Saturday, March 10, 2007

TANZEN AB 30: BEI PEE WEE ELLIS, PRINCE, KYLE EASTWOOD & JON REGEN

James Brown (© N:N.): The Godfather of Soul - er tanzte selbst "Like a Sexmachine" ...


LEUTE AB 30 GEHEN KAUM IN DIE DISCO, DENN DORT ZU TANZEN, IST IHNEN PEINLICH: LIEBER SIND IHNEN KONZERTE MIT BEWEGUNGSPOTENTIAL. BEI RHYTHMEN WIE FUNK UND JAZZ: ETWA VON PEE WEE ELLIS & FRED WESLEY, JAMES BROWN & PRINCE. ODER JAZZ-UNDERGROUND - CLUBMUSIK WIE VON KYLE EASTWOOD UND JON REGEN. - DIE SICH BEIDE IN IHREN NEUEN CD´s AN "THE POLICE" ORIENTIEREN. - EINE VERBINDUNGSANALYSE AUS ERLEBTER SICHT

Anfangs spielen sie Jazz-Standards. "Standards", die eben nicht so unter die Haut fahren wie Funk. Guido May am Schlagzeug, Reggie Moore am Klavier, Patrick Scales am Bass, Tony Remy an der Gitarre, und ... der legendäre Pee Wee Ellis am Saxophon. Da hat man sich doch etwas anderes erwartet, von diesem "sogenannten" James-Brown-In-Memoriam im Wiener Birdland. Oder sollte es sich dabei um die Anfänge des Funk handeln, die Pee Wee Ellis angeblich als Saxophonist in den 60/70ern in James Browns Band erfunden hat? - Dieser "alte" Mann, dem man seine 66 Jahre nicht ansieht? - 45 würde man ihn schätzen, so wie er jetzt da oben auf der Bühne spielt.

Plötzlich, die kompromißlos befehlende Betonung auf die "Eins", die synkopischen Basslinien - und der Beat fährt den Besuchern in die untere Körperregion. Ein unausweichliches Kommando. Hypnotischer Rhythmus. Sie werden "funky", übersetzt "erdig", "schmutzig", "erregt". Zum beim Sex ausströmenden Körpergeruch, sich zwischen Rauch und Schweiß erhitzenden Pheromon. Unter dieser energiegeladenen Anspannung tritt Fred Wesley mit Posaune auf, drei Jahre jünger als Ellis, jedoch älter wirkend, selbst wenn noch nicht wie 63. Ihre gemeinsamen Bläsersätze kommen haarscharf akzentuiert, aber nicht schrill, Rhythm-Music, die gut ist, ganz so, wie man sich tatsächlich "die Funky-Anfänge" vorstellt. - Nicht so, wie Funk in den 80/90-ern durch Pop und Syntheziser enterdet wurde - selbst von James Brown, unter dem auch Wesley neben Sax-Partner Maceo Parker werkte, bevor beide mit Ellis die "Horny Horns" gründeten.

Wie sehr diese Form von frühem Jazz selbst zu tanzen gewohnte Menschen in Schwung bringen kann, bestätigt Choreograf Giorgio Madia, der gerade auf den späteren Michael-Jackson-Produzenten und frühen Jazz-Komponisten Quincy Jones setzt. Madia: "Zuerst nahm ich Jones´ 1962-er Aufnahme The Double Six of Paris für einen Choreographie-Workshop an der Ballettschule der Mailänder Scala, um die Schüler beim Tanzen zum Hören von Musik und Text zu bringen. Und dann auch bei den Mädchen des Konservatoriums Wien, die intelligent und von reizvollem Anblick mehr Atmosphäre und Persönlichkeit beim Sprechen und Scherzen untereinander hatten als beim Tanzen. - Mit dem Double-Six-Vocal-Ensemble kamen in ihnen Freude und Glamour mit schritttechnischer Herausforderung innerhalb der Ballettroutine hoch."

... dabei gelten Saxophonist Pee Wee Ellis (Foto hoch © N:N.) ...





... und Posau
nist Fred Wesley (Foto quer unten, © N:N.) als eigentliche Erfinder des Funk: Ihre Live-Konzerte sind mit Taktbetonung auf die Eins der reinste Befehl zur Bewegung, und über 30-Jährige tun das hier auch gern ...


PEE WEE ELLIS UND FRED WESLEY... ...ZWISCHEN NOSTALGIE UND FUNKY TANZFIEBER

Die Leute im Raum sind zwischen 30 und 50. Sie lieben es, sich zu bewegen. Unter diesen Umständen ist es ihnen auch nicht peinlich. In der Disco kommt man sich in dem Alter blöd vor, wenn man noch wie verrückt durchtanzt, den Gewissensdruck ignorierend, als würde einem das Leben nicht jede Minute etwas abverlangen: Verantwortung, Repräsentation. Hier ist es o.k.. Man will auch nicht mehr wirklich durchtanzen, kann innehalten, sich faszinieren lassen, vom musikalischen Können der Topleute auf der Bühne, zwischendurch, oder sich an den verstohlenen Blicken der Begierde der Männer und Frauen rundum erregen. Die beiden kugeligen Stars in Großvaterhosen wie aus dem vorigen Jahrhundert, setzen sich ihrerseits zwischen "Funky"-, "Let´s Party"- und "Just Moving"-Rufen ebenfalls pausierend nieder und lauschen den hitzigen Zwischensoli der "jungen" Rhythmusgitarre, um sogleich verhalten, schwerfällig, aber gestochen scharf mit Blaseinsätzen zu einem neuerlichen Anfeuern und Aufschrei der Menge anzusetzen. - Hat was Liebenswertes und Persönliches hinter all der Energie, ihre Behäbigkeit. Dann das gedehnte, sehr verzögert gespielte I feel good von James Brown als Zugabe - es drückt endgültig aus, dass hier von Vergangenem erzählt wird. Vergangenes, das sich Besucher und Spieler als Stück Lebenserfahrung teilen. Denn tatsächlich hat sich die groovige Musik von Pee Wee Ellis und Fred Wesley in Richtung Worldmusic erweitert. Es ist erfahrbar, in manchem jazzy-funky-Samba-Gemisch mit Schuß Jamaica.

... die verhaltene Performance zuwider der fordernden Rhythmik der beiden kugelrunden Topmusiker in Großvaterhosen (hier: Fred Wesley) gibt dem Ganzen eine liebenswerte Note, die den Tanzenden beim Erholen zwischendurch auch emotional bindet. Sozusagen: wie Sex mit Liebe.





EIN KÖRPERLICHE UND GEISTIGE REISE ZU PRINCE


Den Besucher wiederum reizt die Nostalgie zur Reflexion über seine innigsten Musikerlebnisse, Musik, deren Stil er eigentlich kaum hinterfragte, die ihm einfach nur spontan gefiel. Seine Zeitreise endet im Jetzt: denn es gibt neue Musiker, die ihn noch immer so zu bewegen vermögen, wie jene damals - und - eigenartigerweise besteht da so etwas wie eine Verbindung, zwischen den Neuen und den Funky-Men von früher. Als wären sie eine Familie.

Nach James Brown war es Prince gewesen, der Jedermann bis ins Mark faszinierte. Das kleine afroamerikanische Genie vereinte - direkt beeinflußt von James Brown, Miles Davis, Curtis Mayfield, George Clinton und Stevie Wonder - Funk und Jazz mit Rock, R&B, Soul, New Wave und Blues. Mitte der 80-er reizte keine Musik mehr zu tanzen als Prince. Der ging in den 90-ern dann Richtung Pop - mit Band The New Power Generation -, immer noch gut, aber das absolute Must war´s nicht mehr. - Die CD-Verkäufe des Prince nahmen ab. Doch seit März 2006 ist er wieder da: im Album 3121 ist er mit Funk und R&B tief in die 80-er hinein getaucht, sodass es für fünf Grammy Awards nominiert wurde. Manch einer meint dennoch, dass diese Musik eher Club- als Tanz-tauglich sei. - Doch ist dieser Unterschied für den ab 30-Jährigen fast unbedeutend. Denn die Clubmusik stellt ebenso die begehrte Situation des "Tanzen-könnens, aber nicht müssens" dar. (Und wer einmal wirklich funky abtanzen will, kann sich ja zuhause Dulfers Big Boy auflegen: aufpeitschende Tenor Sax-Solos!)

Prince is back: er war in den 80-ern der Tanz-Stimulator schlechthin bei musikalisch komplexen Funky-Kompositionen. In den 90-ern wurde er popiger und elektronischer. 2006 hat Prince mit 3121 wieder zum Funk gefunden: toll.

VOM FUNK-JAZZ ZUR CLUB - JAZZMUSIK: KYLE EASTWOOD & JON REGEN

Die Tendenz der "Club"-Misch-Musik führt allerdings vielfach zu einem Musik-Einheitsbrei, wo es dann nicht mehr so "egal" ist. Die jazzigen Café Drechsler kippen zum Beispiel regelrecht hinein, sodass man lieber miteinander "redet" als auf ihre Musik zu hören. Kyle Eastwood, Band-führender Bass-Jazzgitarrist und Sohn von Jazzfan, Regisseur und Hollywood-Schauspieler Clint Eastwood, kann sich darüber in seiner neuen CD Now (Okt. ´06) noch erheben. Zumindest in einigen Nummern: Let´s Play hat Funk-Momente trotz Clubcharakter. Den Titel Now retten das schöne Gitarrensolo, das Klavier und die Bläser-Spitzen. Kyle Eastwood, bekannt dafür, sich brillante Sidemen zu leisten (leisten zu können), hat sich für diese CD das Who´s Who der Londoner Untergrund-Jazzszene gekeilt: Graeme Flowers und Dave O’Higgins für Trompete und Tenor-Saxophon, sowie als Sänger Ben Cullum, Bruder und Songschreiber von Jamie Cullum. - Da dessen Stimme aber kaum interessante Farben anzunehmen vermag, ist dieses Element wenig aufregend. Ebenso wie Produzent und Langzeitpartner Michael Stevens mit seinem Elektronik-Syntheziser-Gemisch. - Das war auch schon in der CD Paris Blue für manches Ohr der Störfaktor, die ansonsten weniger Club- und mehr ungeschminkten Funk-Jazz beinhaltete: Big Noise und Cosmo sind Nummern, die wirklich unter die Haut fahren. Und wer genau hört, nimmt im Titel Marrakech anspruchsvolle Piano-Passagen aus, die von einem früheren Bandmitglied Kyle Eastwoods stammen müssen: von Jon Regen.

Schauspieler Clint Eastwood (© N:N.): Selbst ein großer Jazzfan, nahm seinen Sohn von kleinauf zu Konzerten mit. Heute bringt Kyle Eastwood die Szene weiter, genauso wie der Vater den Hollywood-Film ...




©Kyle Eastwood: ... ist ein zurückhaltender Bass-Spieler und Mensch, der sich in seiner neuen CD Now teilweise zu sehr anderen (Ben Cullum, Michael Stevens) überläßt. Aber sie ist noch immer profilstärker als reine Club-Musik zum Drüberreden.










The Police:
Underground-Popgruppe der 80e
r Jahre, die kürzlich ihre Reunion feierte. Bandleader Sting hatte vor ihr und nach ihr starke Jazz-Verbindungen. Eigenartigerweise arbeiten "echte" Jungjazzer wie Kyle Eastwood aber an Police-Songs weiter ...

DER JAZZ UND THE POLICE - AM VERHALTEN DER LEUTE ERKENNT MAN DIE QUALITÄT

Der amerikanische, als Wunderknabe des Piano betitelte Jazzer Jon Regen war zwar zu jener Zeit bei Eastwood, als er um 2000 noch unter Gil Evans- und Miles Davis-Einfluß spielte, dennoch scheinen sich die Beiden heute (wieder) an einander zu orientieren. Das, obwohl Regen als Pianist von Jazzsänger Jimmy Scott und nach eigener Singer-Songwriter-CD Almost Home in Bruce Hornsby- und Billy Joel-Weise, inzwischen völlig andere Wege gegangen ist: Wobei dieser Mann nun wirklich eine interessante, mehrfärbige Stimme hat. Die Verbindung der beiden Jazzer liegt in der Popgruppe The Police. - Kann sein, dass das ein natürlicher Zufall ist, denn auch The Police-Sänger Sting schlug nach Auflösung der Gruppe bei zwei Soloalben die Brücke zum Jazz und arbeitete mit Bigbandarrangeur Gil Evans zusammen. Fakt ist aber, dass Kyle Eastwood auf Now den Titel Every Little Thing She Does Is Magic verclubt bzw. durch Syntheziser-Mix verkitscht hat, und dass Jon Regen schon länger mit hochwertig verjazzten The Police-Songs tourt, sowie auf seiner neuen CD Let It Go Ex-The Police-Gitarrist Andy Summers einsetzt. - Was da nun am Ende genau auf der CD sein wird, ob cluborientiert oder singular, bleibt mit Spannung abzuwarten.
Zu hoffen ist nur, dass diese zweifellos großartigen Musiker nicht nur auf plakativen Erfolg schielen, da Sting bzw. das Revival von The Police gerade "in" ist. Wir werden es daran messen, ob wir dabei lieber tanzen, zuhören oder reden ...

... The Police-Gitarrist Andy Summers (© N:N.) spielt in der neuen CD Let It Go des Ex-Kyle-Eastwood Jazz-Band-Mitglieds Jon Regen einige Songs mit ein ...

... wobei der Jazz-Pianist Regen (© Christian Wurm) zwischenzeitlich in Almost Home aber eher auf Billy Joel-Trip war: Underground-Clubmusik wird´s jetzt wohl werden, wo ein reiferes Kaliber möglicherweise dazu tanzen können wird.








Die Kritik von JON REGENS letztem Konzert im Wiener Birdland ist nachzulesen in: www.intimacy-art.com / aKtuell / REALNEWS / CRITIC / February 2007


- Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / vision ist Jon Regen im O-Ton zu lesen und zu hören.
- Kyle Eastwood ist zusammen mit Fotokünstler Paul Albert Leitner ebenfalls auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / life zu lesen und zu hören.


CDs JON REGEN: Tel Aviv 2001 * Almost Home 2004 * Let It Go: erscheint März 2007 * link: www.jonregen.com
CDs KYLE EASTWOOD: From There To Here 1998 * Paris Blue 2004 * Now 2006 * link: www.kyleeastwood.com
CD PRINCE: 3121, 2006

KONZERT THE POLICE - The Reunion * Ort: Wiener Stadthalle * Zeit: 19.9. * Ticketvorverkauf: ab 19.3.07
KONZERT Fertile Ground * Mit: Navasha Daya * Keyboard-Gitarre-Bläser-Rhythnus mit Afro Richtung Funk-Tanzfläche * Ort: Birdland Wien * Zeit: 22.3.07: 20h

KONZERT Wowbagger: Jazz, Drum, Bass, Funk * Mit: Quartett Auer, Kroton, Rainer, Tiefenbacher * Ort: Rote Bar, Volkstheater * Zeit: 29.3.07: 22h30
KONZERT Lobster: Jazz, Drum, Bass, Funk * Ort: Rote Bar, Volkstheater * Zeit: 30.3.07: 22h
TANZ BALLETT/MODERN/TANZT * Uraufführungen von Esther Balfe, Giorgio Madia (Choreografie 5 min), Leslie Hughes, Patricia Mis, Fabiana Pastorini * Mit: Konservatorium der Stadt Wien, Ballettabteilung * Ort: Theater Akzent * Zeit: 28.+29.03.2007: 19h30

Sunday, February 25, 2007

EINWANDERER UND AUSLANDSKUNST - ZWISCHEN POLIT-UTENSIL, SEX UND STILVOLLENDUNG - CHERKAOUI & KHAN, MACRAS BIS KOREA

Koreaner © min hwa, Choi Chul-hwan hat zwar kein Immigranten-Schicksal, er dient aber wie die ganze Korea-Ausstellung in der Kunsthalle guten Politik-Kontakten. Hier: Pink-My Life as a Shit, 1993, Collection National Museum of Contemporary Art, Korea.


OB MAROKKANER IN BELGIEN, INDER IN GROSSBRITANNIEN, ARGENTINIER IN BERLIN - SIE ALLE FINDEN DURCH DEN HEIMAT-VERLUST ZUR EIGENEN KUNSTSPRACHE MIT PROFIL. DAS RESULTAT IST DER ERFOLG, WAS MIT BETONTER PR AUCH GLEICH POLITISCHEN AUSLANDSZWECKEN DIENT. ÜBER KOREA SCHWEBT AUSSERDEM NOCH DIE NOTE DES SEXTOURISMUS, ABER AUCH DAS FÖRDERT BEKANNTLICH DIE WIRTSCHAFT. ALSO ALLES IN POLITISCHER BUTTER.

Im globalen Zeitalter ist es von Vorteil, Einwandererfamilie zu sein. Also nichts wie ins Ausland. Höchstwahrscheinlich schaffen es dann Kind und Kegel in ein, zwei Jahrzehnten, von Österreichs Bundespräsidenten, dem alt-österreichischen Adelsgeschlecht oder von Theater-, Performance- und Künstlerinitiativen im weltweiten "Ausland" wahrgenommen zu werden. Aus dem Ethnotrauma gibt es erwiesenermaßen Schöpferisches herauszuholen. Kunst von höchster Qualität, wie beim genialen Tanz-Duo Akram Khan & Sidi Larbi Cherkaoui im Tanzquartier Wien, bei der spektakulären Constanza Macras und ihrer Gruppe Dorky Park im Wiener Schauspielhaus, in der Skulpturenausstellung der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary sowie in der Koreakunst-Ausstellung in der Kunsthalle Wien.

Diese Künstler tragen aber auch den Mantel des "politischen Programms", indem sie zum internationalen Wirtschaftsaustausch beitragen und für "good mute under political friends" sorgen - die utilitaristische Pille, die sie alle zu schlucken haben. - Während also Meinungsmacher vor Umfragen, wonach sich das Meinungsklima bezüglich EU und Globalem im Volk verschlechtere, geradezu marktschreierisch auf die viel stärkere Mobilität der europäischen Völker während der Monarchie-Zeiten hinweisen, was auch heute Sinn mache, da Europa sonst veralten und sein Sozialsystem unfinanzierbar würde, interpretieren etwa im Museum für Volkskunde in Wien international bekannte Künstler aus Österreich, Slowakei, Ungarn, Polen, Ukraine die - 1875 vom Wiener Bildhauer Karl Pekary in Czernowitz aufgestellte - Austria-Statue hinsichtlich eines "Symbols für Europa" länderspezifisch neu um. - Im Sinne des guten gegenseitiges Klimas aber lieber weder EU-Kunst, noch Global-Kunst hinterfragen! Selbst wenn ohne die Herkunfts- und Heimatslitanei noch immer die Kunst der Künstler übrig bliebe - ohne Abstriche. Denn die Ethnie besteht als Kunstausdruck auch, wenn sie nicht als Öffentlichkeitsarbeit betont wird, da sie dem Menschen und seiner Ausdrucksweise immanent ist. - Würde sie "ohne" aber noch die Repräsentanzen des Staates anlocken? - Kaum. Vor allem nicht, wenn der prosperierende asiatische Raum involviert ist, der für die Wirtschaftsbeziehung von so großer Bedeutung ist.

Dass Bundespräsident Dr. Heinz Fischer unter Film- und Fotobeschuß durch Tanzquartier und Kunsthalle marschierte, war in zwei Fällen der Beweis für diesen Staatsakt von einer Kunst. Nun ja, vielleicht sind Sidi Larbi Cherkaoui und Akram Khan und die koreanischen Künstler hinsichtlich des West-Ost-Austauschs ja gerne von politischem Nutzen, das kann durchaus sein. Das Statement für die Vereinigung von westlicher Klassik und perfekt beherrschter, östlicher Kunsttradtion äußern sie in Ihrem Schaffen zumindest formvollendet mit größter Hingabe und Bestimmtheit: die einen als zeitgenössische Kathak-Ballett-Tänzer, die anderen als postmodern-narrative Konfuzius-Feinmaler bzw. Bevölkerungsfotografen.

Kaufen wir Österreicher also bereits schon mit Begeisterung Asia- und Menschen-Ware, die nicht nur gut, sondern auch super günstig ist, kann nun auch der Respekt vor der holden Asia-Kunst wachsen. Die Spekulation der Regierung dabei mag wohl anders gelagert sein: nämlich dass die Asiaten im Gegenzug schon auch Österreich-Kunst in ihrem Land zeigen mögen, damit für unseren Staat auch die Export-Bilanz stimmt. Ungeachtet dessen, dass es sich bei mindestens 50 Prozent von diesen hier vorgestellten Künstlern um "Asiaten" handelt, die im Westen geboren oder aufgewachsen sind oder arbeiten. Ziemlich auffällig, dass dennoch stets das Land der (Ur-)Ahnen repräsentiert werden muß. - Welch heitere Schublade!

SIDI LARBI CHERKAOUI UND AKRAM KHAN KÖNNTEN AUCH OHNE ETHNO-PR ÜBERZEUGEN

Die Immigranten-Künstler werden regelrecht in diese Schublade gestoßen, wie der Erzählung des Mitte der siebziger Jahre in Großbritannien als britischer Staatsbürger geborenen "Inders" Akram Khan im High-Noon-Online-Interview des Tanzquartiers zu entnehmen ist: "Meine Mutter sagte mir, ich hätte heimweh, wo ich doch keine andere Heimat als London kannte. Ich war recht naiv, denn ich war noch ein kleines Kind und sagte: "Von welcher Heimat sprichst du?", und sie sagte: "Von meiner Heimat Bangladesh." Ich war verwirrt darüber, dass sie eine andere Heimat hatte und konnte dazu keine Verbindung herstellen, da ich nicht wußte, was diese Heimat sein sollte. So dachte ich, um sie zu trösten, würde ich einmal Pilot werden. Sie wollte immer einmal zurück fliegen. Ich denke, sie vermißte ihre Heimat sehr." - Es war also nicht Akram Khans eigenes Bedürfnis, die indische Seite in sich zu entwickeln, sondern die Liebe zu seiner Mutter, warum er parallel zum zeitgenössichen Tanz den indischen Kathak erlernte - wobei jedoch keiner seiner Lehrer mit ihm zufrieden war, da er alles vermischte. - Heute ist es Akram Khans Markenzeichen sein eigenes Profil aus dieser Fusion entwickelt zu haben.

In der Produktion zero degrees, die Khan nun mit dem ebenfalls als flämischer Marokkaner-Einwanderer gefeierten Tanzstar Sidi Larbi Cherkaoui geschaffen hat, geht es um eine Zugfahrt Khans durch Bangladeh, wobei Cherkaoui so etwas wie sein westliches Alter Ego darstellt, das noch zusätzlich klassisches Ballett und Yoga einbringt, was ihnen - körperwindend stark und leicht zugleich - hilft, innere Kämpfe mit sich selbst auszudrücken. Im Zug wird Khan nach seinem Reisepaß gefragt, worüber er sehr erzürnt ist. Das erzählen sie im Sprechgesang, absolut synchron, einschließlich der "ähs" und Kopfkratzer zwischendurch. Sie "fahren" also in minimalistisch rasantem Kreistanz zu rhythmischer Geige und indischem Gesang los, und geraten in Streit - der Westen mit dem Osten -, sodass sich Cherkaoui lieber an eine Puppe hält und mit ihr seine Auseinandersetzung forsetzt bzw. auch alleine tanzt. So geht es im Sprech- Tanzsolo-und-duo-Wechsel weiter, und endet mit einem Appell für Akzeptanz und Anteilnahme, Hilfeleistung und gegenseitige Verantwortung: denn zwischendurch stirbt auf der Fahrt ein Mann, was die Außenwelt kaum kümmert.
Egal, was die Geschichte erzählt: genial ist die Körperbeherrschung und Musikalität der beiden Tänzer, so, wie ihre Bewegungen in der Musik aufgehen, in Schwung und Virtuosität der indisch-westlich-klassischen Live-Musik des ebenfalls brit-indischen Komponisten Nitin Sawhney. Hier haben Künstlergrößen zu einer Symbiose gefunden, die in ihrer Qualität alles bisher gegebene im Tanzquartier schlägt. Ein absolutes Highlight, wozu es eigentlich keine Ethno-Zusatzerklärung bräuchte.

Der indische Brite Akram Khan und der marokkanische Belgier Sidi Larbi Cherkaoui wären auch ohne Ethno-PR genial: Als Tanzkünstler. Ihr Gemeinschaftswerk zero degrees freute den Bundespräsidenten... Foto © Tristram Kenton

CONSTANZA MACRAS UND IHRE HEIMAT-VERLASSENE KOREANERIN - ZUM FÜRCHTEN

Von echten Immigranten-Existenzen, die sich darüber völlig im Klaren sind, dass sie in ihrer ursprünglichen Heimat noch unglücklicher wären als da wo sie jetzt sind - nämlich in Berlin -, handelt I´m Not The Only One der argentinischen Choreografin Constanza Macras und ihrer Company Dorky Park. Sie arbeitet ebenfalls mit einer blendenden Live-Rock-Jazz-Band.
Ein Franzose, der als Biedermann großartige Deutsche Knut Berger, ein Israeli, eine Amerikanerin und ein Amerikaner, sowie eine Süd-Koreanerin sinnieren im ersten Performance-Teil über ihre "halben Existenzen" nach, wobei sich heraus stellt, dass es beim Auswandern im Grunde um das Erfüllen höherer Wünsche geht - was - evident an einer selbstquälend brutalen Wix-Szene eines Tänzers - selten eintritt, man aber aus Sturheit und Hoffnung daran festhält. Der zweite eher getanzte Teil ist dann so extrem, dass er das Stück fast scheitern läßt: indem nach einer grausigen Tortenschlacht, Essensreste auf den Tänzerkörpern und Sahnegeruch die ganze Aufführung über erhalten bleiben.

Doch, so nebensächlich es klingen mag, gibt eine Darstellerin in der Performance dann anhaltend zu denken, was auf den ganzen politischen Hintergrund noch einmal ein weiteres Licht wirft: das der Sexprojektion bezüglich des asiatischen Raums. Es handelt sich dabei um die Koreanerin Hyoung-Min Kim. - Wer auch immer sagen sollte, dass die Asiatinnen sinnlichere, nettere, gemütlichere, pflegeleichtere Frauen seien als die Europäerinnen, der wird hier eines Besseren belehrt. Charmanter wäre da schon die Kanadierin Gail Sharrol Skrela, die - zu wundersamen Körperverbiegungen fähig - die "beste" Tänzerin der Truppe ist. Hyoung-Min Kim dagegen scheint eine richtige Kampfmaschine zu sein. Sie spuckt den Männern ins Gesicht und steigt auf ihren sensiblen Körperstellen herum. Vor der muß ein Mann auf der Hut sein. Wenn sie erst einmal anfängt zu schimpfen und zu kreischen, oder die Zähne zu fletschen, vergeht dem potentiellen Sextouristen die Fantasie von einer uniformierten Schulmädchenaffaire.
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Die Koreanerin Hyoung-Min Kim von ConstanzA Macras Company Dorky Park ist im autobiografischen I´m Not The Only One eine Frau, die einem Mann sämtliche Schulmädchen-Fantasien austreiben könnte. Fotos ©: Thomas Aurin

KOREANISCHE SEXFANTASIE - STIMULATION FÜR EUROPÄERINNEN UND EUROPÄER


Dass die Schülerinnen in ihren Schulkleidchen aber zum kulturellen Selbstbild der Koreaner(innen) gehören, erfährt man in der Kunsthalle Wien im Werk des koreanischen Fotografen Oh Hein-kuhn, sowie der in Amerika aufgewachsenen und jetzt in Seoul lebenden Koreanerin Sunny Kim. Während die naturalistischen s/w-Fotos des ersten sinnlich ambivalente Mädchen zeigen, die - obwohl peinlich berührt - ihr männliches Publikum zu verführen wissen, sind die Charaktere bei der nostalgisch bearbeitenden zweiten ausgelöscht, um das staatliche "Pflichtbewußtsein" zu konterkarieren.

Diese südkoreanischen, amerikanisch sozialisierten Künstler schießen generell gegenüber dem kommunistischen Norden spitze Pfeile ab, wie im Werk Cunnilingus in North Korea von Young-Hae Chang Heavy Industries deutlich wird. Es ist die Antwort auf die Bitte des dortigen Führers, "zu beachten, dass im Kommunismus, dank der Aufhebung der Ungleichheiten zwischen Mann und Frau, die nordkoreanischen Männer im Bett ausgeprochen gut sind, da sie den Oralsex als dialektische Sache verstehen. - Lang lebe der nordkoreanische Oralsex." - Insofern sollte man den Sextourismus vielleicht einmal unter den europäischen Frauen bewerben. Dann gingen die EuropäER nach Thailand, die EuropäerINNEN nach Nordkorea. - Wie gut für den Wirtschaftsaufschwung, was den Kreis wieder schließt!


Foto ©: Oh Hein-kuhn zeigt die Schulmädchen, so wie sie sind: schüchtern, sich ihrer Wirkung auf Männer aber bewußt: aus der Serie girl’s act, Kim Na-ri, age 18, 2003, Courtesy der Künstler/the artist

Schulmädchen, deren Charaktere verfremdet wurden, um das Konfuzius-geprägte Pflichtbewußtsein zu hingerfragen: von der amerikanisch-koreanischen Künstlerin Foto ©: Sunny Kim, Untitled, 2002, Courtesy die Künstlerin/the artist

Einen koreanisch-amerikanischen Skulpturkünstler jenseits der Sex- dafür Buddhismuskonnotation, hat Francesca von Habsburg unter ihren neuesten Skulpturkunst-Diskursen aus aller Welt eingeladen; alle faßt sie unter dem Ausstellungstitel This Is Not For You zusammen. Kommen die spannendsten Arbeiten ansonsten aus Großbritannien und Deutschland, die besten Skulpturen vom norwegisch-dänischen Künstlerpaar Michael Elmgreen und Ingar Dragset, indem sie Räume und Objekte in neue narrative Bedeutungszusammenhänge setzen und so Umdeutungen schaffen, so hat besagter Do-Ho Suh seine Übersiedlung in die USA in Form eines "Gates" umgesetzt: ein transparentes, genähtes Textilgebilde, das für seine fragile, durchsichtige Erinnerung an seine kulturelle Heimat steht.

Südkoreaner Do-Ho Suh, der in den USA lebt, mit Gate - 2003 Silk and stainless steel tube, 327 x 212 x 100 cm, T-B A21 Collection Foto ©: Courtesy Lehmann Maupin, New York..

Anders wirkt wieder das Werk der Chinesin Chen Qiulin, die einen kompletten, naturalistischen Frisör- und Massageladen im Hof der T-B A21 aufgestellt hat, nachdem man ihn wegen Naturkatastrophen aus ihrem eigenen Dorf umsiedeln mußte. - In solchen Salons, die es in China, wie in Korea gibt, soll´s bekanntlich ziemlich zugehen - selbst wenn das in dieser Arbeit nicht so gemeint ist ...

Chinesin Chen Qiulin hat unter dem Titel Migration - Peach Flower Orchard / Color Lines, 2005–06, A Long March Project einen kompletten Massagesalon nach Wien transportiert. - Mixed media installation, single-channel video projection, 8 min 8 sec, color, sound Dimension variable Foto © Long March Space, Beijing

Asien - das Land der sexuellen Träume. Es ist wohl eine Tatsache, dass das die erste europäische Assoziation bei diesem Kontinent ist. Selbst wenn die Ausstellungs- und Kunstmacher noch so viel Zusätliches oder Anderes davon zeigen - man kommt immer wieder darauf zurück. - Selbst wenn es den Auslandsbeziehungen nicht helfen wird - oder etwa doch? Oder eben gerade deshalb?
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Das norwegisch-dänische Künstler-Duo Michael Elmgreen & Ingar Dragset läßt in Inside / Powerless Structures, Fig. 334, 2003, den Spion nicht nur durch den Spion in den Raum schauen, sondern eigentlich den Besucher ins Auge des Spions - subtil.
Wax head, metal door with peephole, 218 x 115 x 50 cm, T-B A21 Collection, Foto ©: Michael Strasser / T-B A21




AUSSTELLUNG THIS IS NOT FOR YOU. Diskurse der Skulptur * Ort: Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Himmelpfortgasse 13, 1. Stock, A-1010 Wien * Zeit: bis 29.4.2007, EINTRITT FREI
AUSSTELLUNG Elastic Tabuus, Koreanische Kunst der Gegenwart * Kunsthalle Wien/halle 2, Museumsquartier * Zeit: bis 10.6.07
AUSSTELLUNG BRÜCKEN:SCHLAG - Die Heimkehr der "Austrias" nach Europa * Ort: Österreichisches Museum für Volkskunde * Zeit: 2.3.-29.4.2007 * Link: www.volkskundemuseum.at

Monday, February 19, 2007

INTELLEKTUELLENFIEBER - NEUE AUTOREN SUCHEN ECHTES, NÄHE, VERANTWORTUNG: MARTIN HECKMANNS BIS MICHAL WALCZAK


August (Stefano Bernardin) und Julie (Silvia Meisterle) sind in Igor Bauersimas norway.today zwei lebensmüde Jugendliche, die sich auf einem Berg das Leben nehmen wollen. Doch dann kommt es anders ... Foto: © Theater der Jugend

INTERESSANTE NEUE AUTOREN AUS ALLER WELT WERDEN IMMER HÄUFIGER ZU (SZENISCHEN) LESUNGEN GELADEN. UND DIE JUGEND INTERESSIERT SICH VERMEHRT FÜR LESUNGEN. DAHINTER VERBIRGT SICH EIN AUFRICHTIGER HUNGER NACH INTELLEKTUALITÄT, ECHTHEIT UND VERANTWORTUNG. DENN VON DER UNPERSÖNLICH-OBERFLÄCHLICHEN MASSENKULTUR HAT DIE JUGEND DIE NASE VOLL. DAS ZEIGT SICH AUCH IN DER MUSIK. - EINIGE DER ZULETZT BESTEN IDENTITÄTSSTIFTER

Wach und neugierig ist das Interesse an jungen Autoren. Auch in Wien. Die österreichischen Theater befriedigen das selten mit Aufführungen auf großen bzw. Hauptbühnen, immer öfter aber - wenigstens - mit Autorenlesungen. So kommt man nicht nur den Autorentexten, sondern auch der authentischen Stimmung, die hinter all dem Geschriebenen liegt, nahe. - Eine Erfahrung, die mit nichts Inszeniertem vergleichbar sein kann, das immer auch die Eigenschaft der "Unterhaltung" enthält. Ein Schreiber zielt mit seiner spitzen Wortwahl und seiner Persönlichkeit direkt in Herz und Hirn. Nämlich dann, wenn seine Lesung so wirkt, als würde man einen anregend nachdenklichen Menschen persönlich und ganz nah kennenlernen, den man eigentlich für diese Intensität seit Jahren kennen müßte.

Besonders spannend sind fremdländische "neue" Autoren, die in Österreich gespielt werden oder Station machen. Sie sind auch in Form von szenischen Lesungen interessant. Dabei fällt auf: Es gibt Themen und Stile, die global gelagert sind und die gesamte junge Gesellschaft betreffen, solche, die speziell durch ihr Lokalkolorit auffallen, und jene, die dichterisch-musikalische Qualitäten aufweisen - die anspruchvollste und anmutigste Art. Dass es so etwas überhaupt gibt, erstaunt im Segment "Jungautoren". Denn es möchten sich tatsächlich, trotz vorherrschender Banalität und Schablonenformate der Massenkultur, immer mehr jugendliche Intellektuelle ihre eigene Ästhetik entwickeln. - Das macht zuversichtlich für die kulturelle Zukunft und freut alle, die die Massenabspeisung via Fernsehen, Blockbuster-Kino und Events nicht mehr aushalten.

MARTIN HECKMANNS, WIGLAF DROSTE UND KATHRIN RÖGGLA AUS BERLIN

Es mag eine Berliner Mode sein, dass Autoren bei ihren Lesungen singen oder musizieren. Verglichen zu der Schreibe war das sowohl beim vielfach ausgezeichneten und derzeit überall gespielten Martin Heckmanns (35) im Burgtheater-Vestibül, als auch bei Wiglaf Droste (45) im Wiener Rabenhof eher "nur lieb" als eine künstlerische Sensationsdarbietung. Heckmanns singt gitarrespielend wohl besser als Droste, während Droste wieder der "bessere" (Selbst)darsteller ist. Bei beiden macht das überraschenderweise aber Sinn, denn es paßt atmosphärisch exakt zur jeweiligen Art des Dichtens. Zudem sind Heckmanns´ textlich beschriebene, unsichere Hauptfiguren keine "Selbstdarsteller", sondern fragile, das Leben intensiv wahrnehmende und hinterfragende Beobachter, die dadurch immer mehr an Stärke gewinnen: in schöner, reflexiver Sprache, die manchmal auch hart und zynisch werden kann. Der widersprüchliche Eindruck macht Worte und Mann (sprich Autor) am Ende sexy. Ernsthaft sexy, sodass der Zuschauer beidem vertrauen will: Ganz besonders, wenn Heckmanns (seine) Liebesgefühle beschreibt, wie im inneren Monolog Finnisch oder Ich möchte dich vielleicht berühren, während sich (s)ein schüchterner Jüngling überlegt, wie er sich einer selbstbewußten Frau annähern soll. Den Reim, "zwei Menschen bilden einen Kreis, von dem nur weiß, der darin kreist", singt er lediglich sich selbst vor, statt "ihr". Aber auch dem Zuschauer. Das bindet. Wenn Heckmanns über die Dimensionen des Hautkontakts philosophiert, der im Intimen so wichtig, beruflich so unangenehm ist... Im Monolog Das offene Fenster oder Von der Abwesenheit beschreibt der Autor den Verlust eines geliebten Menschen, der sich das Leben nahm. Die Intimität seiner ungewöhnlichen Bilder läßt den Zuhörer augenblicklich an seine eigenen, ähnlich gelagerten Erfahrungen von "Verlust" denken. Nämlich dann, wenn diese Trauer die Färbung einer poetischen Liebkosung annimmt: "Früher war dein Körper drahtig und fest, jetzt verschwimmst du." Oder trocken morbid: "Einen Toten zu kennen, bereichert mein Leben." Worum es bei alledem im Grunde immer geht, ist das wahrhafte Gefühl, das aus dem Subtext strahlt.
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Berliner Martin Heckmanns ist ein sensibel-intellektueller Dichter mit Hang zur Romantik: seine Wortwahl lebt von Poesie und Unkonventionaliät, sie ist eine Metasprache, deren emotionale Kraft die Aussage ist. Sehr eigenständig, sehr spannend. Foto: © Elfi Oberhuber

Droste hingegen ist ein Meister der sprachspielenden Pointen-Spicke. In Prosa. Er entspricht daher eher der äußeren, lauten, konventionellen Art von "männlichem Sexappeal". Nachdem er sich über mediale Erfolgsmenschen und ihre billigen Tricks, über Sitten des Kleinbürgertums und über Marketingstrategien lustig gemacht hat, schlägt er noch ein Rad, was seinen Spott darüber verdoppelt und ihn subtil auch auf das anwesende Publikum überträgt. Offensichtlich äugt er mißtrauisch darauf, als würde den allgemein Sensationslüsternen sein Text nicht genügen. Obwohl er es phasenweise tut: Wenn Droste etwa die sich von einem Dorffest auf dem Heimweg befindenden, "kotzenden Ex-DDR-ler" beschreibt, für die das Erbrechen ebenso zum alljährlichen Ritual gehört wie das Fest selbst. Das alles mit dem Existenzialismus eines Camus gleichgesetzt, bekommt die Note einer außenseiterischen Überheblichkeit, die aber so gewinnend ist, dass der Zuhörer all seine innewohnende Bösartigkeit filtert und sie als herzhaften Lacher ausspucken muß. Gleich einem Cartoonisten entwickelt Droste seine Bilder. So sehen etwa die in Mode gekommenen Biker (Radfahrer) im Partnerlook seiner Ansicht nach in ihren Stretchanzügen mit Helmen wie ein Paar Bockwürste aus. Wenn allerdings beispielsweise die Radler ein Radler trinken, begibt sich Droste in Gefahr, platt zu klingen. So platt, wie für manchen auch seine nachgesungenen Country- und Dean-Martin-Songs, seine geschlagenen Räder sein mögen, die in der Hitze seines offensichtlichen Geltungsbedürfnisses "noch dazu" gegeben werden müssen. Und das, wo er doch andauernd zu beweisen versucht, dass er der verdientere Star als die Langlebens-Selbstvermarkter Franz "Pflanz" Beckenbauer und Reinhold Messner sei. Zweiterem gibt er sogar noch folgenden Tipp, da er - wie in seinem Buch beschrieben - via Sandmarsch "der Leere des Nichts entfliehen" wolle: "Wozu in die Wüste Gobi schreiten, wenn das Doofe liegt so nah?" - Trotz dieses anspruchslosen Gags muß man es dem grotesk-schreibenden "Zirkusartisten" und "Sänger" Droste dann aber doch lassen: Er ist zumindest der verdientere "Künstler" als die Leute, über die er schreibt. Etwa, wenn er den Vatikan Flaschen drehen läßt, um den Papst zu wählen, wenn sein Bär-Terrorist Bruno nicht in die Talkshow gehen kann, um sein mediales Image wieder aufzubessern und seinen Abschuß zu verhindern, oder wenn die Menschen zu Weihnachten "ungefickt" mit dem Zug zu Muddi fahren. - Der Mann besitzt auf alle Fälle artikulativen Mumm.
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Berliner Wiglaf Droste liebt es zu provozieren. Seine Sprache lebt durch Pointen, Cartoon-hafte Beschreibungen und Bissigkeit. Ziemlich böse, manchmal auch platt. Foto: © Nikolaus Geyer



Enttäuschend war die Lesung Kathrin Rögglas (35) im Wiener Tanzquartier. Vor allem inhaltlich. Sie leitete im Essay Die Rückkehr der Körperfresser vom
heute langweilig und Schema-F abgespulten "Hollywood-Katastrophenfilm" sowie von der sensationslüsternen "TV-Katastrophen-Nachricht" auf die "viel spannendere Theaterwelt" über, wo derzeit das für sie begehrenswerte Gefühl der "Unheimlichkeit" besser getroffen würde. Während sie also wie eine brave Publizistik-Studentin Susan Sontag, Marshall McLuhan, Jean Baudrillard zitierte - deren bekannte Gedanken noch am spannendsten waren, indem sie von der Wirkung des Katastrophen-Spektakels auf den Rezipienten ausgingen -, meinte Röggla, dass der Katastrophenfilm enttäuschender Weise keinen Ort der Optionen mehr böte, nicht mehr auf untergründige Weise zu erstaunen vermöge, das Theater dank origineller Erzähl- und Umsetzungsformen aber schon. - Was sollte das aber dann sein, wovon sie da spricht? Ein Katastrophentheater? - Rögglas holpriger Rückschluß liegt nicht nur darin, dass sie von der Film-Rezipientensicht auf jene des Theatermachers springt, und das als ident hinstellt, sondern dass sie auch noch von einem Filmgenre auf das ganze Theater schließt. Abgesehen davon, dass eine Vielzahl der Hollywoodfilme als Stoff zuerst überhaupt im Theater entdeckt werden. Und dass neue Independent-Filme sehr wohl - da formal experimentierfreudig - das Zuschauergefühl der "Unheimlichkeit" wecken und damit eher mit dem experimentellen, neuen Theater zu vergleichen wären. Das war also ein oberflächlicher, unreflektierter Gedankengang. Oder schlicht ein Indiz dafür, dass da eine nicht mehr ganz junge Frau - die ja erst seit 2002 auch fürs Theater schreibt - endlich das Theater entdeckt hat, wozu sie (noch) andere animieren will.
Da die gebürtige Salzburgerin und seit 1992 in Berlin lebende Röggla aber schon so viele Preise gewonnen hat, wollten wir wissen, ob die für ihre "Sozialkritik", formale "Stadt- und Textarchitektur" sowie das "Insistieren auf eigene Ästhetik" bekannte Autorin in Prosa mehr zu bieten hätte: Sie hat. Etwa im Satz: "nicht aufhören, sich zu bewegen, sonst wird man beton. und so laufe ich und laufe und während ich laufe, fällt es mir endlich auf: ich laufe und laufe nicht rückwärts, doch fühlt es sich gerade so an." Auch wenn Röggla für manchen Geschmack selbst in diesem Genre zu viele Bilder assoziiert. Für ein derartiges Zitat ist uns der Platz hier aber zu schade.
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Die in Berlin lebende Salzburgerin, Kathrin Röggla, findet zu überraschenden Sätzen, assoziiert bei diesem Vorhaben manchmal aber auch zu viel, sodass ihr Gedanke dann oberflächlich wird. - Das Essay-Schreiben sollte sie gerade deshalb eher bleiben lassen. Foto: © N.N.




SZYMON WROBLEWSKI UND MICHAL WALCZAK AUS POLEN

Im polnischen Dramenschreiber Szymon Wroblewski (24) hat die EU offensichtlich Einzug gehalten. In seinem Stück Puzzle,das mit dem 1. Preis des wichtigsten polnischen Festivals für zeitgenössische Dramatik baz@art ausgezeichnet wurde, kämpft die Jugend mit dem Kontrast von Familientradition und globaler Beziehungsbrüchigkeit. Selbst die Ehe der "Alten" ist am Ende, indem der Ehemann mit der jungen Krystyna eine Affaire hat. Die Jungen treffen sich indessen bei regelmäßigen Technoparties, wo Krystyna zusätzlich mit ihrem jugendlichen Ex-Freund kokettiert, sowie auch mit einem Jungen, der möglicherweise ihr Parallelfreund ist oder werden könnte. Unter Drogenangebot und Handyabhängigkeit suchen sie den Halt, den sie im früheren Beziehungsernst pflegten, der aber nicht mehr "in" zu sein scheint. So stolpern sie unschuldig, aber unterschwellig bitter, verhaltensmäßig cool, und doch mit Mißtrauen durch fragwürdige Kurzaffairen, wobei anfangs und am Ende des Stücks die Hoffnung auf Kai und seine Stiefschwester aus dem Märchen Die Schneekönigin bleibt, worin die Liebenden "ewig" zusammen zu bleiben schwören. - Die Religiosität der Polen strahlt hier inhaltlich klar durch. Leider hat aber der dramatische Stil ansonsten sämtlichen polnischen Konnex verloren. Die an die Popkultur gebundene Erzählweise könnte von überhall her stammen, nur dass hier eine Jugend über ein Problem nachdenkt, das bei uns schon vor zwanzig Jahren diskutiert wurde.
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Szymon Wroblewski ist ein junger Pole, der bereits EU-konform sozialisiert ist. Und dennoch hat er Sehnsucht nach Halt und Beständigkeit: vor allem in der Beziehung.
Konventionell jugend-globale Sprache. Foto: © Polnisches Institut Wien


Stilistisch origineller ist da schon das mit dem Europäischen Autorenpreis 2006 ausgezeichnete Stück von Michal Walczak (27) Das erste Mal, das wie Puzzle im Volkstheater-Hundsturm als szenische Lesung mit Schauspielern aufgeführt wurde. Im Loop-Charakter wiederholt sich in leichter Abwandlung ständig dieselbe Szene, die aber nie zuende gespielt wird, wobei sich später heraus stellt, dass das zwischen dem darin vorkommenden Pärchen vorher so ausgemacht wurde. Die Wiederholungen sollen dazu dienen, die von ihrem Ex-Freund enttäuschte junge Frau sexuell wieder aufnahmefähig zu machen, bis ihr Vertrauen wieder aufgebaut ist und sie zum Sex bereit sein kann. Der Wiederholungsmechanismus spitzt sich so weit zu, dass sich der junge, behutsame Mann völlig zum Narren macht. Erst, als er wie ein Wilder über sie herfällt, kommt es zum besagten "Ersten Mal". Und von dieser Macho-Wildheit ist sie nun - tja, so widersprüchlich sind die Frauen - hellauf begeistert. Allerdings meint nur er, dass das ihr erstes Mal gewesen sei. Denn das dabei entstandene Kind, das er in einem Wahnsinnsanfall ermordet sieht, stammt nicht von ihm, sondern von seinem "Vorgänger", den das Mädchen tatsächlich immer nur liebte. - Ein skurriler Albtraum gleich einem frühen Roman-Polanski-Film, was wiederum auf die surreale Groteskentradition eines Witold Gombrowicz zurück zu führen ist. Ein ungemein unterhaltsames Stück, das mit dichterischem Eigenprofil eine künstlerisch hochwertige Bereicherung für die globale Theaterszene ist. Eigenartig ist nur, wie schon im vorher beschriebenen Stück: die alt-religiöse Wertverdrossenheit hinsichtlich des "ersten Mals", das bei den Polen anscheindend noch so einen "frauendiskriminierenden" Beigeschmack hat, wie in der österreichischen Gesellschaft in den 60er Jahren. Selbst unter der fortschrittlichen Jugend!
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Michal Walczak schöpft in seiner Schreibe aus der polnischen Tradition der surrealen Groteske und Ohnmachtskonstellation. - Extrem hochwertig, extrem lustig! Foto: © Polnisches Institut Wien


GILLES GRANOUILLET WURDE SEHR TREFFEND ALS FRANKREICH-REPRÄSENTANT AUSGEWÄHLT

Das im Rahmen des Übersetzungsprojekts Trames von der Comédie in Saint-Etienne und von Bettina Arlt übersetzte Stück Der Tag als Mama auf den Leuchtturm stieg / Ma mère qUi chantait sur un phare ist formal genreübergreifend und poetisch-psychologisch ein sehr anregendes Werk des Franzosen Gilles Granouillet (44). Er streift - wie ebenfalls in einer szenischen Lesung im Hundsturm zu sehen war - in erzählerischen Sprüngen parallel laufender Rückblenden und verschiedener Sichtweisen eines Geschehens den Film sowie die Monolog-Technik in der Literatur und verpackt das zu einer tiefgründig berührenden und reflexiven Theatererzählung über das Erwachsenwerden zweier Jungen geschiedener Eltern. Der typisch Ältere der Beiden, Marzeille, hat seinen Vater noch - ihn als Kind nachahmend - in Erinnerung, der tpyisch Kleinere, Perpignan, hat ihn nie kennengelernt, weshalb er ihn mit "Gott" verwechselt. Die Burschen rennen Frösche-quälend mit ein paar jungen Welpen im Sack und deren Hunde-Mutter durch die Gegend und erwischen die Frau eines Baggerfahrers beim Seitensprung - von der man so etwas nie glauben würde. Währenddessen sinniert der Baggerfahrer der sexy "Blondine" von damals nach, der alle nachrannten, Marzeilles und Perpignans Mutter, die - ebenso ungeahnt - von ihrem Mann verlassen wurde. Zitat: "Die Getäuschten werden scheu und zurückgezogen, die anderen sind immer fröhlich und offen." - Wie es dazu kam, erzählt später das Phantom des Vaters während einer symbolischen Bootsfahrt, wo er die Mutter ertrinken läßt. Am Ende bleibt den beiden Jungen als einzige Gallionsfigur in ihrem Leben die Mutter am Leuchtturm. - Also auch aus Frankreich kommt der traurige Hinweis auf die Kurzlebigkeit von Partnerschaften, wobei diese Schilderung eine sehr sensible, Charakterinnerlichkeiten treffende Note hat. Poetisch, sehr schön.









Franzose Gilles Granouillet erzählt aus mehreren Perspektiven und in filmischen Rückblenden vom Erwachsen-Werden in zerrüttetem Elternhaus. - Sehr sensibel, monologreich und deshalb psychologisch anregend Foto: © N.N.


AUS ITALIEN. ALBERTO BASSETTI BESTICHT GEGEN NEGRI, CERVO, FERRI


Italiens junges Drama kreist - wie beim italienischen Wochenende der Dramatik im Kasino am Schwarzenbergplatz / Burgtheater Anfang März auf einfachste Inszenierungsweise veranschaulicht - gemäß der alltäglichen Real-Regierungsdramatik auch im Theater hauptsächlich um Politik und Inhaltsdebatten. So hat etwa der 74-jährige Antonio Negri, der für radikale, aber lösungsorientierte, kommunistische, aber demokratische Globalisierungstheorien in Prosa (Empire, Multitude) bekannt ist, in seinem ersten Theaterstück L´uomo piegato einen "gebogenen Mann" entworfen, der sich angesichts des wiederaufkommenden Faschismus verbiegt, um nicht zu zerbrechen. Er setzt das mit der Natur gleich, den Bäumen im Sturm, die in fröhlichster Leidenschaft Widerstand leisten. - Eine poetische Note, auf der das ganze Stück aufgezogen werden könnte, um ästhetisch zu wirken.

- Obwohl dieses Land sonst für seine "musische Optik" so bekannt ist, sind die Stücke insgesamt weder formal, noch sprachlich aufregend. Gian Maria Cervo (36) versucht zwar, mit seinem vollgestopften Stück L´uomo più crudele / Der grausamste Mensch quer durch Literatur, Politik, Religion und Homosexualität so etwas wie formale Neuerung, doch wird es lediglich von Intellektualität (im Sinne von Wissen, das sich auf Wissen aufbaut) dominiert, die er ironischerweise loswerden will, wenn ein Vampir unter einem Türken in Transsilvanien und quer durch sämtliche Zeitreisen von Pfählereien spricht, um am Ende bei Virginia Woolf zu scherzen: "Wann werden wir endlich aufhören, die Vergangenheit zu erfinden, um die Gegenwart zu erklären?"

Linda Ferris´ (50) erster Theatertext La conversazione folgt dem sprichwörtlichen Thementrend, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der zu früh (mit 35) gestorben ist bzw. sich umgebracht hat. Darin sagt der tote Vater zu seiner Tochter, die erwägt, es ihm wie Ophelia gleich zu tun: "Du willst wie ich sein und Kind bleiben, indem du stirbst." - Dieses Stück der Verantwortungsverweigerung wäre "gelesen" wahrscheinlich interessanter als gespielt.

Mitreißend war nur Alberto Bassettis (51) neues Stück La gabbia / Der Käfig, da auch gut gespielt und inszeniert (der viel ausgezeichnete Bassetti hat auch diese Funktionen übernommen). Es beginnt wie eine Komödie, indem ein erfolgreicher Biografienschreiber (Bassetti) im Aufzug seines tollen Hauses steckenbleibt, weil der Strom ausfällt, während ein Einbrecher (sehr witzig: Gian Luigi Pizetti) mit Taschenlampe eingedrungen ist. Doch dann wird´s unheimlich, denn der Dieb klaut gar nichts, sondern schnüffelt nur in allen Sachen herum und betreibt mit dem unter Klaustrophobie leidenden Autor ein sado-masochistisches Gewissensverhör bezüglich seines Lebens, das aus schöner Ehefrau, reizvoller Geliebter und plakativem Erfolg besteht. Am Ende will der "Eingeschlossene" nur noch nackt, frei und Gedichte-Schreiber sein, was er denn auch ist, nachdem sich herausstellt, dass der Einbrecher nur eine Geburt seines verunsicherten Geistes gewesen ist. Sprünge zwischen real-gespielter Einbildung und fiktiv-gedachter Handlung machen das Stück auch szenisch, da formal ironisch, interessant.
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Italiener Alberto Bassetti gibt Jugend und Erwachsenen einen Ausblick darauf, worauf es im Leben ankommt: Nicht auf gesellschaftlichen Erfolg, sondern auf offene, innere Nacktheit und Kreativität. - Mit formaler Ironie lustig und inhaltlich existenzialistisch. Foto: © N.N.




ALLE SUCHEN "ECHTHEIT", AUCH DER IN DER SCHWEIZ AUFGEWACHSENE TSCHECHE IGOR BAUERSIMA, IRE ENDER WALSH UND ÖSTERREICHER KARL WOZEK


Was all diesen Autoren gemeinsam ist, ist die Suche nach "Echtheit" im Sinne von Gefühl für eigene Identität und Intimität entgegen der billigen "Fakes", die von den Massenmedien, Marketern, der Gruppendynamik und der Erfolgsgesellschaft eingetrichtert werden. - Diesen Trend gibt es übrigens auch in der Musikszene bei den Jungjazzern: im März "tagen" sie im Wiener WUK bei freiem Eintritt. Und auch in inszenierter und textgelernter Form:

Der mit vier Jahren von Prag in die Schweiz emigrierte Igor Bauersima (43) trifft mit seinem norway.today, das er mit 36 geschrieben hat und gerade im Theater der Jugend läuft, auch Verhalten, Gefühle und Sprache der Jugendlichen. Ebenso wie der irische Stückeschreiber Enda Walsh (40) im - für den neu geschaffenen österreichischen Dramapreis für junges Publikum, Stella 2007, nominierten - Chatroom, das im April im Dschungel Wien zu sehen ist. In beiden Stücken chatten die Jugendlichen den ganzen Tag lang, werden so zu Eigenbrötlern und kommen möglicherweise auf dumme Gedanken. Bei Walsh geraten sechs Jugendliche als Revolutionäre sozialromantischen Heldentums in ein verhängnisvolles Spiel. Bei Bauersima treffen sich Julie (Silvia Meisterle) und August (Stefano Bernardin) auf der Klippe eines norwegischen Fjords, um sich umzubringen, einfach, um mal zu sehen, wie das so ist. Sie sind beide generell lebensmüde. Julie ist außerdem von ihrem Ex enttäuscht. Bevor es so weit ist, basteln sie aber noch an einem Abschiedsfilm für ihre Familien. Und siehe da, je ehrgeiziger sie über sich berichten und dabei etwas zu schaffen versuchen, desto eher kommt ihre Lebenslust zurück. Im Angesicht von Sternen und Natur verlieben sie sich auch noch in einander - was nicht ohne Kampf abgeht. Diesen Bogen schaffen in der Realität allerdings nicht viele, deshalb widmet Regisseur Alexander Brill den "echten" jungen Selbstmördern einen Kranz.
- Wie trist das Leben auch Österreichs Stadtjugend sieht, wird in Mödlinger Karl Wozeks (45) Stück deutlich: in Amsterdam, ebenfalls für Stella 2007 nominiert, sind Heim und Schule nur Stress, die Zukunft heißt Arbeitslosigkeit, ist damit ein finsteres Loch, was man mit Alkohol, Drogen, Gewalt und Fadesse kompensiert. Bis man zur "genialen" Idee findet, abwechselnd Gott zu spielen, was unter absolutem Gehorsam von den anderen ausgefolgt werden muß; ein Machtrausch beginnt und endet im Mord. - Lord of the Flies läßt grüßen.





Tscheche-Schweizer Igor Bauersima trifft in seinen Theaterstücken die Lebenssituation und Pop-beeinflußte Sprache der globalen Jugend. - Ein Realitätsspiegler mit hoffnungsspendender Komponente. Foto: © N.N.




Ebenso wie Ire Enda Walsh: Mit prägnanter Sprache trifft er die Gefühlslage der typisch (global-)irischen Jungen, die sich mit Glücks- und Liebesverlangen gegen soziale Kälte und gesellschaftliche Vereinsamung behaupten. Foto: © N.N.



Enda Walshs Stück Disco Pigs (UA 1996) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt und auf 36 deutschen Theatern gespielt. Igor Bauersima hat es sogar auf die Hauptbühne des Burgtheaters geschafft - sein Stück Boulevard Sevastopol ist derzeit im Akademietheater zu sehen. Überhaupt ist er seit norway.today einer der meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatiker. - Selbst wenn er sprachlich weit weniger zu bieten hat, als etwa ein Martin Heckmanns, und formal weit weniger als ein Michal Walczak. Was er der Jugend aber schenkt, ist ein exakter Spiegel ihrer selbst, und etwas Hoffnung. Im Theater der Jugend wird er von der Jugend auch gesehen. Die neueste Strömung der intellektuellen, sprachlich absolut musischen Jungautoren wird dagegen fast lieber von den reiferen Zuschauern und Theaterkennern angenommen, was wohl daran liegt, dass sie nur in Neben- und Probebühnen gespielt werden. Eigenartigerweise schafft es dagegen das Rabenhof-Theater, die Studentenschar hausfüllend zu Wiglaf Droste zu locken. - Dabei gäbe es doch, wie aufgezählt, noch passenderes und besseres, um sich gut zu entwickeln. - Aber darum müssen sich andere Leute kümmern: Kulturelle Werbeleute zum Beispiel.


Auf intimacy: art (www.intimacy-art.com) in artists / talks / politics ist Autor MARTIN HECKMANNS im O-Ton zu hören und zu lesen!

Die Kritik von Martin Heckmanns aktuellem Stück Das wundervolle Zwischending im Burgtheater-Vestibül gibts in: in www.intimacy-art.com / aKtuell / CRITIC
THEATER Das wundervolle Zwischending * Von: Martin Heckmanns * Regie: Rudolf Frey * Mit: Stefanie Dvorak, Johannes Krisch, Roland Kenda * Ort: Burgtheater im Vestibül * Zeit: 15.2.2008: 20h

IN BÄLDE ERSCHEINT auf intimacy-art.com eine Follow-Up-Story zum Neuen Autorentheater, ausgehend vom Resumée über die Werkstatttage im Burgtheater, sowie die startende Saison im Schauspielhaus unter Andreas Beck
Heiße Adressen für Lesungen und Autorenentdeckungen:
www.schauspielhaus.at, www.burgtheater.at, www.volkstheater.at, www.dschungelwien.at;

; www.rabenhof.at, Literatursalon-link: www.akkordeonfestival.at

Kommende Polen-Stücke:
Showcase Polen * Klavierrecital und szeneische Lesung mit Mateusz Kolakowski, Diskussion, Gastspiele des Szaniawski Theater in Wałbrzych/Waldenburg mit Michal Walczak-Stücken * Ort: Hundsturm/Volkstheater * 15., 16.2.2008: ab 18h30

Friday, February 09, 2007

DER FALL "ODEON": TANZ MIT FANTASIE GEWINNT ZWAR DIE HERZEN DES PUBLIKUMS, ABER KAUM DER POLITIK - KOMISCH!

Trotz politischen Drucks und Existenzängsten hat das Serapions-Theater mit Com di com com wieder eine erstaunlich schöne und hoffnungsvolle, wenn auch gleichzeitig beängstigende Performance hingezaubert. Foto © Max Kaufmann


WARUM ROTTET MAN IN OST-ÖSTERREICH AUSGERECHNET DIE BESTEN HEIMISCHEN TANZ-ENSEMBLES AUS? - DAMIT MAN INTERNATIONALE WÄHREND DER FESTIVALS ALS AUSVERKAUFTE VORSTELLUNGEN IMPORTIEREN MUSS? - DAS EINZIGE VERBLIEBENE FANTASIE-TANZTHEATER SERAPIONS HAT ZU KÄMPFEN.
- UND DENNOCH BRACHTE ES WIEDER EINE TOLLE PERFORMANCE HERAUS.


Es ist immer das Gleiche: Da vollbringt jemand über lange Zeit an einem guten Ort eine herausragende Arbeit, und plötzlich kommt ein (neuer) "Vorgesetzter" auf die Idee, den Ort, der auch anderen sehr gut gefällt, vielleicht jemandem von diesen anderen zu überlassen, da der Langzeitarbeiter ja eigentlich für seine Arbeit im Vergleich zu anderen auch viel zu viel Geld benötige.
Auf der anderen Seite empfindet der - sich für seine Arbeit aufopfernde - Langzeitarbeiter seine Arbeitsstätte mittlerweile als so etwas wie seine Heimat, die ihm ,"rein gefühlsmäßig", irgendwann auch "als Besitz" zustehen sollte.

Noch einmal gesteigert wird so ein gewerblicher Alltagsdisput, wenn er sich im Bereich der Kunst abspielt. Denn da geht es wegen der an bestimmte Räume gekoppelten Kunstproduktion um "Identität" und "Einsatz von Herzen", und auf Seiten der Politik um "Verantwortung" und "Gerechtigkeit". Blöd, wenn diese beiden Parteien dann zusätzlich auf persönlicher Ebene keinen guten Draht zu einander haben. - Was offensichtlich bei Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny und Odeon-Leiter Erwin Piplitz eingetreten ist, wobei auch ihre politische Parteizugehörigkeit anders zu sein scheint.

OBJEKTIVE BETRACHTUNG IM WIENER FESTWOCHEN-VERGLEICH

Das Odeon zählt zu den schönsten architektonischen Bauten Wiens, ist also (auch als Touristenattraktion) mit Staatsoper und Burgtheater gleich zu setzen. Wie schön wird es aber erst, wenn das darin beheimatete Serapions-Ensemble sein Inneres während seiner Aufführungen zum Strahlen bringt. Diese, sämtliche Kunstgattungen als vollwertig integrierende Artistenfusion ist derzeit nicht nur im Bereich Tanztheater das profilstärkste Aushängeschild Wiens, sondern auch als Kunst-an-sich von einzigartiger Qualität internationalen Niveaus. Locker kann jede Produktion mit einge- und ausverkauften Produktionen ähnlich surreal-fantastischer bzw. bewegungs- und bühnentechnisch präziser Ausrichtung der Wiener Festwochen mithalten: etwa mit den poetischen Theaterzirkus-Performances La Veillée des Abysses von James Thiérée, Grimm von Cahin-caha, The marmaid von Katrine Wiedemann und Tilde Bjørfors, und heuer Circus Istorija - Zirkus der Geschichte von Sonja Vukicevic bzw. Tempest - Der Sturm von Lemi Ponifasio. Oder sogar mit den bereits verscheuchten österreichischen Eigengewächsen: Nicolas Musins abcdancecompany und Giorgio Madias Volksopernballett (Alice, Nudo).

Giorgio Madias Nudo (oben) und Alice (unten, Fotos © Joanna Joy) entstanden durch eine technisch und ästhetisch brillante, österreichische Tanz-Company, die es wie die abcdancecompany nicht mehr gibt. - Was denkt sich nur unsere Kulturpolitik?




La Veillée des Abysses (Fotos © Richard Haughton) von James Thiérée, Cahin-cahas Grimm (Fotos © Armin Bardel) und Mermaid von Katrine Wiedemann und Tilde Bjørfors waren drei der dauer-ausverkauften, importierten Produktionen der Wiener Festwochen, die ähnlich niveau- und fantasievolle Ausrichtungen hatten, wie das heimische Serapionstheater im Odeon.


Dass das Serapionstheater-Ensemble nun wegen einer Negativbilanz im Vorjahr von 725.055 Euro bisher keine Budgetzusage ab Sommer 2007 erhalten hat, ist bezogen auf seine Qualität ungerecht. Denn was dieses Ensemble ein paarmal im Jahr in jeder Produktion erreicht, bekommt man im Tanzquartier vielleicht einmal jährlich präsentiert - wenn überhaupt, selbst wenn dort fast täglich etwas Neues zu sehen ist (meist glaubt man, einer Probe beizuwohnen, aber immerhin finden die Tänzer dort eine geistige Heimat). Die Stadt müßte Qualität wie des Serapions daher umso bewußter fördern, die finanzielle Differenz begleichen, und dazu noch ein ausgelagertes, die Kreativarbeit nicht störendes Marketingteam aufstellen, damit diese Meisterstücke auch endlich das große Publikum zu sehen bekommt, das ein Recht darauf hätte. Denn die Zuschauerreihen sind oft nur halb voll - das wäre also die Lücke, die seitens Politik zu füllen wäre.

NEUE PRODUKTION COM DI COM COM

Dass die Company unter diesen Bedingungen Ende Jänner überhaupt eine Produktion erarbeiten konnte, ist bemerkenswert. Niveau und Zauber sind anspruchsvoll wie eh und je. Doch all der Schmerz, die Wut und die Angst vor übermächtigem Druck und Nicht-Anerkennung liegen im Ausdruck des Stücks, das im Kern vom "Kindsein" des Kunstschaffenden handelt.

Ein Kind ist unschuldig, schutzbedürftig und hilflos, ausgeliefert einer Verantwortungsperson, die ihm hilft, sich zu entwickeln. Es bellen und knurren aber nur bedrohliche Hunde vom Tonband, wodurch sich die Tänzer in erstarrter Angst kaum bewegen, geschweige denn Kunst schaffen können. In spannungsgeladener Lichtsetzung (Michael Illich) verharren sie im Halbdunkeln. Denn gegen was und wen sich konkret zu wehren, ist ihnen schleierhaft. Alles, was hier herrscht, ist Ohnmacht.

Ihre verunsicherte Beklommenheit weitet sich auf den großflächigen Raum aus. Plötzlich türmen sich auf dem Boden liegende, kreisförmige Stoffballen zu Litfaßsäulen bis an die Decke hoch. Die Wände beginnen, sich durch den ganzen Raum zu drehen - bemalte Riesen-Kunstprospekte, die unruhig und schwerfällig tanzen -, während es die Tänzer nicht können. Und doch, langsam wagen sich manche von ihnen zu zaghaften Schritten vor, sie stellen sich der Gefahr und wehren sie in Kung-Fu-Haltungen ab, wie Hirsche prallen ihre Köpfe gegen einander, was sie zugleich fesselnd zusammen schweißt. Ihre schlammfarbigen Kleider, die ihre Körper zuerst bauchig verschluckten, wandeln sich zu schmalen, bunt-bemalten Silhouetten. Jeder Einzelne gewinnt durch das Gefühl des Vereintseins nach der ernsthaften Auseinandersetzung an Selbstbewußtsein, allen voran die Zwillingstänzerinnen Mercedes und Miriam Vargas Iribar in leidenschaftlichem Afro-Butoh. Und mitten drin stolpert Ulrike Kaufmann als "Kind" hintendrein, auf seinem Weg zum erwachsen werdenden, hoffnungsvollen Kunstschaffenden.

Die Kostüme von Ulrike Kaufmann, die Bühne von Max Kaufmann, Tonio Nodari, Thomas Bakalis, Radivoje Ostojic sowie die Prospekte von Brad Holland sind wieder einmal erstaunlich. Der Sound von Regisseur Erwin Piplits paßt wie immer genau zur Handlung und ist akustisch bestens gemischt. Alles wächst in- und auseinander, mit einem Wort, das ist ein bezaubernd schönes Performance-Kunstwerk.

Ulrike Kaufmanns Markenzeichen sind ihre wandelbaren, aufwändigen, stofflich exklusiven Kostüme. Und: In Com di com com ist sie das ewige Kind im Künstler, das unter gegebenen Umständen lange sehr verunsichert - wie erschlagen - hinter den lange ebenso erschreckten Tänzern hinterher tappt. Foto © Max Kaufmann

Circus Istorija - Zirkus der Geschichte (© Vukica Mikaća) ist neben Leo Ponifasios Tempest - Sturm der heurige sicherlich wieder "ausverkaufte" Fantasie-Performance-Import der Wiener Festwochen.

ZIRKUSTHEATER: Au Revoir Parapluie * Von: James Thiérée * Mit James Thiérée, u.a. * Ort: Wiener Festwochen, Halle E, MuseumsQuartier * Zeit: 28.5-1.6.2008, 19h30

TANZPERFORMANCE: Com di com com * Von: Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits * Mit: Serapions-Ensemble * Ort: Odeon Wien * Zeit: 14. bis 17., .23., 24., 30.11 bis 1.12, 5. bis 15., 26. bis 29.12.2007 + 2. bis 5.1. 2008: 20h

PERFORMANCE: Circus Istorija - Zirkus der Geschichte * Von Sonja Vukicevic * Mit Schauspielern und Ballerinas * In serbischer Sprache mit deutschen Übertiteln * Ort: Wiener Festwochen, Halle G, MuseumsQuartier * Zeit: 21.-24.5.2007, 20h30
PERFORMANCE: Tempest - Sturm * Von Lemi Ponifasio * Mit Ensemble Mau * Ort: Wiener Festwochen, Halle G, MuseumsQuartier * Zeit: 16.-19.5.2007, 20h30