produzent, Co-Arrangeur), Peter Paul Skrepek (Arrangeur), David Bronner (Co-Arrangeur + Produzent von Der Kommissar * Mit: Falco, Thomas Rabitsch, Peter Paul Skrepek, Bernhard Rabitsch, Bertl Pistracher, Thomas Lang * Mit: J.M. Hauer Conservatory Orchester * Dirigent: Raoul Herget * Audio-Produktion: Dietz Tinhof und Dorothee Badent für TR Music : Production * Rechte, Marketing und Vertrieb: Sony BMG Music Entertainment (Austria) GmbH

KONZERT-TV-ÜBERTRAGUNG: Falco Symphonic * Ort: 3-Sat * Zeit: 1.3.2008: 13h15

Thursday, September 27, 2007

intimacy: art - KUNSTRANKING´07,3: KATEGORIE "REPORTAGE-KUNST"


In der dritten Kategorie des qualitativen intimacy: art - Halbjahres-Kunstrankings 2007 (für die Kategorien I "Touristen & Eventattraktion" und II "Sammler und Sammlungen" scroll down bzw. click archive August 2007, September 2007 rechts von diesem Text!), juriert von der intimacy: art-Redaktion, geht es um jene Ausstellungen, worin Künstler die Rolle von Journalisten übernehmen und weltrelevante Themen - von der Umwelt, Politik bis zum gesellschaftlichen Zusammenleben - aufarbeiten und reflektieren. Wir nennen diese Kategorie "Reportage-Kunst". Im Grunde arbeitet sie großteils auf dem Prinzip der Konzept-Art, um sich öffentlich relevanten Themen zu nähern. Dieser Begriff scheint uns aber zu begrenzt und zu verkünstelnd verschleiernd, weshalb wir diesem Zugang den profanen Titel Reportage-Kunst geben. Schon weil diese Werke, ästhetisch gesehen, das Verständnis von "Kunst" (abgeleitet von der Definiton des formalen Könnens) verlassen. Dafür artikulieren sie in der freien Zone der Kunst instinktiv Behauptungen, die ein Journalist ohne eindeutige Belege nie aussprechen dürfte. Die Begründung fußt bei Künstlern viel mehr auf subjektiven Ängsten und Emotionen sowie fantasiereichen Assoziationen, was einerseits eine treffende Tendenz (begründete Angst) für die Zukunft vorwegnehmen kann, andererseits auch als hysterische Fehlinterpretation (unbegründete Angst) in die Irre leiten kann - auf alle Fälle ist sie dann aber ein Signal für die Existenz einer gesellschaftlichen Unsicherheit (es sei denn, ein Künstler will damit nur Aufmerksamkeit erheischen). Jene Museen und Galerien, die öfter brisante Themen präsentieren und zur Sprache bringen (im Sinne von Gatekeepering), gelangen im Ranking ins Spitzenfeld, wobei es darauf ankommt, dass sie den Zahn der Zeit treffen oder dass sie - umgekehrt - wichtigen Minderheiten(anliegen) ein Artikulationsforum bieten. Hinzu kommt die Aufbereitung und Präsentation als Ausstellung, wobei hier der Inhalt aber immer über der Form stehen muss: gemäß der präsentierten Kunst selbst. Sinn macht das "laute, direkte Spektakel", denn hier soll ja der Inhalt ins Volk gelangen, sowie die differenziert-außergewöhnliche Umsetzung als künstlerisch hochwertiger Akt. (Die derzeit invasionsartigen, wichtigen Themenausstellungen über die weltweite Klima- und Ökologie-Problematik (siehe Ankündigungen unten) können wir erst im Ganzjahresranking mitbewerten.)


intimacy: art -
HALBJAHRES-KUNSTRANKING 2007,
KATEGORIE III "REPORTAGE-KUNST"

Platz 1
KUNSTHALLE WIEN für DIE TOTEN / THE DEAD - Hans-Peter Feldmann. RAF, APO, Baader-Meinhof: 1967-1993, 16. März – 29. April 2007 im Schwerpunktthema des Jahres LIEBE, TOD und TRAUMA

Platz 1 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": Die Kunsthalle Wien mit DIE TOTEN, worin Hans-Peter Feldmann Todesopfer-Zeitungsbilder der Terristengruppe RAF gesammelt und mit Todesdatum versehen hat. Hier Ausschnitt mit RAF-Führer Andreas Baader, der sich am 18.10.1977 im Gefängnis erschossen hatte: Foto © VBK, Wien, 2007, Courtesy: Hans-Peter Feldmann, Düsseldorf

Begründung: Direktor Gerald Matt trifft auf urbanem Niveau das gefühlsmäßige Jetzt.
Es ist zwar fakt, dass Deutschland schon viel früher über die RAF sprach - denn die Ausstellung über die gesammelten Toten-Bilder von Hans-Peter Feldmann sorgte dort zuerst für Tumult - doch liefert das Überdenken der Motivation dieser Terrorgruppe mehr als nur eine lehrreiche Parallele zum jetzigen Al-Kaida-Terrorismus und seinen Umgriffen unter Immigranten und Intellektuellen. Bei einer umfassenden, journalistischen Aufarbeitung mit historischen Zeitungs- und Videodokumenten, sowie Rahmendiskussionen, hat die Kunsthalle Wien ganze Aufklärungsarbeit geleistet. - Selbst wenn es künstlerisch umstritten ist, wenn jemand einfach nur Toten-Bilder aus Zeitungen sammelt und deren Todesdatum darunter schreibt. Dem Effekt der Beachtung hat es keinen Abbruch geleistet. Dazu paßt als weltmachtpolitischer Rahmen allen Übels: das gesellschaftliche Porträt aus künstlerischer Sicht am Anfang des Jahres bei der Ausstellung AMERICANS - Meisterwerke amerikanischer Fotografie von 1940 bis heute, worin Robert Frank in 13 Bildstrecken amerikanischer Fotografen die US-Gesellschaft in ihrer jüngsten Geschichte mit ihren "Wunden" zeigte. Im Gegensatz dazu wurde der große Für- und Gegenspieler Asien, ebenfalls mit seinen Unsicherheiten präsentiert: in ELASTIC TABOOS - Koreanische Kunst der Gegenwart; wobei LUCA FACCIO in eigener Ausstellung ornamentale Massenstaatsbilder der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik den individuellen Portraits seiner Bewohner gegenüber stellte. Mit dem chinesischen Avantgardistn CHEN ZHEN (1955–2000) wurde wiederum die fragil-bedachte Seele eines großen, poetischen Künstlers und damit des buddhistischen Volkes offenbart, indem Zhen aus echtem körperlichem Langzeitschmerz heraus werkte - mit Blick auf den Tod. Der Tod und die Ohnmacht ist also bis zur Mitte des Jahres allzeit präsent; er wird im Todesmonat November mit zwei Ausstellungen noch einmal einen poetisch-literarischen Höhepunkt erfahren; doch zuvor kommt es zum alles überstrahlenden Liebes-Aufbruch durch TRUE ROMANCE im Oktober. Ob das Besprechen des Todes die zuletzt vermehrten Freitode in der Kunstszene erhöht, oder ob Selbstmord tatsächlich ein Symtom für eine gegenwärtige Zeitstimmung ist - diese Fragen bleiben offen. Sie sind aber auf alle Fälle da, und gehören von denen, die verstehen-wollen, analysiert, um gegebenenfalls entgegen zu steuern.


Platz 2
GALERIE HOHENLOHE WIEN für RÜCKBLICK - Galerie Hohenlohe 1999 – 2007, anläßlich des Freitods von TERESA HOHENLOHE bis 31.12.2007, und vor allem für deren noch kuratierte Ausstellungen mit CORNELIA SCHMIDT-BLEEK - The Simple Task Of Tenacity, 30.03. – 19.05.2007 und MICHAEL KIENZER - Details, 16.02. – 24.03.2007

Platz 2 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": GALERIE HOHENLOHE für CORNELIA SCHMIDT-BLEEK und MICHAEL KIENZER, bevor die Galeristin Teresa Hohenlohe sich selbst mit ihrem Freitod zum ergreifendsten Report machte - derzeit ziert das Bild Wolke (2002) des von ihr betreuten Künstlers Simon Wachsmuth das Cover der Homepage mit Ausstellungsankündigung Rückblick

Begründung: Eine geschmackvoll verantwortungsbewußte Frau als bitteres Fallbeispiel.
Das Echte ist immer die größte Reportage - und sie ist das schrecklich Bestätigendste eines allgemeinen Gesellschaftsgefühls. Die sehr geschätzte Galeristin, Teresa Hohenlohe (geb. am 19. Juni 1964 in Mailand als Teresa Bulgarini, hinterläßt eine 17- und eine 8-jährige Tochter aus erster Ehe mit dem Journalisten Karl Hohenlohe), nahm sich nach einem unbegründbaren Panikanfall am 22. August 2007 das Leben - obwohl sie kürzlich erst ihren Co-Galerieleiter seit Ende 2005, Kunsthistoriker Franz Seilern, geheiratet hatte. Sie ist damit hoffentlich der letzte Todesfall in der Kunstszene (denn nach jedem Tief muß ja das Hoch kommen ... und in den jetzigen optimistisch-utopischen Themen-Ausstellungen ist es bereits da!). Dafür gibt es aber nicht den zweiten Preis im Reportage-Kunstranking, sondern für Teresa Hohenlohes selbstkuratierte Ausstellung The Simple Task Of Tenacity (or How can you not plant roses when the forests are burning?) von CORNELIA SCHMIDT-BLEEK. Die Künstlerin setzt in poetisch-romantischer Form Pflanzen mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Modellen in Beziehung, wobei sie sich insbesondere mit "Defiant Gardens" - trotzigen und widerspensigen Gärten - gegen die extremen sozialen, politischen und ökonomischen Bedingungen aufbäumte. MICHAEL KIENZER verkehrte indessen in der Ausstellung Details, wie gewohnt, gesellschaftliche Wahrnehmung ins Gegenteil, und in der Galerie auf besonders minimalistische Weise durch Verkehrung von Aluminium und Holz, und damit Kälte und Wärme, totem und lebendem Material. In diesem Sinne steht das für die gesellschaftliche Revolution und Neuorientierung durch ihre Gegenstände, die aus vertrautem Umfeld von Dekonstruktion über Transformation, Verfremdung bis zur Rekonstruktionin in einen neuen Kontext gestellt werden.


Platz 3
LENTOS KUNSTMUSEUM LINZ für FUTURESYSTEMS : RARE MOMENTS - Die Zukunft in der Gegenwart träumen, 17.3. bis 10.6.2007, ex aequo mit GENERALI FOUNDATION für EXIL DES IMAGINÄREN - Politik Ästhetik Liebe, 18.1. bis 29.04.2007

Platz 3 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": LENTOS LINZ für FUTURESYSTEMS : RARE MOMENTS, wo Künstler wie hier, Martin Walde, in Frog Chorus eine utopisch hoffnungsfrohe, idyllische Welt erschufen

Begründung: Kunst als Utopie voll von Zuversicht.
Das Lentos Linz präsentierte mit FUTURESYSTEMS : RARE MOMENTS - Die Zukunft in der Gegenwart träumen als eines der wenigen Ausstellungshäuser Österreichs Kunstwerke als Utopien, die aus politischen Freiheitskonzepten schöpfen bzw. politische Alternativen mithilfe der Kunst vermitteln. - Das stärkt einerseits die Stellung von Kunst als selbstbewußter Hoffnungsträger für die gesellschaftliche und kunst-eigene Zukunft, andererseits bringt sie Charme, Witz und Leichtigkeit ins kulturelle Klima, auch formal. Auf der harten Elektrogitarren-Installation From Here To Ear von Céleste Boursier MOUGENOT (F) sitzen etwa poetisch-zarte Singvögel, Martin WALDEs (A) Frogchorus enthält lustige, fröhlich schwimmende, frisch-grüne Frösche; weitere Arbeiten von Carolina CAYCEDO (GB); Olafur ELIASSON (DK), Leandro ERLICH (ARG), Michael KIENZER (A), Job KOELEWIJN (NL) geben vor allem mit Wahrnehmungskonventionen störenden Wandflächen zu denken. Dass das Lentos außerdem reportagemäßig themenvielfältig-visionär auf vorbildlichem Weg ist, beweisen die Ausstellungen 2007: VIDEO AS URBAN CONDITIO im April/Mai, worin die schleichende Präsenz des Videos im öffentlichen Alltag als Ware, Identitäts- und Sehn-Suchtspender beleuchtet wird, MUSEEN IM 21. JAHRHUNDERT: Ideen, Projekte, Bauten (eine übernommene Ausstellung des Art Centre Basel) Anfang des Jahres, wo die Architektur von 27 Museen in vier Kontinenten und deren "religiöse Macht" als Ruhepol im unsicheren Globalismus präsentiert wurde, sowie zuletzt die Ausstellung mit dem polnischen Künstler MARKO PELIJHAN als Featured Artist der ARS ELECTRONICA, der sich mit Radiowellen auf Basis gesammelter Messdaten Gedanken über die globale Telekommunikation und ihre Auswirkung auf Wetter, Klima und Migration macht, einschließlich einer Expeditionsdokumentation zu Arktis und Antarktis - das fällt aber nicht in die offizielle Berechnung, da sie erst im September anlief.

Platz 3 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": GENERALI FOUNDATION für EXIL DES IMAGINÄREN - Politik, Ästhetik, Liebe, weil schon Anfang 2007 Hoffnung durch politikkritische Liebe im Konzeptualismus gespendet wurde, wie durch Andrea Geyer im 16min-Video Reference over Time, worin eine Schauspielerin eine 2004er-Interpretation mit der Suche nach dem aktuell-historischen Ton für Bertold Brechts Text "Konversation unter Flüchtlingen" von 1940 probt

Die Generali Foundation hat indessen schon Anfang des Jahres proklamiert, was Galerien wie die Bawag Foundation zum Beispiel erst jetzt mit der laufenden Ausstellung Romantischer Konzeptualismus bis Ende 2007 angegegangen sind: Romantik in den oft trockenen, eher wortreichen als bildklaren (politischen) Konzeptualismus zu bringen und dabei sogar von Liebe und Ästhetik zu sprechen. Auch wenn die ausstellungsmäßige Umsetzung und Werkauswahl in der Bawag Foundation dann geschmackvoller und gezielter wirkte. - Weshalb die Kuratorin der Bawag Foundation, Dr. Christine Kintisch, wahrscheinlich künftig auch die Ausstellungen der Generali Foundation unter dem Namen "FOUNDATION(s)QUARTIER" bespielen wird, nachdem sich beide Unternehmen ab 1.1.2008 als kulturelle Partnerschaft unter demselben neuen Namen zusammen legen werden. Dr. Sabine Breitwieser wird nicht mehr zur Verfügung stehen, obwohl sie - wie gesagt - 2007 thematisch in EXIL DES IMAGINÄREN - Politik, Ästhetik, Liebe, konzipiert von der Gastkuratorin Juli Carson, die Nase vorn hatte. Für diese indirekte Zuversicht und Betonung der Liebe als kritisches Medium in politisch turbulenten Zeiten, mit Werken von Andrea Geyer, Ken Gonzales-Day, Sharon Hayes, Adrià Julià, LTTR, Dorit Margreiter, Stephanie Taylor, Kerry Tribe, Bruce Yonemoto, Dolores Zinny/Juan Maidagan, im vielfach todesstimmigen Kunstjahr 2007 bekommt sie Platz 3. Was bei ihr leider immer schwer verständlich ist, sind die sprachlichen Vermittlungen. Kürzer und klarer wäre besser als diffuse Bleiwüsten. Worum es im Kern ging, war die Suche nach dem „Konzeptuellen Unbewussten“ - wo auf poetische und surreale Weise Kunst und ihr Verhältnis zur Politik hinterfragt wird. Wahlkampfpolitik, Immigration, Vietnamkrieg, Rassismus und aktuelle politische Tendenzen in den Vereinigten Staaten, kulturelle Transformation und Institutionskritik schlugen sich in den Medien – Skulptur, Performance, Gesang, Film, Video und Fotografie – nieder.


Platz 4
BAWAG FOUNDATION für CANDICE BREITZ - Working Class Hero (A Portrait of John Lennon), 15.12.2006 - 14.3.2007 und RODNEY GRAHAM - Lobbing Potatoes at a Gong, 30.3. - 16.6.2007

Platz 4 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": BAWAG FOUNDATION für CANDICE BREITZ - Working Class Hero, wo John-Lennon-Fans aus aller Welt auf makabre Weise, aber echt gefiebert, zu dessen Songs per Kopfhörer laut mitsingen. © Candice Breitz Stills 2006, Länge: 40 min

Begründung: Klar vermittelter Konzeptualismus mit Witz und Gefühl.
Hat die Generali Foundation - wie in Platz 3 erwähnt - das Gefühl im Konzeptualismus vorweg genommen, so bestach die Bawag Foundation Anfang des Jahres dabei durch Witz: die Reportage-Film-Dokumentation von CANDIZE BREITZ, worin er verschiedene Fans aus aller Welt, in nebeneinander aufgestellten Monitoren gleichzeitig John-Lennon-Songs nachsingen ließ, war umwerfend komisch und vermittelte, wieviel Emotion der Mensch in seinen einsamen Stunden in eine musikalische Projektionsfigur verlagert. Einerseits ist das erschütternd, andererseits rührend, weiters unterhaltend. Dazu gab es monumentartige Fotos von den singenden Fans. Und auch die Folgeausstellung RODNEY GRAHAM war eine ironische filmisch-fotografische Auseinandersetzung als Trilogie des Künstlers und Musikers aus Kanada mit Bands der 70er Jahre und deren Bezüge zur Geschichte, worin sich Rodney in jene Zeit versetzt, verkleidet und abbildet, um so den künstlerischen Hype zu jener Zeit zu konterkarieren. Humor in den Konzeptualismus zu bringen, darin lag bisher die Glanzleistung der Bawag Foundation. - Mit ROMANTISCHER KONZEPTUALISMUS geht es derzeit nun romantisch-nüchtern bis 1.12.2007 weiter: und auch das hat mit Werken von Bas Jan Ader, Robert Barry, Ross Birrell, Lygia Clark, Didier Courbot, Tacita Dean, Felix Gonzalez-Torres, Tomislav Gotovac, Rodney Graham, Henrik Håkansson, Mathilde ter Heijne, Susan Hiller, Douglas Huebler, Kollektiven Aktionen, Louise Lawler, Yoko Ono, Kirsten Pieroth, Allen Ruppersberg, Frances Stark, Jan Timme, Andy Warhol, Lawrence Weiner, Cerith Wyn Evans durchaus seinen politisch relevanten Witz, weil hier zwei gegensätzliche Ansätze auf paradoxe Weise auf einen Nenner kommen.


Platz 5
SECESSION für insbesondere ANTJE SCHIFFERS - Grosses Bauern-Theater, 6. 7. – 9.9. 2007, neben dem beinah gesamten Jahresprogramm

Platz 5 im intimacy: art-Kunstranking, Kategorie "Reportage-Kunst": SECESSION für ANTJE SCHIFFERS - Grosses Bauern-Theater. In der abgebildeten Installation schafft ein in einen Nutzkarren eingebauter Fernseher eine gegenpolige Spannung von ländlicher Weltfremdheit zu weltmedialer bzw. künstlicher Aktualitätshektik

Begründung: Konzeptualismus vermengt sich unkonventionell mit ländlichem Alltag.
Abgesehen davon, dass die Secession im Grunde nur Poltik-, Wirtschafts- und Ökologieforschung in ihren Ausstellungen betreibt, um Gefahren der Welt - stets aus sehr individueller Sicht einer Künstlerpersönlichkeit - mit provokanten Kommentaren zu konfrontieren, gelang heuer mit ANTJE SCHIFFERS und ihrem Grossen Bauern-Theater nicht nur stilistisch eine schöne und originelle Objekt-Komposition, sondern mit dem Bauernumfeld als Natur-Gegensatz zur Kunst auch ein neuer, subtiler Zugang. Die viel reisende, sprachbegabte Künstlerin arbeitet sich in die Lebenswirklichkeiten verschiedener Gesellschaftsgruppen ein, um deren ökonomische, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen – auf lokaler wie globaler Ebene – aus distanziertem Kunstblick zu hinterfragen. In diesem konkreten Fall schafft sie eine interessante Diskussion, indem sie nach Aufenthalt bei Bauern in Niederösterreich ländliche Utensilien und Nutzgegenstände mit künstlichen Fortschrittsmedien kombiniert - das irritiert bis zur komischen, bühnenbildhaften Wirkung. Ansonsten wartete die Secession heuer mit JUDITH HOPFs aus gesellschaftspolitischem Unbehagen heraus entwickelten, theorielastigen, sehr abstrakt-objekthaften Co-Produktionen mit anderen Künstlern auf, ANDREA BOWERS´ rührender Dokumentation The Weight of Relevance über Beaufsichtiger des "Aids-Quilts", einem politischen Aktivismus-Resultat in Wechelwirkung von Politik und Kunst, LEOPOLD KESSLERs öffentlicher Raum-Interventionen in Form von Skulpturen im Film, die Lücken im Gemeinschaftsraum zeigen, Filmen über das derzeit ideologische Vakuum des litauischen Künstlers DEIMANTAS NARKEVIČIUS in Bezug zur kollektiven, osteuropäischen Geschichte, JENS HAANINGs Arbeit über Wert und Bedeutung des Geldes anhand eines ausgerechneten Jahreseinkommens eines österreichischen Durchschnittsbürgers, und im Sommer mit einer Objektinterventionen im Secessionsgarten als kritisch-ironische Auseinandersetzung mit dem historischen Secessiongebäude, wo Künstler AZRA AKŠAMIJA eine Kunstmoschee "aufstellte", BAUMÜLLER / HOFMANN Die Wursthaberer und TATZU NISHI Hier entsteht ein Hotel. Derzeit befaßt sich Däne TUE GREENFORT in assoziationsreich pfeilscharfer und doch subtil-eigenwilliger Weise mit Ökologie-Phänomenen, sowie Pole PIOTR UKLAŃSKI über eine trashige Rieseninstallation mit Hollywood-Schauspielikonen neben russischen Staatsrelikten und dem Hintern seiner kuratorischen Freundin.


Platz 6
KUNSTHALLE EXNERGASSE im WUK für QUANTITY AS QUALITY; 1.02.2007 – 03.03.2007 und für A FOREST AND A TREE, 15.03.2007 – 14.04.2007

Begründung: Irritation durch Gegen-Klischee-Läufe.
Mit der Behauptung in Quantity as quality, dass Quantität durchaus Qualität bedeuten könnte, falls das billig erzeugte Massenprodukt in seiner breiten Verfügbarkeit zum sozialen Gemeinschaftserlebnis wird, ist dem WUK ein eigenwilliger Zugang als Diskussionsauftakt gelungen. Die Künstler Pawel Althamer, Carol Bove, Deborah Ligorio, Wolf von Kries, Tilman Wendland, Cathy Wilkes und Andreas Zybach spielten sich mit dem Paradoxon von Seltenheit und Massenerlebnis, Eitelkeit des Konsums und Fragilität eines gemeinsam geteilten Erlebnisses. In a forest and a tree bestachen dann Yael Bartana, Phil Collins, Esra Ersen, Jakup Ferri, Emily Jacir, Ahmet Ogut, Sislej Xhafa durch die provokante Anklage innerhalb des Kulturbetriebes, als Nicht-westliche-Länder-Künstler in Ausstellungen hauptsächlich auf ihre kulturelle Herkunft hin reduziert und dadurch zur Marke der "Anderen" gestempelt zu werden. Derzeit läuft die Ausstellung NACHVOLLZIEHUNGSANGEBOTE mit Werken zur Klima-Debatte als Angst-Industrie von Ursula Biemann, Tue Greenfort, Anne König/ Jan Wenzel/ Jan Caspers/ Alexander Hempel, Kristina Leko, René Lück, Lars Mathisen, Ariane Müller, Nils Norman, Dan Peterman, Aasa Sonjasdotter, Simon Starling, Ingo Vetterzur.

Platz 7
GALERIE IM TAXISPALAIS - Tirol für ARMIN LINKE / RENATO RINALDI / PIERO ZANINI - Bruchstücke einer Alpen-Analyse, 23.6. – 5.8.2007, CHARLOTTE SALOMON - Leben? Oder Theater?, 16.3. – 3.6.2007, und ROMAN ONDÁK, 19.1. – 4.3. 2007

Begründung: Dreimal andere lebens- und alltagsnahe Unkonventionalität.
Die tiroler Galerie im Taxispalais hat sich bis zur Jahresmitte dreimal neu erfunden, indem sie jedesmal einen ganz anderen unkonventionellen, thematischen Zugang gefunden hat, dabei aber durchgehend von allgemeinem Interesse blieb: ROMAN ONDÁK fängt zu Jahresanfang auf subtile Weise gesellschaftliche Verhaltensformen, Wünsche, Ideen oder Fantasien ein, indem er etwa in der Serie Futuropolis (2006) seine Freunde und Verwandten Bilder von ihrer Vision einer Megalopolis der Zukunft zeichnen oder Menschen in Performances "sittenwidrig und doch üblich" durch eine Ausstellung oder in ein Ausstellungsfenster blicken lässt. Die Arbeiten von CHARLOTTE SALOMON sind ganz anders ein Geschichtsdokument aus autobiografischen Lebensablauf-Zeichnungen, die die Künstlerin als Bild-Theater-Zyklus mit Text während iher Emigration als Jüdin zwischen 1940 und 1942 geschaffen hat, bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. Und mit dem Autorentrio um ARMIN LINKE machte die Galerie mit einem filmischen Work-in-Progress-Projekt und Installationsessay auf das Alpin-Ökologiesystem aufmerksam.

Platz 8
THYSSEN-BORNEMISZA ART CONTEMPORARY für SHOOTING BACK, 6.6. - 16.12.2007

Begründung: Einblick in Randgruppenwahrheiten und -identitäten
Folklore, Rituale und Spiritualität von Künstlern aus aller Welt, die unter gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen und Mächten vorwiegend über filmisch-ethnographische Arbeiten in ur-eigenster Reflektion und Unsicherheit gegenüber Tradition und Neuaufbruch bis zum gefühlten Werteverlust sprechen, sind die Hauptthemenfelder in Francesca von Habsburgs Thyssen-Bornemisza Art Contemporary im ersten Wiener Bezirk. Die Bespielung der früheren Wohnung der Familie - einschließlich des Dachbodens mit dem Projekt des indischen RAQS MEDIA COLLECTIVEs, das über 18 Fernseher ein hinduistisch-mythenreiches Rätsel umsetzt - verströmt einen unbefangenen, lausbübischen Charme von Privatheit, was wiederum eine überhöhte Präsentation der Werke als Besonderheiten verhindert. Man nimmt die Vielzahl der Werke mit fast hysterisch orientierungslosem Staats-, Traditions- und Leitfiguren-Mißtrauen letztendlich nicht ernst, schon weil vieles - auch formal - nicht ausgereift scheint. Die Ansätze sind aber immerhin bemerkenswert eigenwillig: Libanese AKRAM ZAATARI setzt sich mit Fotos von küssenden (homosexuellen) Menschen um 1958 auseinander, was im Land jedoch verboten war. Seit Landsmann WALID RAAD betont die Einschußlöcher von Häusern in Kriegszeiten mit Riesenpunkten. Amerikaner SEAN SNYDER beschäftigt sich mit der Ikonografie von Kriegsbildern. Indio-Amerikaner BRAD KAHLHAMER zeichnet (gut) ein Totenkopfgemälde in indianisch-kultischer Tradition. Bei Rumänin ANETTA MONA CHISA & Slowakin LUCIA TKACOVA sind in Film-Perfornances Auseinandersetzungen mit Karl Marx und Geschlechter-Erbe vorzufinden. Kroatin SANJA IVEKOVIC befriedigt sich, für die Allgemeinheit unsichtbar, selbst am Balkon, während 1979 Staatsherr Tito einfährt, woran sie ein dachstationierter Polizist aus Gefährdung öffentlicher Sicherheit hindert. Serbe ZELIMIR ZILNIK zeigt im Film, wie sehr überlieferte, ungarische Balladen im emotionalen Alltag des einfachen Volkes heute noch verfestigt sind. Amerikanerin CATHERINE SULLIVAN macht sich in Musicalprobenpraxis auf vier Bildschirmen Gedanken über Russen und Tschetschenen. Taiwanese CHEN CHIEH-JEN entschlüsselt eine öffentliche Hinrichtung als ikonographischen Ausgangspunkt für ekstatisch-religiöse Fotografien. Die Inder RITU SARIN und TENZING SONAM intenisiveren die eintrichternde Lehrpraxis von Buddhistischen Mönchen im Film durch einen schreienden Lehrer und einen einfältigen Schüler. Türke KUTLUG ATAMAN bewegt sich provokant als Bauchtänzerin, womit er mit Homosexualität und männlicher Einfühlung in eine Frau in der Türkei provoziert.

Platz 9
SAMMLUNG ESSL für CHINA NOW - Kunst in Zeiten des Umbruchs bis 25.02.2007 ex aequo mit KUNSTHALLE KREMS für JAPAN - Meiji-Kunst der Sammlung Khalili und Japonismus von Van Gogh bis Schiele, 25.2.- 3.6.2007; für ROMA & SINTI - 'Zigeuner-Darstellungen' der Moderne, 17.6. - 2.9.2007; und für CHRISTINE und IRENE HOHENBÜCHLER - ...ansehen als..., 11.3. - 3.6.2007

Begründung: Ethnolight auf Asien und Minderheiten.
Ähnlich wie die Kunsthalle Wien mit "KOREA" heuer ein breites Spektrum über die dortige Gegenwartskunst, quer durch alle medialen Sparten gezogen hat, so ist das zuvor schon in der Sammlung Essl bei CHINA geschehen. 100 Werke von 42 KünstlerInnen wurden gezeigt, zum Grossteil aus der Sammlung Essl und teilweise formal hochwertig. Vor den jüngsten gesellschaftlichen Umbrüchen von Kommunismus zu Kapitalismus, Globalisierung, von der Masse zum Individuum, zeigt sich die chinesische Avantgarde mit sozialkritisch-hyperrealer, rebellischer Foto- und Comic-Nähe wie von ZHANG BIN, CHI PENG, YUE MINJUN und WANG DAJUN bis zu Performance-Art, auf dem Weg vom Underground zur internationalen Beachtung. Die Kunsthalle Krems schuf indessen Durchblick über die Welt der SINTI und ROMA, und die Art des Blicks darauf seitens historischer bis heutiger Kunstwelt, nachdem sie zuvor schon "JAPAN" ähnlich breit dokumentierte. Mit den HOHENBÜCHLER-Zwillingsschwestern aus Wien gelang denn quer durch viele mediale Wege der Blick auf Randgruppen wie aus Psychiatrie und Gefängnis.

Platz 10
WIEN MUSEUM für GANZ UNTEN - Die Entdeckung des Elends - Wien, Berlin, London, Paris, New York, 14.6. - 28.10.2007

Begründung: Wiens Geschichte und Eigenheiten.
Dass EMIL KLÄGER - ganz der Anwaltsjournalist - 1904 mit dem Amateurfotografen HERMANN DRAWE die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens durchstreifte, um dann darüber zu berichten, ist heute noch spannend, weil es bahnbrechend für einen Typus des Journalismus wurde. Dem stellt das Wien Museum die internationalen Antworten gegenüber, indem etwa eine KÄTHE KOLLWITZ Plakate zur Bekämpfung der Armut in Berlin zeichnete. Vom Elend des jüdischen Wiens bis zur New Yorker Szene ist da die Rede, wo im Zuge der Urbanisierung alles zusammen zu brechen schien, was wiederum die Neugier für "Unten" in der Kunstwelt anheizte. Die Ausstellung ist sowohl poetisch - mit Begehungszonen aus Ton und Bild - als auch "echt" reportagemäßig aufgezogen. Das war auch schon der Zugang in Flucht nach Wien, Ungarn 1956 zu Jahresbeginn. Im Wirtshaus - Eine Geschichte der Wiener Geselligkeit ist dagegen inhaltlich zwar aufschlußreich, ästhetisch allerdings überladen. Und Am Gänsehäufel - Ein Strandbad wird 100 hat die Atmosphäre einer Elisabeth T. Spira-Alltagsgeschichte zugeschlagen, das trifft daher wirklich nicht jedermanns Geschmack.


Laufende und nachzulesende "Reportage"-Ausstellungen

* True Romance - Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute * Von: Kunsthalle zu Kiel in Kooperation mit der Kunthalle Wien und dem Museum Villa Stuck, München * Ort: KUNSTHALLE wien, halle 1 * Zeit: 05.10.2007 - 03.02.2008
* Viva la muerte - Der Tod in der hispanischen Kunst * Ort: KUNSTHALLE wien, halle 2 * Zeit: 17.10.2007 - 17.02.008
* Ricky Swallow * Ort: KUNSTHALLE wien project space * Zeit: ab 09.11. 2007
* exitus - tod alltäglich * Ort: k/haus * Zeit: bis 6.1.2008

* Rückblick - Galerie Hohenlohe 1999 – 2007 * Ort: Galerie Hohenlohe, Bäckerstraße 3, Wien 1 * Zeit: bis 31.12.2007
* Ursula Mayer - Zeitkristalle | The Crystals of Time 5 * Ort: Lentos Linz * Zeit: 12.10.2007 - 17.2.2008
* Anna Oppermann - Ensembles * Ort: Generali Foundation Wien * Zeit: 27.9. - 16.12.2007
* Romantischer Konzeptualismus * Kurator: Jörg Heiser * Ort: Bawag Foundation * Zeit: 14.9. – 1.12.2007
* Tue Greenfort - Medusa und Piotr Uklański - A Retrospective * Ort: Secession Wien * Zeit: 20.9.-18.11.2007
* KORPYS / LÖFFLER - Mediale Politik-Repräsentations-Hinterfragung * Ort: Secession Wien * Zeit: 29.11.2007-27.1.2008
* Nachvollziehungsangebote * Kuratorinnen: Sophie Goltz und Vera Tollmann * Ort: Kunsthalle Exnergasse im WUK * Zeit: 20.09. - 20.10.2007
* Waypoint´s like Sharon Stone´s * Afrikanische und afrikanisierte Handlungsräume in Bezug zu Wien * Ort: Kunsthalle Exnergasse im WUK * Zeit: 8.11. - 8.12.2007
* There is no border, there is no border, there is no border, no border, no border, no border, I wish * Ort: Galerie im Taxispalais, Tirol * Zeit: 1.9. – 14.10.2007
* Heidrun Holzfeind - Mexico 68 - Moderne Architektur Sicht auf die Studentenbewegung 68 in Mexico & Kateřina Šedá - „Je to jedno“ („Es ist alles egal“, 2005 – 2007) - Grossmutter-Auseinandersetzung * Ort: Galerie im Taxispalais / Tirol * Zeit: 24.11.2007 - 20.1.2008
* Shooting Back * Ort: tba-21, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Himmelpfortgasse 13, 1010 Wien * Zeit: bis 16.12.2007
* Ganz Unten - Die Entdeckung des Elends - Wien, Berlin, London, Paris, New York * Ort: Wien Museum Karlsplatz * Zeit: 14.6. - 28.10.2007
* Baby an Bord - Mit dem Kinderwagen durch das 20. Jahrhundert * Ort: Wien Museum Karlsplatz * Zeit: 18.10. - 13.1.2008
* ACTIVE AGENTS * Co-Produktion mit "steirischer herbst" + Medienturm Graz * Ort: Kunstverein Medienturm Graz * Zeit: 25.09.- 24.11.2007
* asphixia in memoriam anna politkowskaja * Performance-Matinée zu Programmreihe im Kontext „Auseinandersetzung mit Geschichte“ * Ort: MAK-Gegenwartskunstdepot Gefechtsturm Arenbergpark * Zeit: Sonntag, 7.10. 2007: 11h
* archdiploma 2007 - die Architekturbiennale der TU WIEN zeigt die besten Diplomarbeiten: analog + DIGITAL * Ort: KUNSTHALLE wien project space karlsplatz * Zeit: 4.-30.10.2007
* Omer Fast – The Casting * Genial-surreales Fantasie-Doku-Video * Ort: MUMOK in der Factory * Zeit: 5.10.2007- 20.1.2008
* Keren Cytter – The Victim * Kurzfilm über Medien und ihre Rollenbilder * Ort: MUMOK* Zeit: 1611.2007- 20.1.2008
* Fotograf Kurt Kaindl – Die unbekannten Europäer * Texte von Karl-Markus Gauß und Fotos * Ort: Museum für Volkskunde Wien * Zeit: bis 23.3.2008

Thursday, July 05, 2007

JÖRG KALT UND "HIAS" BRINGEN SICH UM, WÄHREND FRANCOIS OZON UND EMANUELE CRIALESE ZUR ROMANTIK FINDEN

Nicht-Selbstmordkandidat François Ozon ist, notwendigerweise für diese Zeit, ein hoffnungsvoller Romantiker: im Film Angel, der dennoch nicht seicht ist.


DREI STEINBOCK-GEBORENE UND EIN SKORPION-GEBORENER BEGINGEN SELBSTMORD. ALS INTUITIVE WESEN FÜHLEN DIE SKORPIONE DIE KRANKHEIT UNSERER ZEIT, ALS LOGISCHE REALISTEN GEBEN SICH DIE STEINBÖCKE IHR HIN, DOCH SIND SIE KÜNSTLERISCH UND PERSÖNLICH NICHTS ALS FOLGE DES MODISCHEN ZEITGEISTS. DABEI IST DIE DEPRESSION IN DER KUNST LÄNGST OUT. FRANKREICH, ITALIEN UND GROSSBRITANNIEN ZELEBRIEREN ROMANTIK, WIE IN DEN FILMEN GOLDEN DOOR UND ANGEL - IN WIEN HERRSCHT NOCH INZEST-DEPRESSION. LEIDER.

Das ist nicht die Zeit des Steinbocks. Oder: Es ist die Zeit des Todestriebes im theater- und filmschaffenden Steinbock. Nach Marie Zimmermann und Georg Staudacher, ist mit Jörg Kalt (11.1.1967- 1.7.2007) binnen kürzester Zeit der dritte Steinbock frühzeitig und trotz Daueraufträge (Kalt arbeitete gerade an den zwei Projekten: Tiere, Zum Essen) aus dem Leben gegangen. Nun ist die ganze Kunstgeschichte voller Selbstmorde, und zwar nicht nur thematisch innerhalb der Kunst, sondern auch biografisch seitens Künstler.

Als Kunstthema macht es Sinn, da es die ausweichlose Konsequenz eines falschen, aufgezwungenen Systems aufzeigt, das der Betrachter in seinem echten Leben bereinigen soll, damit dieser Tod "eben nicht" sein muss. Und blickt man auf Künstlerbiografien von Selbstmördern, ist deren Tod ebenfalls meist Antwort auf das System, in dem sie sich bewegen: auf das des Kriegs oder soziale bzw. künstlerische Ablehnung seitens Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang ist auch der hoch musikalische Akkordeonvirtuose Matthias Mayer, bekannt als "Hias" zu sehen (3.11.1950-7.7.2007 = Skorpion), der sich in seiner steirischen Wohnung vor einem Hias-Nostalgie-Auftritt auf einer Landbühne umbrachte. Nach über zehn Jahren als Komiker-Star des Musikantenstadl tingelte er die letzten Jahre nur mehr selten und wenig beachtet umher, wobei er eigentlich der klassischen Volksmusik zugeneigt war, dafür aber keine Auftritt-Gelegenheit fand. - Zudem hatte ihn 2005 privat seine Frau (sie haben vier erwachsene Töchter) nach 27 Jahren wegen eines anderen Mannes verlassen.

Generell stellt sich jedoch die Frage, ob unser System tatsächlich so krank ist, dass sich die Steinböcke, die äußerlich meist unauffällig auftreten, das Leben nehmen mußten?

DER SKORPION SPIELT MIT DEM TODESGEDANKEN, DER STEINBOCK LEBT IHN

Der Skorpion ist an-sich das "Todeszeichen", da er im Todesmonat November geboren ist, wo die Natur stirbt, aber schon Knospen für neues Werden bereit stellt. Der Steinbock im Dezember/Jänner hat die längsten Nächte des Jahres zu überstehen und kämpft in der winterlichen Finsternis um Licht, während in der Natur bei klirrender Kälte völlige Lebensstarre herrscht. Beide Wesen zeichnen sich daher durch extreme Beharrlichkeit aus, was sich auch gegenüber Werten und als Treue bemerkbar macht (in der Liebe zum Beispiel, wenn sie sich einmal für einen Partner entschieden haben).

Auch hoher Anspruch und Tiefgründigkeit sind Eigenschaften, die sie teilen, wobei der Skorpion sich stundenlang detektivisch mit Hintergründen zu beschäftigen liebt, um die gefundene Wahrheit dann heraus zu posaunen, egal ob sie von außen goutiert wird, der Steinbock dagegen gerne tiefgründig diskutiert, dabei zunächst aber eher den Widerpart bestätigt und seine echte Meinung erst kundtut, wenn er sich sicher fühlt. Denn der Skorpion ist prinzipiell selbstsicher, der Steinbock unsicher.

Der Skorpion ist gegenüber "nur" äußeren Strömungen nicht so anfällig, da er sich hauptsächlich innerlich und im Kopf auf Vergehen und Werden einstellt, indem er sich reflektierend immer wieder wandelt. Der Steínbock folgt als realistisches Zeichen, das geachtet und geliebt werden möchte, den Moden und Stimmungen, befindet sie als echt, gepaart mit hochmütiger Teilnahmslosigkeit, wohinter sich romantische Sehnsucht verbirgt. Ist beim gefühlvollen und nachdenklichen Wasserzeichen Skorpion der Tod (wie auch die Sexualität) also so lange ein mit Leidenschaft gepflegtes Spiel der Fantasie (als Kunst), solange er nicht tatsächlich in seinen Werten zutiefst enttäuscht wird, so gibt sich das materielle Erdzeichen Steinbock der scheinbar nackten Wahrheit starrköpfig - oder positiv formuliert - mit Leib und Seele völlig hin. - In Künstlern wie dem Steinbock-geborenen Tänzer Ismael Ivo, setzt diese Fähigkeit eine entsprechend kreative Kraft frei. Wahrscheinlich auch, weil er sie von kultureller Herkunft her, besser zu platzieren weiss.

Er ist ein Maler (Ire Michael Fassbender), der für seine Zeit zu düster malt, sie eine Schriftstellerin (Britin Romola Garai), die für prompten Erfolg kitschig-moralisch schreibt.

DER TOD LAUERT AUCH IN DER GESELLSCHAFT

Dabei lassen sich die Todesströmungen in der Gesellschaft derzeit kaum als sinnvoll erklären: jetzt, da sich Menschen (Ärzte im alltäglichen Umgang mit dem Tod) als Terroristen Allah opfern - sie opfern sich ohne greifbaren Grund. Und sich in Österreich (Europa) Künstler ohne echte Existenzgefährdung umbringen. Beinahe ist es ein Hohn gegenüber der vielen (KZ-)Opfer, die in Kriegszeiten umkamen, um die wir heute trauern. Heute wird Leben einfach weggeworfen, das für jene damals doch so wertvoll war. - Wie krank ist diese Gesellschaft also? Wieso handelt die junge Literatur als Seelenabbild der Jugend andauernd vom Freitod?

Warum wird auf den Kunstschulen zur "Spitze von Kunst" Lebenspessimismus erkoren und als Ideal vermittelt, sodass er dann zum Inhalt der jungen Kunstschaffenden wird? Doch nicht weil er aus ihrer innersten Sehnsucht heraus entsteht, sondern weil er zum Prinzip guter Kunst erklärt wird, was sich dann gezwungenermaßen auch auf das Lebensgefühl des Schaffenden auswirkt (dem es eigentlich ja gut geht). - Angeblich soll Jörg Kalt der dritte Wiener Filmakademiker in den letzten vier Jahren sein, der sich das Leben genommen hat.

Psychologisch läßt sich das nur dadurch erklären, dass ein "existenzielles Werk aus Prinzip" nicht mehr das persönliche Befreiungsgefühl nach der Schaffung zur Folge hat, sondern jenes des Pessimismus als unverrückbaren Ist-Zustand. Pessimismus aus Selbstzweck - wobei Jörg Kalts Filme (Richtung Zukunft durch die Nacht, Crash Test Dummies) aber noch humorvoller und raffinierter als viele andere waren, die von Wiener Filmemachern in Umlauf sind. Sodass sich die Bemerkung nicht verkneifen lässt: Bei einem Michael Haneke wirken diese Endzeitstimmungen echt und authentisch, während sie bei den Schülern als übernommene "Mode" im Zeitgefühl einer "In-zest-Community" daher kommen.

Die durch Kitsch erfolgreiche Künstlerin möchte den Kitsch auch im Leben leben - bis zu einem gewissen Grad schafft sie das..., solange ihr Mann mitspielt.

JÖRG KALT IST EINER DER SELBSTMÖRDER DER FILMAKADEMIE

Hinzu kommt die an-sich allseits gelebte Desillusion in Partnerschaften. Ausgerechnet Filmmacherin Barbara Albert, die mit Jörg Kalt vor längerer Zeit liiert war, meinte in einem Interview vor ihrem prämierten (!) Film Böse Zellen, der das Gefühl beängstigend-emotionaler Kälte verströmt: "Wir leben in einer Zeit, wo man versucht, "alles" im Wunschpartner zu finden. Ich selbst bin aber ziemlich realistisch und glaube nicht an die eine, große, romantische Liebe. Weil ich nicht mit dem Glauben daran aufgewachsen bin, meine Eltern das nicht lebten. So werden unterschiedliche Beziehungsformen als normal und auch gut so empfunden. Ich liebe viele oder keinen Menschen. Die Sexualität ist in Böse Zellen nur ein Ventil für einen Druck, der in dir ist, ein Versuch, sich an etwas zu klammern..."

Erschreckend ist bei solch herz- und glamourlosen Filmen, dass sie - selbst wenn sie die angebliche Realität beschreiben - genau diese Realität weiter bewerben, nicht etwa verneinen. Denn es scheint, als hätten die Zuschauer verlernt, sich eine gegenteilige Alternative ausdenken zu können. Sie können sich gar nicht mehr daran erinnern, was den Wert eines Lebens, einer Liebe ausmacht, wie dieser zu bewerkstelligen ist. - Es wäre somit an der Zeit, dass Künstler Werke als Vorschläge entwerfen, die keinen "realistischen Spiegel" darstellen, sondern Utopien der Hoffnung.

Der u.a. bei Paris geborene, in München und Zürich aufgewachsene, "heimatlose" Jörg Kalt, begklagte in seinen Filmen jedoch - trotz technisch-analytischem Zauber - nur den Stillstand der Wiener, der umso deutlicher durch enttäuschte Zuwanderer wird, sowie die Beziehungsunfähigkeit eines Pärchens, obwohl es eine zweite Liebeschance bekommt.

Ein Film über die Träume vom besseren Leben, wo es Riesengemüse gibt: in Amerika, die Golden Door des italienischen Regisseurs Emanuele Crialese.

FRANCOIS OZON ERWECKT IN ANGEL SCARLETT O´HARA

Junge, internationale Filmemacher denken schon um. Zwei Regisseure bringen demnächst atmosphärisch viel Poesie und damit Hoffnung, Schönheit und erkennbare Romantik nach Wien, wobei sie dennoch zeitgenössisch-relevant sind: Der 40-jährige François Ozon (ein Skorpion), der - im Stil zwischen Fassbinder und Almodovar - immer schon spielerisch-witzig und gefühlvoll von Tod, Sex und Frauen erzählt, wobei er Klischees der Homosexualität durch den Cacao ziehend zu verblüffend weisen Aussagen führt, oder die Homosexualität für ungewöhnliche, narrative Wendungen nutzt - hat mit Angel erstmals eine klassisch-heterosexuelle Liebesgeschichte zwischen einer Schriftstellerin - inspiriert von der historischen Marie Corelli - und einem Maler entworfen, obwohl nicht ganz klar ist, ob der für seine Zeit zu düstere und erfolglose Maler das - dank realitätsleugnendem Kitsch erfolgreiche - Mädchen nicht aus Geldgründen heiratet.

Dieser Maler begeht im Film ebenfalls irgendwann Selbstmord, und sie stirbt aus Enttäuschung. Das Thema der Vereinbarkeit und Anziehung zweier Künstler bei gegensätzlicher Ausübungsmotivation (Kommerzkunst versus authentisch gefühlte Protestkunst) bleibt so als relevante Frage übrig. Und das Gefühl, dass die Liebe dieser beiden Menschen zumindest phasenweise gewollt und erfüllt ist. Positiv ist darüber hinaus die britisch-französische Machart des Films, wozu die beiden glaubwürdig spielenden Schauspieler, Britin Romola Garai und Ire Michael Fassbender, beitragen. Der Film ist schlichtweg ein Plädoyer für das zu schaffende Glück, wobei genau gezeigt wird, wo die Probleme der Beziehung liegen, sodass sie der Zuseher für sich umgehen kann.

Der ungebildete, aber naiv schlaue Bauer und Familenvater aus dem armen Sizilien (Vincenzo Amato) bekommt obendrein noch ...

DIE ROMANTIK ALS NOTWENDIGE UTOPIE - JETZT - IN EMANUELE CRIALESES GOLDEN DOOR

Der 1965 in Sizilien geborene und in Rom aufgewachsene Italiener Emanuele Crialese, der in New York an der Tisch School of Arts studierte, hat indessen mit Golden Door einen archaisch-fabulösen Traum geschaffen, der mit surrealen Einschüben - wie Riesengemüse als Gedankenfantasie einer sizilianischen Familie, die nach Amerika auswandert - gleichzeitig die Atmosphäre eines einnehmenden Historienfilms ausstrahlt. Auf dem überführenden Schiff befindet sich eine geheimnisvolle, englische Lady (Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg: Charlotte Gainsbourg), die sich trotz ihrer hohen Bildung für den ungebildeten italienischen Familienvater und Bauer entscheidet. Im Land der tausend Möglichkeiten ist auch das möglich, selbst wenn vieles nicht möglich ist. - Was wieder die kritische Note ausmacht und den Film vor dem Kitsch rettet. Auf jeden Fall ist er prinzipiell zuversichtlich, was sich wohl auch positiv auf das echte Lebensgefühl des Regisseurs auswirken wird.

... die geheimnisvolle Engländerin (Charlotte Gainsbourg) zur Frau, um die sich die feinen Herren an Board reißen: Träume werden also tatsächlich wahr, wenn man sie nur will!


Film: Golden Door * Regie: Emanuele Crialese * Mit: Charlotte Gainsbourg, Vincenzo Amato, Aurora Quattrocchi, Francesco Casisa, Filippo Pucillo, Federica de Cola, Isabella Ragonese, Vincent Schiavelli, u.a. * Italien/Frankreich 2006 * 118 Min * Kinostart: 13.7.2007

Film: Angel * Regie: Francois Ozon * Mit: Romola Garai, Charlotte Rampling, Lucy Russel, Michael Fassbender, Sam Neill, u.a. * UK/Belgien/Frankreich 2007 * 134 Min * Kinostart: 10. August 07