Friday, May 04, 2007

DA EINEM DAS LACHEN IM TV GEFRIERT, AB INS THEATER: WIE AMÜSEMENT FUNKTIONIERT


Unschlagbar komisch und durchaus TV-tauglich: Peter Paul Skrepek in seiner One-And-Only-Rolle Dr. Helmut Zilk (hier mit Hubsi Kramar = Adolf Hitler im Gespräch)


ÖSTERREICHS FERNSEHEN KOPIERT DERZEIT
IN SACHEN HUMOR, WOVON ES GLAUBT, DAS SEI DER HUMOR DER JUGEND. DABEI HANDELT ES SICH ABER NUR UM AUFGESETZTE WERBEKAMPAGNEN-ATMOSPHÄRE. ECHTE ANLEIHEN GIBT ES IM THEATER, WO TATSÄCHLICH GELACHT WIRD: BEI BRITISCHEM UND JÜDISCHEM WITZ, KLASSIKER-PSYCHO-AMÜSEMENTS WIE SCHNITZLER; VIRTUOSEN VOLKSSCHAUSPIELERN WIE MICHAEL SCHOTTENBERG, SOWIE DADA-NEUHEITEN WIE VON DOSTAL UND FRECHEN POLIT- UND GESELLSCHAFTSSATIREN WIE VON MASCHEK UND ALLEN VORAN PETER PAUL SKREPEK


Dieser Tage wird im österreichischen Fernsehen unter "Boulevard" so viel Lustiges verstanden, wie eine zu lang getragene, synthetische Turnschuhsocke riecht. Irgendwie scheinen die Macher keine wirkliche Beziehung zu dem zu haben, was sie da ununterbrochen machen. Es ist etwas Abgestandenes, Fremd-kopiertes und Pseudo-Adaptiertes, das überhaupt nicht zum inneren Wohlbefinden beiträgt, und scheint aus einer einzigen Annahme gespeist zu sein: Dass das Schlechteste für die Österreicher gerade gut genug sei.
Da wird aber die Rechnung ohne den Gast gemacht: Der sogenannte "Erfolgsgarant", etwa einer österreichisch-wienerischen Daily Soap namens Mitten im Achten, wird eifrigst boykottiert. Und zwar nicht aus Ignoranz, sondern weil es nach vierminütiger, als grottenschlecht beurteilter Prüfung einfach abgeschaltet werden muss.

UNLUSTIGES WIE IM ORF FINDET SICH AUCH IM ÖSTERREICHISCHEN THEATER, WO ES ANDERERSEITS ABER AUCH GUTEN HUMOR GIBT

Dabei ist diese Form von "Nicht-Humor" nicht einmal ein Einzelfall, sondern kommt in den besten heimischen Theaterhäusern vor. Die andererseits aber auch gelungene Beispiele von echtem Witz und Lacher hüten, der sogar "neu" ist, selbst wenn auch jener aus langer literarischer Tradition schöpft, um überhaupt zum Witz zu gelangen. Doch die Tradition allein ist kein Garant, damit der Witz dann wirklich witzt. - Witze zu verwitzeln, witzst sich eben nicht von witzt. - Witz muß gespürt sein.

Widersinnig witzig bei alledem ist nun aber die Tatsache, dass trotz Generalintendanten- und Geschäftsführerwechsel diverser Medienanstalten seit zehn bis dreißig Jahren immer dieselben Leute - nur unter anderen Posten(-Vorzeichen) für das immer selbe Programm zuständig sind. Sie müssten also das Alter haben, um die Traditionen zu kennen, und kommen dennoch nicht auf die Idee, den "echten" Witz statt jenen unlustiger, neuer (quasi amerikanisch-deutscher) Sitcomleute (z.Bsp. Rudle mit Familienanhang) zu kopieren. Irgendetwas muss da also von Grundauf falsch laufen. Ob es wohl an der Tradition des Postenschacherns liegt?

TIPP 1: ANLEIHEN VOM BRIT-HUMOR Á LA HUGH GRANT UND ROWAN ATKINSON - DURCH BRIT-AUTOREN, DIE INS ÖSTERREICHISCHE ÜBERSETZT WERDEN





Die B
riten geben vor, wie Humor "überall" funktionieren kann: mit reduzierter, trockener, selbstironischer Distanz eines "Blödels" wie Rowan Atkinson oder "Snobs" wie Hugh Grant etwa


Nun, so geben Außenstehende den zuständigen "Machern" also den Tipp: Was derzeit österreichweit an Boulevard- und damit Volksbühnen greift, ist die Anleihe am britischen Humor: Rowan Atkinson und Hugh Grant ins Österreichische übersetzt sozusagen. Das von Stefan Vögel und seinem Volkstheater in Vorarlberger Mundart übersetzte schnell-böse Ein Traum von Hochzeit nach Autor Robin Hawdon lotst seit Monaten die an-sich theatermüden Vorarlberger vor ausverkaufte Bühnen, Anfang Mai wird Stephen Sinclairs Erfolgsstück Ladies Night nachgeschossen, worin die, lediglich von einem "vorarlberger Textilbetrieb, entlassenen fünf Mitarbeiter" als Chippendales - vorarlbergerisch sprechend - über die Runden kommen. Dasselbe Stück wird ab 21. Mai auch die Wiener Bevölkerung im Theater-Center-Forum begeistern, mit den Fünfen als junge, entnervte Stripper. Humor, Musik und getanzte Erotik sind die Komponenten dieser Verzweiflungssatire. - Die Frage ist nur, wie gut und lokalspezifisch sie inszeniert wird, damit sie nicht nur peinlich und frustriert-geile-Frauen-orientiert - wie es die echten Chippendales sind - rüberkommt.





Witzig-böse-situationskomische Brit-Au
toren wie Robin Hawdon sind zur Zeit in Stefan Vögels Volkstheater in Vorarlberg auf Mundart übersetzt der Renner: hier zwei Szenen aus Ein Traum von Hochzeit, mit u.a. Dagmar Rohm (rotes Kleid) und Schweizer Philippe Roussel, die nach turbulentem Hin und Her ein Paar werden. © Vovo





Vögels näch
ste Brit-Vorarlbergerisch-Übersetzung: Ladies Night nach Stephen Sinclair: die arbeitslosen Männer stammen jetzt nur aus einem vorarlberger Textilunternehmen, die dann notgedrungen strippen © Vovo









Sinclairs Ladies Night wird auch in
Wiens Bezirkstheater Theater-Center-Forum gespielt: als fünf "junge" Arbeitslose. © theater-center-forum







TIPP 2: NIVEAUVOLLE, WIEN-HISTORISCHE KLASSIKER WIE SCHNITZLER ERFREUEN BEZIRKS-WIENER WIE REST-ÖSTERREICHER


Dass in Wien generell ein feinsinniger Geist für echte Wiener Literatur herrscht, wird ansonsten oft vergessen. Das Theater-Center-Forum pflegt auch diese Schiene: Bis 12. Mai wird noch Erotische Miniaturen von Arthur Schnitzler gegeben, vier Kurzstücke um 1900, die aber leider nur zum Teil "historisch" inszeniert sind. Doch die Mann-Frau, Herrschafts-Dienerschaftsverhältnisse versteckter Amouren und echter Gefühle kommen in aller Klarheit heraus. Das ist Wiener Volkskultur in tiefgründiger und niveauvoller Manier, wie man sie sich sehr gerne auch im Fernsehen wünschen würde. Würde sie dann noch so gut gespielt wie von Stefan Moser in den typischen Schnitzler-Männerfiguren, käme der Kasten sicher wieder ins Laufen. Nur die Frauenrollen rutschen - vor allem durch Sabine Kranzelbinder - so wie im derzeitigen Fernsehen eher ins Kärntner Provinz- und Bauerntheater.







Stefan Moser (© Stefan Moser) ist nicht nur Sänger, sondern auch ein guter Schnitzler-Darsteller im Theater Center Forum - das ist tiefenspsychologische Wiener Volkskultur von jüdis
chem Intellekt, der sich auch im Humor so passend und niveauvoll macht!







Weiteres Hi
storienstück im Psycho-Umfeld: Psychiaterin Sabina Spielrein, gespielt von Graziella Rossi im Stadttheater Walfischgasse, die zuvor Patientin bei C.G. Jung und dessen Geliebte war. (© Johannes Dietschi)


TIPP 3: JÜDISCHER INTELLEKT MIT TIEFENPSYCHOLOGIE ALS ÖSTERREICHISCHER IDENTITÄTSWITZ - STICHWORT GERHARD BRONNER, C.G. JUNG


Wiener Literatur zeichnet sich aber nicht nur im ernsten, tiefenpsychologisch orientierten Bereich durch den Intellekt eines jüdischen Denkers aus, wie es Schnitzler einer war, sondern auch in der Komödie, sprich im "echten" Kabarett. Angefangen vom "Gschupften Ferdl" eines Gerhard Bronners, der mit dem Titel 1952 (trotz vergangenem Zweiten Weltkrieg) Massen begeisterte. Von Wien bis Vorarlberg wegen der Virtuosität innerhalb des Humors! Marianne Mendt gedachte ihm kürzlich auf jazzige Art im Wiener Stadttheater Walfischgasse, das andererseits ebenfalls das Psychobedürfnis abdeckt, wenn demnächst Graziella Rossi die Geschichte von Sabina Spielrein mimen wird, Patientin und Geliebte von Garl Gustav Jung und später selbst Psychiaterin. Und tiefsinnige, nur doppelbödiger entwickelte Dramolette über "Wiener Typen" zeigt Ende Mai auch das Theater-Center-Forum von Gemma Salem.
Gerhard Bronner hat mit seinem Gschupften Ferdl schon 1952 die Österreicher von Vorarlberg bis Wien begeistert: das ist Humor mit bissig-intellektuellem Niveau.

TIPP 4: VIRTUOSE VOLKSSCHAUSPIELER WIE MICHAEL SCHOTTENBERG


Zu welch großer Leistung ein echter Wiener Volksschauspieler in der Lage ist, beweist indessen am herausragendsten der wunderbare Michael Schottenberg in Patrick Süskinds Der Kontrabass. Wo da nun genau jüdischer Witz verborgen liegt, ist schwer zu sagen, eines ist aber sicher: er ist da. Er liegt in der Selbstironie, in der bitteren Übertreibung menschlicher Schwäche und eingebildeter Hilflosigkeit, in die sich ein hochintellektueller, sensibel-eigenbrötlerischer und doch egomanischer Musiker der Wiener Philharmoniker hinein steigert. Er liegt im ernsthaft verkörperten Spiel des Michael Schottenberg, der es schlicht intus hat, wie eine Bewegung und ein Wort komisch ankommt. - Eine der schönsten und lustigsten Darbietungen in Wiener Atmosphäre, die seit langem in Wien zu sehen waren. - So stilvoll gekonnt wird qualitativ hochstehende Literatur tatsächlich massentauglich! Nicht ohne Grund sind die Bezirksstücke des Volkstheaters seit Beginn Schottenbergs Theaterintendanz so gut wie immer ausverkauft - da sie theatrales Niveau unters gemeine Volk bringen, das jenes sehr dankbar versteht(!) und goutiert.
Michael Schottenberg ist das Paradebeispiel eines Volksschauspielers höchster Qualität: in Patrick Süskinds Der Kontrabaß ist er ein egomanischer, bedauerlicher Musikbesessener, der wegen seiner Instrumentliebe zu keiner Frau kommt - da hat er eben fiktionalen Sex mit dem Kontrabaß. - So gut wie immer ausverkauft in Wiens Bezirken. (© Lalo Jodlbauer)

TIPP 5: DADA - EINE GUTE QUELLE, WENN SIE RICHTIG GENUTZT WIRD


Künstlerisch anspruchsvollen Humor speziell unters junge Volk zu mischen, birgt auch der vielverprechende Titel Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg des Salzburgers Josef Maria Krasanovsky und seiner Compagnie Luna in sich: Der Titel bezieht sich auf die Kunstströmung der 1920-er Jahre, den Dadaismus, was für den heutigen, allseits kursierenden Schwach- bis Nicht-Humor ein guter Ausgangspunkt wäre, um sich durch die prinzipielle Verneinung von allem Vorhandenen zu reinigen und zu befreien. Was diese Produktion, die bis 3. Mai ´07 im Wiener WUK lief, allerdings lediglich übernahm, war die Dada-Technik, alle Darstellungsformen zu vermischen und innerhalb nummernhafter Passagen manchen "Laut-Dialog" dem Dada-Lautgedicht zu entlehnen. Nun lag die künstlerische Leistung guter Dada-Kunst in früheren Jahren in der Virtuosität der Arrangements einzelner Unsinn-Ingredienzen - obwohl sie dem "Zufallsprinzip" entlehnt schienen -, sodass sie einen ästhetisch schönen "Klangkörper" ergaben. Textlich betrachtet etwa so:

„Bevor Dada da war, war Dada da“ (Hans Arp - Gottesbezug oder Hinweis auf Christian Morgenstern?)

Geht eine Frau um die Ecke ist die Straßenbahn weg.
Kommt die Straßenbahn um die Ecke ist die Frau weg.
Kommen beide um die Ecke ist die Ecke weg.

Warum steht ein grüner Pilz im braunen Wald? Das ist einfach, sagt der Ohrwurm, nämlich weil die Tannen zapfen!

Am Morgen rollt ein Ball entspannt um die Ecke und fällt darauf um.

Das Problem des neuzeitlichen Gemisches Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg, stellt dagegen - trotz in sich geschlossener schöner Filmteile bei recht gut getanzten Passagen und gelungenen, ernsthaften Monologen des Schauspielers Wolfgang Oliver sowie einzig echtem Witz des Türken Ibrahim Öztoplu - das "Gesamtkunstwerk" dar, indem es nur eine bessere Form des Villacher Faschings wurde. Das Ziel des künstlerischen Unsinns wird also nicht erreicht: Außerdem kippt das Ganze letztendlich ins Provinztheater-Niveau, wegen der Nebendarsteller und unlustigen Zwerg-Nummern, wie man sie eben von Stegreifbühnen am Land kennt - so lustig, dass einem der Lacher im Hals stecken bleibt.


Der Dadaismus als Befreiung von schlechten Humorsitten der heutigen Tage: der echte Dada, der in der Schweiz 1920 seinen Ausgang hatte, fand in Berlin zu seiner weltweit extremsten Form: Helmut Herzfeld, der sich später John Heartfield nannte, machte dort Anti-Kriegs-Propaganda (siehe Foto).



Johannes Theodor Baargelds Dada-Bild Das menschliche Auge und ein Fisch, letzterer versteinert, unsinnig und doch ästhetisch brillant: Baargeld oder auch Zentrodada, bürgerlich Alfred Ferdinand Gruenwald, war neben Max Ernst der zweite Gründer der Kölner Dada-Gruppe.


Neuzeitlicher-Dada-Versuch: Obwohl mit zumindest zwei guten Darstellern Wolfgang Oliver und Türke Ibrahim Öztoplu wurde das Gesamtkunstwerk Der Tag an dem Dada in seinen Kopf stieg von Autor/Regisseur Josef Maria Krasanovsky im Wiener WUK doch eher Villacher Fasching als ein Kunstwerk

TIPP 6: EIN STILMIXER, DER NEU WIRKLICH KOMISCH IST - CHRISTOPH DOSTAL


Neuzeitlich die verschiedenen Künste besser zu verbinden, vermag es da schon Alleinunterhalter Christoph Dostal in seiner Wolf-Haas-Adaption Wie die Tiere. Während er die Theaterbesucher als Vereinsmitglieder begrüßt und dadurch ins kleinbürgerliche Alltagsleben um Augarten, Flakturm und Kinderfreibad einführt, wo er als Detektiv Brenner einem Hundemörder nachspürt, der die Viecher wegen ihres Kots mit Stecknadeln in Hundekeksen umbringt, wechselt seine Darbietung permanent zwischen Filmszene, Bewegungstheater und Monolog. Doch am Ende kommt der James-Bond-Pierce-Brosnan-Dostal - selbstbekennend im Film - doch nicht gegen den echten Brenner an: seine "Geliebte" Conny küsst lieber den Filmdarsteller Josef Hader. - Bei so viel Selbstironie, die man bei einem solchen Schönling-Helden-Darsteller wie Dostal sonst kaum antrifft, gewinnt die Inszenierung enorm an Sympathie und Gefühl von Besonderheit. - Und außerdem denkt man sich noch: Dostal würde sich zum Fernseh-Moderator eignen, den er wahrscheinlich auch noch mit Witz anreichern könnte ...
Christoph Dostal schafft es schon eher, den Mix aus Tanz, Schauspiel und Film zu einem eigenständigen, durchgehend witzigen Werk zu machen: eine neue Form von Humor und mit viel Selbstironie.

Denn Dostal schaut doch eher aus wie ein James Bond (Pierce Brosnan) als ein Brenner (Josef Hader), die Figur, die er im Theaterkabarett Wie die Tiere umsetzt. © Ingo Folie

TIPP 7: DIE FINNEN HABEN DIE TRICKFILM-POLITSATIRE, DIE ÖSTERREICHER DIE MASCHEK-KASPERLN


Ein Knüller im heimischen Unterhaltungstheater ist aber zweifellos die freche, Alltagslügen zur Wahrheit umdeutende Imitiergruppe maschek. Ihr Figuren- und Kasperltheater Beim Gusenbauer - Willkommen in der Sandkistenrepublik ist phasenweise zum Abhauen: wenn etwa der ständig saufende Bürgermeister Häupl mit ÖVP-Möchtegern-Kanzler Wilhelm Molterer in Zukunftsvisionen schwelgt. Das lockt selbst echte Politiker in den Rabenhof, sodass dann plötzlich Ex-Justizminister Böhmdorfer oder Gesundheitsministerin Kdolsky neben einem sitzen - und herzhaft lachen. Selbst wenn sie es sich vereinzelt sogar noch schärfer wünschten! - Nur die Finnen haben eine noch bessere Art der Politsatire, die als Animationsfilm wöchentlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen (siehe Laura Neuvonen auf intimacy-art.com / metanews / talents) unter dem Titel The Autocrats läuft, der Quotenhit des nordischen Fortschrittslandes. Und weiss man, was für großartige und witzige Filme einer der mascheks, der sehr musikalische Peter Hörmanseder (Buch und Molterer-Stimme), in seiner Studienzeit kreierte, würde man ihn gleich beauftragen, Ähnliches fürs Fernsehen zu produzieren ... Aber leider liegt das nicht in unserem Entscheidungsbereich.
maschek ist momentan wahrscheinlich der Lachknüller überhaupt: mit Österreichs Politikern als Kasperln - frech und ehrlich. - Das könnte man sich auch als Trickfilm vorstellen, wie es die Finnen seit langem haben! © Rita Newman, Puppen: Haderer/Heigl

TIPP 8: UNSCHLAGBAR ANARCHISCH UND AUTHENTISCH: PETER PAUL SKREPEK ALS WIENS ALTBÜRGERMEISTER HELMUT ZILK


Herausragend tiefgehend rührend komisch ist schließlich der Multitalent-Musiker Peter Paul Skrepek in seiner “One-And-Only-Rolle” als Altbürgermeister Dr. Helmut Zilk. Fast könnte man sagen, dass diese Figur so etwas wie sein Alter Ego ist, denn er macht aus dem 2008 verstorbenen Original seit zwanzig Jahren seine ganz persönliche, philosophische Interpretation, und ist ihm dabei dennoch zum Verwechseln ähnlich. Entsprechend sind die persiflierenden TV-Gesprächsprogramme, die er theatral meist mit dem in wechselnden Figuren auftretenden Co-Partner Hubsi Kramar (etwa als Adolf Hitler oder Jesus) bestreitet: das ist so schräg, und schlicht und ergreifend so geschmackvoll anarchisch, dass man einfach hingehen muss, wo immer auch der Mann auftritt. - Besser als die derzeit (Juni 2011) im Fernsehen einzig Lustigen Stermann und Grissemann, besser als Palfrader und Co. Ein absolut treffendes Zerrbild unserer politischen, gesellschaftlichen und kulturhistorischen Gegenwart, eine einscheidende Begegnung für die gesamte intimacy: art-Redaktion! Also: wann immer dieser Mann im Rabenhof, Kabarett Simpl, Anatomietheater, etc. auftritt: unbedingt hingehen!

GENERALTIPP: HUMOR BEDARF DER DISTANZ, DES INTELLEKTS und DER VIRTUOSITÄT


Das Geheimrezept für Humor darf also nicht sein, "think commercial-local, act local", sondern funktioniert nach dem Prinzip "think artistic-global, act local". Denn der Lokalbürger ist längst nicht so "doof", unpersönlich und geschmacklos wie viele "scheiternde Macher" glauben. Dabei muß mit Virtuosität und Stil ein Gedanke geformt werden, der die historische (Humor-)Dimension des (Kultur-)Landes berücksichtigt. Die Zauberworte heißen daher Distanz und Ironie und nicht "Annahme eines scheinbar Markenprodukt geprägten Werbespot-Jugendhumors, den die Macher gar nicht teilen" - das kann ja nur unglaubwürdig und konstruiert aufgesetzt rüberkommen.
Generell immer wieder Unterhaltungsstücke in Wien über www.volkstheater.at und in Salzburg über: www.argekultur.at

+ BESONDERS ZU EMPFEHLEN:
ZILK-HITLER-Aufführung (NDK-Vorläufer - Kritiken zu Peter Paul Skrepeks neu interpretiertes Ur-Stück Überlebenskünstler mit Hubsi Kramar über link und seinen Zilk-Parodien über den link und link):
KABARETT-SATIRE Überlebenskünstler * Von: Peter Paul Skrepek * Mit: Peter Paul Skrepek (Zilk), Hubsi Kramar (als Adolf Hitler) * Ort: Theater im Rabenhof * Zeit: 1., 5.10. + 2.11.2008: 20h, siehe www.rabenhof.at

THEATER MÄNNER FÜRS GROBE * Von und mit: Florian Scheuba und Robert Palfrader * Regie: Rupert Henning * Ort: Rabenhof * Zeit: 21., 22., 24., 28. - 30.10. + 6. - 9., 12. - 15., 23. - 25.11 + 5. - 7., 12. - 14.12.2008: 20h über: www.rabenhof.at
THEATER MASCHEK.REDET.DRÜBER * 10 Jahre maschek * Von und mit: maschek (Peter Hörmanseder, Ulrich Salamun, Robert Stachel) * Ort: Rabenhoftheater * Zeit: 28.- 30.9., 12.- 14.10., 3.- 5.11., 1.12.2008: 20h + mehr über www.rabenhof.at
Weitere Adressen (links bzw. Orte) mit Niveau oder Lachgarantie:
www.stadttheater.org +
Theater-Center-Forum, Wien + www.vovo.at + Vienna´s English Theatre, Josefgasse 12, 1080 Wien + Kabarett Niedermair (Wien)

4 comments:

Elfi Oberhuber / www.intimacy-art.com said...

Liebe Frau Oberhuber,

Ich habe Ihre Kritik über unser Stück mit einem nicht enden-wollenden Grinsen verschlungen und danke Ihnen aufrichtig für diese gelungene Ergänzung zu unserem Abend.

Ich danke herzlichst für Ihre Lehrstunde über den Dadaismus. Alle Leser, und besonders ich, sind Ihnen für diese Aufklärung zu großem Dank verpflichtet, da wir sonst die Tragweite und Bedeutung desselben mit Sicherheit nicht begriffen hätten. Es freut mich außerordentlich dass Sie anscheinend im Besitz der Mittel sind, festzustellen - wo Dadaismus beginnt und wo er endet, vielleicht könnten Sie mir diese bei Gelegenheit zukommen lassen.

Der Vergleich mit dem Villacher Fasching ehrt mich zutiefst und würde jedes Dadaisten-Herz höher schlagen lassen. Ich danke Ihnen aufrichtig für dieses Kompliment. Dass der echte Kunstkenner im Theater ausschließlich leiden muss und Unterhaltung nur etwas mit Villacher Fasching zu tun hat, sprich keine eigene Kunstgattung sein kann, dafür sind Ihnen Generationen von Theatermachern ebenfalls zu Dank verpflichtet.

Auch die zahlreichen, von Ihnen titulierten Nebendarsteller, die es als solche in dem Stück nicht gibt - aber ich nehme an, dabei handelt es um eine dadaistischer Verweigerung Ihrerseits -, sind Ihnen dafür dankbar, als Provinztheater- und Landbühnen-Darsteller bezeichnet zu werden. Denn sie alle arbeiteten bisher auschließlich für Peter Steiners Theaterstadl und waren froh, als solche wieder erkannt zu werden. Und: "die zwei einzig guten Darsteller" bedanken sich dafür, dass Sie als große Kennerin der Schauspielszene, ihnen dieses Kompliment zusprechen.

Ich möchte Sie noch zusätzlich bitten, Ihre Ausführungen einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, denn eigenartiger Weise, wurde das Theater von Zuschauern regelrecht überrannt und dies scheint ein Beweis dafür zu sein, wie sehr das Virus des Villacher Faschings um sich gegriffen hat und der mündige Theaterzuschauer anscheinend einer Unterscheidung, was Kunst und was Kunst nicht ist, nicht mehr mächtig ist. Vielen Dank.

Zum Abschluß möchten sich nochmals ausdrücklich alle Kunstschaffenden der Erde bei Ihnen bedanken, dass Sie fähig sind zu beurteilen, was Kunst ist und was nicht, da diese Unterscheidung ebenfalls Generationen von Künstlern nicht gelungen ist.

Und als letzten Satz möchte ich in meiner dadaistischen Bescheidenheit noch anmerken, dass es durchaus lohnend wäre, nicht in der Pause das Weite zu suchen, sondern die Niederlage bis zum Ende zu verfolgen.

Mit den allerliebsten Grüssen und einer Dada- Verbeugung:

Josef Maria Krasanovsky

Elfi Oberhuber / www.intimacy-art.com said...

Ich finde es sehr interessant, dass sich intimacy: art allmählich zu einem Kommunikationsmedium entwickelt, das die mediale Landschaft endgültig demokratisiert. Als Medium zwischen B2B (innerhalb der Fachorientierten des Kunstgeschehens), das zugleich massentauglich ist, denn immerhin geht das Blogger-Geschriebene für die Ewigkeit ins World Wide Web: Selbstverständlich schreiben wir hier also auch für den ganz normalen Durchschnittsbürger (der sich etwa mit Dadaismus kaum auseinander gesetzt hat).

Hier zeigt sich also: der Kritisierte ist nicht mehr machtlos, sondern kann sich wehren.

Der Schreibende wird genauso miß- bzw. nur teilverstanden, wie der Kritisierte, indem beide des anderen Geäußertes nur als Teil Ihrer eigenen Lebenswelt, Ihres eigenen Blickfeldes erfassen.

Das ist interessant und zeigt, was in den klassischen Medien bisher verschwiegen blieb.

Danke für das Feedback, und noch viel Leidenschaft im weiteren Working By Doing wünsche ich!

Herzliche Grüße
Elfi Oberhuber

Ula said...

Good post.

Anonymous said...

Herrlich!!!!! Gut formuliert!!!