Monday, February 19, 2007

INTELLEKTUELLENFIEBER - NEUE AUTOREN SUCHEN ECHTES, NÄHE, VERANTWORTUNG: MARTIN HECKMANNS BIS MICHAL WALCZAK


August (Stefano Bernardin) und Julie (Silvia Meisterle) sind in Igor Bauersimas norway.today zwei lebensmüde Jugendliche, die sich auf einem Berg das Leben nehmen wollen. Doch dann kommt es anders ... Foto: © Theater der Jugend

INTERESSANTE NEUE AUTOREN AUS ALLER WELT WERDEN IMMER HÄUFIGER ZU (SZENISCHEN) LESUNGEN GELADEN. UND DIE JUGEND INTERESSIERT SICH VERMEHRT FÜR LESUNGEN. DAHINTER VERBIRGT SICH EIN AUFRICHTIGER HUNGER NACH INTELLEKTUALITÄT, ECHTHEIT UND VERANTWORTUNG. DENN VON DER UNPERSÖNLICH-OBERFLÄCHLICHEN MASSENKULTUR HAT DIE JUGEND DIE NASE VOLL. DAS ZEIGT SICH AUCH IN DER MUSIK. - EINIGE DER ZULETZT BESTEN IDENTITÄTSSTIFTER

Wach und neugierig ist das Interesse an jungen Autoren. Auch in Wien. Die österreichischen Theater befriedigen das selten mit Aufführungen auf großen bzw. Hauptbühnen, immer öfter aber - wenigstens - mit Autorenlesungen. So kommt man nicht nur den Autorentexten, sondern auch der authentischen Stimmung, die hinter all dem Geschriebenen liegt, nahe. - Eine Erfahrung, die mit nichts Inszeniertem vergleichbar sein kann, das immer auch die Eigenschaft der "Unterhaltung" enthält. Ein Schreiber zielt mit seiner spitzen Wortwahl und seiner Persönlichkeit direkt in Herz und Hirn. Nämlich dann, wenn seine Lesung so wirkt, als würde man einen anregend nachdenklichen Menschen persönlich und ganz nah kennenlernen, den man eigentlich für diese Intensität seit Jahren kennen müßte.

Besonders spannend sind fremdländische "neue" Autoren, die in Österreich gespielt werden oder Station machen. Sie sind auch in Form von szenischen Lesungen interessant. Dabei fällt auf: Es gibt Themen und Stile, die global gelagert sind und die gesamte junge Gesellschaft betreffen, solche, die speziell durch ihr Lokalkolorit auffallen, und jene, die dichterisch-musikalische Qualitäten aufweisen - die anspruchvollste und anmutigste Art. Dass es so etwas überhaupt gibt, erstaunt im Segment "Jungautoren". Denn es möchten sich tatsächlich, trotz vorherrschender Banalität und Schablonenformate der Massenkultur, immer mehr jugendliche Intellektuelle ihre eigene Ästhetik entwickeln. - Das macht zuversichtlich für die kulturelle Zukunft und freut alle, die die Massenabspeisung via Fernsehen, Blockbuster-Kino und Events nicht mehr aushalten.

MARTIN HECKMANNS, WIGLAF DROSTE UND KATHRIN RÖGGLA AUS BERLIN

Es mag eine Berliner Mode sein, dass Autoren bei ihren Lesungen singen oder musizieren. Verglichen zu der Schreibe war das sowohl beim vielfach ausgezeichneten und derzeit überall gespielten Martin Heckmanns (35) im Burgtheater-Vestibül, als auch bei Wiglaf Droste (45) im Wiener Rabenhof eher "nur lieb" als eine künstlerische Sensationsdarbietung. Heckmanns singt gitarrespielend wohl besser als Droste, während Droste wieder der "bessere" (Selbst)darsteller ist. Bei beiden macht das überraschenderweise aber Sinn, denn es paßt atmosphärisch exakt zur jeweiligen Art des Dichtens. Zudem sind Heckmanns´ textlich beschriebene, unsichere Hauptfiguren keine "Selbstdarsteller", sondern fragile, das Leben intensiv wahrnehmende und hinterfragende Beobachter, die dadurch immer mehr an Stärke gewinnen: in schöner, reflexiver Sprache, die manchmal auch hart und zynisch werden kann. Der widersprüchliche Eindruck macht Worte und Mann (sprich Autor) am Ende sexy. Ernsthaft sexy, sodass der Zuschauer beidem vertrauen will: Ganz besonders, wenn Heckmanns (seine) Liebesgefühle beschreibt, wie im inneren Monolog Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren, während sich (s)ein schüchterner Jüngling überlegt, wie er sich einer selbstbewußten Frau annähern soll. Den Reim, "zwei Menschen bilden einen Kreis, von dem nur weiß, der darin kreist", singt er lediglich sich selbst vor, statt "ihr". Aber auch dem Zuschauer. Das bindet. Wenn Heckmanns über die Dimensionen des Hautkontakts philosophiert, der im Intimen so wichtig, beruflich so unangenehm ist... Im Monolog Das offene Fenster oder Von der Abwesenheit beschreibt der Autor den Verlust eines geliebten Menschen, der sich das Leben nahm. Die Intimität seiner ungewöhnlichen Bilder läßt den Zuhörer augenblicklich an seine eigenen, ähnlich gelagerten Erfahrungen von "Verlust" denken. Nämlich dann, wenn diese Trauer die Färbung einer poetischen Liebkosung annimmt: "Früher war dein Körper drahtig und fest, jetzt verschwimmst du." Oder trocken morbid: "Einen Toten zu kennen, bereichert mein Leben." Worum es bei alledem im Grunde immer geht, ist das wahrhafte Gefühl, das aus dem Subtext strahlt.
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Berliner Martin Heckmanns ist ein sensibel-intellektueller Dichter mit Hang zur Romantik: seine Wortwahl lebt von Poesie und Unkonventionaliät, sie ist eine Metasprache, deren emotionale Kraft die Aussage ist. Sehr eigenständig, sehr spannend. Foto: © Elfi Oberhuber

Droste hingegen ist ein Meister der sprachspielenden Pointen-Spicke. In Prosa. Er entspricht daher eher der äußeren, lauten, konventionellen Art von "männlichem Sexappeal". Nachdem er sich über mediale Erfolgsmenschen und ihre billigen Tricks, über Sitten des Kleinbürgertums und über Marketingstrategien lustig gemacht hat, schlägt er noch ein Rad, was seinen Spott darüber verdoppelt und ihn subtil auch auf das anwesende Publikum überträgt. Offensichtlich äugt er mißtrauisch darauf, als würde den allgemein Sensationslüsternen sein Text nicht genügen. Obwohl er es phasenweise tut: Wenn Droste etwa die sich von einem Dorffest auf dem Heimweg befindenden, "kotzenden Ex-DDR-ler" beschreibt, für die das Erbrechen ebenso zum alljährlichen Ritual gehört wie das Fest selbst. Das alles mit dem Existenzialismus eines Camus gleichgesetzt, bekommt die Note einer außenseiterischen Überheblichkeit, die aber so gewinnend ist, dass der Zuhörer all seine innewohnende Bösartigkeit filtert und sie als herzhaften Lacher ausspucken muß. Gleich einem Cartoonisten entwickelt Droste seine Bilder. So sehen etwa die in Mode gekommenen Biker (Radfahrer) im Partnerlook seiner Ansicht nach in ihren Stretchanzügen mit Helmen wie ein Paar Bockwürste aus. Wenn allerdings beispielsweise die Radler ein Radler trinken, begibt sich Droste in Gefahr, platt zu klingen. So platt, wie für manchen auch seine nachgesungenen Country- und Dean-Martin-Songs, seine geschlagenen Räder sein mögen, die in der Hitze seines offensichtlichen Geltungsbedürfnisses "noch dazu" gegeben werden müssen. Und das, wo er doch andauernd zu beweisen versucht, dass er der verdientere Star als die Langlebens-Selbstvermarkter Franz "Pflanz" Beckenbauer und Reinhold Messner sei. Zweiterem gibt er sogar noch folgenden Tipp, da er - wie in seinem Buch beschrieben - via Sandmarsch "der Leere des Nichts entfliehen" wolle: "Wozu in die Wüste Gobi schreiten, wenn das Doofe liegt so nah?" - Trotz dieses anspruchslosen Gags muß man es dem grotesk-schreibenden "Zirkusartisten" und "Sänger" Droste dann aber doch lassen: Er ist zumindest der verdientere "Künstler" als die Leute, über die er schreibt. Etwa, wenn er den Vatikan Flaschen drehen läßt, um den Papst zu wählen, wenn sein Bär-Terrorist Bruno nicht in die Talkshow gehen kann, um sein mediales Image wieder aufzubessern und seinen Abschuß zu verhindern, oder wenn die Menschen zu Weihnachten "ungefickt" mit dem Zug zu Muddi fahren. - Der Mann besitzt auf alle Fälle artikulativen Mumm.
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Berliner Wiglaf Droste liebt es zu provozieren. Seine Sprache lebt durch Pointen, Cartoon-hafte Beschreibungen und Bissigkeit. Ziemlich böse, manchmal auch platt. Foto: © Nikolaus Geyer



Enttäuschend war die Lesung Kathrin Rögglas (35) im Wiener Tanzquartier. Vor allem inhaltlich. Sie leitete im Essay Die Rückkehr der Körperfresser vom
heute langweilig und Schema-F abgespulten "Hollywood-Katastrophenfilm" sowie von der sensationslüsternen "TV-Katastrophen-Nachricht" auf die "viel spannendere Theaterwelt" über, wo derzeit das für sie begehrenswerte Gefühl der "Unheimlichkeit" besser getroffen würde. Während sie also wie eine brave Publizistik-Studentin Susan Sontag, Marshall McLuhan, Jean Baudrillard zitierte - deren bekannte Gedanken noch am spannendsten waren, indem sie von der Wirkung des Katastrophen-Spektakels auf den Rezipienten ausgingen -, meinte Röggla, dass der Katastrophenfilm enttäuschender Weise keinen Ort der Optionen mehr böte, nicht mehr auf untergründige Weise zu erstaunen vermöge, das Theater dank origineller Erzähl- und Umsetzungsformen aber schon. - Was sollte das aber dann sein, wovon sie da spricht? Ein Katastrophentheater? - Rögglas holpriger Rückschluß liegt nicht nur darin, dass sie von der Film-Rezipientensicht auf jene des Theatermachers springt, und das als ident hinstellt, sondern dass sie auch noch von einem Filmgenre auf das ganze Theater schließt. Abgesehen davon, dass eine Vielzahl der Hollywoodfilme als Stoff zuerst überhaupt im Theater entdeckt werden. Und dass neue Independent-Filme sehr wohl - da formal experimentierfreudig - das Zuschauergefühl der "Unheimlichkeit" wecken und damit eher mit dem experimentellen, neuen Theater zu vergleichen wären. Das war also ein oberflächlicher, unreflektierter Gedankengang. Oder schlicht ein Indiz dafür, dass da eine nicht mehr ganz junge Frau - die ja erst seit 2002 auch fürs Theater schreibt - endlich das Theater entdeckt hat, wozu sie (noch) andere animieren will.
Da die gebürtige Salzburgerin und seit 1992 in Berlin lebende Röggla aber schon so viele Preise gewonnen hat, wollten wir wissen, ob die für ihre "Sozialkritik", formale "Stadt- und Textarchitektur" sowie das "Insistieren auf eigene Ästhetik" bekannte Autorin in Prosa mehr zu bieten hätte: Sie hat. Etwa im Satz: "nicht aufhören, sich zu bewegen, sonst wird man beton. und so laufe ich und laufe und während ich laufe, fällt es mir endlich auf: ich laufe und laufe nicht rückwärts, doch fühlt es sich gerade so an." Auch wenn Röggla für manchen Geschmack selbst in diesem Genre zu viele Bilder assoziiert. Für ein derartiges Zitat ist uns der Platz hier aber zu schade.
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Die in Berlin lebende Salzburgerin, Kathrin Röggla, findet zu überraschenden Sätzen, assoziiert bei diesem Vorhaben manchmal aber auch zu viel, sodass ihr Gedanke dann oberflächlich wird. - Das Essay-Schreiben sollte sie gerade deshalb eher bleiben lassen. Foto: © N.N.




SZYMON WROBLEWSKI UND MICHAL WALCZAK AUS POLEN

Im polnischen Dramenschreiber Szymon Wroblewski (24) hat die EU offensichtlich Einzug gehalten. In seinem Stück Puzzle,das mit dem 1. Preis des wichtigsten polnischen Festivals für zeitgenössische Dramatik baz@art ausgezeichnet wurde, kämpft die Jugend mit dem Kontrast von Familientradition und globaler Beziehungsbrüchigkeit. Selbst die Ehe der "Alten" ist am Ende, indem der Ehemann mit der jungen Krystyna eine Affaire hat. Die Jungen treffen sich indessen bei regelmäßigen Technoparties, wo Krystyna zusätzlich mit ihrem jugendlichen Ex-Freund kokettiert, sowie auch mit einem Jungen, der möglicherweise ihr Parallelfreund ist oder werden könnte. Unter Drogenangebot und Handyabhängigkeit suchen sie den Halt, den sie im früheren Beziehungsernst pflegten, der aber nicht mehr "in" zu sein scheint. So stolpern sie unschuldig, aber unterschwellig bitter, verhaltensmäßig cool, und doch mit Mißtrauen durch fragwürdige Kurzaffairen, wobei anfangs und am Ende des Stücks die Hoffnung auf Kai und seine Stiefschwester aus dem Märchen Die Schneekönigin bleibt, worin die Liebenden "ewig" zusammen zu bleiben schwören. - Die Religiosität der Polen strahlt hier inhaltlich klar durch. Leider hat aber der dramatische Stil ansonsten sämtlichen polnischen Konnex verloren. Die an die Popkultur gebundene Erzählweise könnte von überhall her stammen, nur dass hier eine Jugend über ein Problem nachdenkt, das bei uns schon vor zwanzig Jahren diskutiert wurde.
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Szymon Wroblewski ist ein junger Pole, der bereits EU-konform sozialisiert ist. Und dennoch hat er Sehnsucht nach Halt und Beständigkeit: vor allem in der Beziehung.
Konventionell jugend-globale Sprache. Foto: © Polnisches Institut Wien


Stilistisch origineller ist da schon das mit dem Europäischen Autorenpreis 2006 ausgezeichnete Stück von Michal Walczak (27) Das erste Mal, das wie Puzzle im Volkstheater-Hundsturm als szenische Lesung mit Schauspielern aufgeführt wurde. Im Loop-Charakter wiederholt sich in leichter Abwandlung ständig dieselbe Szene, die aber nie zuende gespielt wird, wobei sich später heraus stellt, dass das zwischen dem darin vorkommenden Pärchen vorher so ausgemacht wurde. Die Wiederholungen sollen dazu dienen, die von ihrem Ex-Freund enttäuschte junge Frau sexuell wieder aufnahmefähig zu machen, bis ihr Vertrauen wieder aufgebaut ist und sie zum Sex bereit sein kann. Der Wiederholungsmechanismus spitzt sich so weit zu, dass sich der junge, behutsame Mann völlig zum Narren macht. Erst, als er wie ein Wilder über sie herfällt, kommt es zum besagten "Ersten Mal". Und von dieser Macho-Wildheit ist sie nun - tja, so widersprüchlich sind die Frauen - hellauf begeistert. Allerdings meint nur er, dass das ihr erstes Mal gewesen sei. Denn das dabei entstandene Kind, das er in einem Wahnsinnsanfall ermordet sieht, stammt nicht von ihm, sondern von seinem "Vorgänger", den das Mädchen tatsächlich immer nur liebte. - Ein skurriler Albtraum gleich einem frühen Roman-Polanski-Film, was wiederum auf die surreale Groteskentradition eines Witold Gombrowicz zurück zu führen ist. Ein ungemein unterhaltsames Stück, das mit dichterischem Eigenprofil eine künstlerisch hochwertige Bereicherung für die globale Theaterszene ist. Eigenartig ist nur, wie schon im vorher beschriebenen Stück: die alt-religiöse Wertverdrossenheit hinsichtlich des "ersten Mals", das bei den Polen anscheindend noch so einen "frauendiskriminierenden" Beigeschmack hat, wie in der österreichischen Gesellschaft in den 60er Jahren. Selbst unter der fortschrittlichen Jugend!
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Michal Walczak schöpft in seiner Schreibe aus der polnischen Tradition der surrealen Groteske und Ohnmachtskonstellation. - Extrem hochwertig, extrem lustig! Foto: © Polnisches Institut Wien


GILLES GRANOUILLET WURDE SEHR TREFFEND ALS FRANKREICH-REPRÄSENTANT AUSGEWÄHLT

Das im Rahmen des Übersetzungsprojekts Trames von der Comédie in Saint-Etienne und von Bettina Arlt übersetzte Stück Der Tag als Mama auf den Leuchtturm stieg / Ma mère qUi chantait sur un phare ist formal genreübergreifend und poetisch-psychologisch ein sehr anregendes Werk des Franzosen Gilles Granouillet (44). Er streift - wie ebenfalls in einer szenischen Lesung im Hundsturm zu sehen war - in erzählerischen Sprüngen parallel laufender Rückblenden und verschiedener Sichtweisen eines Geschehens den Film sowie die Monolog-Technik in der Literatur und verpackt das zu einer tiefgründig berührenden und reflexiven Theatererzählung über das Erwachsenwerden zweier Jungen geschiedener Eltern. Der typisch Ältere der Beiden, Marzeille, hat seinen Vater noch - ihn als Kind nachahmend - in Erinnerung, der tpyisch Kleinere, Perpignan, hat ihn nie kennengelernt, weshalb er ihn mit "Gott" verwechselt. Die Burschen rennen Frösche-quälend mit ein paar jungen Welpen im Sack und deren Hunde-Mutter durch die Gegend und erwischen die Frau eines Baggerfahrers beim Seitensprung - von der man so etwas nie glauben würde. Währenddessen sinniert der Baggerfahrer der sexy "Blondine" von damals nach, der alle nachrannten, Marzeilles und Perpignans Mutter, die - ebenso ungeahnt - von ihrem Mann verlassen wurde. Zitat: "Die Getäuschten werden scheu und zurückgezogen, die anderen sind immer fröhlich und offen." - Wie es dazu kam, erzählt später das Phantom des Vaters während einer symbolischen Bootsfahrt, wo er die Mutter ertrinken läßt. Am Ende bleibt den beiden Jungen als einzige Gallionsfigur in ihrem Leben die Mutter am Leuchtturm. - Also auch aus Frankreich kommt der traurige Hinweis auf die Kurzlebigkeit von Partnerschaften, wobei diese Schilderung eine sehr sensible, Charakterinnerlichkeiten treffende Note hat. Poetisch, sehr schön.









Franzose Gilles Granouillet erzählt aus mehreren Perspektiven und in filmischen Rückblenden vom Erwachsen-Werden in zerrüttetem Elternhaus. - Sehr sensibel, monologreich und deshalb psychologisch anregend Foto: © N.N.


AUS ITALIEN. ALBERTO BASSETTI BESTICHT GEGEN NEGRI, CERVO, FERRI


Italiens junges Drama kreist - wie beim italienischen Wochenende der Dramatik im Kasino am Schwarzenbergplatz / Burgtheater Anfang März auf einfachste Inszenierungsweise veranschaulicht - gemäß der alltäglichen Real-Regierungsdramatik auch im Theater hauptsächlich um Politik und Inhaltsdebatten. So hat etwa der 74-jährige Antonio Negri, der für radikale, aber lösungsorientierte, kommunistische, aber demokratische Globalisierungstheorien in Prosa (Empire, Multitude) bekannt ist, in seinem ersten Theaterstück L´uomo piegato einen "gebogenen Mann" entworfen, der sich angesichts des wiederaufkommenden Faschismus verbiegt, um nicht zu zerbrechen. Er setzt das mit der Natur gleich, den Bäumen im Sturm, die in fröhlichster Leidenschaft Widerstand leisten. - Eine poetische Note, auf der das ganze Stück aufgezogen werden könnte, um ästhetisch zu wirken.

- Obwohl dieses Land sonst für seine "musische Optik" so bekannt ist, sind die Stücke insgesamt weder formal, noch sprachlich aufregend. Gian Maria Cervo (36) versucht zwar, mit seinem vollgestopften Stück L´uomo più crudele / Der grausamste Mensch quer durch Literatur, Politik, Religion und Homosexualität so etwas wie formale Neuerung, doch wird es lediglich von Intellektualität (im Sinne von Wissen, das sich auf Wissen aufbaut) dominiert, die er ironischerweise loswerden will, wenn ein Vampir unter einem Türken in Transsilvanien und quer durch sämtliche Zeitreisen von Pfählereien spricht, um am Ende bei Virginia Woolf zu scherzen: "Wann werden wir endlich aufhören, die Vergangenheit zu erfinden, um die Gegenwart zu erklären?"

Linda Ferris´ (50) erster Theatertext La conversazione folgt dem sprichwörtlichen Thementrend, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der zu früh (mit 35) gestorben ist bzw. sich umgebracht hat. Darin sagt der tote Vater zu seiner Tochter, die erwägt, es ihm wie Ophelia gleich zu tun: "Du willst wie ich sein und Kind bleiben, indem du stirbst." - Dieses Stück der Verantwortungsverweigerung wäre "gelesen" wahrscheinlich interessanter als gespielt.

Mitreißend war nur Alberto Bassettis (51) neues Stück La gabbia / Der Käfig, da auch gut gespielt und inszeniert (der viel ausgezeichnete Bassetti hat auch diese Funktionen übernommen). Es beginnt wie eine Komödie, indem ein erfolgreicher Biografienschreiber (Bassetti) im Aufzug seines tollen Hauses steckenbleibt, weil der Strom ausfällt, während ein Einbrecher (sehr witzig: Gian Luigi Pizetti) mit Taschenlampe eingedrungen ist. Doch dann wird´s unheimlich, denn der Dieb klaut gar nichts, sondern schnüffelt nur in allen Sachen herum und betreibt mit dem unter Klaustrophobie leidenden Autor ein sado-masochistisches Gewissensverhör bezüglich seines Lebens, das aus schöner Ehefrau, reizvoller Geliebter und plakativem Erfolg besteht. Am Ende will der "Eingeschlossene" nur noch nackt, frei und Gedichte-Schreiber sein, was er denn auch ist, nachdem sich herausstellt, dass der Einbrecher nur eine Geburt seines verunsicherten Geistes gewesen ist. Sprünge zwischen real-gespielter Einbildung und fiktiv-gedachter Handlung machen das Stück auch szenisch, da formal ironisch, interessant.
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Italiener Alberto Bassetti gibt Jugend und Erwachsenen einen Ausblick darauf, worauf es im Leben ankommt: Nicht auf gesellschaftlichen Erfolg, sondern auf offene, innere Nacktheit und Kreativität. - Mit formaler Ironie lustig und inhaltlich existenzialistisch. Foto: © N.N.




ALLE SUCHEN "ECHTHEIT", AUCH DER IN DER SCHWEIZ AUFGEWACHSENE TSCHECHE IGOR BAUERSIMA, IRE ENDER WALSH UND ÖSTERREICHER KARL WOZEK


Was all diesen Autoren gemeinsam ist, ist die Suche nach "Echtheit" im Sinne von Gefühl für eigene Identität und Intimität entgegen der billigen "Fakes", die von den Massenmedien, Marketern, der Gruppendynamik und der Erfolgsgesellschaft eingetrichtert werden. - Diesen Trend gibt es übrigens auch in der Musikszene bei den Jungjazzern: im März "tagen" sie im Wiener WUK bei freiem Eintritt. Und auch in inszenierter und textgelernter Form:

Der mit vier Jahren von Prag in die Schweiz emigrierte Igor Bauersima (43) trifft mit seinem norway.today, das er mit 36 geschrieben hat und gerade im Theater der Jugend läuft, auch Verhalten, Gefühle und Sprache der Jugendlichen. Ebenso wie der irische Stückeschreiber Enda Walsh (40) im - für den neu geschaffenen österreichischen Dramapreis für junges Publikum, Stella 2007, nominierten - Chatroom, das im April im Dschungel Wien zu sehen ist. In beiden Stücken chatten die Jugendlichen den ganzen Tag lang, werden so zu Eigenbrötlern und kommen möglicherweise auf dumme Gedanken. Bei Walsh geraten sechs Jugendliche als Revolutionäre sozialromantischen Heldentums in ein verhängnisvolles Spiel. Bei Bauersima treffen sich Julie (Silvia Meisterle) und August (Stefano Bernardin) auf der Klippe eines norwegischen Fjords, um sich umzubringen, einfach, um mal zu sehen, wie das so ist. Sie sind beide generell lebensmüde. Julie ist außerdem von ihrem Ex enttäuscht. Bevor es so weit ist, basteln sie aber noch an einem Abschiedsfilm für ihre Familien. Und siehe da, je ehrgeiziger sie über sich berichten und dabei etwas zu schaffen versuchen, desto eher kommt ihre Lebenslust zurück. Im Angesicht von Sternen und Natur verlieben sie sich auch noch in einander - was nicht ohne Kampf abgeht. Diesen Bogen schaffen in der Realität allerdings nicht viele, deshalb widmet Regisseur Alexander Brill den "echten" jungen Selbstmördern einen Kranz.
- Wie trist das Leben auch Österreichs Stadtjugend sieht, wird in Mödlinger Karl Wozeks (45) Stück deutlich: in Amsterdam, ebenfalls für Stella 2007 nominiert, sind Heim und Schule nur Stress, die Zukunft heißt Arbeitslosigkeit, ist damit ein finsteres Loch, was man mit Alkohol, Drogen, Gewalt und Fadesse kompensiert. Bis man zur "genialen" Idee findet, abwechselnd Gott zu spielen, was unter absolutem Gehorsam von den anderen ausgefolgt werden muß; ein Machtrausch beginnt und endet im Mord. - Lord of the Flies läßt grüßen.





Tscheche-Schweizer Igor Bauersima trifft in seinen Theaterstücken die Lebenssituation und Pop-beeinflußte Sprache der globalen Jugend. - Ein Realitätsspiegler mit hoffnungsspendender Komponente. Foto: © N.N.




Ebenso wie Ire Enda Walsh: Mit prägnanter Sprache trifft er die Gefühlslage der typisch (global-)irischen Jungen, die sich mit Glücks- und Liebesverlangen gegen soziale Kälte und gesellschaftliche Vereinsamung behaupten. Foto: © N.N.



Enda Walshs Stück Disco Pigs (UA 1996) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt und auf 36 deutschen Theatern gespielt. Igor Bauersima hat es sogar auf die Hauptbühne des Burgtheaters geschafft - sein Stück Boulevard Sevastopol ist derzeit im Akademietheater zu sehen. Überhaupt ist er seit norway.today einer der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker. - Selbst wenn er sprachlich weit weniger zu bieten hat, als etwa ein Martin Heckmanns, und formal weit weniger als ein Michal Walczak. Was er der Jugend aber schenkt, ist ein exakter Spiegel ihrer selbst, und etwas Hoffnung. Im Theater der Jugend wird er von der Jugend auch gesehen. Die neueste Strömung der intellektuellen, sprachlich absolut musischen Jungautoren wird dagegen fast lieber von den reiferen Zuschauern und Theaterkennern angenommen, was wohl daran liegt, dass sie nur in Neben- und Probebühnen gespielt werden. Eigenartigerweise schafft es dagegen das Rabenhof-Theater, die Studentenschar hausfüllend zu Wiglaf Droste zu locken. - Dabei gäbe es doch, wie aufgezählt, noch passenderes und besseres, um sich gut zu entwickeln. - Aber darum müssen sich andere Leute kümmern: Kulturelle Werbeleute zum Beispiel.


Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / politics ist Autor MARTIN HECKMANNS im O-Ton zu hören und zu lesen!

Die Kritik von Martin Heckmanns aktuellem Stück Das wundervolle Zwischending im Burgtheater-Vestibül gibts in: in www.intimacy-art.com / aKtuell / CRITIC
THEATER Das wundervolle Zwischending * Von: Martin Heckmanns * Regie: Rudolf Frey * Mit: Stefanie Dvorak, Johannes Krisch, Roland Kenda * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 15.2.2008: 20h

IN BÄLDE ERSCHEINT auf intimacy-art.com eine Follow-Up-Story zum Neuen Autorentheater, ausgehend vom Resumée über die Werkstatttage im Burgtheater, sowie die startende Saison im Schauspielhaus unter Andreas Beck
Heiße Adressen für Lesungen und Autorenentdeckungen:
www.schauspielhaus.at, www.burgtheater.at, www.volkstheater.at, www.dschungelwien.at;

; www.rabenhof.at, Literatursalon-link: www.akkordeonfestival.at

Kommende Polen-Stücke:
Showcase Polen * Klavierrecital und szeneische Lesung mit Mateusz Kolakowski, Diskussion, Gastspiele des Szaniawski Theater in Wałbrzych/Waldenburg mit Michal Walczak-Stücken * Ort: Hundsturm/Volkstheater * 15., 16.2.2008: ab 18h30

Friday, February 09, 2007

DER FALL "ODEON": TANZ MIT FANTASIE GEWINNT ZWAR DIE HERZEN DES PUBLIKUMS, ABER KAUM DER POLITIK - KOMISCH!

Trotz politischen Drucks und Existenzängsten hat das Serapions-Theater mit Com di com com wieder eine erstaunlich schöne und hoffnungsvolle, wenn auch gleichzeitig beängstigende Performance hingezaubert. Foto © Max Kaufmann


WARUM ROTTET MAN IN OST-ÖSTERREICH AUSGERECHNET DIE BESTEN HEIMISCHEN TANZ-ENSEMBLES AUS? - DAMIT MAN INTERNATIONALE WÄHREND DER FESTIVALS ALS AUSVERKAUFTE VORSTELLUNGEN IMPORTIEREN MUSS? - DAS EINZIGE VERBLIEBENE FANTASIE-TANZTHEATER SERAPIONS HAT ZU KÄMPFEN.
- UND DENNOCH BRACHTE ES WIEDER EINE TOLLE PERFORMANCE HERAUS.


Es ist immer das Gleiche: Da vollbringt jemand über lange Zeit an einem guten Ort eine herausragende Arbeit, und plötzlich kommt ein (neuer) "Vorgesetzter" auf die Idee, den Ort, der auch anderen sehr gut gefällt, vielleicht jemandem von diesen anderen zu überlassen, da der Langzeitarbeiter ja eigentlich für seine Arbeit im Vergleich zu anderen auch viel zu viel Geld benötige.
Auf der anderen Seite empfindet der - sich für seine Arbeit aufopfernde - Langzeitarbeiter seine Arbeitsstätte mittlerweile als so etwas wie seine Heimat, die ihm ,"rein gefühlsmäßig", irgendwann auch "als Besitz" zustehen sollte.

Noch einmal gesteigert wird so ein gewerblicher Alltagsdisput, wenn er sich im Bereich der Kunst abspielt. Denn da geht es wegen der an bestimmte Räume gekoppelten Kunstproduktion um "Identität" und "Einsatz von Herzen", und auf Seiten der Politik um "Verantwortung" und "Gerechtigkeit". Blöd, wenn diese beiden Parteien dann zusätzlich auf persönlicher Ebene keinen guten Draht zu einander haben. - Was offensichtlich bei Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Odeon-Leiter Erwin Piplitz eingetreten ist, wobei auch ihre politische Parteizugehörigkeit anders zu sein scheint.

OBJEKTIVE BETRACHTUNG IM WIENER FESTWOCHEN-VERGLEICH

Das Odeon zählt zu den schönsten architektonischen Bauten Wiens, ist also (auch als Touristenattraktion) mit Staatsoper und Burgtheater gleich zu setzen. Wie schön wird es aber erst, wenn das darin beheimatete Serapions-Ensemble sein Inneres während seiner Aufführungen zum Strahlen bringt. Diese, sämtliche Kunstgattungen als vollwertig integrierende Artistenfusion ist derzeit nicht nur im Bereich Tanztheater das profilstärkste Aushängeschild Wiens, sondern auch als Kunst-an-sich von einzigartiger Qualität internationalen Niveaus. Locker kann jede Produktion mit einge- und ausverkauften Produktionen ähnlich surreal-fantastischer bzw. bewegungs- und bühnentechnisch präziser Ausrichtung der Wiener Festwochen mithalten: etwa mit den poetischen Theaterzirkus-Performances La Veillée des Abysses von James Thiérée, Grimm von Cahin-caha, The marmaid von Katrine Wiedemann und Tilde Bjørfors, und heuer Circus Istorija - Zirkus der Geschichte von Sonja Vukicevic bzw. Tempest - Der Sturm von Lemi Ponifasio. Oder sogar mit den bereits verscheuchten österreichischen Eigengewächsen: Nicolas Musins abcdancecompany und Giorgio Madias Volksopernballett (Alice, Nudo).

Giorgio Madias Nudo (oben) und Alice (unten, Fotos © Joanna Joy) entstanden durch eine technisch und ästhetisch brillante, österreichische Tanz-Company, die es wie die abcdancecompany nicht mehr gibt. - Was denkt sich nur unsere Kulturpolitik?




La Veillée des Abysses (Fotos © Richard Haughton) von James Thiérée, Cahin-cahas Grimm (Fotos © Armin Bardel) und Mermaid von Katrine Wiedemann und Tilde Bjørfors waren drei der dauer-ausverkauften, importierten Produktionen der Wiener Festwochen, die ähnlich niveau- und fantasievolle Ausrichtungen hatten, wie das heimische Serapionstheater im Odeon.


Dass das Serapionstheater-Ensemble nun wegen einer Negativbilanz im Vorjahr von 725.055 Euro bisher keine Budgetzusage ab Sommer 2007 erhalten hat, ist bezogen auf seine Qualität ungerecht. Denn was dieses Ensemble ein paarmal im Jahr in jeder Produktion erreicht, bekommt man im Tanzquartier vielleicht einmal jährlich präsentiert - wenn überhaupt, selbst wenn dort fast täglich etwas Neues zu sehen ist (meist glaubt man, einer Probe beizuwohnen, aber immerhin finden die Tänzer dort eine geistige Heimat). Die Stadt müßte Qualität wie des Serapions daher umso bewußter fördern, die finanzielle Differenz begleichen, und dazu noch ein ausgelagertes, die Kreativarbeit nicht störendes Marketingteam aufstellen, damit diese Meisterstücke auch endlich das große Publikum zu sehen bekommt, das ein Recht darauf hätte. Denn die Zuschauerreihen sind oft nur halb voll - das wäre also die Lücke, die seitens Politik zu füllen wäre.

NEUE PRODUKTION COM DI COM COM

Dass die Company unter diesen Bedingungen Ende Jänner überhaupt eine Produktion erarbeiten konnte, ist bemerkenswert. Niveau und Zauber sind anspruchsvoll wie eh und je. Doch all der Schmerz, die Wut und die Angst vor übermächtigem Druck und Nicht-Anerkennung liegen im Ausdruck des Stücks, das im Kern vom "Kindsein" des Kunstschaffenden handelt.

Ein Kind ist unschuldig, schutzbedürftig und hilflos, ausgeliefert einer Verantwortungsperson, die ihm hilft, sich zu entwickeln. Es bellen und knurren aber nur bedrohliche Hunde vom Tonband, wodurch sich die Tänzer in erstarrter Angst kaum bewegen, geschweige denn Kunst schaffen können. In spannungsgeladener Lichtsetzung (Michael Illich) verharren sie im Halbdunkeln. Denn gegen was und wen sich konkret zu wehren, ist ihnen schleierhaft. Alles, was hier herrscht, ist Ohnmacht.

Ihre verunsicherte Beklommenheit weitet sich auf den großflächigen Raum aus. Plötzlich türmen sich auf dem Boden liegende, kreisförmige Stoffballen zu Litfaßsäulen bis an die Decke hoch. Die Wände beginnen, sich durch den ganzen Raum zu drehen - bemalte Riesen-Kunstprospekte, die unruhig und schwerfällig tanzen -, während es die Tänzer nicht können. Und doch, langsam wagen sich manche von ihnen zu zaghaften Schritten vor, sie stellen sich der Gefahr und wehren sie in Kung-Fu-Haltungen ab, wie Hirsche prallen ihre Köpfe gegen einander, was sie zugleich fesselnd zusammen schweißt. Ihre schlammfarbigen Kleider, die ihre Körper zuerst bauchig verschluckten, wandeln sich zu schmalen, bunt-bemalten Silhouetten. Jeder Einzelne gewinnt durch das Gefühl des Vereintseins nach der ernsthaften Auseinandersetzung an Selbstbewußtsein, allen voran die Zwillingstänzerinnen Mercedes und Miriam Vargas Iribar in leidenschaftlichem Afro-Butoh. Und mitten drin stolpert Ulrike Kaufmann als "Kind" hintendrein, auf seinem Weg zum erwachsen werdenden, hoffnungsvollen Kunstschaffenden.

Die Kostüme von Ulrike Kaufmann, die Bühne von Max Kaufmann, Tonio Nodari, Thomas Bakalis, Radivoje Ostojic sowie die Prospekte von Brad Holland sind wieder einmal erstaunlich. Der Sound von Regisseur Erwin Piplits paßt wie immer genau zur Handlung und ist akustisch bestens gemischt. Alles wächst in- und auseinander, mit einem Wort, das ist ein bezaubernd schönes Performance-Kunstwerk.

Ulrike Kaufmanns Markenzeichen sind ihre wandelbaren, aufwändigen, stofflich exklusiven Kostüme. Und: In Com di com com ist sie das ewige Kind im Künstler, das unter gegebenen Umständen lange sehr verunsichert - wie erschlagen - hinter den lange ebenso erschreckten Tänzern hinterher tappt. Foto © Max Kaufmann

Circus Istorija - Zirkus der Geschichte (© Vukica Mikaća) ist neben Leo Ponifasios Tempest - Sturm der heurige sicherlich wieder "ausverkaufte" Fantasie-Performance-Import der Wiener Festwochen.

ZIRKUSTHEATER: Au Revoir Parapluie * Von: James Thiérée * Mit James Thiérée, u.a. * Ort: Wiener Festwochen, Halle E, MuseumsQuartier * Zeit: 28.5-1.6.2008, 19h30

TANZPERFORMANCE: Com di com com * Von: Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits * Mit: Serapions-Ensemble * Ort: Odeon Wien * Zeit: 14. bis 17., .23., 24., 30.11 bis 1.12, 5. bis 15., 26. bis 29.12.2007 + 2. bis 5.1. 2008: 20h

PERFORMANCE: Circus Istorija - Zirkus der Geschichte * Von Sonja Vukicevic * Mit Schauspielern und Ballerinas * In serbischer Sprache mit deutschen Übertiteln * Ort: Wiener Festwochen, Halle G, MuseumsQuartier * Zeit: 21.-24.5.2007, 20h30
PERFORMANCE: Tempest - Sturm * Von Lemi Ponifasio * Mit Ensemble Mau * Ort: Wiener Festwochen, Halle G, MuseumsQuartier * Zeit: 16.-19.5.2007, 20h30

Monday, January 29, 2007

ITALIENISCHER NEOREALISMUS IST WIE LEBENSURLAUB IN ITALIEN


Roma ore 11, von Giuseppe De Santis 1952 gedreht, zeigt anhand eines Ansturms von 300 Frauen auf die Stelle als Bürokraft, wie schlimm die Armut in den Fünfzigern war. - Und dennoch haben diese Menschen, wie der Film, Klasse.


Ladri di biciclette, von Vittorio De Sica 1948 gedreht, handelt von einem Arbeitslosen, dem das Fahrrad gestohlen wird - und ohne das Vehikel droht ihm, seinen neuen Job wieder zu verlieren.... Ein Kultfilm. Fotos: © Österreichisches Filmmuseum


AM ITALIENISCHEN NEOREALISMUS DER 40-er UND 50-er JAHRE SOLLTEN SICH ÖSTERREICHS "DOGMA"-FILMER EIN BEISPIEL NEHMEN; UND DER ORF AM WIENER FILMMUSEUM!

Eigenartig, wenn man "armes Kino" hört, und es in Bezug zu "Italien" stellt, überkommt einen sofort ein sonniges Gefühl: Ergreifende Schicksale tun sich vor dem geistigen Auge auf, trotz Armut dieser charaktervollen Menschen von interessanter, warmherziger Mentalität. Stellt man das "arme Kino" aber in Bezug zu "Österreich", drängen sich Bilder ungustiösen, hoffnungsverlorenen Proletariermilieus aus dem 21. Wiener Gemeindebezirk auf, wahrscheinlich gedreht von Barbara Albert oder einem anderen österreichischen "Dogma"-Filmer.

Poesie und Klasse auszustrahlen - trotz Arbeiterschicht-Realismus und kleinem Filmbudget - das können tatsächlich nur die Italiener, insbesondere die Filmer des Neorealismus, zu denen hauptsächlich Roberto Rossellini, Vittorio De Sica, Giuseppe De Santis zählen, und in ihren Anfängen auch Luchino Visconti, Federico Fellini, Michelangelo Antonioni. Sie liegt in den Darstellern, in ihren Gedanken, ihren Handlungen, sowie in den nonverbalen Zwischentönen der Filmatmosphäre. Viel zu kurz läuft daher dieser Themenschwerpunkt im Wiener Filmmuseum. Der ORF sollte sich in seiner Programmatik ein Beispiel nehmen, um endlich seiner Aufgabe als öffentlich-rechtlicher Sender gerecht zu werden, und die Filme übernehmen! Denn dann bekäme auch das österreichische Fernsehpublikum die Chance, "Geschmack" zu entwickeln.

Absolut zu empfehlen sind vorab Riso amaro von Giuseppe De Santis und Bellissima von Luchino Visconti - diese beiden Schmuckstücke waren im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu bewundern: eine insgesamt magere Ausbeute, wenn man bedenkt, wieviele von diesen grandiosen, laufenden Zeitabbildern es gibt.
Eine genauere Beschreibung nun zu folgendem Film:

ROMA ORE 11 VON GIUSEPPE DE SANTIS

Unter dem deutschen Titel Es geschah um Punkt 11 ereignet sich eine konzentrierte Massenpsychologie-Studie der Verzweiflung arbeitssuchender, junger Frauen im Jahr 1952. Auf eine Ausschreibung eines Autoherstellers hin, bewerben sich für die Stellle einer Bürokraft an die 300 bildhübsche Frauen. Sie alle sind mehr oder weniger natürlich schön - nicht so, wie man sie sich im amerikanischen Hollywoodfilm vorstellen würde. Es sind Frauen, die es bitter nötig haben zu arbeiten: Um sich, ihre Männer oder ihre Familien zu ernähren. Denn die Arbeitslosigkeit ist zu dieser Zeit (wie heute wieder) groß.

Dabei schälen sich einzelne Biografien heraus: Ein Mädchen hatte eine Stelle und wurde von seinem verheirateten Arbeitgeber unter Vormachung falscher Liebestatsachen geschwängert und fallen gelassen. Ein anderes ist mit einem Mann verheiratet, der selbst vergeblich Arbeit sucht. Ein Drittes ist eine jüngere Schwester, die sich unterwegs zu ihrem ersten Vorstellungstermin verliebt (und die später umkommt). Ein Viertes ist zu schüchtern, aber auf Druck seiner Mutter als Erste da - die Mutter sorgt auch tatkräftig italienisch dafür, dass es das bleibt. Ein Fünftes hat sein reiches Elternhaus verlassen, um jetzt seinen Künstlerfreund zu unterstützen. - Viele Schicksale also, und sie alle enden im Fall, indem die Stiege im Firmenhaus zusammen bricht, auf der sie zusammengepfercht warten. Nachdem der Firmenboss sagt, er könne nur 40 anhören, die Frauen müßten also unter sich ausmachen, wer lieber gleich wieder nach hause gehen solle, entsteht eine Massenhysterie wie man sie von Konzerten her kennt. Das Gedränge läßt das Geländer und damit die Mauern krachen.

Die Kraft des Filmes besteht darin, dass sich die Not der Armut und der Zwangslage ganz nackt ausdrückt. Die Verzweiflung liegt kalt und offen da, die die Frauen zu Mitteln greifen läßt, die ihnen unter harmonischen Bedingungen zuwider wären, schon da es ihr Anstand verbieten würde. Das schlechte Gewissen macht sich nach dem Tod des einen Mädchens breit, Angst vor Bestrafung krassiert. Und die Tatsache, dass diese Geschichte, ja, selbst einige der Darsteller, echt sind, die Katastrophe also stattgefunden hat - wie es ein Zeitungsartikel belegt - macht die Geschichte noch ergreifender. Alltagsdialoge, realistische Schauplätze, das natürliche Licht zeigen die Italiener mit all ihrer Theatralität und Gefühlstiefe, und mit all ihrem (nationalen) Stolz. - Etwas, das man in keinem österreichischen Film - außer als negative Parodie - finden kann. Und dieser Stolz dieses Volkes, den man in keinem Genre mehr herausgearbeitet hat als im italienischen Neorealismus, macht diese Filme so würdevoll und edel.

LADRI DI BICICLETTE VON VITTORIO DE SICA

Ein Klassiker, der sich um ein Kind, seinen arbeitslosen Vater und ein gestohlenes Fahrrad dreht. - Karten sind schwierig zu bekommen, unsere Reservierte war bereits fünf Minuten vor Beginn verkauft. Deshalb eine halbe Stunde vorher kommen und reservieren!

Nun, beim letzten Anlauf, hat es doch noch geklappt - obwohl der Film wieder ausverkauft war: Der Stolz einer arm gewordenen Familie, speziell des Vaters, sticht hier so hervor, dass es zu Tränen rührt. Denn der wird ihm gebrochen, indem sich die anstandslos-ungebildete, kriminelle Klasse zusammen rottet und wider Recht und Wahrheit gegen ihn aussagt. Da beginnt er selbst zu stehlen... und sein Bub sieht es, der aber alles versteht und umso stärker mit seinem Vater leidet.
Eine geniale Psychostudie, die auch an die Juden-Degradierung unter den Nazis erinnert, indem man sie all ihrer Stellung beraubte, erniedrigte und demütigte.


FILM Roberto Rossellini und der italienische Neorealismus * Ort: Filmmuseum Wien * Zeit: bis 8.2.2007
Themenschwerpunkt im März: Vincente Minnelli, Avantgarde: Film und Kubelka * link: www.filmmuseum.at

Tuesday, January 23, 2007

MIXER LOIS RENNER UND REMIXER GEORG BASELITZ - ZWEI ZEITGENOSSEN "BAROCKEN" FORMATS

Lois Renner (©) mit seiner aquarellhaft gemalten Fotografie-Barockfigur: Faun (aquarell) 2, 2006, Technik: C-print/Plexi/Dibond, 60x54cm


WENN EIN MIXER UND EIN REMIXER ETWAS GEMEINSAM HABEN, DANN IST DAS DAS GEWISSE ETWAS AN NEUHEIT, NIVEAU UN
D EINZIGARTIGKEIT: LOIS RENNER UND GEORG BASELITZ SIND EIN ALTER UND EIN NEUER ZEITGENOSSE MIT JEWEILS BAROCKER STRAHLKRAFT IM GENRE-ÜBERGRIFF.

Georg Baselitz und Lois Renner - zwei unterschiedliche Generationen in unterschiedlichem Genre? Ja, dennoch: So konkret sie inhaltlich in ihren Aussagen bei ihren Bildern sind, so nebensächlich scheint ihnen der Inhalt zu sein. In Wahrheit ist es die technische Form, um die es beiden geht. Und das Wunderbare dabei ist, dass bei Baselitz ein Ölbild neuerdings wie ein Aquarell oder eine Zeichnung, bei Renner die Fotografie wie Malerei aussieht - in beiden Fällen auf einzigartige - bei aller Modernität - kostbar und ernsthaft "barocke" Weise.

Sowohl Baselitzs als auch Renners Werke kommen erst im Angesicht richtig zur Geltung: wenn der Besucher direkt vor den Bildern steht. Dann erkennt er ihren Wert und ihre Besonderheit. Renner ist allerdings - da jünger - noch einen Schritt weiter, da er mit Fotografie und digitaler Bearbeitung medienübergreifend arbeitet, während Baselitz ausschließlich innerhalb der Malerei technikübergreifend bleibt.

REMIXER GEORG BASELITZ

Dabei benennt Baselitz (geb. 1938) aber ironischerweise seine Werkserie, die gerade in der Wiener Albertina hängt, mit dem digitalen Titel Remix. Tatsächlich hat er dabei "nur" frühere Arbeiten malerisch neu bearbeitet, um sie, wie er selbst sagt, "leichter" aussehen zu lassen und auch "schneller" zu gestalten. Baselitz: "Ich habe jahrzehntelang "schwere" Bilder gemauert: Schicht auf Schicht. Ich wollte schneller Bilder malen können, habe es aber einfach nicht zu Wege gebracht. Jetzt ist es mir gelungen, innerhalb einer Stunde Bilder zu malen! Die müssen dann leicht sein." Zu funktionieren schien es ihm endlich nach einem Besuch bei der Leipziger Schule, wonach sich Baselitz malerisch und zeichnerisch neu zu hinterfragen begann. So ist etwa der 1963-er Malskandal - das onanierende Kind mit Riesenpenis, das einen, sich auf diese Weise Aufmerksamkeit verschaffenden, Poeten darstellt - des selbstbezeichneten ewigen Außenseiters Baselitz in Die große Nacht im Eimer jetzt als "Remix" lockerer gemalt und dafür eindeutig mit einem genau gezeichneten Hitler-Bärtchen versehen.

Ebenso ging Baselitz bei weiteren Bildern seines Frühwerks vor, das er ab Ende der 60er Jahre in seinem heutigen Markenzeichen - auf dem Kopf stehend - präsentierte. - Damals wollte er damit die malerische Form, nicht den Inhalt betonen. Selbst wenn er dabei stets Selbstkritik hinsichtlich der eigenen deutschen Geschichte übte. Jetzt geht es Baselitz um eine farbenprächtigere, flächenhaft auffälligere Bildaufteilung, in aquarellhaft in Öl gemalter, lockerer Form, wobei der Inhalt aber durch subtile Details wie etwa spitz gesetzte Hackenkreuze besticht - zum Beispiel auf Knie und Hand der zwei Männer im Bild Die großen Freunde (Remix), 2006.
60 Arbeiten auf Papier - Tuschzeichnungen und Aquarelle veranschaulichen das Herantasten des Malers an diese remixten alten, neuen 28 Gemälde bzw. deren neuerliche Hinterfragung nach dem Remixen.

Das auffälligste von Georg Baselitz Remix-Werken ist sein Ausgangsbild Die große Nacht im Eimer, 1962/63, Öl auf Leinwand, 250 x 180 cm Museum Ludwig, Köln, © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

Im Remix-Zustand ist Georg Baselitzs Die große Nacht im Eimer (Remix), 2005 - das onanierende Kind samt Hintergrund - leichter und farbenfroher, dafür bekam es ein Hitlerbärtchen. Öl und Kohle auf Leinwand, 300 x 250 cm, Besitz des Künstlers, © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

Danach zeichnet Baselitz abermals eine Neuinterpretation, wie hier: Ohne Titel, 29. Februar 2006, Tuschfeder auf Papier, 66,4 x 50,3 cm, ALBERTINA, Wien / Dauerleihgabe der Sammlung Rheingold, © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

Aquarell-Überlegung mit zeichnerischer Kombination von Georg Baselitz, Ohne Titel, 23. April 2006, Tuschfeder, Aquarell und Tusche auf Papier, 66,3 x 51,5 cm, ALBERTINA, Wien / Dauerleihgabe der Sammlung Rheingold, © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)


Das Aquarell in Öl übertragen: Georg Baselitz, Die großen Freunde (Remix),2006, wobei die Hackenkreuze aber spitzfindig pointiert auf Knie und Hand gesetzt sind. Öl auf Leinwand, 300 x 400 cm, Privatsammlung, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, © Georg Baselitz (Foto: Jochen Littkemann, Berlin)

MIXER LOIS RENNER

Brachte der teuerste Baselitz bei Christie's 2006 in London (Ein Roter, 1966) 1,8 Millionen Euro ein (und dann inoffiziell noch doppelt so viel durch Weiterreichung in amerikanischen Privatbesitz, dem Hauptabsatzmarkt von Baselitz, was auch die starke Präsenz von Amerikanern während der Albertina-Eröffnung erklärte), so muß man sagen, dass objektiv gesehen, Lois Renners Arbeiten genauso viel, wenn nicht sogar, noch mehr wert sein müßten. Denn seine Technik ist noch komplexer und vielschichtiger. Auch die mediale und internationale Resonanz beweist das: So wurde der 1961 geborene Salzburger Renner anläßlich seiner bis 28. Februar 2007 in der Galerie Mario Mauroner Contemporary Art Vienna vom Art Magazine zum "Künstler des Jahres 2006" ernannt, wird er von von 15.-19.Februar 2007 auf der ARCO 07 in Madrid, und ab April im ACFNY in New York zu sehen sein. Seine jüngst geschaffenen Hybride vereinen Malerei und Fotografie und die dadurch geschaffenen Realitäten, während sie auf vollkommen neue Art und Weise die Grenzen zwischen den Medien niederreißen.

Renners eindrucksvollen Gemälde zeigen sein Atelier, allerdings auf eigentümlich surreale Weise, indem Alltagsausschnitte oder barocke Motive auftreten. Oftmals mischt er auch noch sich selbst darunter. Es geht inhaltlich daher um sein Innenleben, seine Gedanken bezüglich dieser Welt, die so vielfältig und widersprüchlich ist. Auch die Form der Umsetzung spiegelt das. “Die Fotografie verwende ich wie eine Taschenlampe, mit der ich in mein Inneres leuchte. Die Malerei entsteht aus dem, was ich bei der Suche dort gefunden habe”, beschreibt der Künstler seine Arbeitsweise. Genau genommen setzt er Fotografie, Malerei und digitale Gestaltungsmittel in Bezug zueinander, wobei die Fotografie sich die Malerei zum Vorbild nimmt, und digitale Medien diese analogen Gestaltungsmittel unterstützen und hinterfragen, während die Rolle des Bild-Künstlers hinterfragt wird. Am Ende entstehen Tafelbilder eines Maler-Bildhauer-Installationskünstler-Architekt-Fotografen.

Lois Renner(©) mit abermals direkter Barockanspielung bzw. -hinterfragung in seinem Foto-Malerei-Gemälde Venus, 2006, Technik: c-print/Plexi/Dibond, 208x180cm

Lois Renner(©) und seine plötzlich im Atelier neben sich auftretetenden Alltagserscheinungen, die in diesem Umfeld interessant deplatziert wirken, und darüber nachsinnieren lassen, ob sich dieser Künstler manchmal so fühlt: Havanna, 2006, Technik: c-print/Plexi/Dibond, 180x268cm

Lois Renners(©) Faun (aquarell) 2, 2006, wo nun der gemalte Faun in die Atelier-Installation gestellt wird. Hier hat das Bild eher Fotografie-Charakter, selbst wenn es nicht (nur) so ist. Technik: C-print/Plexi/Dibond, 60x54cm

Lois Renners(©) Öltod hoch, 2005, wo die Malerei im Vordergrund zu sein scheint. Technik: C-Print/Diasec, 225x180 cm


AUSSTELLUNG LOIS RENNER Hybride Installation – Malerei – Fotographie * Ort: Galerie Mario Mauroner Contemporary Art Vienna * Zeit: bis 27.01.2007
AUSSTELLUNG LOIS RENNER * Ort: ARCO 07 Madrid * Zeit: 15.-19.Februar 2007
AUSSTELLUNG LOIS RENNER * Ort: ACFNY New York * Zeit: April 2007

AUSSTELLUNG GEORG BASELITZ REMIX * Ort: Albertina Wien * Zeit: bis 24.4.2007

Sunday, December 03, 2006

MODERNER TANZ MIT KLASSE: XAVIER LE ROY, YVONNE RAINER, OLGA ESINA (IN "ANNA KARENINA")


WIE SICH DER TANZ KLASSIKERN NÄHERT UND WORAUF BALLETT UND ZEITGENÖSSISCHER TANZ ACHTEN MÜSSEN, DAMIT SIE ZUR EIGENSTÄNDIGEN KUNST MIT QUALITÄT WERDEN

Zwei Augenblicke drängen dazu, zwei gänzlich verschiedene Kunstereignisse als Diskussionsfeld heran zu ziehen. Und zwar zur Frage: Wie denn wohl Klassik/er modern interpretiert als eigenständige Kunstform/en Sinn macht/en? Der erste Augenblick prägte sich während der Performance-Aktionskunst-Reihe Wieder und Wider im Museumsquartier ins Gedächtnis: als eine Ballerina, umgeben von drei zeitgenössischen Tänzerinnen, George Balanchines Ballettklassiker Agon parodierten. Die verantwortliche Choreografin, Yvonne Rainer, nannte dieses Stück AG Indexial, with a little help from H.M..

EXZERP: XAVIER LE ROY PARODIERT ZEITGENOSSIN YVONNE RAINER

Zwei Tage davor war Rainer - die dreißig Jahre aktive zeitgenössische Tanz- und Filmlegende des Judson Dance Theatre - selbst von Xavier Le Roy (u.a. in Zusammenarbeit mit Fritz Ostermayer, Alain Buffard, Eszter Salomon) in Continious Project / Altered Daily parodistisch "wiederbelebt" worden. Sie tanzte darin auch mit. Le Roy hatte eines ihrer Werke aus dem Jahr 1970 schon vor sechs Jahren in Angriff genommen, jetzt brachte er seine eigene Fassung noch einmal verändert auf die Bühne.

Generell ging es in diesem Rahmenprogramm um die Frage, wie historische Koryphäen (wieder) aufgeführt werden sollten. Da kein Künstler für die im Schaffungsprozeß unkreative Re-Konstruktion sein kann - die abgesehen davon ja auch unmöglich ist, da jede darstellende Kunst vom Wesen her einmalig und damit flüchtig ist -, waren alle beteiligten Performancekünstler für "Aneignung" von Klassiker-Originalen: im Sinne von Erwartungserfüllung des Publikums und eigenem Durchsetzen der Persönlichkeit. Das zeigten sie großteils indem sie auf Video abgespielte Klassiker in ihre kabarettreifen, live-getanzten Performances einbauten.

Zeitgenosse Xavier Le Roy ist ein Meister der parodistischen Klassik-Nachahmung: ob er nun Yvonne Rainer, Eszter Salomon, Giszelle (in Erwin-Wurm-Manier), den Fußball oder ein Orchester nachahmt. Letztlich deckt er durch äußerliche und bewegungsformale Dubletten und Erweiterungen echte Identitäten zu - und damit auf. (Fotos: © Dieter Ruchel, Katrin Schoof, u.a.)


Le Roy entwickelte konkret einen dynamischen Polstertanz, wo die Darsteller gefährlich schnell, aber weich, durch den Saal rutschten, bzw. eine Raupenformation aus rollenden Körpern, worauf einzelne Tänzer sich fortbewegten. Letztendlich schälte sich der komische Effekt heraus. Die tanz-existenziellen Gedanken Rainers vom Original waren nur noch rudimentär zu erkennen. Mit einem Wort, was da übrig blieb, war: Xavier Le Roy, so analytisch ironisch, wie man ihn kennt.

Die wesentliche Erkenntnis für den Zuschauer war nun aber: dass die zeitgenössischen Tänzer, gerade in Bezug zum Ballett, wovon sie sich einst abspalteten, tatsächlich nur über Distanz bzw. Ironie zur vollwertigen Kunstidentität gelangen können.

YVONNE RAINER WIEDERBELEBT BALLETTKLASSIKER BALANCHINE

Darauf baute auch Rainer: ihre anfangs erwähnte "Annäherung" war neben der Parodie auch eine Würdigung und Analyse. Das hatte den Effekt, dass sich die zuschauenden Ballettfans dachten, wie lächerlich unbeholfen die Zeitgenossen körperlich verglichen mit der Ballerina abschneiden, und sich die Zeitgenossen sagten, wie lächerlich identitätslos die artifizielle Ballerina doch war. Rainer: "Mir geht es genau darum, dass die Zuschauer nicht recht wissen: "Darf ich jetzt lachen oder doch nicht?" Es ist bewußt indifferent gemacht." Ursprünglich hatte Rainer dieses Werk geschaffen, um Tanz (als Kunst?) Menschen zu ermöglichen, die erst im Alter zu tanzen beginnen. Was diese Performance insgesamt aber erst (zeitgenössisch) einigermaßen "kunstvoll" machte, war die theatrale Komponente.

Denn rein vom Tanz her, tanzte die Ballerina sowohl die Klassik (Igor Strawinsky), als auch den Modernen Tanz (Henry Mancini: The Pink Panther) um vieles besser.










Yvonne Rainer macht ein bewußt doppelironisches Stück über eine Balletttänzerin, die drei postmoderne Choreografinnen (Tänzerinnen) begleiten, während sie George Balanchines Klassiker Agon wiederbeleben. Am Ende lachen die Zeitgenossen über die Klassik, die Ballettfans über die Zeitgenossen. (Fotos: © Andrea Geyer)

OLGA ESINA INTERPRETIERT MODERN-KLASSISCHE ANNA KARENINA VON BORIS EIFMAN

Dieser Gedanke sollte den Zuschauer nun noch ein weiteres Mal beschäftigen, und zwar im zweiten prägenden Augenblick: als sich die Solotänzerin des Wiener Staats- und Volksopernballetts, Olga Esina, während der Premiere des Tolstoi-Literaturklassikers Anna Karenina, nach durchgehend klassisch getanztem Stil in den zwei letzten Szenen plötzlich im Modern Dance versuchte. Pardon, das war kein Versuch, sondern eine großartige Leistung. Wohl hatte sie schon zuvor im klassischen Teil die eine oder andere schwierige, moderne Haltung einfließen lassen, allerdings immer noch im klassischen Grundstil: leicht, beweglich, edel, erhaben: als sehnsüchtige, leidenschaftliche und leidende Anna Karenina. Doch da jene dann einen Opiumrausch durchmachen mußte, erfuhr sie auch tänzerisch und charakterlich den Moment der Verwandlung: sie wurde temperamentvoll, kräftig, hart, intellektuell. Bestechend einprägsam war sie allerdings durchgehend, denn es umgibt sie eine körperliche und bewegungszauberische Aura.

Olga Esina vermengt in der Choreografie Boris Eifmans des Tolstoi-Klassikers Anna Karenina klassisches Ballett mit Modernem Tanz, so dass sie in beiden Richtungen bewunderswert glaubwürdig ist. Hier als Anna und mit dem ebenso expressiven Vladimir Shishov (Wronski). Leider sind die Männertutti, sowie das ganze konventionell erzählte Nummernstück in Ablauf und Schrittplan ein wenig zu platt und kommerziell auf Effekt gemacht.
Auf dem Foto unten mit Kirill Kourlaev (Karenin) samt Ensemble wirkt das besser als im live-Erzählfluß. (Fotos: © Dimo Dimov/Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper)


Nur schade, dass das Stück, in dem Olga Esina und ihre ebenfalls ausdruckstarken Co-Solisten (vor allem Vladimir Shishov als Liebhaber Wronski, der etwas zu überzeichnete "Ehemann Karenin", Kirill Kourlaev, starrte beim Tanzen mit offenem Mund zu viel in die Luft) samt technisch exakt expressivem Ensemble "lebten" - insgesamt zu spekulativ kommerziell von Choreograf Boris Eifman aufgezogen ist. Zu viele Videoclip-artige Männer-Tutti, zu schnelle Szenenwechsel, zu großer "Nummerncharakter" ließen das Werk inhaltlich leider oberflächlich werden. Für Gefühle braucht man etwas mehr Zeit. - Giorgio Madias Nummernwerke Nudo und Alice waren während seiner Volksopernballettdirektoren-Zeit weit sensibler und auch schritttechnisch differenzierter: seine Tutti enthielten Kontrapunkte, die Geschichten wurden ironischer und zärtlicher erzählt. Dennoch: nachdem wir im letzten Jahr im Wiener Staatsballett wirklich nur Schrott gesehen haben, ist diese Anna Karenina zur Musik von Tschaikowski (UA war 2005 in St.-Petersburg) geradezu eine Glanzleistung! Und auch endlich mit einem brauchbaren Dirigenten (David Levi)!

DAGMAR KRONBERGER ALS "ANNA", ENO PECI ALS "KARENIN"

Diese Anna Karenina wurde nun am 12.12. in neuer Hauptrollen-Besetzung auf die Bühne gebracht. Eine der rar gewordenen Österreicherinnen im russisch-dominanten Corps, Halbsolistin Dagmar Kronberger, tanzte die Anna Karenina. Da nun aber Anna Karenina einmal Russin ist, traf Olga Esina deren leidenschaftlich-eleganten Charakter doch besser. Dagmar Kronberger arbeitet zu sehr aus dem Kopf und hat - recht muskulös, groß und mit natürlich-bodenständiger Ausstrahlung - den passenderen Körper für akrobatische und moderne Ballette, sowie für Walzer und Mozart. Am besten wirkte sie daher im engen Body-Suit während der popig modern getanzten Drogenwahn-Szene.

Die große Überraschung der Neubesetzung war dagegen der Italiener Eno Peci. Er tanzte den verlassenen Karenin - abgesehen von der technischen Virtuosität - so interessant und mit innerem, positiv zu sehendem Charakterreichtum, dass man sich fragen mußte, wieso Anna diesen höchst begehrenswerten Mann nur verlassen konnte. Noch dazu, da die Neubesetzung des Wronski durch Ivan Popov völlig farblos und nichtssagend war. Außer dass dieser größer als Eno Peci ist und deshalb größenmäßig besser mit Dagmar Kronberger harmonierte, ist über ihn nichts Besonderes zu erwähnen.

Die optimale Besetzung wäre daher Anna: Olga Esina, Karenin: Eno Peci, Wronski: Vladimir Shishov!

BALLETT: Anna Karenina * Autor: Leo Tolstoi * Musik: Peter Iljitsch Tschaikowski * Choreografie, Regie: Boris Eifman * Dirigent: David Levi * In wechselnder Solistenbesetzung! * Ort: Volksoper Wien * Zeit: 28.1., 19.,25.2.2008: 19h + 18.2.2008: 18h + 5.3.2008: 20h

Sunday, November 19, 2006

EXPERIMENTE - WIE GROSSE KÜNSTLER ZUM ALBTRAUM WERDEN



Porträt: Komponist Bernhard Lang hat entweder zuletzt zu viele Aufträge angenommen oder Lust am öffentlichen Scheitern. © G. Hipfl

Filmstill rechts: Medienkünstler Norbert Pfaffenbichlers Notes on Film 02 mit Annäherung zum Spielfilm: ein Experiment, das leider nicht aufgegangen ist. 2006 © Österreichisches Filmmuseum.



KOMPONIST BERNHARD LANG SAUST MIT ZWEI UNFERTIGEN VERSUCHSPROJEKTEN IN DEN KELLER - MEDIENKÜNSTLER NORBERT PFAFFENBICHLER MIT SEINEM INKONSEQUENTEN "SPIELFILM"

Eigenartig, wie hoch man einen Künstler nach einem gelungenen Werk stellt und wie tief man ihn fallen läßt, wenn er einen sprichwörtlichen Krampf abliefert - der Krampf ist meist Resultat einer nur ansatzmäßig ausgeführten Arbeit. Bernhard Lang, gerade mit seiner genialen Komposition der Oper I hate Mozart zum "Mozart" unserer Zeit gefeiert, zeigte auf diese Weise, dass er doch nur ein experimentierender Mensch ist, und in seltenen Fällen ein Genie.

Norbert Pfaffenbichler, als Medienkünstler bisher durch extreme Ästhetik und konzeptuelle Exaktheit in Kurzfilmen bekannt, ist in Notes on Film 02 - das im Filmmuseum zu sehen war und verständlicherweise schwer woanders unterkommt - gerade Ähnliches passiert. Ist es ein Zufall, dass dabei Bernhard Lang die Musik komponiert hat?

LANGS QUÄLENDES EXPERIMENT

Bernhard Lang - Personale-gewidmeter Star des zeitgenössischen Musikfestivals Wien Modern 2006 - kann mit seiner Musik sogar ein regelrechter Quälgeist sein, wie an seinem Duo-Abend mit Philip Jeck im Wiener Konzerthaus zu hören war. Während Jeck mit Turntables den Raum elektronisch füllte - was noch etwas Linie zu haben schien - patzte Bernhard Lang mit seinem Laptop (Electronic devices) irgendetwas zusammen. Diese Geräusche-Beliebigkeit mißfiel dem Publikum sichtlich, der Applaus war bescheiden und kurz. Gestaunt werden konnte nur über die "komischen" Instrumente: Nämlich dass zwei Computer abendfüllend sein können - wenn sie es denn auch können (!).

PFAFFENBICHLERS UNERTRÄGLICHES EXPERIMENT

Langs Musik in Norbert Pfaffenbichlers Film - der absurderweise von Filmmuseum-Chef Alexander Horwath "Spielfilm" genannt wurde - macht zwar mehr Sinn, vermag es (wegen des Films) aber nicht, als sinnvoll haften zu bleiben. Notes on Film 02 ist konzeptuell von der Idee getragen, Film als Sprache zu verstehen, wobei der Zuschauer in die Rolle des Cutters schlüpft, der beim Schneiden im Vorlauf immer wieder dieselbe Szene ansehen muß, bis er nur noch ihre Oberfläche und nicht mehr den Inhalt sieht.

Inhaltlich basiert der Film in wenigen Handlungsszenen auf den 26 Buchstaben des Alphabets. Darin ist einem Pärchen gegensätzlicherweise die Kommunikation abhanden gekommen, was formal 26 mal pro Einstellung, mit jeweils nur leichten inhaltlichen Variationen, umgesetzt ist, sodass sich wiederholte Beziehungsmonotonie einstellt. Mann und Frau haben darin ihre Bilder von einander im Kopf und Angst davor, mit dem Be- bzw. Aussprechen ihrer wahren Persönlichkeiten den gegenseitigen Bezug zu verlieren. Da hilft es auch nicht, dass die Frau andauernd (von Ursula Strauss schlecht gespielt) sagt, "sprich mit mir".

Die dominante Form der Oberfläche bzw. der Wiederholung - das Wesen des Films schlechthin - zerstört letztenendes die Beziehung. Oder: Die Rationalität der gelebten Alltagsrituale zerstört die irrationale Gefühlswelt. Das konfrontiert Pfaffenbichler wiederum mit dem Zitat Adornos, das besagt, dass auch die Kunst ihre jeweilige Gesellschaft irgendwann überholt, indem sie sich durch ihre strikten, innewohnenden Gesetze zerstört.

JEDES GENRE HAT SEINE GESETZE

Ist die Idee dieses Werks reif durchdacht, so bleibt dennoch zu fragen, wie man das formal ausdrücken kann, ohne die Nerven des Zuschauers 96 Minuten auszureizen. - Noch dazu, da Pfaffenbichler ohnehin etliche formale Kompromisse an Inkonsequenzen innerhalb seiner Logik zuließ. Da nützt auch der ungemeine Charme des Medienkünstlers (Filmemachers?) nichts, indem er die Unerträglichkeit seines Films einfach zugibt. Er soll nächstens also bitte bei der Medienkunst bleiben, oder die Medienkunst so (kurz) im Spiel- bzw. Illusionsfilm einsetzen, dass es der Gesetzmäßigkeit des Spielfilms noch entspricht.

Pfaffenbichlers Problem seiner aufgestellten Behauptung in Notes on Film 02 liegt nämlich darin, dass er von Gesetzen spricht, die es in dieser Form im Spielfilm nicht gibt! Deshalb funktioniert dieser Film auch nicht, bzw. hat er sich bereits als Kunstform gemäß Adorno überholt, bevor er als Kunst überhaupt zu existieren begonnen hat.

LASSEN SICH EXPERIMENTE VERMEIDEN?

Sowohl Pfaffenbichler als auch Lang sind anhand dieser Werke Beispiele dafür, wie man den Leuten die Lust auf Kultur austreiben kann. Andererseits wirft es die Frage auf, wie sich Künstler am Leben erhalten lassen, indem sie nur "fertige Arbeiten" veröffentlichen. - Gelingen und Scheitern gehören ja angeblich zur Kunst dazu. - Sollte das etwa auch via Ge- und Mißfallen zur Erlebnispflicht des Publikums gehören?
Prinzipiell bleibt es aber ratsam, sich als Top-Künstler solche Schnitzer nicht allzu oft zu leisten. Hoffnungsträger für Besseres im Falle von Pfaffenbichler und Lang sind glücklicherweise zwecks Wiedergutmachung in Sicht:

MEDIENKUNST Pfaffenbichler - derzeit mit dem gelungenen Werk Notes on Film 01 bis 21.1.07 im Theatermuseum zu sehen - ist gerade am Projekt Film am Bau beteiligt
MUSIK Bernhard Lang schreibt für Schwetzingen 2007 die Musik für 6 Stimmen und verstärktes Ensemble (~90') zur Oper Der Alte vom Berge.

Wednesday, November 08, 2006

SKULPTUR IM HOCH - NICHT NUR BEI DEN MÄNNERN ERWIN WURM UND GOTTFRIED BECHTOLD

Männerthema Auto:
Gottfried Bechtold konnte 35 Jahre nicht von seinem Porsche lassen: jetzt sind es finale Elf in Beton. Die Geschwindigkeit ist für immer festzementiert. Ausstellungsansicht KUB-Platz (Reine und gemischte Zustände, Kunsthaus Bregenz, 01.10. – 19.11.2006, Foto: Markus Tretter, © Gottfried Bechtold, Kunsthaus Bregenz)
Darunter Erwin Wurms fetter Porsche Fat convertible, 2005, der die deformierten Gedanken hinter den Besitzern bloßstellt. (mixed media, 130 x 469 x 239 cm. Private Sammlung, Brüssel, Foto: Courtesy Galerie Xavier Hufkens, Brussels /Vincent Everharts, © Erwin Wurm: VBK, Wien 2006)

Männerthema Frau:
Gottfried Bechtold hat ein paar neue Ready-maid Dianas geschaffen: mit langen polierten Beinen aus natürlichem Holz und einladender Scheide. Ausstellungsansicht 2. OG (Reine und gemischte Zustände, Kunsthaus Bregenz, 01.10. – 19.11.2006, Foto: Markus Tretter, © Gottfried Bechtold, Kunsthaus Bregenz)
Darunter eine von Erwin Wurms attraktiven Damen, mit denen er dann alles unmögliche anstellt: Outdoor sculpture Taipei, 2000 (c-print, 126,5 x 159,1 cm. Sammlung/Collection: Galleria d’Arte Moderna, Bologna, © Erwin Wurm: VBK, Wien 2006)


Männerthema physikalische Fremdverwendung:
Nach dem Ofen in der Kühltruhe 1973 schuf Gottfried Bechtold nun die Arbeit Kalt Warm: zwei idente Geräte, aber mit unterschiedlicher Wärme. Ausstellungsansicht 3. OG (Reine und gemischte Zustände, Kunsthaus Bregenz, 01.10. – 19.11.2006, Foto: Markus Tretter, © Gottfried Bechtold, Kunsthaus Bregenz)
Darunter Erwin Wurms Keep a cool head, 2003, mit Anleitung, wie man im Kühlschrank einen Joint rauchen kann. (Kühlschrank/refrigerator, 85 x 50 x 61 cm. Foto/photo: MUMOK/ Lisa Rastl, Vienna, © Erwin Wurm: VBK, Wien 2006)



AUSSER DREI THEMEN HABEN ERWIN WURM (DERZEIT IM MUMOK WIEN) und GOTTFRIED BECHTOLD (IM KUNSTHAUS BREGENZ) AUCH NOCH DENSELBEN ZUGANG ZUR SKULPTUR GEMEINSAM

Abgesehen davon, dass sie prinzipiell dieselbe Einstellung gegenüber der Kunstform "Skulptur" haben - nämlich den Begriff über Aktionen, Performances, Objekte, Texte, Installationen, etc. in unterschiedlichsten Materialien und Medien (Fotografie, Film, Video) auszuweiten, indem sie mit Bezug zum Alltag und der einhergehenden Infragestellung traditioneller Material- und Formensprachen ein möglichst großes Publikum ansprechen wollen - haben Gottfried Bechtold (geb. 1947 in Bregenz) und Erwin Wurm (geb. 1954 in Bruck an der Mur) drei wiederkehrende Themen gemeinsam. Sie müssen für sie sehr persönlich sein, denn es sind eigentlich typische Machothemen.

AM ANFANG WAR DAS AUTO

Ein geradezu aufrichtiges Geständnis, ein Autofetischist zu sein, kommt vom bis 19.11.06 im Bregenzer Kunsthaus ausgestellten Gottfried Bechtold. Sein neuestes Skulpturen-Ensemble Elf Elf, elf Abgüsse eines aktuellen Prototyps der Porsche-911-Serie, ist als monumentale Schlussfassung gedacht, die das Projekt Porsche ein für alle Mal zum Stillstand bringen soll. Vor 35 Jahren hatte Bechtold den ersten Betonporsche als Abguss seines eigenen Fahrzeuges präsentiert. - Inzwischen ist der Porsche-Carrera-S-997-Prototyp in komprimierter Schrottform selbst Ausstellungsobjekt geworden. Der Reiz dieser Verwandlung liegt für ihn im Paradoxon eines zur völligen Starre gebrachten Extrem-Geschwindigkeitsmythos. Anzunehmen ist, dass der Künstler bei diesem Gedanken selber den größten Schrecken haben muß. Schließlich hat ihn der Porsche schon 1971 zu "Reise-Standbildern in verschiedenen europäischen Ländern" angeregt, selbst wenn sie in Wahrheit in Vorarlberg geschossen wurden. Die Wegkommen-Fantasie sitzt daher hauptsächlich im Kopf - ganz besonders in Bechtolds.

Der Porsche von Erwin Wurm - im MUMOK Wien bis 11.2.07 zu sehen - ist dagegen nicht beton, sondern fett. Schnell wird er schon noch sein, aber wie sehen die Gedanken desjenigen aus, der sich so ein Auto wünscht? Hat er auch ein fettes Haus, mit Dackel davor? - Denn Wurm spiegelt dabei im Grunde kleingeistige, durchschnittsbürgerliche Überzeugungen und Geschmackswerte, die sich in fetter Deformation äußern. Das Wunderliche aber ist, dass all die fetten Objekte Wurms gleichzeitig total lieb aussehen - in das fette Häuschen möchte man doch am liebsten einziehen, das einen dann über Video fragt: "Am I a house? - All houses could be art!" Und da es auch noch Kunst ist und nur wie Nicht-Kunst aussieht, ist dieses Werk wie beinahe jedes von Erwin Wurm zutiefst doppel- wenn nicht sogar vieldeutig. Es stellt sich selbst, während es Fragen stellt, infrage. Frage an Erwin Wurm: "Würden Sie nicht gerne in einem netten Häuschen wohnen, wo ihre Kinder es gemütlich haben? Und wie schaut eigentlich Ihr Auto aus? Ist ein Porsche wirklich ein Nicht-Kunst-Auto?" Tja, die persönliche Haltung Wurms ist nicht eindeutig abzuschätzen, während man bei Bechtold sofort weiß, dass er den Porsche mag. Aber zumindest spürt man auch bei Wurm, dass er "ein Mann" ist.

DANN KAM DER FRAUENKÖRPER

Am meisten kommt der Mann in Erwin Wurm durch, wenn er Frauen als Modelle einsetzt. Während das Aussehen der Männer egal zu sein scheint, sind die Frauen meist überdurchschnittlich attraktiv. Mit der Wirkung solcher Frauen spielt er bewußt: Besonders in einem Video, worin eine Langhaarige mit nackten Armen und überschlagenen Beinen auf weißem Sofa spricht. Hört man noch keinen Ton, denkt man, Wurm wolle die dominante, lasziv-elegante Körpersprache der Frau bloßstellen, wobei ganz egal ist, was sie sagt. Setzt man dann den Kopfhörer auf, beschimpft sie jemanden mit ärgsten Worten (gschissenes Arschloch, hau ab!) - da glaubt man doch, sie zerstöre gerade sämtliche Erwartungshaltungen eines verliebten Mannes. Und schaut man noch auf den Titel des Werks, Rede zur Lage der Nation, weiß man erst, dass damit die Gesellschaft- und Kulturpolitik gemeint ist. - Eine Mehrfach-Ebenen-Entdeckung, die bei fast allen Werken Wurms zu machen ist. Und am Ende hat man noch immer nicht alles entdeckt. Aber dass Wurm auf genormt-attraktive Frauen steht (die er dann zu abstrusen Deformierungen zwingt!), läßt sich mit Sicherheit erahnen.

Gottfried Bechtold hingegen hat in seinen neuen Arbeiten der Serie Ready-maid Dianas mehrere polierte und oberflächenbehandelte, natürlich gewachsene Baumgabelungen geschaffen. Sie lösen Assoziationen an einladende Unterkörper, Scham und Beine von Frauen aus. - Sehr interessant, woran dieser Mann bei Frauen "so" und "als erstes" denkt ...

UND ALLES ENDETE IM KÜHLSCHRANK

Wir wollen nicht glauben, dass Bechtold "eine heiß-scheinende - aber in Wahrheit kalt wie ein Eisschrank seiende - Frau, künstlich nach seinem Willen erhitzen wollte", als er 1973 seinen Ofen in der Kühltruhe schuf. Dabei reguliert ein Elektroofen die Temperatur in der Truhe auf genau 0 Grad Celsius. Nein, es ist eines der zahlreichen Spiele des Künstlers, physikalische Gesetze auf den Kopf zu stellen. 2006 entwickelte er das Ofen-Kühltruhe-Konzept zur Arbeit Kalt Warm, wo der Betrachter tatsächlich erlebt und fühlt, wie zwei vollkommen identische Stahlobjekte anders wirken: einmal extrem warm, einmal extrem kalt.

Erwin Wurm wiederum verwendet den Kühlschrank als Kopfkühler. Das ist aber noch nicht alles. Unter schriftlicher Anleitung soll der Betrachter Kopf und Arme reinstecken, um dort einen Joint zu rauchen und ein Bier zu trinken. Einerseits eine Weiterentwicklung seiner One minute sculpture, andererseits ein Seitenhieb auf öffentliche und hysterische Rauch- und Alkoholverbote.

BOOM DER SKULPTUR

Wurm und Bechtold sind zweifellos zwei Kapazunder der Skulptur-Kunst. Und sie haben - zugegeben - noch mehr spannende Seiten als hier an diesen drei Macho-Themen - die wir im Sinne der Natur des Mannes durchaus positiv sehen - festgemacht worden sind.
Bis November hatte das Lentos Linz eine lange dauernde Ausstellung mit neuen und etablierten zeitgenössischen Künstlern. Von 22.11.06-30.3.07 wird auch die Galerie T-B A21 Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in Wien, mit einer diskursiv angelegten Skulptur-Schau dem Trend als expanisivem Begriff gerecht werden.

AUSSTELLUNG Gottfried Bechtold - Reine und gemischte zustände * Kurator: Rudolf Sagmeister * Ort: Kunsthaus Bregenz * Zeit: bis 19.11.06, 10-18h, Do bis 21h
AUSSTELLUNG Erwin Wurm - Keep a Cool Head * Kurator: Edelbert Köb * Ort: MUMOK Wien * Zeit: bis 11.2.07, 10-18h, Do bis 21h, Montag geschlossen
AUSSTELLUNG This is not for you. Diskurse der Skulptur * Ort: Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Himmelpfortg. 13, 1. Stk., 1010 Wien * Zeit: 23.11.06-30.3.07, 12-18h